Magazinrundschau

Wie eine geschärfte Säge

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.02.2024. Der New Yorker schildert die katastrophalen Lebensbedingungen nordkoreanischer Zwangsarbeiter in China. Noema erzählt, wie man in Somaliland politisch debattiert: rhythmisch. Was ist heute eigentlich links, fragt sich die amerikanische Autorin Rebecca Solnit in Literary Hub. En attendant Nadeau erinnert an die vielen Ausländer in der Resistance. Der Guardian lernt, wie man Geschichte heute erforscht: mit Genanalysen.

New Yorker (USA), 26.02.2024

Ian Urbina beschreibt in einer eindrucksvollen Reportage die katastrophale Situation nordkoreanischer Zwangsarbeiter in China. Eigentlich sollen Sanktionen dies verhindern, aber trotzdem arbeiten allein in der Hafenstadt Dandong wohl etwa 80 000 Nordkoreaner. Sie werden von ihrer Regierung entsendet: "Regierungsvertreter wählen sorgfältig, welche Arbeiter sie nach China schicken, sie überprüfen ihre politische Loyalität, um das Risiko einer Flucht zu senken. Um sich zu qualifizieren, muss eine Person generell einen Job in einer nordkoreanischen Firma haben und von einem lokalen Parteimitglied positiv bewertet werden. 'Diese Überprüfungen beginnen schon in der Nachbarschaft', erklärt der Nordkorea-Experte Remco Breuker. Kandidaten, die Familie in China oder einen geflüchteten Familienangehörigen haben, können sich damit disqualifizieren. Für manche Stellen müssen unverheiratete Bewerber unter 27 Jahren noch lebende Eltern haben, die im Falle einer Flucht bestraft werden können, heißt es in einem Bericht der südkoreanischen Regierung; Bewerber über 27 müssen verheiratet sein. Die nordkoreanischen Behörden entscheiden sogar nach Körpergröße: Die Bevölkerung des Landes ist chronisch unterernährt und der Staat zieht Kandidaten vor, die größer als 1,55m sind, um die offizielle Blamage zu umgehen, im Ausland von kleinen Menschen repräsentiert zu werden." Es wird nicht besser für die Arbeiter, wenn sie erst einmal in China angekommen sind: Die Interviewten, "alles Frauen, haben das Eingesperrtsein und die Gewalt in den Fabriken beschrieben. Die Arbeiter werden in Lagern festgehalten, manchmal hinter Stacheldraht, beobachtet von Sicherheitsmännern. Viele arbeiten zermürbende Schichten und haben höchstens einen Tag im Monat frei. Mehrere haben geschildert, wie sie von den Managern geschlagen wurden, die von Nordkorea entsendet wurden, um sie zu überwachen. 'Es war wie im Gefängnis für mich,' hat eine Frau geschildert. 'Am Anfang musste ich mich fast übergeben, weil es so schlimm war, und, als ich mich gerade daran gewöhnt hatte, haben die Überwacher uns befohlen, still zu sein und geflucht, wenn wir miteinander gesprochen haben.' Viele haben den sexuellen Missbrauch durch ihre Manager geschildert. 'Sie haben mir gesagt, ich sei fickbar und haben mich angefasst, meine Brüste begrabscht und mit ihren dreckigen Mündern meinen berührt.' (…) Eine Frau, die mehr als vier Jahre in der Dalian Haiqing Food-Fabrik gearbeitet hat, sagte mir: 'Es wird oft betont, wenn du beim Wegrennen erwischt wirst, wirst du getötet, ohne eine Spur zu hinterlassen.'"

Außerdem: Kathryn Schulz beschreibt die Gefahren von Sonnenstürmen. Shane Bauer erzählt in einem Brief aus Israel von den Aggressionen israelischer Siedler gegen die Palästinenser. Anthony Lane erwärmt sich für den romantischen Dichter Lord Byron. Maggie Doherty liest eine neue Biografie über Carson McCullers. Justin Chang sah im Kino Nuri Bilge Ceylans "Auf trockenen Gräsern".
Archiv: New Yorker

Noema (USA), 21.02.2024

Im vom Berggruen Institut publizierten Noema Magazin erzählt Nina Strochlic, wie sich Dichter aus Somaliland, einer autonomen Region an der Nordspitze Somalias, Korruption und Ungerechtigkeit mit einer uralten Tradition entgegenstellen - der "poetischen Debatte". Früher, so Strochlic, rezitierten somalische Nomaden Gedichte zum Zeitvertreib, aber die Poesie diente auch einem öffentlichen Zweck, erklärt sie: "Sie konnte eingesetzt werden, um vor Gericht zu argumentieren oder um Frieden zwischen sich bekriegenden Familien zu schließen. Und ihre Zeilen waren auf eine Weise kraftvoll, die nur wenige andere Nationen verstehen konnten. In Somaliland hatte die Poesie Kriege ausgelöst, Regierungen gestürzt und Wege zum Frieden aufgezeigt." Als der junge Mathematik-Professor und Dichter Xasan Daahir Ismaaciil (mit dem Künstlernamen Weedhsame) im Jahr 2017 aus einem wütenden Impuls heraus ein Gedicht schrieb, dieses auf traditionelle Art rhythmisch aussprach und eine Aufnahme davon auf Facebook postete, hatte es schon Jahrzehnte keine solche Debatte mehr gegeben. In seinem Gedicht "Kläger" machte er seinem Ärger über die politischen Verhältnisse Luft, erzählt Strochlic, er imaginierte ein Gerichtsdrama, in dem er die Regierung wegen Korruption zur Rechenschaft zog: "Er wusste, dass ein Gedicht die Emotionen auf eine Weise ansprechen kann, wie es andere Formen des Protests nicht können. Trotzdem war er schockiert, als es sich verbreitete. Er hatte seiner Frustration Luft gemacht, ohne zu wissen, dass Tausende von Somaliern auf der ganzen Welt genauso empfanden. Als die Zahl der Aufrufe in die Zehntausende ging, kommentierten Menschen von Kanada bis Abu Dhabi seinen Beitrag. Präsidentschaftskandidaten, Führer von Oppositionsparteien und Parlamentarier riefen an, einige, um Wohlwollen zu erlangen, andere, um sich zu beschweren, einige, um ihm zu drohen oder zu versuchen, ihn zu bestechen. Er konnte keine Straße entlang gehen oder fahren, ohne Glückwünsche zu hören, und sein Telefon hörte nicht auf zu klingeln. In den Vereinigten Staaten sah sein Freund, der Dichter Cabdullaahi Xasan Ganey, das Gedicht und beschloss, darauf zu antworten. In dem Gerichtssaal, den Weedhsame eingerichtet hatte, sollte er als Zeuge für die Anschuldigungen des Klägers auftreten. In einem langen Gedicht beschrieb er, wie das Land von seinen Politikern verraten worden war:

"Die unterdrückte Person sagte:
'Wie bitter es auch sein mag,
die Wahrheit ist notwendig:
[Ihr] verkauft die Flughäfen
verkauft die Häfen,
exportiert alle Mineralien,
oder seid die Makler;
[Ihr] verwirrt die Jugendlichen,
verkauft sie an Schmuggler.
Bei Allah, ihr habt euch selbst in Gefahr gebracht;
Ihr seid ohne Gewissen.'"

Eine Debatte muss mindestens zwei Seiten haben, und bald meldete sich ein weiterer Dichter zu Wort, der die Regierung verteidigte und Weedhsame und Ganey als Verräter bezeichnete, die ihrem Land die wirtschaftliche Entwicklung verwehrten. Daaha Cabdi Gaas schrieb:

"In meinem Geist und meinem spirituellen Herzen
scheint es, dass den Dichtern gesagt wurde
dass der Zweck der Poesie
ist, [die Regierung] auf unfaire Weise anzugreifen;
wisst ihr, dass das eine Tragödie ist
und Ärger [die Poesie zu benutzen]
wie eine geschärfte Säge"

Am Ende dieser poetischen Debatte hatten mehr als 90 Dichter rund 120 offizielle und inoffizielle Gedichte beigesteuert. Sie hatte mehr Dichter und Gedichte hervorgebracht als jede andere Debatte und das in Rekordzeit. Etwa sechs Monate später wurde in Somaliland ein neuer Präsident gewählt. Die Kandidaten diskutierten über Korruption, nationale Ressourcen und internationale Anerkennung - Themen, die durch die Gedichtdebatte aufgewühlt worden waren. Muse Bihi Abdi, der später die Wahl gewinnen sollte, kam sogar, um mit den Dichtern über ihre Kritik zu sprechen. Weedhsame war erfreut, dass sie anerkannt wurden. 'Zumindest haben sie gesehen, dass eine junge Dichtergeneration sich organisieren kann', sagt er. 'Sie sehen, dass wir die Stimmen der Menschen beeinflussen können.'"
Archiv: Noema

Elet es Irodalom (Ungarn), 23.02.2024

In einem Werkstattgespräch der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom und des Buchladens Írók Boltja spricht die Übersetzerin und Autorin Lídia Nádori (u.a. überträgt sie Hertha Müller und Terézia Mora ins Ungarische) über die Notwendigkeit eines Kontrolllektors bei literarischen Übersetzungen. "Natürlich soll der Übersetzer allein und einsam arbeiten, es gibt keinen anderen Weg. Das heißt aber nicht, dass man keinen Partner braucht, der den Text mit einem guten Auge durchschaut. Darüber gibt es zwar geteilte Meinungen, aber es gibt eben auch die Realität. Einige Verlage senken die Kosten für die Herstellung von Büchern so stark, dass sie nur noch selten einen Korrekturleser beschäftigen, der die Ursprungssprache gut kennt und das Original mit der Übersetzung vergleichen kann. Man muss auch sehen, dass in der Verlagswelt die Lektoren meist nur Englisch sprechen, und das ist zumindest problematisch. Inzwischen bin ich auch der Meinung, dass ein guter Lektor ein Auge für Übersetzungsfehler haben sollte, auch wenn er oder sie die Originalsprache nicht versteht. Ich stimme also absolut der Ansicht zu, dass ein Kontrolllektor benötigt wird."
Stichwörter: Nadori, Lidia, Übersetzungen

Literary Hub (USA), 23.02.2024

Was ist eigentlich heute die Linke, fragt sich die von den vielen Widersprüchen gründlich irritierte amerikanische Autorin Rebecca Solnit. "Ich wünschte, ich wüsste es. Als die Russische Föderation am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, war die Tatsache, dass ein Teil der vermeintlichen Linken das Putin-Regime entschuldigte, rechtfertigte oder sogar anfeuerte, unter anderem eine Erinnerung daran, dass 'links' seit langem eine Wundertüte voller Widersprüche ist. Später kamen die 'Friedensmärsche', die dafür plädierten, dass die USA ihre Unterstützung zurückziehen und die Ukraine sich ergeben solle. Die jüngsten Berichte über diese Teile der Linken, die die chinesische Regierung unterstützen und deren Menschenrechtsverletzungen herunterspielen, erinnern daran, dass es sich um ein andauerndes Problem handelt, das viele Formen annimmt. Ich habe gesehen, wie diese Linke Völkermord leugnete: Sie entschuldigte die Chinesen im Fall der Uiguren, rechtfertigte die Invasion und Unterwerfung Tibets, leugnete den Holodomor - den sowjetischen Völkermord durch die Hungersnot in der Ukraine der 1930er Jahre -, beschönigte sogar die Pol-Pot-Ära in Kambodscha und stellte sich auf die Seite Assads, der einen brutalen Krieg gegen das syrische Volk führt. Es sollte eine bescheidene Bitte sein, dass 'links' nicht gleichbedeutend ist mit der Unterstützung autoritärer Regime, die mit dem Blut ihres eigenen Volkes getränkt sind."
Archiv: Literary Hub

New Statesman (UK), 27.02.2024

Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer 
© SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk Foto: Elke Walford

Peter E Gordon ist irritiert über seine eigene negative Reaktion auf Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer". Nachdem er die problematische politische Rezeption des Werks Friedrichs vor allem während der NS-Zeit nachgezeichnet hat, stellt er klar, dass damit über den künstlerischen Wert des Bildes noch nichts ausgesagt ist: "Das bringt mich zurück zu meiner allergischen Reaktion auf Friedrichs Werk. Diese Reaktion ist nicht politisch, oder vielleicht ist sie noch nicht politisch. Was mich stört, gehört in den Bereich der Kunst selbst. Man achte auf die Körperhaltung des Wanderers, wie er sich dem Nebelsee stellt, und frage sich: drückt diese Figur auch nur einen Hauch von Bescheidenheit aus? Von Verletzlichkeit? Ironie? Leid? Die einzige ehrliche Antwort, die man geben kann, ist, dass die Gesamtheit der Komposition des Gemäldes den Effekt hat, das Subjekt zu panzern und über die Landschaft zu erheben, auf die es blickt. Alles in seiner Haltung, sogar der Wanderstock, der ihm einen dritten Halt auf der felsigen Anhöhe verschafft, vermittelt den Eindruck stoischer Ataraxie oder Unberührtheit. Er fühlt sich nicht bedroht von der Szene, die sich ihm bietet; er ist nicht einmal ein Teil derselben; seine bürgerliche Kleidung akzentuiert den tiefen Abgrund zwischen seiner zivilisierten Subjektivität und der regellosen Welt."
Archiv: New Statesman

Cargo (Deutschland), 26.02.2024

Szene aus "The Zone of Interest"

Simon Rothöhler unterzieht Jonathan Glazers diese Woche in den deutschen Kinos startenden Film "The Zone of Interest" einem umfangreichen, medienarchivarischen und bildpolitischen close reading. Der Film erzählt in scheinbar schlichten Alltagsbeobachtungen vom Leben der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in zwar unmittelbarer, aber durch Mauern abgetrennter Nähe zum Massenmord an den Juden, ohne diesen je anders als durch aufs Off verweisende Spuren (Rauchschwaden über der Mauer, Schreie auf der Tonspur, etc) zu konkretisieren. Die Vorlage des Films ist der gleichnamige, laut Rothöhler aber "ziemlich überflüssige" Roman von Martin Amis, eine Recherchegrundlage bildet das Familien-Fotoalbum der Familie Höß, das auf den ersten Blick ein unscheinbares, aber im Kontext zur Shoah obszönes Idyll zeigt. "In gewisser Weise ist 'The Zone of Interest' ein Komplementärfilm zu László Nemes' 'Son of Saul' (2015). In beiden Arbeiten, die filmisch nachgebaute Täter- bzw. Opferperspektiven maximal bildreflexiv ausreizen, das filmästhetische Konstrukt kritisch testen und auf die Probe stellen, operiert dabei auch eine mitlaufende Bildskepsis. Bei Nemes ist es eine immersive, eng kadrierte, quasi Point-of-View-artige Kamera, die zwar selbst vor den Gaskammern nicht Halt macht, den Horror aber bildmaterialiter letztlich nicht zeigt, sondern durch hypermobile, nie zur Ruhe kommende Bewegungsverwischungen und gezielt gesetzte Unschärfen in Zonen des relativ Unsichtbaren, an den Grenzen des Wahrnehmbaren hält - und insofern sehr bewusst mit dem rezeptionsethischen Problem des Trotz-allem-sehen-Wollens spielt. Dieser konzeptuelle Umgang mit Unschärfen, mit Sichtbarkeit und Opazität, führt, wie auch bei Glazers 'The Zone of Interest', in letzter Instanz zur Frage zurück, worin genau bei diesen Bildern und wo genau in diesen Bildern die (ästhetischen, erinnerungspolitischen, aber auch popkulturellen und meinetwegen unterhaltungskonsumistischen) 'Interessensgebiete' heutiger Zuschauerschaft liegen. Denn es sind, das spricht nicht gegen sie, gehört aber zu ihrer empirischen Realität, auteuristische Festivalfilmbilder, ambitionierte Bilder, die in Cannes etc. Preise gewinnen wollen (gewonnen haben) und dann, wie alle anderen (Film-)Bilder auch, mit ihrem Eintritt in die Bildöffentlichkeit der visuellen Kultur der Gegenwart, eben unvermeidlicherweise in allen möglichen postkinematografischen Formaten fortlaufender Entdifferenzierung zirkulieren. So ist es auch den dokumentarischen Filmaufnahmen dieses Ereigniskomplexes ergangen. Seitdem stehen die u. a. von Alexander Vorontsov (Auschwitz-Birkenau), George Rodger (Bergen-Belsen), Arthur Mainzer (Buchenwald) und Samuel Fuller (Falkenau) während der Befreiung der Lager gedrehten Bilder empfehlungsalgorithmisch gefiltert neben allen möglichen anderen Bildern, sind Streamingplattform- und Feed-Content, werden appropriiert, umgebaut, neu verschaltet, kommentiert, bildkommunikativ invasiv bearbeitet, in kontingente Bildnachbarschaften gestellt, zu polyvalentem visuellen Spielmaterial, zu Memes, GIFs etc. Die avanciertesten filmischen Arbeiten zur Shoah der verganenen Dekade (mindestens) - für mich wären das 'Son of Saul', 'Austerlitz' (Sergej Loznitsa, 2015, gedreht in den Gedenkstätten der Konzentrationslager Dachau und Sachsenhausen) und nun 'The Zone of Interest' - reagieren auf dieses plattformbasierte Zirkulationsgeschehen mit Medienspezifik: mit kinematografischen Verdichtungen, die neben einem reflexiveren Umgang mit filmischen Zeitverhältnissen (wie sich diegetisch gebaute Zeit zur historischen verhält) vor allem Fragen des Perspektivismus kritisch bearbeiten."
Archiv: Cargo

Harper's Magazine (USA), 19.02.2024

Andrew Cockburn führt durch die lange Geschichte des Scheiterns, was technologische Heilsversprechen insbesondere im IT-Bereich und sicherheitspolitische wie militärstrategische Überlegungen betrifft: Allzu oft fallen Militärs auf die Pitchings der IT-Branche herein, investieren sehr viel Geld und stehen am Ende vor einem Debakel. Als Anlass dient Cockburn der Terror-Angriff der Hamas auf Israel: "Drei Monate bevor die Hamas Israel angriff, hatte Ronen Bar, der Leiter von Shin Bet, dem israelischen Inlandsgeheimdienst, angekündigt, dass seine Einrichtung eine eigene, generative K.I.-Plattform wie ChatGPT entwickelt hat und dass diese Technologie sehr nahtlos in die 'Luftabwehrmaschinerie' eingebaut wurde." Diese könnte terroristische Betätigungen weit im Vorfeld erkennen. "Dennoch traf der zerstörerische Angriff der Hamas am 7. Oktober Shin Bet und den Rest des israelischen, multimilliardenschweren Verteidigungssystems völlig überraschend. Das Geheimdienstdesaster wird nur noch ungeheuerlicher, wenn man bedenkt, dass die Hamas sich zum großen Teil in aller Öffentlichkeit vorbereitete, inklusive Manöver mit Angriffen auf Attrappen des Grenzzauns und israelischer Siedlungen - Aktivitäten, über die offen Bericht erstattet wurde. Von der Hamas angeführte militante Gruppen posteten sogar Trainingsvideos im Netz. Im Grenzland lebende Israelis beobachteten diese Übungen und machten diese mit wachsender Angst publik, wurden aber zugunsten der Analysen der Geheimdienstbürokratien und, darüber hinaus, der Software, die diese informiert hatte, ignoriert. ... Schon vor über einem Jahr hatte der israelischen Geheimdienstapparat ein Hamas-Dokument mit detaillierten Angriffsplänen in seinem Besitz. Mitglieder der Hamas, die sich über die Methoden des israelischen Geheimdienstes überaus im Klaren waren, verfütterten ihrem Feind jene Informationen, die dieser hören wollte. Dafür nutzten sie Informanten, von denen sie wussten, dass sie den Israelis Bericht erstatten. Sie signalisierten, dass die herrschende Gruppe in Gaza sich darauf konzentrierte, die lokale Wirtschaft zu verbessern, indem sie sich Zugang zum israelischen Arbeitsmarkt verschafft, und dass die Hamas angesichts von Israels überwältigender Militärmacht von Aktionen zurückschrecke. Solche Berichte bestätigten die Überzeugungen des israelische Geheimdiensts, wie sich die Hamas verhalten würde - überlagert von einer ethnischen Arroganz, die die Palästinenser für unfähig hielt, eine Operation in diesem Maßstab durchzuführen. Die K.I., stellte sich heraus, wusste alles über den Terroristen als solchen - mit Ausnahme dessen, was er dachte."

En attendant Nadeau (Frankreich), 20.02.2024

Letzte Woche hat Emmanuel Macron, von der deutschen Öffentlichkeit so gut wie unbemerkt, die Überreste des Widerstandskämpfers Missak Manouchian und seiner Frau Mélinée ins Panthéon überführen lassen. Es handelt sich dabei um einer Art republikanische Heiligsprechung, die nur wenigen Toten widerfährt und mit großem Zeremoniell begangen wird. Jean-Yves Potel kommt auf einige Bücher zu sprechen, die im Kontext dieser Zeremonie erschienen sind. Manouchian war Anführer einer Gruppe, die heute nach dem "Roten Plakat", einem Fahndungsplakat der Nazis, benannt ist. Ihm hat der kommunistische Parteipoet Louis Aragon ein Gedicht gewidmet, das vom Chansonniers Léo Ferré unsterblich gemacht wurde - es verfestigte auch den Mythos, dass vor allem die KP Widerstand geleistet hätte (wenn auch erst nach dem Hitler-Stalin-Pakt). Unter anderem hat die bekannte Autorin Anne Wieviorka gegen die ausschließliche "Pantheonisierung" des Ehepaars Manouchian polemisiert - und der Zeremonie darum eine zu starke Fokussierung auf Einzelpersonen vorgeworfen. Dennoch: Die Symbolik sollte gerade wohl auch sein, dass hier ein armenisches Paar geehrt wird - denn in Frankreich spielte die armenische Diaspora nach dem Völkermord eine große Rolle. Ein anderes Buch hat der Historiker Claude Collin verfasst, der Widerstandsgruppen in der Region Grenoble studierte: "Er findet so heraus, dass unter den 96 Toten in diesen Einheiten - von ihrer Gründung bis zur Befreiung - nur 23 Franzosen sind. Die anderen sind Polen, Ungarn, Italiener, Spanier, darunter 34 Juden. Im Rahmen dieser sehr detailreichen Untersuchungen betont Collin, dass selbst die Kommunistische Partei diese ausländische Präsenz herunterspielte, wenn nicht sogar verschwieg. Und er fragt sich, warum es so lange dauerte, bis die Rolle der Ausländer in der Résistance anerkannt wurde. Er spricht von einem 'Mantel des Schweigens', der im Wesentlichen politisch motiviert war."

Guardian (UK), 27.02.2024

Jacob Mikanowski berichtet über neue, naturwissenschaftlich grundierte Methoden in der Geschichtswissenschaft und die Veränderungen und auch Kontroversen, die sie in der Disziplin auslösen. Sicher ist jedenfalls: Wir können heute viel mehr über die Vergangenheit herausfinden als früher. "Heute lesen Historiker Manuskripte nicht nur; sie testen die Seiten selbst und extrahieren das Genom der Kuh- und Schafherden, deren Felle dazu benutzt wurden, das Pergament herzustellen. Kleinste Proteinspuren, die bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden, können dazu benutzt werden, Fetzen organischer Materie zu identifizieren - Biberpelze in Vikingergräbern zum Beispiel - und ihren Herkunftsort zu ermitteln. Die Studie antiker Proteine ist inzwischen eine eigene Disziplin mit dem Namen Paläoproteomik. Andere forensische Techniken öffnen weitere vormals verschlossene Fenster in die Vergangenheit. Die Analyse stabiler Isotope, die in menschlichen Knochen und Tierzähnen gespeichert sind, hat es Wissenschaftlern ermöglicht, den Weg eines einzelnen Mädchens von Deutschland nach Dänemark zu verfolgen; den Export von Pavianen vom Horn von Afrika nach Ägypten nachzuvollziehen; und die jährliche Reise eines wollenen Mammut aus Indiana durch den mittleren Westen nachzuzeichnen. Sequenzierung alter DNA, die auf mittelalterlichen Schachfiguren gefunden wurde, wurde bis in afrikanische Savannen zurückverfolgt. Alte Hühnerknochen wurden dazu benutzt, die Verbreitung polynesischer Völker im Pazifikraum zu kartieren."

Außerdem: Mark Townsend berichtet in einer Reportage für den Observer vom Niedergang der Demokratie im Senegal und in Afrika überhaupt.
Archiv: Guardian