Magazinrundschau

Nach der Musik wollen wir Sinn

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.05.2022. Warum der Kosovo-Krieg Wladimir Putin keine Legitimation für seinen Angriff auf die Ukraine gibt, erklärt in Osteuropa die Völkerrechtlerin Angelika Nussberger. Desk Russie staunt über den Papst, der sich lieber mit dem russischen Patriarchen verbündet als mit dem ukrainischen. Der American Spectator erinnert an sehr abfällige Verse Brodskys und Puschkins über die Ukraine. Elet es Irodalom und iLiteratura beschäftigen sich mit der Frage, wie frei ein Dichter sein muss und wie ehrlich man damit umgehen muss. Auf Nonsite kritisiert Soziologin Zine Magubane die Critical Race Theory aus marxistischer Perspektive. Die New York Times erzählt die Geschichte der Ausbeutung Haitis.

Osteuropa (Deutschland), 23.05.2022

In einem Band für die Ewigkeit trägt Osteuropa die grundlegenden Texte und Dokumente zum Ausbruch des Ukraine-Krieges zusammen. Die Völkerrechtlerin Angelika Nussberger nimmt zum Beispiel Wladimir Putins Kriegserklärung auseinander, die die Ukraine trifft, aber immer auch auf die USA ziele. Krude wird in ihren Augen Putins Argumentation, wenn er den Kosovo-Krieg zur Legitimation heranziehe, mit dem die Nato einerseits Völkerrecht gebrochen habe. Anderseits dient ihm die Abspaltung des Kosovo als Vorbild für die Separatistengebiete: "Eine derartige Argumentation funktioniert aber im Völkerrecht nicht, denn für Rechtswandel sind Praxis (consuetudo) und Rechtsüberzeugung (opinio iuris) erforderlich. Kritisiert man eine Handlung als mit nichts zu rechtfertigenden Bruch des Völkerrechts, kann man nicht gleichzeitig die Auffassung vertreten, dies sei ein neues Recht, an das man sich halten wolle. Vielmehr muss man dann akzeptieren, dass schon die vorausgehende - kritisierte - Handlung Ausdruck einer neuen, von allen geteilten Rechtsauffassung sei, bei der sich aus bestimmten Voraussetzungen bestimmte Rechtsfolgen ergeben. Bildlich lässt sich die Haltung mit der idiomatischen Redewendung im Englischen beschreiben 'You cannot have your cake and eat it.' Kritik an einem Rechtsbruch und opinio iuris, es handele sich um geltendes Recht, sind miteinander unvereinbar, ganz abgesehen davon, dass es beim Gewaltverbot  wie auch beim Annexionsverbot um zwingendes und damit überhaupt nicht zur Disposition stehendes Völkerrecht geht. In Wirklichkeit scheint Putin hier von der Maxime tu quoque geleitet zu sein. Er folgert aus den angeblichen - oder auch tatsächlichen - Rechtsbrüchen der anderen seinerseits das Recht zu Rechtsbrüchen, fordert eine Gleichbehandlung im Unrecht, dies aber ohne anzuerkennen, selbst unrechtmäßig zu handeln."
Archiv: Osteuropa

Desk Russie (Frankreich), 20.05.2022

Die mehr als alice-schwarzer-haften Äußerungen des Papstes zum Ukraine-Krieg sind hierzulande nur am Rande wahrgenommen worden. Die Russlandexpertin Françoise Thom greift sie in einem detaillierten und gut belegten Artikel auf, der auch in die Jahre vor dem Krieg zurückblendet, um das Verhältnis zwischen Franziskus und Kirill, dem putinistischen Patriarchen, zu erkunden. Glaubt man dem Papst, zitiert sie ihn unter Bezug auf ein Interview im Corriere, "hätte 'das Bellen der Nato an der Tür Russlands' Moskau dazu veranlassen können, 'falsch zu reagieren und den Konflikt auszulösen', und zwar unter dem Einfluss 'einer Wut, von der ich nicht weiß, ob sie provoziert oder nur angefacht wurde'." Thom erzählt, dass Franziskus offenbar im Sinne einer Idee von "Einflusszonen" (der SPD-Philosoph und Herfried Münkler ist ihr Hauptvertreter in Deutschland) den orthodoxen Kirill sogar den griechisch-katholischen Christen in der Ukraine vorzieht. Thom zitiert eine gemeinsame Erklärung, die Kirill und Franziskus 2016 formuliert haben: "Wir rufen unsere Kirchen in der Ukraine auf, sich für soziale Harmonie einzusetzen, sich nicht an der Konfrontation zu beteiligen und keine neue Zuspitzung des Konflikts zu unterstützen." Diese Erklärung, so Thom, "verschweigt die Rolle Russlands bei der Aggression gegen die Ukraine und stellt Aggressor und Opfer auf die gleiche Stufe. Unter dem Vorwand, sich 'von den Streitigkeiten der 'Alten Welt'' zu distanzieren, wie es in der gemeinsamen Erklärung heißt, ging der Papst über die Verfolgung der Griechisch-Katholiken hinweg, deren Kirche mit Unterstützung des orthodoxen Patriarchen Alexij von Moskau im März 1946 abgeschafft worden war. Offensichtlich ist für Papst Franziskus Reue nur für den Westen angebracht, nicht aber für das kommunistische und postkommunistische Russland. Beachten wir auch die Heuchelei der Aufrufe zur 'religiösen Einheit' in der Ukraine, einer Einheit, die nach dem Verständnis von Kirill und seinen Sponsoren im Kreml nur unter der Führung des Moskauer Patriarchats möglich ist'."
Archiv: Desk Russie

New Statesman (UK), 20.05.2022

Dass die Nato wieder gestärkt dasteht, ist vielleicht weniger eigenes Verdienst als das der Ukraine, überlegt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, denn schließlich sei die Nato davon ausgegangen, dass Russland seinen Nachbarn in drei Tagen überrollt. Und überhaupt: Hat das Militärbündnis einen Plan, zum Beispiel in Bezug auf China oder Amerikas zunehmend dysfunktionale Politik? Und hat Europa einen Plan? "Wenn Amerika mit seiner mehr oder weniger offenen Strategie, Russland auszubluten, Erfolg hat, warum sollte das ein Zeichen für eine Neuausrichtung auf die europäische Sicherheit sein und nicht das Gegenteil? Wenn die USA bereit sind, Risiken einzugehen, um Russland als strategischen Konkurrenten zu schwächen, dann vermutlich, um sich besser auf China konzentrieren zu können. Und das wirft die größere strategische Frage auf: Stehen Europas Interessen in Bezug auf China im Einklang mit denen der USA und was hat die Nato damit zu tun? Solange die aktuelle Krise den Fokus auf Werte und Prinzipien legt - Demokratie gegen Diktatur - kann man eine Meistererzählung der freien Welt gegen den Autoritarismus von Xi Jinping und Putin konstruieren. Aber in anderer Hinsicht braucht es eine ziemlich glühende Fantasie, um Frankreichs versprengte koloniale Besitztümer im Indopazifik als gleichwertig mit Amerikas Anteil am Glacis zu betrachten, das aus Japan, Südkorea und Taiwan besteht. Deutschland seinerseits unterhält weiterhin enge wirtschaftliche Beziehungen zu China. Wie Herbert Diess, der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, offen gesagt hat: 'Wenn wir unser Geschäft auf die etablierten Demokratien beschränken, die etwa sieben bis neun Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und dabei noch schrumpfen, dann gäbe es eindeutig kein tragfähiges Geschäftsmodell für einen Automobilhersteller... Wenn Sie nicht in China sind, haben Sie ein Problem. Wenn Sie in China sind, haben Sie eine Chance.' Für Berlin wäre ein Wechsel von einem Energiekrieg mit Russland zu einem Handelskrieg mit China ein wirtschaftlicher Worst Case."
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La vie des idees (Frankreich), 17.05.2022

Der Ukraine-Krieg ist auch ein Krieg der Erinnerungen, den die Historiker Bertrand de Franqueville und Adrien Nonjon sehr differenziert beleuchten. Auf ukrainischer Seite stellt stellt sich bei der Konstruktion einer nationalen Identifikation das Problem, dass der Widerstand gegen den einen Totalitarismus durch die Kollaboration mit dem anderen kontaminiert ist. In diesen Widerspruch stößt die russische Propaganda, die Russland durch die Verabsolutierung des "Großen Vaterlandischen Krieges" als einzig maßgebliche antifaschistische Kraft stilisiert - und doch als der neue Faschismus agiert. Für die Ukraine inkarniert sich der Widerspruch in der Figur Stepan Banderas, der in dem vom Holodomor entkräfteten Land mit den Nazis kollaborierte und an genozidalen Verbrechen gegen Juden und Polen beteiligt war. Der wichtigste Unterschied, so die beiden Autoren, ist, dass in der Ukraine um die Erinnerung gerungen wird. "In einem langen Twitter-Thread vom 18. März 2022 erklärt Anna Colin Lebedev, dass 'die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Soldaten in der Roten Armee gegen die Nazis gekämpft hat (mehr als 4 Millionen). Etwa 200.000 haben an der Seite von Nazi-Deutschland gekämpft. Das macht maximal 5 Prozent Nazi-Anhänger unter den Kämpfern'. Sie prangert die Pauschalisierung an, dass die gesamte Ukraine gewesen kollaborationistisch sei, und erinnert daran, dass 'die intellektuelle Debatte in der Ukraine offen ist, die Gesellschaft arbeitet ihre Vergangenheit auf'. Aber die Pauschalisierung ermöglicht es Russland, eine antifaschistische Erzählung des patriotischen Großen Krieges zu mobilisieren, indem es die Episode der Kollaboration missbraucht, um das nicht zu Rechtfertigende zu rechtfertigen: die massive Invasion der Ukraine."

Hier Lebedevs von den Autoren zitierter Twitter-Thread:

American Spectator (USA), 13.05.2022

Es wäre völlig abwegig, pauschal die russische Kultur zu verunglimpfen oder russische Künstler zu boykottieren. Aber einen Blick auf den Beitrag der berühmtesten Autoren zum Hass auf andere osteuropäische Völker und besonders auf die Ukraine, will Matthew Omolesky der russischen Literatur nicht ersparen. Er führt eine regelrechte Poetry-Battle auf, zitiert höchst peinliche und brutale Verse Joseph Brodskys gegen die ukrainische Unabhängigkeit und kommt auch auf Puschkin zurück, der zum Entsetzen seiner prowestlichen russischen Kollegen, aber auch des polnischen Dichters Adam Mickiewicz und seines ukrainischen Kollegen Taras Schewtschenkos blutrünstige Propagandagedichte geschrieben hat. Puschkins Panslawismus bedeutete, dass sich die osteuropäischen Länder dem imperialen Willen der Zaren unterwerfen sollten: "Puschkin schwelgte geradezu in der Rolle des 'Sklaven des Zaren der Welt' und befürchtete, dass der Status quo eines Tages ins Wanken geraten würde, indem er laut darüber nachdachte: 'Sollen die slawischen Ströme in das russische Meer fließen? Oder soll es austrocknen? Das ist die Frage.' Die russische Herrschaft über die gefangenen slawischen Völker war also eine existenzielle Frage. Entweder die Völker Mittel- und Osteuropas strömen (geopolitisch, kulturell und psychologisch) weiter nach Osten, oder Russland wird austrocknen wie der geschrumpfte, verseuchte, faulige, sterbende Aralsee. Taras Schewtschenko als Angehöriger einer dieser gefangenen Nationen sah die Welt ganz anders. Für ihn waren die Muridenkriege im Kaukasus ein schreckliches Blutvergießen, und in seinem Gedicht 'Der Kaukasus' von 1845, das ihm einen langen Aufenthalt im Exil einbrachte, notierte er auf ergreifende Weise:

Es fielen hier
Der Söldner ungezählte Scharen.
Und Tränen? Blut? Fürwahr genug,
Vollauf zu sätt'gen alle Zaren...
Sie zu ertränken samt der Brut
In Witwentränen..."

HVG (Ungarn), 21.05.2022

Der Sozialwissenschaftler András Bozóki, Dozent der CEU in Wien bewertet und analysiert im Gespräch mit Judit Windisch die deutliche Niederlage der Opposition bei den Parlamentswahlen von April: "Die Opposition war tatsächlich wesentlich zerstreuter und zerstrittener als es von außen erschien. Doch für mich sind die Differenzen der Opposition nicht die Frage, sondern ob es Demokratie oder Autokratie geben soll. Man kann viel Schlechtes über die Oppositionsparteien sagen, aber sie haben sich für die Wiederherstellung der Demokratie ausgesprochen. Wenn sie gewonnen hätten, gäbe es jetzt eine labile, unsichere Zeit voller Streit, doch wir hätten einen Schritt Richtung Wiederherstellung der Demokratie getan. So aber bleibt es ein propagandistisches, innenpolitisch eigentlich uninteressantes, autokratisches System. Leider übersteigt dieses Problem das Niveau der Elitenkonflikte, denn es geht um wesentlich schlimmere und tiefere gesellschaftliche Verwerfungen. Man betrachte nur die massiv Fidesz-freundliche Provinz und die massiv oppositionelle Hauptstadt Budapest. Die Gesellschaft hat es akzeptiert, dass Fidesz einen solchen infrastrukturellen Vorsprung erlangt hat, mit dem für sie agierenden Staat, mit den durch sie besetzten Medien und Propagandamaschinerien, dass der kleinste Fehler der Opposition auf das tausendfache vergrößert werden kann."
Archiv: HVG

nonsite (USA), 24.05.2022

Die Bostoner Soziologin Zine Magubane nimmt in einem eher akademischer Text und aus marxistischer Sicht die verschiedenen Spielarten der Critical Race Theory ins Visier, die ihrer Ansicht nach weder einen Begriff von Geschichte noch von Politischer Ökonomie haben. Das ist anstrengend zu lesen, aber Magubane macht immer wieder einen interessanten Punkt. So bescheinigt sie den Vertretern der Critical Race Theory, "sie konzentrieren sich oft zu sehr auf die Beseitigung der Ungleichheiten, die das Ergebnis kapitalistischer Eigentumsverhältnisse sind, ohne sich kritisch genug mit den Eigentumsverhältnissen selbst auseinanderzusetzen. Selbst wenn sie ein gewisses Bewusstsein dafür zeigen, wie der Kapitalismus zur Produktion und Reproduktion rassistischer Ungleichheit beiträgt, ist ihre Strategie zu ihrer Bekämpfung eher 'von oben nach unten' als 'von unten nach oben'. Mit anderen Worten: Die von ihnen bevorzugten Lösungen konzentrieren sich im Allgemeinen nicht auf die Stärkung der Arbeiterklasse. Vielmehr machen sie sich selbst und die Klasse, der sie angehören, zu den wichtigsten Triebkräften des sozialen Wandels. Diese 'Klassenblindheit' ergibt sich zum Teil aus der politischen Ökonomie der Gegenwart. Die Arbeiterklasse steht seit mehr als einem Jahrhundert unter Beschuss, angefangen beim populist movement im neunzehnten Jahrhundert, über die Unterdrückung der dreißiger Jahre, den McCarthyismus in den fünfziger Jahren und den Neoliberalismus, den sich seitdem jeder amerikanische Präsident, ob Republikaner oder Demokrat, zu eigen gemacht hat. Obwohl sich alle führenden Stimmen der Race Theory der politischen Linken zurechnen, ist ihre Politik zutiefst von der historischen Erosion der Macht der Arbeiterklasse geprägt. Sie nehmen die Notwendigkeit, die  Arbeiterklasse zur Bekämpfung des Rassismus zu stärken, nicht ernst, weil die Linke, der sie angehören, in den Universitäten und den führenden Schichten verankert ist und weder den Wert noch die Notwendigkeit sieht, am Aufbau einer Bewegung mitzuwirken, die weder in erster Linie aus ihnen besteht noch von ihnen angeführt wird."
Archiv: nonsite

New Yorker (USA), 30.05.2022

Roses are red, Violets are blue, Sugar is sweet, And so are you. Der Schriftsteller Adam Gopnik ergründet für den New Yorker die Regeln des Reims und nimmt dafür das neue Buch von Daniel Levin Becker zur Hand, der in "What's Good" eine Lanze für den amerikanischen Rap bricht: Rap habe die Sprache amerikanischer Songs revolutioniert, so Becker. Im Gegensatz zu romanischen Sprachen, in denen zahlreiche Wörter eine Endsilbe teilen, ist es im Englischen schwer, reine Reime zu finden, meint Gopnik und vergleicht Lyriker von Shakespeare über W. H. Auden bis hin zu Rappern wie Jay Electronica, die sich dieser Herausforderung stellen, um den tiefen Sinn der Lyrik zu finden: "Near-rhyme (Fast-Reim), half rhyme (halber Reim), off rhyme (kein Reim), unreiner Reim, Assonanzen und Identitäten, schräge Reime und gerade Reime: sie alle haben das Zeug zu überzeugen, doch keiner bietet Zuflucht vor dem Sinn. Was bei Literatur und Lyrik immer auf dem Spiel steht, ist deren Bezug zur Welt. Wir können Wendy Copes Worte lieben wie die von Larry Hart und Kendrick Lamar - für die Reime, die sie offenbaren, aber auch für die traurigen Wahrheiten, die sie aussprechen. Am Ende kann kein Satzrhythmus die Poesie gegen den Realitätstest immunisieren. Wir lieben die Balance und Kontrolle von Reimen, auch wenn sie uns aus dem Gleichgewicht bringen, doch nach der Musik wollen wir Sinn. 'Achte auf den Sinn und die Töne kommen von selbst', rät die 'Herzogin in Alice im Wunderland' in Abwandlung eines britischen Sprichworts über Pence und Pfund, und obwohl es nicht die ganze Wahrheit ist, ist es eine große, die dem einfachsten Geschenk einer Grußkarte folgt. Denn wir kommen nicht umhin, den Reim mit Vernunft zu prüfen. Rosen sind rot. Veilchen sind blau, Zucker ist süß. Und Sie?"

Weitere Artikel: Neima Jahromi besucht das Star Wars Space Ship in Disneyland. Lauren Collins macht eine Wasserkur in Frankreich. Jill Lepore überlegt, ob wir uns genauso weiterentwickelt haben wie das Fahrrad. Und Anthony Lane sah im Kino "Top Gun 2".
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 20.05.2022

Der Literaturhistoriker György Tverdota veröffentlichte vor kurzem den ersten Teil seiner Monografie über den Dichter Attila József, der in Ungarn als einer der bedeutendsten Lyriker verzeichnet wird. Der Titel von Tverdotas Buch, "Ihr Proletarier, bedenkt das", ist eine Zeile aus Józsefs Gedicht "Meine Mutter". Was normalerweise nur eine Nachricht in Fachkreisen wäre, wird diesmal weit über deren Grenzen hinaus diskutiert, was einerseits mit der Bedeutung und Popularität von Attila József zu erklären ist, andererseits gilt Tverdota als der bedeutendste und profilierteste Kenner von Józsefs Werk. Im Interview mit Benedek Várkonyi spricht Tverdota u.a. über Sinn und Unsinn einer "Entideologisierung" von Dichtern, wobei er als positivistischer Literaturhistoriker die Bedeutung der Geschichte grundsätzlich betont: "Das Buch hat den Titel: 'Ihr Proletarier, bedenkt das'. Und dies kann auch als Antwort auf die Frage dienen, ob man Attila József entideologisieren kann oder sollte. Wenn wir aus ihm einen Dichter machen, der kurze Zeit Kommunist war, um seine marxistischen Ideen kaum erwähnen zu müssen, dann radieren wir Attila József aus. Es wurde auch gesagt, dass er ein Loser war. Dann müssen wir uns aber damit abfinden, dass das gesamte Land aus Losern besteht. Die Ungarn mögen von sich denken, dass sie ein Herrenvolk sind. Hier war jeder ein Herr und Aristokrat, jedermanns Vorfahren gingen auf die Jagd. Dieses Land will sich heute aus der Armut stemmen, mit welchem Erfolg kann ich nicht sagen. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, wie Attila József tatsächlich war. Die Überschrift ist absichtlich provokativ, denn ich wollte Attila József dort verorten, wo er tatsächlich war. Aber es hat auch eine sprachliche Dimension. Ich wollte einen Titel mit einem Verb im Imperativ. Das ist selten."

iLiteratura (Tschechien), 20.05.2022

Darf man als Schriftsteller einen russischen Panzersoldaten als begeisterten Menschen schildern, der die Ukraine nur in die Arme der Dreieinigkeit Russland-Belarus-Ukraine zurückführen will, ein ukrainisches Kriegsopfer dagegen als widerlichen Säufer? Die streitbare tschechische Schriftstellerin Petra Hůlová, die regelmäßig gegen jegliche Wokeness aufbegehrt (sei es in der Frauenfrage oder während der Flüchtlingswelle 2015), nimmt dieses Recht unbedingt für sich in Anspruch und beklagte in einem Artikel kürzlich die "neue Autozensur" unter tschechischen Literaten. Patrik Ouředník, in Frankreich lebender Autor und Sprachexperimentator, kann zwar eine spezifische tschechische Selbstzensur nicht bestätigen (weit entfernt von "amerikanischen Campussen"), sprang Hůlová jetzt jedoch im gleichen Magazin bei und verteidigte sie gegen Vorwürfe, eine Putin-Agentin zu sein (nicht ohne sicherheitshalber hinzuzufügen, er kenne sie nicht persönlich und schulde ihr auch kein Geld). Der Streit zwischen der engagierten und der L'art-pour-l'art-Literatur sei so alt wie die (moderne) Literatur selbst. Engagierte Literatur sei nützliche Literatur, und Ouředník hält es hier mit dem alten Flaubert: Der Wert von Kunst lässt sich nicht anhand ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit beurteilen: "Schreibt nutzlos - das ist die einzige Art, sich schöpferische Freiheit zu bewahren."
Archiv: iLiteratura

New York Times (USA), 24.05.2022

Im New York Times Magazine berichtet James Verini, begleitet von erschütternden Bildern Paolo Pellegrins, aus dem zerstörten ukrainischen Charkiw, wo die Absurdität der Geschichte den Ukrainern trotz aller Verzweiflung nicht entging: "So sehr Putin auch von der Wiedergutmachung der Geschichte sprach, seine Truppen bombardierten ohne Rücksicht auf die Geschichte - ohne Rücksicht auf Russlands eigene Geschichte. Diese Heuchelei stand in den Gesprächen der Charkiwer über den Krieg immer im Hintergrund, wenn nicht im Vordergrund. Schlimmer als heuchlerisch, schlimmer als ironisch, wie sie betonten, war die Belagerung sadomasochistisch. Selbstmörderisch. Russland behauptete, die Ukraine sei Russland, hat sich Russland mit der Invasion der Ukraine dann nicht selbst überfallen? Wollte es sich selbst umbringen? Was könnte man sonst daraus schließen? Den Russen war ihr eigenes Leben ebenso gleichgültig wie das ihrer Opfer. Schauen Sie sich nur an, wie sie ihre Truppen behandelten: Sie schickten sie unausgebildet, unterernährt und ohne Kommando in die Schlacht und ließen ihre Leichen auf dem Schlachtfeld verrotten - um 'von Hunden gefressen zu werden', wie es hieß."

Außerdem hat die NYT ein ganzes Dossier der Geschichte Haitis seit seiner Befreiung von der Sklaverei gewidmet. Mehrere Artikel behandeln die Geschichte der Reparationen, die Haiti nach seiner - durch eigene Kräfte erfolgten! - Befreiung an Frankreich zahlen musste, die Banken in Frankreich und den USA, die Haiti auch nach Abbezahlung seiner "Schulden" aussaugten, und die Forderungen nach Reparation, die zuletzt der ehemalige Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide gestellt hatte - dessen Privatvermögen laut Wikipedia auf 40 Millionen Dollar geschätzt wird. Und eben das fehlt leider: ein Artikel, der auch die Kollaboration und Korruption haitianischer Machthaber (die teilweise durchaus angerissen wird) beschreibt. Nicht um das Unrecht, das Haiti angetan wurde, zu relativieren. Sondern weil er verdeutlichen würde, dass in der Forderung nach Reparationen sehr ungemütliche Fallstricke lauern: Etwa die Frage, an wen diese ausgezahlt werden sollten. Dass Haiti aber schon im 19. Jahrhundert, direkt nach der Befreiung, unter Androhung von Gewalt von den Franzosen buchstäblich ausgeblutet wurde, steht außer Frage, liest man den ersten Artikel: "Es wird oft als 'Unabhängigkeitsschuld' bezeichnet. Aber das ist eine falsche Bezeichnung. Es war ein Lösegeld. Der Betrag überstieg bei weitem die mageren Mittel Haitis. Allein die erste Rate war etwa sechsmal so hoch wie das Einkommen der Regierung in jenem Jahr, basierend auf den offiziellen Einnahmen, die der haitianische Historiker aus dem 19. Jahrhundert, Beaubrun Ardouin, dokumentiert hat. Aber das war der Sinn der Sache und Teil des Plans. Der französische König hatte dem Baron einen zweiten Auftrag erteilt: Er sollte dafür sorgen, dass die ehemalige Kolonie einen Kredit bei jungen französischen Banken aufnahm, um die Zahlungen zu leisten. Dies wurde als Haitis 'doppelte Schuld' bekannt - das Lösegeld und der Kredit, um es zu bezahlen - eine überwältigende Last, die das junge Pariser internationale Bankensystem ankurbelte und dazu beitrug, Haitis Weg in die Armut und Unterentwicklung zu zementieren. Den Aufzeichnungen Ardouins zufolge überstiegen allein die Provisionen der Bankiers die Gesamteinnahmen der haitianischen Regierung in jenem Jahr. Und das war nur der Anfang. Die doppelte Verschuldung trug dazu bei, dass Haiti in einen Schuldenkreislauf geriet, der das Land mehr als 100 Jahre lang lähmte, ihm einen Großteil seiner Einnahmen entzog und seine Fähigkeit beeinträchtigte, die für eine unabhängige Nation unerlässlichen Institutionen und Infrastrukturen aufzubauen. Generationen, nachdem versklavte Menschen rebelliert und die erste freie schwarze Nation in Amerika gegründet hatten, wurden ihre Kinder gezwungen, für andere zu arbeiten, manchmal für wenig oder gar keinen Lohn, zuerst für die Franzosen, dann für die Amerikaner, dann für ihre eigenen Diktatoren."