Wir müssen Filmstars schaffen

Von Marie Luise Knott
04.03.2009. In Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou hat das afrikanische Filmfestival Fespaco begonnen. Und so viel kann man nach den ersten Filmen schon sagen: Der Gegensatz zwischen moderner und traditioneller Lebenswelt prägt die Filme weniger als das Thema Armut.
Hier, in Ouagadougou, zwischen Sonne, Staub und Sandsteinbauten, erfand ein Präsident vor genau 40 Jahren in politisch äußerst unruhigen Zeiten ein afrikanisches Filmfest, das seither alle zwei Jahre Cineasten aus der ganzen Welt in diesen zweitärmsten Staat der Welt holt. Die Präsidenten gingen, das Festival hielt sich und alle hier sind heute mächtig stolz darauf. Zu Recht. Bei der Eröffnungszeremonie bewunderten Tausende Einheimische im Stadion das Feuerwerk, Musik und Tanz. Auch die Taxifahrer und Straßenverkäufer betonen bei jeder Gelegenheit ihre Freude über das Festival "Fespaco" und seine vielen Gäste. Die Preise und die Hoffnungen der kleinen Straßenverkäufer, die Handys, Stoffe, Erdbeeren, Zeitungen und Blechdosen-Spielautos verkaufen, steigen hier in allen ungeraden Jahren für eine Woche ins Unermessliche.

"Cinema africain, tourisme et patrimoine culturelle" lautet das Motto 2009. Das klingt, als suche man nach schönen identitätsstiftenden Werbebildern, doch tatsächlich dominieren in den Filmen der ersten Tage die sozialen Probleme. Im Mittelpunkt stehen weniger die Rechte, denn die Wirklichkeiten der Frauen, die draußen, auf den Straßen, in ihren farbenprächtigen Kleiderensembles großartige Erscheinungen sind. Im Film verlieren die Schönheiten angesichts der Macht und Willkür der Männer viel zu schnell ihren Glanz.


Straßenszene in Ouagadougou. Foto: Marie Luise Knott

Im Eröffnungsfilm aus Kamerun ("Mah Saah-Sah" von Daniel Kamwa) geht es um die Anfeindungen, denen eine junge Liebe auf dem Lande ausgesetzt ist. Eine Mädchen, Tochter eines Kunsttöpfers, wird von einem jungen talentierten Kunstschmied umworben. Sie erwidert die Zuneigung. Es gelingt den beiden Liebenden, die Klippen der Tradition zu überwinden, die ganz nebenbei in ihrer Sinnlichkeit wie Sinnhaftigkeit dem Betrachter nahegebracht wird.

Der Gegensatz zwischen modernem jugendlichem Gefühlsleben und traditionellen Lebenswelten, wie er das Kino der 1980er Jahre vor allem prägte, scheint verschwunden. Der Feind der beiden jungen Liebenden, die einander nach Verführungstänzen und anderen Initiationsriten von ihren Familien versprochen werden - was sogar mit einem Fetischobjekt besiegelt wird -, ist die Armut, denn um seinem kleinen kranken Kind einen Krankenhausaufenthalt zu ermöglichen, verspricht der christliche Vater die hübsche Tochter schließlich gegen deren Willen einem reichen und einflussreichen Händler zur vierten Frau. Im letzten Moment, vor dem Traualtar, wird die Braut entführt - wie in dem Film "Die Reifeprüfung".

Auch in den Wettbewerbsfilmen des zweiten und dritten Tages ist die wirtschaftliche Not die zentrale Anfeindung des selbstbestimmten Frauenlebens. Tradition und Religion treten dagegen in den Hintergrund, auch wenn ethnische und religiöse Spannungen und Differenzen die Filme durchziehen. Auch draußen, außerhalb des Kinos, auf den Straßen, ist von einer Dominanz des religiösen Lebens auf Anhieb wenig zu erkennen. Ouagadougou hat über 60 Prozent Moslems, die Männer versammeln sich auf der Straße bei Sonnenuntergang zum Gebet, das Stadtbild ist von den Moscheen deutlich mitbestimmt (Foto: Marie Luise Knott). Doch verschleierte Frauen sieht man fast keine.

Die meisten der Frauen, die auf der Leinwand so mühsam ihren Weg suchen, bleiben für mich namenlos, dabei würde man beispielsweise die junge Frau aus dem Eröffnungsfilm, die zu recht für ihre Darstellung gefeiert wurde, gerne mit Namen im Gedächtnis behalten, genauso wie die marokkanische Darstellerin in Latif Lahlous Film "Les jardins de Samira", die, da ihr Liebhaber sie aus finanziellen Gründen nicht heiraten kann, in eine Verheiratung mit einem stattlich wirkenden älteren Mann einwilligt, aber auf dem Lande nach und nach eingeht. Aber die Abspänne sind schnell, die Namen klingen uns sehr fremd, und eine Übersicht, die mehr als nur den Titel, Regisseur und Herkunftsland vermerkt, existiert nicht. (Nach einer halbstündigen Suche im Internet steht fest: Die Hauptdarstellerin in Daniel Kamwas Film heißt laut TV5 Bea Flore, der Name der Schauspielerin in "Les jardins de samira" - mehr hier - ist Sanaa Mouziane - d.Redak.)


Szene aus "Les Jardins de samira"

"Wir müssen Filmstars schaffen", sagt der hierzulande nicht zuletzt wegen seiner eingängig gemachten Krimiserie bekannte Filmemacher Boubakar Diallo, "wenn wir die Krise des Schwarzen Kinos überwinden wollen." Diallo, der 1994 eine satirische Wochenzeitung gründete, schrieb Bücher, bevor er mit dem Filmen begann, und hat auf dem diesjährigen Festival mit "Coeur de Lion" eine technisch gut gemachte Filmromanze aus der Sklavenzeit vorgelegt, deren Story den Afrikanern ihre Geschichte in schönen Farben schildert und so zurückgeben möchte. Sein bewusst mit kleinem Budget gemachter Film mixt Elemente vieler populärer Genres, mit dem Ziel, mehr Menschen ins Kino zu locken - viel Liebe a la Bollywood, romantische Bilder vom traditionellen afrikanischen Lehmhütten-Leben der stolzen Peuls, eingängige musikalische Flöten-Harmonien, spannungsgeladene Detailaufnahmen, die in ihrer Dramaturgie dem Kriminalfilm abgeguckt sind, und in Bäumen liegende Männer vor untergehender Sonne, die aus einem Reklamefilm für Afrika stammen könnten.


Boubakar Diallo (rechts) im Interview. Foto: Marie Luise Knott

Die Szenen wurden alle hier gedreht, nur für die Nahaufnahmen des Löwen fuhr er nach Paris, in den Zoo, erzählt er. Das riesige Kino "Burkina" hatte schon am Morgen, bei der Presse-Vorführung kaum noch freie Plätze, denn Diallo ist ein Star, doch es ist gewiss: derartige Versuche werden dem afrikanischen Kino nicht wirklich weiterhelfen. Das Kino, das den Aufbruch des Kontinents in den 1970ern und 1980ern mit starken Autorenregisseuren feierte, war geprägt von der Suche nach neuen, eigenständigen Ausdrucksformen und brachte unter anderem die eindrückliche Bildersprache des Schriftsteller und Filmemacher Ousmane Sembene hervor, der 2007 gestorben ist und dem hier eine Retrospektive gewidmet wird. Die afrikanische Wirklichkeit heute braucht neue Bilder. Und eigene.

Marie Luise Knott