Post aus Kairo

Die Sensoren der Zensoren

Von Jürgen Stryjak
12.08.2003. Die ägyptischen Zensoren sind verzweifelt: Sie verbieten allzu knappe Bauchtanzkostüme - aber was vermögen sie gegen Satellitenschüsseln? Die Hälfte der ägyptischen Bevölkerung ist unter 20 - und liebt den Westen.
Auch das noch: Shakira ist schuld. Diese fürchterliche Entdeckung musste Ägyptens Oberzensor Madkour Thabet machen, als er neulich die Bauchtanzhöhlen Kairos inspizierte. Thabet behielt 26 "unanständige" Bauchtanzkostüme ein, so die Lokalpresse, und sie zitiert den "entsetzten" Zensor mit den Worten: "Ich sah skandalöse Kostüme, die fast gar nichts von den Tänzerinnen verhüllten." Eine Künstlerin, deren Tanzdress weniger als 150 Gramm gewogen haben soll, rechtfertigte sich damit, dass sie diesen Fummel bei Shakira in einem ihrer Videos gesehen und von dort kopiert habe. Und dieses Video würde ja nun andauernd auf den arabischen TV-Kanälen laufen. Vorstellbar, dass der Zensor an dieser Stelle innerlich zusammengezuckt ist. Es mag ja durchaus attraktiv erscheinen, als Sittenwächter um Mitternacht durch Tanzbars touren zu dürfen und - während der Arbeitszeit gewissermaßen - vollschlanken Damen beim Hüftschwung zuzuschauen, aber möchte man wirklich ein Zensor sein, der zensieren kann, was das Zeug hält, am Ende aber nur feststellt, dass er die Kanäle, auf denen die unerwünschten Einflüsse transportiert werden, eigentlich kaum noch kontrolliert?

Zumindest von technisch-administrativer Seite unterstützt die ägyptische Regierung diesen Öffnungsprozess eher, als dass sie ihn bremst. Vor einem Jahr wurden die ersten privaten Satellitenfernsehkanäle Ägyptens lizensiert, von denen einer, nämlich Dream TV (zur offiziellen Homepage geht's hier ), schon bald darauf mit einer kontroversen Talkshow auffiel, in der Zuschauerinnen sich öffentlich dazu bekannten, süchtig nach Selbstbefriedigung zu sein (mehr darüber hier ). Ägyptens Internet wird, anders als in anderen arabischen Ländern, nicht gefiltert. An Internetzensur ist ein einziger, grotesker Fall bekannt geworden, bei dem Shohdy Naguib zu einem Jahr Haft verurteilt wurde, weil er ein "sexuell freizügiges und politisch kritisches" Gedicht seines Vaters Naguib Surur drei Jahre zuvor (!) auf einer Webseite veröffentlichte, die in den USA (!) gehostet wird (mehr über den Fall hier ). Seitdem befindet sich Shohdy Naguib im Pseudoexil in Moskau, von wo aus er für die staatliche ägyptische Zeitung "Al-Ahram Weekly" berichtet, deren Homepage er gleichzeitig als Webmaster betreut.

Gundsätzlich ist das gesamte globale Netz auch Ägyptern zugänglich, und obwohl alle hier glauben, dass der Staat das Onlineverhalten seiner Nutzer gern tracken würde, zweifelt niemand daran, dass er damit im Grunde überfordert ist. Lediglich im Zuge des so genannten Queen-Boat -Homosexuellen-Prozesses (mehr hier ) wurde bekannt, dass ägyptische Beamte verdeckt in der Internet-Gay-Szene ermittelten. Zudem ist die Regierung ja ganz besessen von der Idee, das Land zu einem IT-Hub des Nahen Ostens zu machen. Centra Technologies , eine Art amtliche Computer-Initiative für Arme , verkauft über die staatliche Telecom Egypt im Land komplettierte Billigcomputer auf Raten an jeden, der einen Telefonanschluss besitzt, für durchschnittlich 12 Euro pro Monat. Wer die Rate nicht zahlt, dessen Anschluss wird einfach gekappt - eine Katastrophe in einem Land, in dem die Leute sich auch noch nachts um drei anrufen. Ins dritte Jahr geht außerdem das Konzept Internet for free . Die User wählen nach Belieben eine der vielen Zugangsnummern, die alle mit 07 beginnen und die sie Werbetafeln oder Zeitungsannoncen entnehmen. Es fällt lediglich der Minutenpreis für Ortsgespräche an. Fachleute schätzen die Zahl der Internetnutzer auf mehrere Millionen.

Aber der größte Motor technischen Fortschritts sind auch hier, wie überall, die verbotenen Früchte . Das Geschäft mit Receivern und Satellitenschüsseln boomt, weil die Leute das sehen wollen, was ihnen die staatlichen Medien vorenthalten. Während des Irak-Krieges schnellte der Verkauf entsprechender Geräte um 110 Prozent nach oben, berichtet das Wochenmagazin El-Mussawar . "Vor dem Krieg wagten sich Frauen nie zu mir rein", sagt der Betreiber eines Kaffeehauses mit Satelliten-TV im oberägyptischen Dorf Beshlah, "jetzt gehören sie zu meinen Stammkunden." Mindestens die Hälfte aller Ägypter in den Ballungszentren kann inzwischen in irgendeiner Form Satellitenkanäle sehen, privat, im Kaffeehaus, über Hausgemeinschaftsantennen.

Was für die Satellitenschüssel-Verkäufer der Irak-Krieg, war für Computerhändler eine berüchtigte CD-Rom, die unter dem Namen "Dina wa Hossam" das Land am Nil im Sturm eroberte, ein Geschenk des Businesshimmels. Bis vor kurzem war Dina die prominenteste Bauchtänzerin Ägyptens, ein Superstar, gefeiert wegen ihrer modernen Choreografien und gewagten Kostüme, wie auch wegen ihrer Figur. Jetzt ist sie fromm , hat die Pilgerfahrt nach Mekka absolviert und, so wird erzählt, den Schleier angelegt (mehr über Dina auf ihrer Homepage ). Der Grund: Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Ägypter haben ihr beim Sex mit dem Multimillionär Hossam Aboul-Futouh zugeschaut. Die Aufnahmen wurden im Rahmen einer Korruptionsaffäre in der Villa Aboul-Futouhs beschlagnahmt und gerieten dann irgendwie an die Öffentlichkeit.

Auf unzähligen CD-Brennern im ganzen Land muß der peinliche Streifen vervielfältigt worden sein. Er ist über das für Pornographie übliche Maß hinaus frauendfeindlich, weil Dina ja nicht ahnte, dass der ehemalige offizielle BMW-Vertragshändler ihren Akt mit einer Standkamera filmt. Aber irgendwie ist es auch männerfeindlich mit anzusehen, wie da ein Mann, schätzungsweise Mitte 50, etwas fettleibig, immer wieder innehalten muss, weil ihm die Puste ausgeht. Die Raubkopie-Händler in den Straßen der Kairoer Downtown haben Dutzende Bootleg-CDs ägyptischer und amerikanischer Kinoknüller auf ihren Brettertischchen vorrätig, wenn ein Kunde aber die Namen "Dina wa Hossam" erwähnt, öffnen sich die Hosentaschen der Dealer und heraus kommen neben erwähnter CD-Rom noch eine Handvoll anderer Porno-CDs. Der misstrauische Kunde wird auf Wunsch ein paar Häuserecken weiter in irgendeinen Laden geführt, in dem jemand sitzt, der einen Laptop aufklappt und die CDs testet, für umgerechnet 30 Eurocent Bakschisch.

Auf die Frage, ob die Dina-CD-Rom den Absatz von Computern gesteigert hätte, antwortete ein Kairoer Händler: "Soll das ein Witz sein? Es hätte gar nicht besser kommen können!" Aber es muss gar nicht unbedingt Sex sein. Bei den Bootleg-Händlern in der Downtown kostet die Raubkopie von "Matrix Reloaded" umgerechnet anderthalb Euro, während die staatliche Zensurbehörde den Kinostart des Streifen eben erst verhindert hat, wegen angeblich ketzerischer Gedanken die Schöpfung und die drei monotheistischen Religionen betreffend. Der erste Matrix-Teil hatte im Jahre 2000 nach Monate langem Hin und Her doch noch in die ägyptischen Kinos gedurft. Zuerst allerdings mussten Toningenieure das Wort "Zion" jedes Mal, wenn es auf Englisch gesprochen wurde, überblenden. In den arabischen Untertiteln kam es ohnehin nicht vor. Eine Notlösung, die sich beim Reloaded-Sequel als schwierig erweisen dürfte, spielt der Streifen doch über weite Strecken in Zion selber, dem Ort der Aufständischen gegen die Matrix. Womöglich war das den Zensoren dann irgendwie doch eine Spur zu "zionistisch". Jetzt müssen die Matrix-Fans ohne den Segen der Behörden auskommen. So machen sich die Zensoren um den technischen Fortschritt verdient, indem sie ihre neugierigen Landsleute dazu treiben, sich Billigcomputer und Satellitenschüsseln zu kaufen. In den Microbussen, dem öffentlichen Nahverkehr der Kairoer Unterschicht, sind junge Leute mit CD-Roms oder Harddiscs in der Hand oder ganzen Computern im Arm ein durchaus üblicher Anblick geworden.

Wer heute durch Kairo läuft, wird Probleme haben, eindeutige Manifestationen antiwestlichen Protestes zu entdecken. Im Gegenteil: In den Shopping Malls laufen amerikanische Vicdeoclips, in hippen Cafes in der Innenstadt liegen Stadtteilillustrierte wie Hello Mohandessin aus, die Celine Dion auf dem Cover haben, und aus den Radios schallt ein seltsamer Sender. Er klingt wie ein amerikanisches Formatradio, inklusive der schnittigen Trailer, dudelt rund um die Uhr die westlichen Charts rauf und runter, heißt aber Nile One FM . Er ist eines der beiden ersten ägyptischen Privatradios. Der andere Sender heißt Nogoum FM (Stars FM) und bringt arabische Popmusik. Beide Wellen werden von ägyptischen Geschäftsleuten finanziert, Sendeleiter von Nile One FM ist der britische DJ und Radioprofi Simon Ramsden. Die Frage, ob dem Sender irgendwelche inhaltlichen Limits vorgeschrieben wurden, beantwortet er mit Nein, zählt aber die Fettnäpfchen, die sie umgehen werden, in folgender Reihenfolge auf: "Religion, sex and drugs." Beide Sender zusammen sind im Großraum Kairo so erfolgreich, als hätte es die staatlichen Radiokanäle nie gegeben. Dabei liefen sie seit Juni nur im Testbetrieb, ohne Moderatoren. Offizieller Sendestart von Nile One FM war der 10. August (die offizielle Webseite soll ab September hier zu sehen sein).

40 Prozent aller Ägypter sind zwischen 15 und 40 Jahren alt. Oder noch drastischer: Die Hälfte aller Einwohner im Land am Nil sind unter 20! In den Ballungszentren wie Kairo und Alexandria leben sie in einer Medienwelt, die immer weniger Grenzen kennt. Sie wachsen mit der ägyptischen "Sesamstraße" (mehr hier ) auf, sehen im arabischen Satelliten-TV aus Qatar, dem Libanon oder London regelmäßig politische und soziale Tabus fallen, und es prägt sie die Popkultur der arabischen MTV-Pendants wie "Mazzika" oder Melody TV - oder gleich die des Originals. Die meisten jungen Ägypter sind von der Sehnsucht erfüllt, zur globalen Moderne dazuzugehören.

In westlichen Medien wird beachtet, was den größten Kitzel ausübt: Fundamentalisten, Vorstadtprediger, zweifelhafte Fatwa-Erlasser - jene also, die am lautesten schreien. Der schweigenden Mehrheit jedoch, noch dazu, wenn sie so jung ist, ergeht es wie überall auf der Welt. Sie wird irgendwie ignoriert. Dabei laufen hier die wirklich interessanten Prozesse ab. Einer Umfrage zufolge, die der British Council Egypt unter Kairenern zwischen 15 und 25 Jahren durchführte - nach dem 11. September, nach dem Krieg in Afghanistan, aber vor dem Irak-Krieg -, äußerten sich 68 Prozent der Befragten generell positiv über die USA . James Zogbys Arab American Institute ermittelte im selben Zeitraum, dass 50 Prozent der Ägypter amerikanischen Produkten gegenüber positiv eingestellt sein würden, und 53 Prozent favorisierten das amerikanische Demokratiemodell. "Die Ansicht, dass Araber den American Way of Life hassen würden, eine selten angezweifelte Gewissheit des Zeitgeistes der Ära nach dem 11. September ", schreibt die Cairo Times , "hat wenig mit der Realität zu tun."

Im Gegensatz dazu hat es amerikanische Außenpolitik schwerer denn je. Laut Zogby wird sie von 86 Prozent aller Ägypter vehement abgelehnt. Steve Negus, Kolumnist der Cairo Times , behauptet, dass 80 Prozent antiamerikanischer Ressentiments mit einer gerechten Lösung des Palästina-Konfliktes auf einen Schlag verschwunden wären. Nicht Hass auf die westlichen Werte an sich bewegt die Ägypter, sondern tiefer Zweifel daran, dass diese Werte außerhalb des Westens gegenüber anderen Kulturen auch Anwendung finden. In der vorletzten Ausgabe des durch und durch westlich anmutenden Stadtteilmagazins Hello Mohandessin ist die junge Chefredakteurin Hebatullah Samir schwarz verschleiert abgebildet. Unter ihrem Foto schreibt sie: "Wir haben immer davon geträumt in einem Land wie den USA zu leben, Redefreiheit zu genießen und eine demokratische Ordnung."

Nun sind junge Leute auch in Kairo durchaus eher konservativ eingestellt - was Partnerschaft, Familie, Kinderwunsch, gewisse Formen des öffentlichen Anstandes betrifft. Sie fragen sich, ob es denn nun wirklich, wie angekündigt, unbedingt eine ägyptische Kopie der Seifenoper "Baywatch" geben muß (mehr darüber hier ) und ob ein David-Hasselhoff-Pamela-Anderson-Plot, ins ägyptische Hurghada adaptiert, nicht vielleicht doch etwas sehr hiesiger Moral und Tradition widerspricht. Und sie schreiben kritische Leserbriefe über die TV-Show "Starmaker", das ägyptische Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar", zu dessen bereits zweiter Staffel sich ganze Großfamilien in Kairo vor der Flimmerkiste versammeln (zur offiziellen Homepage hier ). Ein Leser namens Yasser Abdellah: "Wenn ich das ägyptische 'Starmaker' angucke, frage ich mich wirklich, wo ich lebe. Der Angriff auf unsere Kultur, unsere Art zu kleiden, unsere Musik kommt ja direkt aus dem Innern der Gesellschaft!"

Am Ende aber gucken alle hin. Die Dauerberieselung mit globalisiertem Lifestyle, kontroversen politischen Debatten und unterschiedlichsten Sozialnormen wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Sie weckt Sehnsüchte und Hoffnungen und nährt den Zweifel an der Welt der Eltern mit ihren starren Lebensentwürfen, Zwängen und Rollenmodellen. Und so scheint es klar wie das Amin in der Moschee : Der Trend geht weiter zur Verwestlichung.

Ach so, ja, Shakira. Ägyptens Popstar Nummer Eins, Amr Diab (Fan-Webseiten hier und hier ), will Shakira zu einem Duett überreden , notfalls mit viel, viel Geld. Er könne ihr, soll Diab gesagt haben, jede gewünschte Summe bieten. Hat denn keiner wenigstens ein bisschen Mitleid mit dem Zensor?