Magazinrundschau

Verwirrung der Sinne

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.09.2021. Yahoo News erzählt, wie die CIA Wikileaks als außerstaatlichen feindlichen Geheimdienst ausspionierte. The Atlantic staunt über Britanniens ersten gaullistischen Premierminister. Eurozine begutachtet den Ausverkauf Italiens an China. Wer liest noch John Ashbery, fragt the drift. Africa is a country sieht eine neue, länderübergreifende Demokratiebewegung in Algerien. Geschichte der Gegenwart vermisst etwas queeren Camp-Appeal im neuen Marvel-Superhero-of-Color-Film "Shang Chi". Der New Yorker besucht Neo Rauch.

Yahoo! News (USA), 26.09.2021

Zach Dorfman, Sean D. Naylor und Michael Isikoff decken Pläne der CIA gegen WikiLeaks auf. Kidnapping und sogar die Ermordung von Julian Assange wurden von der Trump-Regierung erwogen: "Das sei in den obersten Gremien besprochen worden, es habe keine Grenzen gegeben, sagte ein Mitarbeiter des Abschirmdienstes. Es handelte sich um eine nie dagewesene CIA-Kampagne gegen WikiLeaks und seinen Gründer. Die massiven CIA-Pläne beinhalteten auch die extensive Ausspionierung von WikiLeaks-Mitarbeitern, den Versuch, Zwiespalt unter ihnen zu sähen und ihre Geräte zu entwenden. Während die CIA Assange schon lange auf dem Radar hatte, wurden diese umfassenden Pläne in Gang gesetzt durch die Veröffentlichung von streng geheimen CIA-Hacking-Aktivitäten durch Wikileaks unter dem Namen 'Vault 7', für die CIA das gravierendste Datenleck ihrer Geschichte. Trumps CIA-Direktor Mike Pompeo sann nach Rache an Assange, der seit 2012 in der Botschaft von Equador lebte, um einer Auslieferung an Schweden zu entkommen. Pompeo und seine Leute, so heißt es, waren außer sich. Pompeo bezeichnete WikiLeaks als 'außerstaatlichen feindlichen Geheimdienst', was einer aggressiven Verfolgung durch die Behörde Tür und Tor öffnete. Monatelang überwachten US-Spione die Kommunikation und Bewegungen einer Vielzahl von WikiLeaks-Mitarbeitern und hörten Assange ab, erklärten frühere Offizielle. Die Yahoo-Recherche auf Basis von Gesprächen mit mehr als 30 ehemaligen Verantwortlichen, von denen acht Details über die Entführungspläne offenlegten, gibt erstmals Einblick in eine der strittigsten Geheimdienst-Debatten der Ära Trump und legt neue Einzelheiten offen über diesen Krieg der CIA … Die Angst, Assange könnte aus der Botschaft entkommen, verursachte ein wildes Gerangel zwischen amerikanischen, britischen, russischen und anderen Geheimdiensten, die alle rund um die Botschaft verdeckte Agenten stationiert hatten. Die Russen wollten die Flucht ermöglichen, die USA und ihre Verbündeten sie verhindern. 'Es war aberwitzig', so ein US-Beamter. 'Es kam so weit, dass jeder Mensch im näheren Umkreis der Botschaft für irgendeinen Geheimdienst arbeitete, getarnt als Straßenfeger, Wachmann oder Polizeibeamter."
Archiv: Yahoo! News
Stichwörter: Wikileaks, CIA, Assange, Julian

The Atlantic (USA), 24.09.2021

Wenn die Briten und Franzosen sich hassen - wie jetzt im Streit um den geplatzten U-Boot-Deal und Aukus -, dann nur, weil sie einander so ähnlich sind, glaubt Tom McTague. "Es gibt einen Witz, der mehr als nur ein Element von Wahrheit enthält: Britannien hat die EU nicht verlassen, um Britannien wieder groß zu machen. Es hat die EU verlassen, um französischer zu werden. Diejenigen, die Johnson nahe stehen, bewundern das, was sie als Frankreichs unverfrorene Verteidigung nationaler Interessen und rücksichtsloses Streben nach Vorteilen beschreiben würden - die französische Unnachgiebigkeit. Johnson als Britanniens ersten gaullistischen Premierminister zu bezeichnen, wäre übertrieben, aber es gibt sicherlich einige Überschneidungen: nationalistisch, wirtschaftlich interventionistisch, auf nationale Souveränität und nationalen Exzeptionalismus ausgerichtet. … In einem Sammelband seiner Kolumnen aus dem Jahr 2003 beschreibt Johnson in glühenden Worten, was er als Frankreichs erfolgreiche Durchsetzung seiner nationalen Interessen durch die EU ansieht. 'Die Europäische Gemeinschaft wird von Frankreich regiert', argumentiert er. Insbesondere lobt er die französischen Beamten und ihr 'schachartiges Genie, vorauszudenken und das französische nationale Interesse als den europäischen Traum zu verkleiden'. Nach Johnsons Ansicht ist Britannien von den Franzosen innerhalb der EU ausmanövriert worden. 'Es gibt kein britisches Gegennetzwerk', schreibt er im selben Artikel. … Nach Ansicht Johnsons, so ein hochrangiger Beamter in der Downing Street 10, habe Britannien nach dem Brexit nun die Chance, seine Rolle in der Welt unabhängig von der EU zu definieren, 'und kreativer und selbstbewusster zu sein, wenn es darum geht, wen wir unterstützen und wie wir es tun'. Er fügte hinzu: 'Und wenn sich das französisch anfühlt, dann soll es so sein.'"
Archiv: The Atlantic

Lidove noviny (Tschechien), 23.09.2021

Jana Machalická unterhält sich mit dem polnischen Theaterregisseur Krystian Lupa, der Autoren wie Kafka, Thomas Bernhard und W. G. Sebald auf die Bühne gebracht hat, international hohes Ansehen genießt, für die Kulturpolitik seines Landes jedoch harsche Worte findet: "Es ist ein Krieg. Die Regierungspartei will Künstler und Kulturschaffende in Polen unter ihrer Fuchtel haben, damit sie auf Zuruf parieren und Propaganda für sie machen. Es sind die gleichen Verhaltensformen, wie Goebbels sie hatte. Der Leiter des Wrocławer Theaters war zu unabhängig, bekam die Rechnung dafür und wurde abgelöst. Ich habe als Augenzeuge miterlebt, wie das Auswahlverfahren manipuliert wurde, und die das Sagen hatten, haben es nicht einmal verschleiert. Hinter den Klotüren sagten sie uns, sie würden uns verstehen, aber sie hätten Anweisung von oben, wer das Theater leiten soll. Darum bin ich aus der Kommission ausgetreten, und natürlich gewann der, der von vornherein dafür bestimmt war. Das Theater ist zerfallen, zum Teil gingen die Schauspieler selbst, andere wurden vom neuen Direktor rausgeworfen. Es war wirklich wie bei Kafka. Und so gibt es heute zwei Sorten von Theatern in Polen: Die einen sind Pro-Regime-Stätten, die der Regierungspartei dienen und wo sich die Schauspieler prostituieren. Und dann haben wir noch freies Theater, das dort funktionieren kann, wo es nicht auf Staatsgelder angewiesen ist, was zum Beispiel in Warschau dank des Bürgermeisters möglich ist."
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the drift (USA), 28.09.2021

Was bleibt von John Ashbery? Vier Jahre nach seinem Tod im Jahr 2017 scheint der einst einflussreichste amerikanische Dichter wie aus der Zeit gefallen, konstatiert David Schurman Wallace in einem sehr lesenswerten Essay anlässlich des ersten posthum erschienenen Bandes von Ashbery, "Parallel Movement of the Hands": Nicht kurz und flott genug, um für Memes in den sozialen Medien zu taugen. Viel zu privat, um eine "Marke" aus ihm zu machen. Und viel zu rätselhaft, um politisch vereinnahmt zu werden. "Ashberys Antwort auf die Idee, sein eigenes Schreiben zu enträtseln, ist bezeichnenderweise fast eine Binsenweisheit: 'Für mich ist mein Denken sowohl Poesie als auch der Versuch, diese Poesie zu erklären; beides lässt sich nicht voneinander trennen.' Aber vielleicht verbirgt sich in dieser Bescheidenheit ein größeres Projekt. Zu sagen, sein eigener Gedanke sei die Poesie selbst, ist eine trügerisch zuversichtliche Behauptung - mit achselzuckenden Gesten wie dieser gab Ashbery sich selbst die Erlaubnis, ein Projekt zu verfolgen, das versucht, die Sprache zu totalisieren, 'das gesamte orchestrale Potenzial der englischen Sprache' aufzufahren, wie Helen Vendler über sein längstes Gedicht, 'Flow Chart', schrieb. Doch wenn alle Instrumente auf einmal spielen, kann das Publikum die Melodie überhören. Ashberys Poetik ist eine Internet-Poetik avant la lettre, die jene absolute Konnektivität heraufbeschwört, die wir uns vom Netz wünschen, in der Praxis aber selten haben. Die 'Verwirrung der Sinne', ein Ausspruch Rimbauds, den Ashbery sehr schätzte, fühlt sich nicht mehr transgressiv an, wenn die schnelle Aneinanderreihung von Bildern und Ideen ohne offensichtlichen Zusammenhang die Norm im Leben eines jeden Internetnutzers ist - soziale Feeds reproduzieren dieses Phänomen jeden Tag für Millionen von Menschen. Der Leser von heute sehnt sich nach einem Dichter mit einer Botschaft - vielleicht einem, der uns sagt, was wir denken sollen, oder der bestätigt, was wir zu wissen glauben. Aber auch wenn Ashberys Poesie die sich ständig verändernden Register vorweggenommen hat, die wie eine Basslinie des Online-Lebens summen, so ist sie doch nicht mehr aussagekräftig für unsere Erfahrung. Dichter, die vom Internet geprägt sind, können nicht anders, als aus Ashberys 'konvexem Spiegel' heraus zu sprechen, in dem 'die Seele gefangen' ist in ihrem eigenen Bild, und auf die Welt zurückblickt. Aber wo Ashbery die Sphäre leidenschaftslos betrachten konnte, indem er die Schichten der Subjektivität abkratzte, sind sie im Inneren des Glases gefangen und kämpfen darum, die Krümmung zu beschreiben, die ihre Sicht verbiegt."
Archiv: the drift

New Left Review (UK), 07.09.2021

Noch ein großer Rätselhafter: Francesco Pacifico erinnert sich an den Literaturwissenschaftler Roberto Calasso, der in diesem Sommer starb. "Von den ungreifbaren italienischen Gelehrten - Eco, Calvino, Pasolini - ist der Autor des internationalen Bestsellers 'Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia' (1988), einer hybriden Meditation über die anhaltende Relevanz des griechischen Mythos, vielleicht der am schwersten zu durchschauende. 'Die Hochzeit' war der zweite Teil eines unscharfen, komplexen und verwirrenden Projekts - Calasso nannte es eine 'Oper' und hat es nie näher erläutert -, das man als einen anhaltenden Versuch beschreiben könnte, das mystische Potenzial der Literatur zu erschließen. Das Werk, das mit 'La tavoletta dei destini' (2020) auf elf Bände angewachsen ist, spannt einen Bogen über die Weltgeschichte und die Geografie und verbindet Kafka und Baudelaire, die Veden und die Bibel, Tiepolo und Talleyrand, die mesopotamische und griechische Mythologie. Über den ersten Band, 'Der Untergang von Kasch' (1983) - dessen schweifende, eklektisch zitierende Reflexionen über antike Rituale und das Wesen der Moderne sein Verfahren begründeten - schrieb Calasso, er wolle die Essayform meiden, da sie 'sklerotisiert' sei. 'Vom Aphorismus bis zum kurzen Gedicht, von der stichhaltigen Analyse eines bestimmten Themas bis zur erzählten Szene' - das Buch, das er geschrieben hatte, war vielmehr 'ein ganzes Heer von Formen...'."
Stichwörter: Calasso, Roberto

Africa is a Country (USA), 28.09.2021

Michael de Vulpillieres stellt die Bewegung Hirak vor, die sich 2019 in Algerien aus Protest gegen die korrupte Regierung von Abdelaziz Bouteflika gründete und in Nordafrika und der Diaspora Fuß fasste. "Als Massenbewegung, die eine zivile Regierung fordert, ist der führerlose Hirak klassen-, ethnien-, geschlechts-, alters- und religionsübergreifend. … Schon früh während der Demonstrationen in Algier waren in der Hauptstadt Straßenkunstwerke zu sehen, auf denen zu lesen war: 'Ich denke nicht daran, dich zu verlassen, mein Algerien', ein Symbol für die düsteren Aussichten der meisten Algerier, für die große Zahl der Bürger, die auswandern, und für die neue Hoffnung, die durch den Hirak geweckt wurde. Dieser Bewusstseinswandel ist von Oran über Paris bis Washington DC zu spüren und hat eine neue Beziehung zwischen den Algeriern geschaffen. Brahim Rouabah erklärt dies, indem er die gegenwärtige Situation mit den vorangegangenen 30 Jahren vergleicht, einer Zeit, in der die 'Atomisierung der Algerier' herrschte, in der die Bevölkerung 'nicht zusammenkam, nicht zusammen lachte und nicht zusammen dachte'. Aber dieses Tabu ist gefallen. Trotz erheblicher Hindernisse, die ein rigider und verzweifelter Staat errichtet hat, ist heute eine Bevölkerung zu sehen, die endlich 'gemeinsam träumen' kann.
Stichwörter: Algerien

HVG (Ungarn), 22.09.2021

In einem Interview mit Péter Hamvay spricht der Historiker János Gyurgyák u.a. über die Aussichten des Landes bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2022 in Ungarn. "Es gab schon vier, fünf Momente in der Geschichte von Fidesz, da dache ich, hier steht eine Wand, da geht es nicht weiter, und dennoch ist keine Verbesserung eingetreten. Mittlerweile warte ich nicht mehr darauf, was soll man denn an diesem System verbessern. (...) Ich bin kein Politologe und vielleicht irre ich mich, aber ich verspüre keine Wechselstimmung. Denn selbst wenn die Opposition gewinnt, wird sie nicht die Kraft haben, das Orbán-System wegzufegen. (...) Der Historiker in mir sagt, dass sich Systeme in Ungarn für die Dauer eines Menschenlebens einrichten und das gegenwärtige hat auch noch Reserven. Doch für mich ist das nicht ausschlaggebend. Wenn sich das Land weiterhin in sinnlosen und ungewinnbaren erinnerungspolitischen Kämpfen verliert, dann wird es verbluten."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn

Geschichte der Gegenwart (Schweiz), 19.09.2021

Mit dem Erfolg des neuen Marvel-Superheldenfilms "Shang-Chi" könnte sich neben Black Panther ein weiterer "Superhero of Color" im Blockbusterkino etablieren, glaubt die Amerikanistin Ruth Mayer. Doch während "Black Panther" in den Comics der siebziger Jahre von Anfang an unter den Eindrücken der schwarzen Bürgerrechtsbewegung konzipiert wurde, kommt "Shang-Chi" mit der in Pulp-Heften und Bahnhofskinofilmen serialisierten Figur des Fu-Manchu im Gepäck - einer grell gezeichneten Verkörperung der "Gelben Gefahr", die in den letzten Jahren aus Gründen gesteigerter Sensibilität nicht mehr sonderlich in Mode war. Boris Karloff hatte diese Figur in den naiven Pulpfilmen der 30er fast schon subersiv als "queer" angelegt, schreibt Mayer. Dem will man heute durch neue Ernsthaftigkeit entgehen: Der neue Film "ist in jeder Hinsicht bemüht, alles richtig zu machen. Die New York Times berichtete, dass die asiatisch-amerikanischen Produzenten eine Liste der gängigen Asien-Klischees und Vorurteile führten, die es zu vermeiden galt - und sie waren zweifellos gründlich. Kein yellowface (auf dass sich so viele Hollywoodproduktionen der letzten Jahre immer noch verließen), keine gesichtslosen asiatischen Massen, keine Yakuza oder Samurai-Krieger und nur der Hauch einer Dragon-Lady in Gestalt von Shang-Chis Schwester, gespielt von Meng 'er Zhang. Aber die action-orientierte Handlungslogik des Superheldenfilms eignet sich nur bedingt für psychologische Portraits mit Tiefenschärfe, so dass der Superschurke hier letztlich erstarrt oder entleert wirkt - er macht so recht keinen Sinn mehr ohne das Narrativ der Gelben Gefahr und wird nun zur etwas banalen Kritik an der Eigendynamik toxischer Männlichkeit. ... Die Begeisterung vieler asiatischer Zuschauer*innen über den systematischen Bruch mit China-Klischees ist angesichts von yellowface-Entgleisungen und orientalistischen Klischees im Gegenwartskino nachvollziehbar. Dennoch wünschte ich mir angesichts der noblen Tragik und hyperdisziplinierten Männlichkeit des Mandarin-Dads dann und wann den queeren Camp-Appeal von Boris Karloffs Fu Manchu zurück, der weder psychologische Tiefe noch traumatische Verletzungen kannte."

New Yorker (USA), 04.10.2021

Thomas Meaney besucht Neo Rauch in Leipzig und stellt fest, dass die Amerikaner vielleicht ein falsches Bild von ihm haben: "Je mehr ich mich mit anderen über Rauch unterhalten habe, desto mehr schien es, als sei er von einer Art transatlantischer List eingewickelt worden. Ein Maler, der sich bemühte, von Künstlern jenseits des Eisernen Vorhangs zu lernen, wurde von der New Yorker Kunstwelt, die nach dem Kalten Krieg nach osteuropäischer Exotik gierte, mit einem experimentellen sozialistischen Realisten verwechselt. Einigen wohlhabenden Käufern gefiel die Vorstellung, Parabeln über das Scheitern des Kommunismus in ihren Wohnzimmern hängen zu haben. Es spielte kaum eine Rolle, dass Rauch für die Blütezeit des sozialistischen Realismus zu spät geboren wurde und er seine frühen Werke so weit wie möglich unterdrückt hatte. Als amerikanische Käufer nach Leipzig kamen, wurde Rauch zum Nutznießer dieses historischen Missverständnisses."

Weitere Artikel: Hilton Als wirft einen gründlichen Blick auf das Oeuvre von Gayl Jones, die sich in ihren Romanen mit Rassismus und Kolonialismus auseinandersetzt. Kathryn Schulz bespricht "Crossroads", den neuen Roman von Jonathan Franzen. James Wood liest Anthony Doerrs "Wolkenkuckucksland" und Carrie Battan hört "Montero" von Lil Nas X.
Archiv: New Yorker

New York Magazine (USA), 28.09.2021

Jasper Johns, "Flag", 1954-55. Museum of Modern Art, New York City


Im New York Magazine erinnert sich Jerry Saltz anlässlich der Ausstellung "Jasper Johns: Mind/Mirror" im New Yorker Whitney Museum an seine erste Begegnung mit dem Maler und an die Bedeutung, die Johns Kunst für ihn hatte und immer noch hat: "Johns hatte sich als echter Revolutionär einen Namen gemacht - einen der größten in der amerikanischen Kunstgeschichte. Ein ganzes Jahrhundert lang, von den Impressionisten über Picasso bis hin zu den Abstrakten Expressionisten, von denen die meisten ein paar Jahrzehnte älter waren als Johns, war die Kunstproduktion vom Prinzip der Reinheit und der Vision des Künstlers als geschichtsveränderndes schamanisches Genie bestimmt. Johns leitete ein neues, noch immer andauerndes Jahrhundert ein, in dem Werke absichtlich unrein, unvollkommen und mit den Dingen der Welt verbunden sein konnten, während sie gleichzeitig ernsthafte philosophische Maschinen waren. In dieser Hinsicht hatte er Vorgänger wie Marcel Duchamp und Yves Klein und Nachfolger wie Andy Warhol, Gerhard Richter und sogar Jean-Michel Basquiat. Aber der eigentliche Sprung in der Kunstgeschichte geschah oder begann mit Johns - zum Teil deshalb, weil er, indem er selbstbewusst ikonische Grandiosität ablehnte, ironischerweise Werke schuf, die zu den ikonischsten, wenn auch weitgehend unpersönlichen Werken der gesamten Kunstgeschichte gehören. Deshalb nannte Ed Ruscha ihn 'die Atombombe meiner Ausbildung'."