Mord und Ratschlag

Die Wahrheit ist der Tod

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
28.12.2018. Der Unionsverlag hat James McClures grandiose südafrikanische Serie um das schwarz-weiße Ermittlerduo Kramer und Zondi aus den Siebzigerjahren neuaufgelegt. Der Folio Verlag bringt Giorgio Scerbanencos Sechzigerjahre-Serie um den Mailander Arzt Duca Lamberti heraus.
CoverCover: Artful EggNach Jahren einer heißlaufender Krimiproduktion wächst die Lust auf Klassiker. Viel Aufmerksamkeit bekam in diesem Jahr bereits die Georges-Simenon-Ausgabe des neu gegründeten Kampa Verlages, der dem Diogenes Verlag die Rechte abluchste, den Markt leerkaufen ließ und so eine Nachfrage nach Simenon anheizte, die er zunächst mit den romans durs des Belgiers bediente. Doch auch jenseits solcher Umwuchtungen gab es interessante Neuauflagen. Der Zürcher Unionsverlag etwa hat seine Neuausgabe des grandiosen James McClure fertiggestellt, der mit seinem schwarz-weißen Ermittlerduo Kramer und Zondi den Grundstein für den südafrikanischen Kriminalroman legte. Heute feiert dieser mit Autoren wie Mike Nicol, Deon Meyer oder Malla Nunn große Erfolge, McClure jedoch begann seine Serie im Jahr 1971 und war alles andere als ein Mainstream-Autor. 1939 in Johannesburg geboren, arbeitete McClure erst als Lehrer, dann als Fotograf und Reporter für den Natal Witness in Pietermaritzburg, bis er 1965 Südafrika verlassen musste und nach Großbritannien ging, wo er schließlich Chefredakteur der Oxford Times wurde. 

Bei McClure tut die Apartheid noch richtig weh. Er schrieb nicht für ein aufklärt-postrassistisches Publikum, sondern für eines, das die Apartheid mit der Muttermilch aufgesogen hatte und selbst in Europa nicht ohne Weiteres bereit war, in Frage zu stellen. McClures acht Romane waren in Südafrika unbeliebt, natürlich auch politischer Sprengstoff, verboten wurde jedoch nur einer, "The Sunday Hangman", eine scharfe Attacke auf das Gefängnissystem. In "Artful Egg" wird eine liberale Schrftstellerin und Apartheid-Kritikerin ermordet, die alle schon längst bei der Verleihung des Booker Prize in London wähnten.

Andererseits war es ein riskantes Unternehmen, einen südafrikanischen Polizeiroman zu entwerfen: Wie sollen Polizisten im Apartheidstaat für Aufklärung, Recht und Ordnung oder gar Gerechtigkeit sorgen, wenn sie doch vor allem Unterdrückung, Folter und Tod bringen? Warum soll man irgendwelche Sympathien für prügelnde Polizisten aufbringen? Und wie könnten sie glaubwürdig sein, wenn sie nicht als rassistische Mistkerle gezeichnet sind? McClure gelingt diese Gratwanderung durch ein Höchstmaß an Präzision, was aber auch bedeutet, dass er den üblen Jargon beibehält, der im Südafrika der siebziger und achtziger Jahre gang und gäbe war. In den Romanen werden Schwarze durch die Bank als Eingeborene, Bantu und Kaffer bezeichnet, wenn sie von den weißen Afrikaanern nicht als gerissene Affen, fiese Visagen oder schwarze Idioten geschmäht werden, die gern mit ihren Speeren nach anderen Leuten werfen.

Doch seine beiden Ermittler Kramer und Zondi sind grandiose Ermittlerfiguren, clever und smart, voller Energie, moralisch aber keineswegs über alle Zweifel erhaben. Lieutenant Tromp Kramer arbeitet beim Morddezernat in der fiktiven Stadt Trekkersburg, hinter der sich McClures tatsächliche Heimatstadt Pietermaritzburg vermuten lässt, die Hauptstadt der heutigen Provinz KwaZulu-Natal. Kramer erfüllt durchaus die Erwartungen, die ein rassistischer Staat an seine Polizisten stellt, aber er ist dennoch durch ehrliche Freundschaft mit Bantu Detective Sergeant Mickey Zondi verbunden. Zondi trägt seine Sakkos auf links gedreht, damit das glänzende Satinfutter besser zur Geltung kommt, und, als Gipfel der Extravaganz, Turnschuhe in der passenden Größe. Für die meisten Polizisten in Trekkersburg ist Zondi nur ein unverschämter Kaffer, dem man ein bisschen Vernunft einprügeln müsste. Auch für Kramer ist er am Anfang nur "Short Arse", der kleine Arsch, bis er sich von ihm aus der Patsche helfen lassen muss. Zondi wird für Kramer Türöffner für schwarze Communities. Aber auch echter Partner und Freund. Nicht unwichtig ist auch Zondis Grips, der dem draufgängerischen Kramer selbst ein bisschen fehlt.

Sie begegnen sich erstmals im Roman "Song Dog", den McClure allerdings als Prequel erst 1994 nachreichte und mit dem er die Serie so sensationell abschloss wie er sie gut zwanzig Jahre zuvor mit "The Steam Pig" begonnen hatte. "Song Dog" spielt im Jahr 1962, als der Großteil der südafrikanischen Polizei damit beschäftigt war, Nelson Mandela zu jagen. Kramer wird dagegen zu einem Vorposten nach Zululand geschickt, wo ein Polizist zusammen mit einer jungen Frau bei einer Explosion getötet wurde. Und während noch alle rätseln, wem von beiden der Mordanschlag galt, ist der später dazu stoßende Zondi schon einen Schritt weiter: Für ihn stellt sich die Frage, was den Detective das Leben gekostet hat: "War es Klugheit oder Dummheit?"

McClure schreibt mit einer atemraubenden Rasanz. Schon die Anfangsszene in "Song Dog" ist so aufgeladen mit Erregung und Todesangst, dass die Wucht der folgenden Explosion durch den ganzen Roman trägt. Trotz des Tempos sind seine Figuren äußerst präzise gezeichnet. Wenn McClure die Afrikaaner in ihrer rohen Art zeichnet, die ihre Manneskraft an der Zahl der erlegten Elefanten und Leoparden messen, belässt er es nie beim Klischee. Und er versagt den "Borstenschweinen", als die sie von den liberalen Engländern verachtet werden, nicht alle Sympathie. Doch seine ganze Kunst zeigt McClure, wenn er für die Würde, den Witz und die Klugheit der Schwarzen wirbt. Und selbst wenn sich Kramer und Zondi zur schwarzen Hexe begeben, wird es nicht pittoresk. Die Songomas in Zululand haben Gesichter so verrunzelt wie ein Nashornknie und drei prallgefüllte Harnblasen ums linke Ohr geknotet. Um ihre Hütten hängen Ochsenhäute, Pavianschädel und Milchflaschen, in denen sich Schamhaare mit Spinnweben verwickeln. Aber natürlich haben sie uneindeutig-furchterregende Weisheiten parat: "Wer im hohen Gras Büffel jagt, tritt leicht auf die Mamba." Wer McClure liest, muss einen ungeschönten Blick auf Südafrika aushalten können. Er wird mit einem ungeschönten Blick auf Südafrika belohnt.

James McClure: Song Dog. Südafrika-Thriller. Kramer & Zondi ermitteln (1). Aus dem Englischen von Erika Ifang. Unionsverlag, Zürich 2016. 352 Seiten, 13,95 Euro. (Bestellen)

James McClure: Artful Egg. Südafrika-Thriller. Kramer & Zondi ermitteln (8). Aus dem Englischen von Erika Ifang. Unionsverlag, Zürich 2018, 384 Seiten, 13,95 Euro. (Bestellen)

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CoverCoverAuch der Italiener Giorgio Scerbanenco ist in diesem Jahr vom Folio Verlag neu aufgelegt worden, in der immer noch frischen Übersetzung von Christiane Rhein. Bekannter als durch seine Romane wurde Scerbanenco hierzulande als Namensgeber für den wichtigsten italienischen Krimipreis, den in der Regel verlässlichen Premio Scerbanenco. Die neue Edition lässt mit großen Namen für diesen Klassiker des italienischen Kriminalroman werben: Als "Kulturautor" und "Vater des italienischen Krimis" wird er angepriesen, in einem Nachwort schreibt der italienische Autor Giancarlo di Cataldo: "Scerbanenco macht den italienischen Krimi salonfähig und verleiht ihm erstmals die Würde einer vollwertigen literarischen Gattung." Um dies behaupten zu können, muss Cataldo ein bisschen tricksen: Er schlägt Leonardo Sciascia und Emilio Gadda mit ihren anspruchsvollen Kriminalromanen einfach der Literatur höherer Güte zu. Das wäre mit Scerbanenco in der Tat nicht zu machen, er schreibt Unterhaltungsliteratur.

Scerbanenco wurde 1911 als Sohn eines ukrainischen Offiziers und einer italienischen Mutter geboren, nach der Oktoberrevolution zog die Familie nach Italien. Scerbanenco begann mit dem Verfassen von Liebesschmonzetten, bevor er Anfang der vierziger Jahre auf den Kriminalroman umstieg. Doch der Giallo war im faschistischen Italien eine heikle Angelegenheit: Das Ministero della cultura populare (Minculpop) hing einem erstaunlich snobistischen Literaturverständnis an und mochte die berühmte Schwarze Serie in Gelb gar nicht, die ab 1929 bei Mondadori erschien. 1931 dekretierte das Minculpop jedoch, dass zwanzig Prozent aller Titel einer literarischen Reihe von italienischen Autoren stammen müssten, und diesen Bedarf konnten nur Serienformate decken. Für die nun forciert produzierten Gialli galten allerdings unumstößliche Regeln: Der Mörder durfte kein Italiener sein, das Verbrechen nicht unaufgeklärt bleiben, und niemals ein Italiener Selbstmord begehen. Scerbanenco verlegte seine ersten Romane nach Boston, wo ein Polizeiarchivar in für alle Beteiligten harmlosen Fällen ermittelte.

Nachdem Sciascia und Gadda den Kriminalroman jedoch Anfang der sechziger Jahre von seinem schmuddeligen Image befreit hatten, stieg auch Scerbanenco wieder ein. Sein erster Roman aus dieser Zeit, "Das Mädchen aus Mailand", bietet Scerbanenco in Reinkultur: Eine schillernde Ermittlerfigur, ein tolles Setting in Mailand und eine völlig an den Haaren herbeigezogene Geschichte. Lange Zeit firmierte der Roman in Deutschland unter dem etwas grelleren, aber nicht unpassenden Titel "Leichte Mädchen sterben schwerer."

Das "Mädchen aus Mailand" war der Auftakt zur Serie um Duca Lamberti, mit dem Scerbanenco einen durchaus vielschichtigen Detektiv anlegte: Lamberti ist eigentlich Arzt, doch weil er einer todkranken Frau Sterbehilfe leistete, verlor er seine Approbation und kam für drei Jahre ins Gefängnis. Sein Vater war ein Polizist aus der Romagna: "Er war allerdings anders als die meisten seiner Landsleute, er mochte weder die Revolution noch die Revolutionäre, liebte dafür aber das Gesetz, die Vorschriften. Polizist war er aus kalter Leidenschaft, unerbittlich gegen alle, die das Gesetz brachen oder die Vorschriften übertraten." Ein alter Freund und Kollege des Vaters, Dottore Luigi Carrua versorgt Lamberti mit Fällen, die nichts für die Polizei sind. Zum Beispiel die Angelegenheit der Familie Auseri: Der Senior, kräftig und herrisch, ist als Ingenieur und Unternehmer in den Mailänder Geldadel aufgestiegen, sein willensschwacher Sohn Davide dem Alkohol verfallen. Duca Lamberti soll dem Jungen helfen und stößt schnell auf die Spur des Verbrechens, das den jungen Mann aus der Bahn geworfen hat: Der Tod einer jungen Frau, die in die Hände eines Mädchenhändlerrings gefallen ist.

Scerbanenco erzählt die Geschichte in einer sehr eigenwilligen Mischung, die einen klugen Blick auf die Gesellschaft, den unbedingten Willen zur Moderne und einen Hang zum Melodramatischen verbindet. Lambertis Schwester etwa hat ein uneheliches Kind, die Mailänder Gesellschaft hat natürlich sie, die Frau, ausgestoßen und nicht den Mann, der sie hat sitzen lassen. Lamberti kümmert sich mit großer Zuneigung um seine Schwester. Andererseits hat er aus seinem Prozess eine Lektion für sein Leben gezogen, die man blanken Unsinn nennen muss: "Sein Verteidiger hatte ihm fast mit Tränen in den Augen zugeflüstert, er solle bloß nichts sagen, nicht ein einziges Wort, denn sonst hätte er die Wahrheit gesagt, und die Wahrheit ist der Tod; alles darf man sagen, bloß nicht die Wahrheit. Nicht vor Gericht. Nicht in einem Prozess. Und auch nicht im Leben."

Interessant ausgedacht, aber etwas lebensfremd ist auch die Figur der Livia Ussaro, Lambertis wichtigste Partnerin, eigentlich eine Frau mit scharfem Verstand, die ihm gleich bei der ersten Begegnung eröffnet: "Vielleicht haben Sie ja schon gemerkt, auch durch mein Aussehen, dass ich frigide bin, wenn auch nicht vollkommen. Der Gynäkologie und der Neurologe haben festgestellt, dass ich unter besonders günstigen psychophysischen Bedingungen wie eine ganz normale Frau fühlen kann." Livia hat ein Faible für Soziologie, und angeblich aus rein wissenschaftlichem Interesse prostituiert sie sich. Andere Figuren sind weniger ambivalent: Die Verbrecher bei Scerbanenco sind schurkisch, Schwule effeminiert, Lesben unangenehm und Langhaarige keine echten Männer.

Aber auch wenn Scerbanencos Romane oft ins Triviale kippen, spürt man in ihnen doch auch immer das Bemühen, sich ein Bild von der Modernisierung Italiens zu machen. Scerbanenco sucht ernsthaft einen Platz in der Gesellschaft für intelligente, unabhängige Frauen. Er erkundet Prostitution nicht als moralischen Untat, sondern als System der Ausbeutung. Und nicht zuletzt beschreibt er, wie sich Norditaliens Industriemetropolen in den sechziger Jahren ausdehnen: Nicht nur die Einwanderer aus dem Mezzogiorno strömen in die Peripherie der nördlichen Städte, sondern auch die urbanen Energien, die ganze gesellschaftliche Dynamik - und natürlich wandert auch das Verbrechen aus den Innenstädten in die halbfertigen Hochhäuser von Metanopoli.

Am schönsten sind jedoch die Passagen, in denen Lamberti durch Mailand zieht, vom Kommissariat in der Via Fatebenefratelli über die alte Pasticceria in der Via Manzoni zur Bar Milanese an der Piazza Cavour. Dann fahren auf der Straße die Giulettas vorbei, im Radio läuft Milva, und Lamberti gönnt sich, man glaubt es kaum, ein Glas Frascati.

Giorgio Scerbanenco: Das Mädchen aus Mailand. Duca Lamberti ermittelt. Aus dem Italienischen von Christine Rhein. Folio Verlag, Wien/Bozen 2018, 256 Seiten, 18 Euro. (Bestellen)

Giorgio Scerbanenco: Die Verratenen. Duca Lamberti ermittelt. Aus dem Italienischen von Christine Rhein. Folio Verlag, Wien/Bozen 2018. 256 Seite, 18 Euro (Bestellen)