Mord und Ratschlag

Jungvögel fangen

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
01.12.2016. Liza Cody erzählt in ihrem wunderbaren Roman "Miss Terry", wie sich die ach so anständigen Nachbarn an einer jungen Frau schadlos halten, die sich einfach nicht zu verteidigen weiß. Patrick McGinley lichtet in seiner makabren Komödie "Bogmail" von 1978 die irischen Nebel aus Whiskey und Heuchelei.
In der hervorragenden französischen Krimiserie "Engrenages", die vom deutschen Fernsehen so hartnäckig ignoriert wurde, dass man eigentlich nur böse Absicht dahinter vermuten kann, gibt es eine umwerfende Anwältin, ein echtes Luxusgeschöpf von einem Luder, das sich im Zweifel immer gegen die Gerechtigkeit und für das Geld entscheiden würde. Aber Maître Karlsson ist ungemein gerissen, sie hat Nerven aus Stahl, und man möchte sie unbedingt auf der eigenen Seite haben. In einer Szene schleudert sie ihrem Mandanten, der nur hilflos wimmernd seine Unschuld beteuert, mitleidlos entgegen: "Es reicht nicht, unschuldig zu sein. Man muss sich auch verteidigen können."

Es ist ein bitterer Satz, denn er widerspricht jedem Gerechtigkeitssinn. Als wäre man selbst schuld, wenn man unschuldig verurteilt wird! Aber es steckt natürlich auch Wahrheit in ihm, und deswegen gibt es Anwälte. Denn Naivität kann eine ungerechte Verurteilung nicht rechtfertigen, macht sie aber wahrscheinlicher.

Liza Cody hat einen hinreißenden Roman über eine junge Frau geschrieben, die keinen Anwalt hat. Die noch nicht mal Freunde hat oder Kollegen, die ihr beistehen. Miss Terry heißt eigentlich Nita Tehri, ist als Tochter indischer Einwanderer in England geboren, arbeitet als Grundschullehrerin in London und lebt in einer kleinen Eigentumswohnung, deren Hypothek sie brav abbezahlt. Eines Tages entdecken die Bauarbeiter vom Haus gegenüber im Schuttcontainer ein totes Neugeborenes. Noch bevor die brave Nita überhaupt davon erfährt, während sie eigentlich in ihrer Unschuld noch glaubt, bei den polizeilichen Ermittlungen gehe um den Sperrmüll, den ihre Nachbarn nächtens im Container entsorgen, da haben die lieben Leute sie bereits angeschwärzt: Das tote Baby soll gemischter Herkunft gewesen sein, und Nita habe auffallend plötzlich Gewicht verloren.

Von ihren Kollegen an der Schule wird sie ebenso prompt fallen lassen: Gerade wenn man mit Kindern arbeitet, darf man sich ja nicht angreifbar machen! Dass eine Schule Grundrechte verteidigen müsste, und zwar auch die ihrer Lehrer, kommt in Zeiten hysterischer Eltern niemandem mehr in den Sinn. Die arme Nita steht unter Mordverdacht, wird in den Zeitungen angeprangert, ihr Haus wird von Presseleuten umlagert, von aufgestachelten Mistkerlen angezündet und mit abscheulichen Sprüchen verunziert. Alles, was sie tut oder unterlässt, wird gegen sie verwendet, egal ob sie auf falsche Freunde setzt oder auf ihre Rechte pocht. Vor allem aber hat das arme Ding keinen blassen Schimmer, wie es sich verteidigen soll. Eigentlich ahnt Nita nicht einmal, dass sie sich verteidigen muss. Gegen Missgunst und übles Gerede, gegen oberflächliche Solidaritätsbekundungen und ungehaltene Versprechen, gegen Behördenwillkür oder Beamte mit Agenda.

Man muss die Geschichte der Nita Tehri, die zur Kindsmörderin stilisiert wird, damit man sich an ihr schadlos halten kann, durchaus als Lehrstück über den Rassismus im neuen unanständigen England lesen. Aber das allein griffe zu kurz. Denn im Laufe des Romans entwickelt sich noch eine zweite Erzählung, Nitas Familiengeschichte, und auch in ihr geht es darum, wie sich Menschen anmaßen, in völliger Verdrehung der Tatsachen Recht und Unrecht festzusetzen. Liza Cody erzählt von Hilflosigkeit und mangelnder Solidarität, von Denkfaulheit und Unredlichkeit.

Die in Bath lebende Schriftstellerin und Künstlerin Liza Cody ist mittlerweile 72 Jahre alt, doch die betuliche Gesetztheit "großer alter Damen" geht ihr völlig ab. Ihre erzählerische Kraft ist immens, ihre Neugier auf das Leben anderer unvermindert. Niemand bedenkt die Underdogs dieser Welt mit so viel Wärme wie Cody, die in ihren Romanen nicht nur die Catcherin Eva Wylie zur Heldin machte, sondern auch die obdachlose "Ladybag". Unübertroffen ist Cody aber in ihrem heiteren Witz, der selbst den gehässigsten Exemplaren unter den Mitmenschen den Schrecken nimmt.

Liza Cody: Miss Terry. Roman. Aus dem Englischen von Grundmann und Laudan. Ariadne im Argument Verlag. Hamburg 2016, 286 Seiten, 17 Euro (bestellen).


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Als 1978 Patrick McGinleys Roman "Bogmail" erschien, war Irland so wenig gewöhnt an das Krimi-Genre, dass sich der Donegal Chronicle noch über die "entsetzliche Beleidigung" empören konnte, die dieser Roman für die Bewohner der nördlichsten Grafschaft bedeutete. Unzucht, Blasphemie, Mord? In Irland? Niemals! Auf dem deutschen Markt war in jenen Jahren eher alles erlaubt, nur nicht zu viel Anspruch, der Krimi war das schmuddelige Genre, das sich bestens verkaufte, ohne dass man viel Sorgfalt darauf verwenden musste.

McGinleys Roman erscheint mit vierzig Jahren Verspätung auf dem deutschen Markt, im Steidl Verlag, dessen buchgestalterische Noblesse man eigentlich über den Krimi erhaben vermutet. Aber gut. In vorzüglich gebundener Leinenausgabe, gesetzt in der klassisch-englischen Baskerville, liest man diesen längst zum Klassiker aufgesteigenen Roman mit umso größerem Respekt, aber mit nicht weniger Vergnügen.

"Bogmail" ist eine wunderbar schwarze Komödie, die mit dem festen Entschluss des Wirts Tim Roarty beginnt, seinen Barmann umzubringen. Der junge Eamonn Eales ist ein ganz und gar liederlicher Kerl, der nicht nur Roartys Tochter verführt hat, sondern auch seinen beiden schwarzen Katzen (Andante und Allegro) hilft, Jungvögel zu fangen. Es gibt Omelette surprise. Doch die giftigen Pilze entfalten ihre Wirkung nicht, der widerspenstige Lustmolch muss erschlagen werden mit einem Band der Enzyklopaedia Britannica. In der Nacht vergräbt Roarty die Leiche im Torf, doch offenbar wurde er dabei dabei beobachtet, denn er erhält wenige Tage später einen anonymen Erpresserbrief. Eine "Bogmail", die man sich als trübere Version der Blackmail vorstellen. Bog steht für Moor oder auch Morast.

Roarty ist sich sicher, dass einer seiner Stammgäste hinter der Erpressung stecken muss, und so erleben wir Abend für Abend die Versammlung irischer Originale, die sich in seinem Pub einfinden,  um ein bisschen Wärme und Schönheit in ihr Leben zu bringen, also Whiskey und Stout. Zu ihnen gehört der Lokaljournalist Gimp Gillespie, der niemals über etwas schreiben würde, was die Leute nicht lesen wollten. Also besänftigt er seine Leser im Sommer mit Makrelenschwärmen, im Herbst mit Rekordernten und im Winter mit unpassierbaren Straßen: "Dinge, die ihnen versichern, dass die Welt noch in Ordnung ist". Es gibt einen kommunistischen Intellektuellen, der immer wieder vergeblich zur Revolte aufruft, und einen Arzt, der seine Patienten genauso erfolglos ermahnt, ihren Whiskey-Konsum wenigstens auf eine Flasche am Tag zu reduzieren. Der Dorfpolizist trinkt nur mittags, hat aber trotzdem von allen den geringsten Durchblick.

Wer die Idylle stört, ist natürlich der Fremde, der Engländer Potter, der keinen irischen Whiskey verträgt, sich die reizendste Frau des Ortes schnappt, einen Aufstand gegen den selbstherrlichen Kanonikus anzettelt und einen scharfen Blick für die Schwächen des irischen Charakters hat: "Sie schienen zu glauben, dass etwas, wenn man nur lange genug darüber sprach, eintreten würde, ohne dass man einen Finger oder Zeh rühren müsste." Er ist der große Gegenspieler des unglücklichen Mörders Roarty, dessen zunehmende Umnachtung nicht nur dem Alkohol geschuldet ist. In wunderbaren Passagen lässt McGinley ihn über seine Liebe zu Schumanns Musik sinnieren, über dessen Wahnsinn und die Auflösung der Persönlichkeit. Aber "Bogmail" ist auch das herrlich makabre Psychogramm einer irischen Gesellschaft, deren Heuchelei und Bigotterie ein Ausmaß angenommen hat, das man nüchtern nicht mehr zu fassen bekommt.

Patrick McGinley: Bogmail. Roman mit Mörder. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2016, 336 Seiten, 24 Euro (bestellen).