Perlentaucher-Autor

Thekla Dannenberg

199 Artikel

Thekla Dannenberg, 1970 geboren, studierte Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitete als Redakteurin bei der taz. Sie ist Redakteurin beim Perlentaucher, Mitglied der Jury für die Krimi-Bestenliste und unterrichtet Journalismus an der Universität Hildesheim. 2014 erschien ihre Übersetzung von Robert Warshows Essayband "Die unmittelbare Erfahrung".
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | Vor

Gefühlte Geschichte: Neus Ballus' 'The Plague' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2013

In ihrem Film "La Plaga" erzählt die junge spanische Filmemacherin Neus Ballús von einer Reihe ganz normal faszinierender Menschen, die sich am Stadtrand von Barcelona durchs Leben schlagen: Raul ist Gabelstapelfahrer und führt den Baunernhof seiner Eltern, dessen Existenz grundsätzlich bedroht ist, im Moment der großen Hitze aber besonders durch einen Schädlingsbefall. Bei der Ernte hilft der Moldawier Iurie Timbur, der nach der Arbeit als Ringkämpfer trainiert. Die Prostituierte Maribel steht jeden Tag, auch bei gleißender Sonne neben der Autobahn, aber eigentlich etwas zu weitab vom Schuss, um Kundschaft zu bekommen, meist kommt sie an einem Tag auf 20 Euro. Außerdem gibt es noch die philippinische Altenpflegerin Maribel und die wichtigste Figur des Films, die alte Bäuerin Maria. Mit ihren fast neunzig Jahren kann sie nicht mehr allein auf ihrem Hof leben und bei der Hitzewelle schon gar nicht, die Atemnot zwingt sie in das Heim und unter die Kuratel einer Pflegerin.
Von Thekla Dannenberg

Bille Augusts 'Nachtzug nach Lissabon' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2013

Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" erzählt die Geschichte des Berner Lateinlehrers Raimund Gregorius, der über all seinen Büchern den Anschluss an das Leben verloren hat. Eines verregneten Morgens gelangt er durch eine junge Frau, die sich wahrscheinlich von der Brücke stürzen möchte, an das Buch des geheimnisumwitterten portugiesischen Autors Amadeu Prado. Völlig in den Bann gezogen von der Frau, dem Buch und seiner Poesie, bricht er aus seinem Lateinlehrer-Leben aus und auf nach Lissabon, um der Geschichte dieses Schriftstellers, Arztes und Widerstandskämpfers gegen Salazar nachzuspüren. Aus dem - fiktivem - Werk zitiert der Roman seitenweise die Prado'schen Ausführungen, was durchaus etwas Peinliches hatte: "Kein Ernst ist so ernst wie der poetische Ernst", heißt es darin zum Beispiel und ganz ohne Ironie lässt Mercier dann Gregorius tief ergriffen ausrufen: Welch Brillanz! Welch Wucht! Welch stilistische Eleganz!
Von Thekla Dannenberg

Pfade des Lichts: Joao Vianas 'The Battle of Tabato' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013

Ein Mann kehrt heim. Meist sagt man: in das Land seiner Väter, in diesem Fall muss man sagen: in das Land seiner Tochter. Baio hatte als Kämpfer in der portugiesischen Kolonialarmee gedient und musste Guinea-Bissau verlassen, als es unabhängig wurde, er wäre seines Lebens nicht sicher gewesen. Seine Tochter Fatou ist Lehrerin in diesem von Bürgerkrieg und etlichen Putschen gebeutelten Land. Ihre Studenten erinnert sie an die stolze Geschichte der Mandinga, die vor 4500 Jahren in Mali den Ackerbau erfanden, vor 2000 Jahren die gerechte Herrschaft, vor 1000 Jahren die Musik, aus der Reggae und Jazz hervorgingen – während die Europäer Kriege führten. Fatou will den Musiker Idrissa heiraten, der in der angesagtesten Band des Landes spielt und im Radio die stolze Geschichte der Mandinga erzählt. Idrissa, in dessen Rolle der real existierende Musiker
Mamadu Baio auftritt, spielt Kora und Balafon, Fatous Instrumente sind Radio, iMac und Smartphone. Der Vater schleppt in seinem Koffer altes Gerät mit sich herum. Vielleicht haben ihm die Portugiesen erzählt, dass der rostige Wasserhahn ein Funkgerät sei. Von Thekla Dannenberg

Interview mit Claude Lanzmann

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013 "Das ist forsch, das hat Klasse", sagt Claude Lanzmann im Tagesspiegel-Interview mit Jan Schulz-Ojala zu der Entscheidung, nach der Preisverleihung, bei der er selbst den Ehrenbären erhält, seinen doch eher unfestlichen Film "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr" zu zeigen – "einen Film, in dem Juden Deutsche töten!" Außerdem eilen die beiden durch Lanzmanns Filmgeschichte, Eichmannprozess und Hannah Arendt, den neuen Antisemitismus und Jakob Augsteins Gleichsetzung von Gaza mit den Lagern: "Das verurteile ich. Von Thekla Dannenberg

Wie entsteht die große Kunst, fragt Carters 'Maladies' (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013

Manche möchten jemand anderes werden, manche möchten als sie selbst ein anderes Leben führen, manche würden überhaupt erste einmal gern wissen, wer sie sind und warum. James hört auch die Stimmen, die zu ihm sprechen. Natürlich, er ist ja nicht taub! James hat auch viele Persönlichkeiten, deswegen denkt er bei seinen Strandspaziergängen auch oft etwas angestrengt darüber nach, wie man zu dem wird, der man ist: An Punkt A ist man eine Person, an Punkt B eine andere, und an Punkt C verwandelt man sich wieder. Manchmal zerspringt man an einem Punkt auch, dann ist man nur noch Winkel und Fragmente, Zonen und Bereiche.
Von Thekla Dannenberg

Das Biest will raus: Die Pressekonferenz zu Panahis Wettbewerbsbeitrag

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2013

Trotz offizieller Anfrage der Bundesregierung hat der iranische Regisseur Jafar Panahi zur Premiere seines Films natürlich nicht anreisen dürfen. Aber sein Ko-Regisseur und Hauptdarsteller Kamboziya Partovi und seine Schauspieler-Kollegin Maryam Moghadan waren da, und sie konnten auf der Pressekonferenz zumindest einige Fragen beantworten, auch wenn die Veranstaltung immer ein wenig Gefahr lief, von den exiliranischen Journalisten gekapert zu werden, die ihr eigenes Süppchen mit dem Regime in Teheran kochen. Und wenn auch seltsamerweise nicht geklärt wurde, wie es Panahi zur Zeit geht, so wurde doch festgestellt, dass der Hund wohlauf ist, diese im Film wunderbar lebendige Allegorie auf die künstlerische Schaffenskraft, von den Behörden für unrein gehalten und trotzdem nicht totzukriegen: Das kleine Biest will raus, nein, es muss raus. Der Hunde lebt jedenfalls bei Partovi und erst einmal besteht keine Gefahr, dass die Hundefänger respektive die Revolutionswächter ihn abholen.
Von Thekla Dannenberg

Heroischer Kampf der Arbeiterklasse: Ken Loachs 'Spirit of 1945'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2013

Natürlich hat niemand einen solch zärtlichen Blick auf die britischen Arbeiter wie Ken Loach, aber bei Sam Watts übertrifft sich Loach selbst. In wunderbarstem Arbeiterklasse-Akzent lässt er diesen 90-jährigen Mann erzählen, wie er in den dreißiger Jahren mit seinen sieben Geschwistern in einem Slum in Liverpool aufwuchs, wie er mit vier Brüder in einem Bett voller Ungeziefer schlief. Immer wieder starben Geschwister von ihm an Hunger, Kälte oder Krankheit. Mit etwas über 20 Jahren las Watts sein erstes Buch, "The Ragged-Trousered Philanthropists", die Bibel der Arbeiterklasse, und er begriff, dass England gar kein armes Land ist, sondern das größte Empire der Welt, ein Land voller Reichtum, der nur anders verteilt werden müsste. Klar war Sam Watts dabei, als Labour sich 1945 daran machte, das Land umzukrempeln.
Von Thekla Dannenberg

Waffen, Nutten, Koks: Shaul Schwarz' 'Narco Cultura' (Panorama Dokumente)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013

Der im Norden Mexikos tobende Drogenkrieg ist uns nicht fremd. Wir wissen von den Tausenden Toten in Ciudad Juárez und den anderen Grenzstädten zu den USA. Wer nicht
Roberto Bolano oder Alma Guillermoprieto gelesen hat, der kennt Don Winslows Thriller. Und doch fällt es schwer, sich ein Bild zu machen von einer Stadt, in der jährlich 3000 Menschen getötet werden - ohne dass Polizei oder Armee in der Lage oder willens wären, diese Morde aufzuklären -, von ihrer Armut, ihrer Hoffnungslosigkeit und auch ihrer Desolatheit. Von Thekla Dannenberg

Aristokraten in Limpopo: Ntshavheni Wa Lurulis 'Elelwani' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013

Es gibt viele bittere Wendungen, die das neue Südafrika genommen hat. Eine besteht darin, dass die Wiederbelebung der traditionellen afrikanischen Kulturen, die so lange Zeit verboten, verhöhnt oder ausgebeutet wurden, zu einer neuen Entrechtung der Frauen geführt hat. Nadine Gordimer beschreibt in ihrem Roman
"Keine Zeit wie diese" sehr beeindruckend Frauen, die nach dem Tod ihres Mannes mittel- und obdachlos dastehen, da ihnen nach traditionellem Zulu-Recht kein Anteil am Erbe zusteht; es geht voll und ganz an den Bruder des Verstorbenen über. Auch der Regisseur Ntshavheni wa Luruli erzählt in seinem Film "Elelwani" von der Zerrissenheit südafrikanischer Frauen, die sich im Namen der neuen Vielfalt in die alte Unfreiheit begeben (müssen). Der erste überhaupt in der Sprache der Venda, in Tshivenda, gedrehte Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des Venda-Autors Titus Maumela von 1954 und kann sich vor allem zu Beginn nicht ganz von der Lehrbuchhaftigkeit der alten afrikanischen Volksliteratur frei machen. Aber er verbindet sie mit den magisch-malerischen Bildern Afrikas, mit denen die Johannesburger Filmfabrik den Zuschauer in den Bann zu schlagen versteht. Manchmal auch trotz heftigster Gegenwehr. Von Thekla Dannenberg

Und wer zahlt jetzt? Thanos Anastopoulos' 'Die Tochter' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013

Mit Holz kann man gut arbeiten, auch als Filmemacher. Bäume werden gefällt und zersägt, Bretter gestapelt und gehobelt, mitunter fallen Späne, mal fängt man sich einen Splitter ein, mal kracht die ganze Chose zusammen. Und wenn das Holz erst einmal Feuer gefangen hat, brennt es natürlich wunderbar. Angesichts dieser symbolischen Qualitäten ist es kein Wunder, dass sich Thanos Anastopoulos für seine Parabel auf die griechische Krise "Die Tochter" ein Holzdepot als Ort der Handlung ausgesucht hat.
Von Thekla Dannenberg

Katastrophale Hilfe zeigt Raoul Peck in 'Assistance Mortelle' (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2013

Eine bittere Lektion in politischer Ökonomie erteilt Raoul Peck mit seinem Film "Assistance Mortelle" über die internationale Hilfe für Haiti nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010, die keine Katastrophenhilfe war, sondern eine katastrophale Hilfe. Pecks Biografie ist sein filmisches Programm geworden: In Haiti geboren, in Zaire/Kongo aufgewachsen, hat er im Ost-Berlin der achtziger Jahre Wirtschaftswissenschaft studiert und in West-Berlin Film. Über den ermordeten kongolesischen Unabhängigkeitsführer Patrice Lumumba hat er gleich zwei Filme gedreht, im vorigen Jahr saß er in der Berlinale-Jury. Mit der ihm eigenen Mischung aus kommentierender Beobachtung und Zahlengewitter ist seine Dokumentation "Assistance Mortelle" eine wütende Abrechnung mit dem System internationaler Hilfe, das nicht in der Lage ist, guten Willen, Kompetenz und Gelder in zweistelliger Milliardenhöhe in sinnvolle Aufbauleistung umzuwandeln.
Von Thekla Dannenberg

Schwule Priester in Not: Malgoska Szumowskas 'In the Name of' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2013

Wie die Faust aufs Auge passt Ma?go?ka Szumowskas Film "In the Name of" in die Kämpfe, die Europa gerade mit der katholischen Kirche ausficht, um Kindern Wiedergutmachung zukommen zu lassen, die in kirchlichen Einrichtungen missbraucht und misshandelt wurden. Von Irland bis Polen ist der katholische Priester, der weder mit seiner Machtstellung noch mit seiner Sexualität klarkommt, zum paneuropäischen Schreckensbild geworden. Szumowska erzählt in ihrem so feinsinnigen wie kraftvollen Film von einem solchen Mann, und sagen wir es so: Noch nie hat man einem katholischen Priester so sehr den Sex mit einem Schutzbefohlenen gegönnt!
Von Thekla Dannenberg

Edel ausgeleuchtet: Annemarie Jacirs 'When I saw you' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2013

Geradezu fassungslos lässt einen dieser PLO-Film der jordanisch-palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir, mit dem die Guerillaschnulze ihren Weg ins Forum gefunden hat. "When I saw you" erzählt die Geschichte eines tapferen kleinen Jungen, der sich nicht damit abfinden will, aus der Heimat vertrieben, den Rest seines Lebens mit der Mutter in einem Flüchtlingslager zu verbringen. Entschlossen macht er sich auf in die Heimat seiner Väter und stößt zu einer Gruppe Kämpfer, die später die PLO werden sollen. In ihrem Ausbildungslager lässt sich der Junge in Kampftechnik und Marxismus schulen. Abends sitzen die Kämpfer edel ausgeleuchtet und in kleidsam um den Kopf geschlungenen PLO-Tüchern am Lagerfeuer, hören Cat Stevens, tanzen traditionelle Tänze oder singen vom Feigenbaum in ihrem Garten, von Jasmin und Granatäpfeln. Im Fernsehen erklärt Arafat: "Die Palästinenser waren Flüchtlinge, jetzt sind sie Kämpfer."
Von Thekla Dannenberg