Post aus China

One night in Beijing

Von Sascha Josuweit
12.11.2018. Trotz Smog, Zensur und Geheimpolizei - die Beijinger sind meistens gut gelaunt, nicht nur im Viertel Sanlitun, wo es sich ein bisschen anfühlt wie im Ost-Berlin der 90er. Ein Streifzug
Chinesisches Schach. Foto: Sascha Josuweit

Die Bar hat keinen Namen. Der Haupteingang des Hauses ist zugemauert, das Gebäude unbewohnt. Unweit von hier steht das zum 10. Gründungstag der Volksrepublik China von Mao errichtete Arbeiterstadion, Heimat des Erstligisten Beijing Guoan unter Ex-Bayer-Leverkusen-Coach Roger Schmidt. In den 60ern fanden dort Massenexekutionen statt. Nebenan im Chaoyang Theater arbeiten Schlangenmenschen und Akrobaten. Das Viertel Sanlitun war früher berüchtigt für Drogen und Prostitution. In einer Aufräumaktion anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2008 wurden Bars geschlossen, Dealer kurzerhand hingerichtet, heute befindet sich hier der weltgrößte Adidas Store. Doch etwas vom alten Zwielicht ist geblieben. Es geht durch eine enge Gasse, um ein paar Ecken, eine steile Treppe hoch. Hinter einer Tür plötzlich Stimmen, die Tür geht auf, jemand winkt uns herein. Ein kleiner Raum, nicht größer als meine Küche, fünfzig Menschen oder mehr. Die Wände schwitzen, die Stimmung ist gut, gerade läuft "Love Cats" von The Cure. Aber ist das alles wahr oder träum ich?

Nach einer Woche in Beijing, BJ, wie die Chinesen ihre Hauptstadt nennen, bin ich angekommen. Mein unermüdlicher Begleiter Yang, der für deutsches Bier und deutsche Autos schwärmt, und ich sind an einem jener Orte, die es eigentlich nicht gibt, wie so vieles in diesem Land offiziell nicht existiert, ein unzensiertes Internet, YouTube, Google, Facebook, die New York Times, Hunderttausende Tote jährlich durch Feinstaub, Falun Gong, Tibet 1959, Tian'anmen 1989, Pu der Bär (weil dem amtierenden Staatspräsidenten Xi Jinping eine gewisse Ähnlichkeit mit der Kinderbuchfigur nachgesagt wurde) und Bars wie diese.

Blick vom kaiserlichen Kohlehügel nach Osten. Foto: Sascha Josuweit

Yang ist hier geboren. Als Staatssicherheit und Militär die friedlichen Demonstrationen für demokratische Rechte und gegen Korruption und Inflation auf dem Platz des Himmlischen Friedens gewaltsam beendeten und nach Angaben des chinesischen Roten Kreuzes mehrere Tausend Zivilisten töteten, war er fünf. Verlässliche Informationen über die Ereignisse vom 3. und 4. Juni 1989, die Zahl der Getöteten, Weggesperrten und Gefolterten, gibt es nicht. Entsprechende Informationen im Internet werden vom MfS systematisch aussortiert und blockiert. Und Chinas Zeitungen wie die Renmin Ribao, aber auch die englischsprachige China Daily sind reine Parteiorgane. Yang sagt, vieles, was man hört, sei ohnehin Propaganda, von hier oder aus dem Westen. Ein Onkel von ihm sei damals dabei gewesen, er habe von Toten erzählt, aber nicht von so vielen. Übrigens sei das alles lange her. Als er mit unseren Gläsern von der Theke zurückkommt, fügt er fast entschuldigend hinzu, es gebe eben die Regierung, also die Partei, und es gebe die Beijinger, das seien zwei Paar Stiefel. Das beschreibt das Problem ganz gut, denke ich, sage aber nix, um die schöne Stimmung nicht zu trüben.

Die Beijinger wirken tatsächlich gut gelaunt, nicht nur an diesem Ort, wo es sich ein bisschen anfühlt wie im Ost-Berlin der 90er. Geduldig ertragen sie den Smog, der ihnen den Atem raubt, den mörderischen Verkehr, die ständigen Sicherheitskontrollen vor öffentlichen Gebäuden, Plätzen und in der U-Bahn, die allgegenwärtige Überwachung und Zensur. Anstelle von WhatsApp nutzen sie das von der Firma Tencent in Shenzhen entwickelte WeChat oder ein Virtual Private Network (VPN) für den Zugang zu einem freieren Netz hinter dem Goldenen Schild, der Great Firewall of China, auch wenn das seit vergangenem Jahr eigentlich verboten ist. Sind die Feinstaubwerte mal wieder im dunkelroten Bereich und eine Dunstglocke aus gelbgrauen Abgasen hängt über der Stadt, ziehen sie die Atemmasken über. Es gibt sie mit oder ohne Atemventil, mit lustigen Applikationen, in schicken Farben. Dann wieder ist der Himmel so makellos blau, dass er wie angemalt wirkt. Sind Staatsgäste oder Investoren zu Gast, fahren die Fabriken schon mal kurzfristig die Produktion herunter. Das blaue Wunder von Peking währt nie sehr lange, der Handelskrieg mit den USA hat den wirtschaftlichen Druck noch erhöht. Die Schornsteine müssen rauchen, hat Mao einst ausgegeben.

Gut gelaunte Beijinger. Foto: Sascha Josuweit

Seine Worte haben nach wie vor Gewicht, die Verehrung des Paramount Leaders scheint zumindest in Teilen der Gesellschaft ungebrochen. Dass Mao Gegner und Kritiker gnadenlos beseitigen ließ, die ihm ergebenen Roten Garden schließlich verriet und sein Großer Sprung nach vorn Zigmillionen Menschen durch Misswirtschaft in den Hungertod trieb (ein Grund für das obsessive Verhältnis der Chinesen zum Essen), auch dass er alles andere als volksnah war, sich nur ungern in der Öffentlichkeit zeigte und höchst selten zu Wort meldete - all das scheint vergessen, verdrängt. Wenn sich täglich zwischen 8 und 11 die Tore des Mausoleums öffnen, das sich der große Diktator symbolträchtig mitten auf die Nord-Süd-Achse der alten kaiserlichen Palastanlage hat pflanzen lassen, stehen Jung und Alt Schlange, um dem konservierten Leichnam die Ehre zu erweisen. Auch wenn böse Zungen behaupten, der gesalbte Leib sei längst durch eine Wachspuppe ersetzt worden, auch wenn nicht mehr als ein flüchtiger Blick auf das gedunsen wirkende rosige Gesicht drin ist, weil die Totenwächter zur Eile antreiben, pilgern ganze Scharen von Chinesen an diesen schaurigen Ort. Angeblich übernimmt der Führertotenkult eine wichtige Funktion bei der Vermittlung zwischen den unverbesserlichen Maoisten in der Bevölkerung und den Reformkräften innerhalb der KPCh, die um keinen Preis eine Spaltung der Gesellschaft riskieren will. Hier die Chinesen, da die Partei? So ganz scheint das nicht aufzugehen, schon, weil an jeder Straßenecke ein Staatsdiener für Sicherheit sorgt, die des Staates versteht sich. Sicherheitsdienste und Militär gehören zu den größten Arbeitgebern in der Stadt.

Der Himmel ist blauer im Sozialismus. Schlangestehen für Mao. Foto: Sascha Josuweit

Ein weiteres Thema, das die Geduld der Hauptstädter schwer auf die Probe stellt, ist die Gentrifizierung. Alte Wohnviertel in traditioneller Hutong-Bauweise verschwinden in rasendem Tempo, 90 Prozent des alten Peking sind während mehrerer Modernisierungswellen seit den 70er Jahren abgerissen worden. Die Bewohner werden abgefunden oder in Satellitenstädte umgesiedelt, die verwinkelten, eingeschossigen Gebäude durch abenteuerliche Stahl- und Glasungetüme ersetzt. Beijing braucht Platz für die mit jedem neuen Boom wachsenden Anforderungen von 22 Millionen Menschen, einen riesenhaften Verwaltungsapparat, internationale Repräsentanzen, Hotels, Restaurants, Shopping Malls. Beim ziellosen Herumwandern in den Hutongs werde ich einmal Zeuge einer Abrissaktion. Kaum bleibe ich stehen, werde ich schon von einem Funktionär in Anzug und Schutzhelm schroff des Platzes verwiesen. Zuschauer nicht erwünscht, schon gar keine Ausländer, die so etwas ja propagandistisch ausschlachten und neue Proteste anheizen könnten. Die Paranoia des autoritären Regimes, in Peking ist sie mit Händen zu greifen.

McZedong im Hutong. Foto: Sascha Josuweit


Siehst du den Typen in der schwarzen Lederjacke? Yang deutet rüber zur Theke, aber ich sehe nur die Frau in dem japanisch aussehenden, hoch geschlossenen Kleid. Körper, Lachen, Bewegungen, alles an ihr scheint schwerelos. Die Zigarette, dünn wie eine Bleistiftmine, schwebt zu ihren Lippen empor. Ein Rauchkringel verweilt, überlegt, wo er dieses Gesicht schon mal gesehen hat, und löst sich dann, getroffen von ihrem schneidenden Blick, auf. Erst jetzt fällt mir der Kerl hinter ihr auf, mittelgroß, kurzes dichtes Haar, glatte Haut, keine 30. Er wirkt wie einer unter Millionen. Er nippt an seinem Bier, schaut zu uns herüber und grinst. Du kennst ihn?, frage ich. Das, sagt Yang und prostet ihm zu, ist ein Polizist.
Stichwörter