Perlentaucher-Autor

Thekla Dannenberg

Thekla Dannenberg, 1970 geboren, studierte Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitete als Redakteurin bei der taz. Seit 2002 ist sie Redakteurin beim Perlentaucher. Sie unterrichtete Journalismus an der Universität Hildesheim und ist Mitglied der Jury für die Krimi-Bestenliste. 2014 erschien ihre Übersetzung von Robert Warshows Essayband "Die unmittelbare Erfahrung".
Stichwort: Berlinale 2020 - 14 Artikel

Triptychon des Schmerzes: Rithy Panhs "Irradiés" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 28.02.2020 Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer - darum kreist das Schaffen des kambodschanischen Filmemachers Rithy Panh. In weniger als vier Jahre wurden fast zwei Millionen Menschen ermordet, fast ein Viertel der Bevölkerung. Rithy Panhs Familie wurde - wie Tausende von Städtern, die als bürgerlich, intellektuell, korrumpiert und verdorben galten - zur Umerziehung in Arbeitslager auf das Land geschickt, Rithy Panh war damals elf Jahre alt, er verlor seine Familie und floh allein über Thailand nach Frankreich. Von Thekla Dannenberg

Durchschaut die Finanzmatrix: Carmen Losmanns "Oeconomia" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 27.02.2020 Carmen Losmanns Dokumentation "Oeconomia" stürzt sich in die Welt der Finanzwirtschaft, was filmisch immer eine recht undankbare Aufgabe ist, aber natürlich ein lobenswertes Unterfangen. Der Film wird bereits heiß diskutiert, denn Losmann versucht den Zusammenhang zu belegen zwischen Wirtschaftswachstum, Vermögensbildung und Verschuldung. Harter Stoff. Sie trifft sich dafür mit dem kritischen Arbeitskreis Wirtschaft in Frankfurt und befragt Chefvolkswirte, Finanzvorstände und Investmentberater. Da viele nicht mit ihr reden wollte, baut sie auch die Absagen und Ablehnungen mit ein. Von Thekla Dannenberg

Feier des Schmerzes: Sally Potters "The Roads not Taken" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Die Vorspänne der Filme werden immer länger. Bis die Geldgeber aus aller Welt genannt sind, vergeht in Sally Potters Film eine beträchtliche Zeit, in der das Telefon so unablässig klingelt wie die Türklingel. Doch während die Zuschauer schon Nerven zeigen, liegt Leo wie gelähmt in seinem Bett, in einer schäbigen Wohnung in Brooklyn direkt an der Hochbahn, und starrt an die Decke. Javier Bardem spielt diesen Leo, der in seiner Welt versunken ist, dement und depressiv. Erinnerungen blitzen auf, an die geliebte Dolores (Selma Hayek). Auf Spanisch sagt er zu ihr, dass er nicht mitkomme, zu dieser Feier des Schmerzes, zu diesem Zirkus, reiner Aberglauben sei das. Von Thekla Dannenberg

Erzählen vom Wegwollen und Dableiben: "Eyimofe" der Brüder Esiri und "Traverser" von Joel Akafu (beide Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2020 Spanien und Italien heißen die beiden Kapitel in "Eyimofe", die Ländern sind die fernen Sehnsuchtsorte dieses Film und die Fluchtpunkte, an denen Mofe und Rose ihre Leben ausgerichtet haben. Die beiden haben denselben Vermieter, sie sind jeweils auf ihre eigene Weise abhängig von Mister Vincent, aber sie kennen sich nicht, sie begegnen sich höchstens zufällig in den Straßen von Lagos. Die Sehnsucht nach Europa verbindet nicht. Von Thekla Dannenberg

Humor in gelber Weste: Benoît Delépines und Gustave Kerverns "Effacer l'historique" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Das französische Regieduo Benoît Delépine und Gustave Kervern hat sich auf einen Humor kapriziert, der zwischen charmanter Komödien und sozialer Groteske oszilliert. Gerard Depardieu spielte im schrägen "Mammuth" einen Schlachter, der in Rente geht und auf eine Tour de France durch sein gelebtes Leben aufbricht. Auch "Saint Amour" war ein poetisch-anarchisches Roadmovie, dessen Deadpan-Witz allerdings nicht immer zünden wollte. Mit "Effacer l'historique" haben sie nun eine Komödie vorgelegt, in der die Könige der echten Idioten den Kampf gegen die künstliche Intelligenz aufnehmen. Gelöscht werden soll nicht die Geschichte, sondern der Verlauf im Browser. Es ist ein echter Gelbwesten-Film, mit obligatorischem Cameo-Auftritt von Michel Houellebecq. Von Thekla Dannenberg

Beschwörung der Kampfgeister: Jonathan Rescignos "Grève ou Crève" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Die Militanz, die Franzosen bei ihren Protestaktionen an den Tag legen, ist meist genauso verstörend wie ihr mitunter ritueller Charakter. Abends liefert man sich, bewaffnet mit Holzlatten oder Baseballschlägern, eine Schlacht mit der Polizei, die wiederum mit Tränengasgranaten und Schlagstöcken antwortet. Am nächsten Morgen wird weiterverhandelt. In der Bergbauregion Lothringen hat der große Streik von 1995 den Kumpels nichts genutzt. Die Zechen in Merlebach wurden geschlossen, die Region ging den Bach runter, doch die Trophäen in der großen Schlacht werden noch heute wie ein Schatz gehütet. Banner, Spaten, Tränengasgranaten. Von Thekla Dannenberg

Die Kreolisierung der Revolution: "Ouvertures" von The Living and the Dead (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Der Aufstand der Sklaven von Haiti war der große Testfall für die Französische Revolution. Hier hätte sich ihr Universalismus bewähren müssen. Leider versagte die Republik. Sie unterwarf die Schwarzen, die sich unter der Führung von Toussaint Louverture ihre Freiheit erkämpft hatten, und Napoleon ließ mit dem Code Noir auch die Sklaverei wieder einführen. Am 7. April 1803, wenige Monate, bevor sich Haiti doch noch seine Unabhängigkeit erstreiten konnte, starb Louverture in französischer Gefangenschaft. Von Thekla Dannenberg

Seele einhauchen: Christian Petzolds "Undine"

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.02.2020 Undine arbeitet als Historikerin für den Berliner Senat, im Märkischen Museum präsentiert sie Besuchergruppen die großen Planungsmodelle der Stadt, erzählt die Baugeschichte, macht die Ausmaße des S-Bahnrings anschaulich, oder versucht, das Humboldtforum begreiflich zu machen. Ein unmögliches Unterfangen. Früher wandelte man Schlösser in Museen um, seufzt sie, heute baut man "ein Museum in Gestalt eines barocken Herrscherpalastes". Ist Fortschritt unmöglich geworden? Von Thekla Dannenberg

Wohlkomponierte Zufälligkeiten: Matias Marianis "Cidade Pássaro" (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 22.02.2020 Eine coolere Kombination als die von Brasilien und Nigeria kann man sich kaum vorstellen, da kann nicht einmal die von Musik und Mathematik mithalten. Matias Marianis Spielfilmdebüt "Cidade Pássaro" greift hoch verbindet gleich alles, die Bewegung innerhalb des Südens und auf abstrakter Ebene: Der junge nigerianische Musiker Amadi kommt nach São Paulo auf der Suche nach seinem älteren Bruder Ikenna, der dort an einer Universität Qualitative Statistik unterrichten wollte. Von Thekla Dannenberg

Seid ernst und voller Kraft: Jia Zhangkes "Swimming Out Till the Sea Turns Blue" (Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 21.02.2020 Mit allen Mitteln, die das Kino zur Verfügung stellt, versuchen die chinesischen Filmemacher den rasanten Wandel ihres Landes zu erfassen, ihm Bilder und Bedeutung zu geben. Im vorigen Jahr lief Wang Xiaoshuais ergreifendes Melodram "So long, my son" im Wettbewerb, das von drei befreundeten Paaren erzählt, die mit den grundstürzenden Veränderungen des Systems innerhalb von dreißig Jahren klar kommen mussten, vom Ende der Kulturrevolution bis zum Turbokapitalismus. Von Thekla Dannenberg

Kreist um einen Fixstern des New Yorker Literaturlebens: Philippe Falardeaus "My Salinger Year" (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 20.02.2020 Kann man sich Sigourney Weaver für die Eröffnungsgala entgehen lassen? Diese große Schauspielerin, die mit ihren 1,80 Meter allein schon körperlich eine enorme Kraft und Coolness ausstrahlt. Die durchaus verführen kann, aber ihr Gegenüber meist doch eher in die Knie zwingt. In der "Alien"-Saga führte sie einen langen und unerbittlichen Kampf mit dem kosmischen Urmonster, in Ang Lees "Eissturm" macht sie ihren Liebhaber mit einem Achselzucken fertig: "Bitte, keine Geschichten aus dem Büro. Ich habe schon einen Ehemann." Von Thekla Dannenberg
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