Magazinrundschau

Durch die Linse der Troubles

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.05.2021. Africa is a Country würdigt die äthiopischen Filmemacherinnen. Lidove noviny feiert die surrealistische Malerin Toyen. Der New Yorker begibt sich mit Tim Harper in den asiatischen Underground des 20. Jahrhunderts. La vie des idees nimmt die französischen Funktionseliten aufs Korn, die mit ihrer Gehorsamskultur in Ruanda so kläglich versagt haben. In der London Review blickt der Historiker Colin Kidd zurück auf die Troubles. In Unherd malt sich der Dichter Colm Toibin ein Irland aus, das nie geteilt wurde.

Lidove noviny (Tschechien), 06.05.2021

Toyen, Tous les éléments, 1950


Soeben wurde in der Prager Nationalgalerie die große Austellung "Toyen: Die träumende Rebellin" (Snící rebelka) eröffnet. Die tschechische Surrealistin, die eigentlich Marie Čermínová hieß, sich mit der Abkürzung des Wortes Citoyen aber einen geschlechtsneutralen Namen gab, wird "zunehmend unter Sammlern entdeckt", freut sich der Kunsthistoriker Jiří Machalický, "und die Preise ihrer Bilder steigen in schwindelerregende Höhen." Toyen gehörte früh zur tschechischen Avantgardegruppe Devětsil, begründete mit anderen zusammen den sogenannten Artificialismus und kam bald in Kontakt mit den französischen Surrealisten. Während der nationalsozialistischen Okkupation, während der sie mit ihrer 'entarteten Kunst' in den Prager Untergrund ging, "bewies Toyen außerordentlichen Mut, als sie in ihrer Žižkover Wohnung mehrere Jahre lang den Dichter Jindřich Heisler versteckte". Nach Kriegsende zog sie dauerhaft nach Paris um, wo sie wieder in engem Kontakt mit den Surrealisten, vor allem mit André Breton stand. Nach Prag kehrte sie nie wieder zurück. Die Retrospektive versammelt Gemälde, Zeichnungen und Illustrationen aus der Frühzeit bis zu den späten Werken. Machalický sieht den Höhepunkt ihrer Kunst vor allem in den frühen Werken, in denen sich "eine reizvolle Naivität mit dem Wissen um die zeitgenössischen Entwicklungen verbindet. Damals näherte sie sich dem Purismus und dem Konstruktivismus an, und ihr frühes Schaffen ist vom Zauber des Alltagslebens, des Tanzes und der schlichten Straßenunterhaltung geprägt." Für ihn ist sie "unbestreitbar eine der wichtigsten Figuren nicht nur der tschechischen Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts."

Africa is a Country (USA), 07.05.2021

Weitgehend unbemerkt vom Ausland hat die äthiopische Filmindustrie seit 2015 zumindest quantitativ beträchtlich an Fahrt aufgenommen, berichtet Steven W. Thomas in einem Überblicksartikel: Produzierte das Land bis dahin jährlich nur eine Handvoll Filme, sind es seitdem jährlich mehr als 100, die in die heimischen Kinos kommen. Und noch etwas ist besonders: Insbesondere Frauen sind hier ein Antriebsmotor - oder zumindest im Vergleich zu anderen Nationalkinematografien überproportional hoch vertreten. "In einer hart umkämpften Industrie, in der es vielen nicht gelingt, mehr als einen Film zu drehen, haben Frauen als Autorinnen, Regisseurinnen und Produzentinnen beständig mehr Erfolg. Filme von Frauen sind an der Kasse häufig erfolgreicher und erhalten bei den jährlichen Gumma-Filmpreisen mehr Auszeichnungen. Nicht wenige Pionierleistungen in Äthiopiens Kinogeschichte wurden von Frauen erzielt. Nachdem die Nation das Derg-Regime, unter dem Film und Fernsehen von der Regierung finanziert und kontrolliert wurde, überwunden hat, war Rukiya Ahmed die erste Person, die das Risiko auf sich genommen hat, einen unabhängigen Film privat zu finanzieren. ... Einer der ersten Filme, die den Sprung von Zelluloid auf Video wagten, war 'Yeberedo Zemen' von Helen Tadesse. ... 2002 war dies der erste äthiopische Film, der auf VHS gedreht war, aber in einem Kino gezeigt wurde, und damit eine Revolution in der Filmindustrie des Landes auslöste. Mit dem Wechsel von Zelluloid auf VHS und schließlich zum digitalen Filmemachen explodierte die Kinokultur geradezu - Anzahl und Variantenreichtum der Filme nahmen zu. Viele Frauen packten diese neuen Gelegenheiten beim Schopf, folgten Tadesses Vorbild und einige stiegen rasch zu Gallionsfiguren der Branche auf."

Unherd (UK), 11.05.2021

Die gespaltene Gesellschaft in den USA erinnert Ayaan Hirsi Ali immer mehr an die Stammesfehden in ihrem Geburtsland Somalia: "In Somalia wurde mir beigebracht, gegenüber jedem, der einem anderen Clan angehört, misstrauisch zu sein, immer zu denken, dass Unheil auf mich zukommt und mich vor jedem zu hüten, der 'anders' war. Ich stamme aus dem Darod-Clan und mir wurde beigebracht, ständig auf Akzente zu achten, Gesichtsformen zu untersuchen und alle nonverbalen Hinweise zu überanalysieren, um nach irgendwelchen Anzeichen für einen anderen Stamm zu suchen. Wir waren Gefangene einer Echokammer und hörten ständig von den Übeln des benachbarten Hawiye-Clans. Von klein auf wurde uns beigebracht, dass die Hawiye kommen würden, um uns zu vergewaltigen, auszurauben und zu zerstören. Als Reaktion darauf häuften wir Waffen an, horteten Lebensmittel und forderten junge Männer (schon mit 12 Jahren) auf, sich dem Militär anzuschließen. Die drohende Gefahr durch die Hawiye war so groß, dass meine Mutter meine Schwester und mich schließlich ins Ausland schickte. Am Ende brach Somalia aufgrund dieser langwierigen Stammesspannungen in einen Bürgerkrieg ein. ... Obwohl Amerika noch nicht von einer so hohen Gewalttätigkeit erfasst hat, sind alle tribalistischen Zutaten vorhanden. Es gibt ein blindes Bekenntnis zu der einen oder anderen Partei; die Emotionen kochen hoch; es mangelt an Vertrauen in zivilgesellschaftliche Institutionen. Wenn dieser Tribalismus nicht überwunden wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Situation eskaliert."

Der Dichter Colm Toibin malt sich aus, wie Irland wohl heute aussehen würde, wäre es nicht geteilt worden. Ein Spiel, gibt er zu, aber ein heilsames für alle Besserwisser: "Der Versuch, sich ein Irland vorzustellen, das nach 100 Jahren langsamer politischer Integration mit sich selbst im Reinen ist, lässt uns erkennen, dass die Teilung selbst wahrscheinlich ein großer Fehler war. Aber die Betrachtung des Problems durch die Linse der Troubles lässt uns auch erkennen, dass der Versuch, die Teilung nach 100 Jahren abzubauen, nicht einfach und mit erheblichen Risiken verbunden wäre. In 100 Jahren werden unsere Nachkommen wissen, was wir hätten tun sollen."
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Archiv: Unherd

London Review of Books (UK), 10.05.2021

Der Historiker Colin Kidd gibt gern zu, dass ihn in den siebziger und achtziger Jahren Nordirland ziemlich wenig interessierte, obwohl er nur 100 Meilen von Belfast entfernt auf der anderen Seite des Firth of Clyde im schottischen Ayr aufwuchs. Wenn der peinliche Cousin der Mutter mit dem zerschossenen Bein aus Nordirland zu Besuch kam, nahmen alle reißaus. Ging es nicht vielen so? Wer hat sich damals eigentlich mit den Troubles wirklich beschäftigt? Der Politikwissenschaftler Niall Ó Dochartaigh legt nun seine Geschichte "Deniable Contact" vor, derzufolge der Konflikt nicht so unvermeidbar und erst recht nicht so unpolitisch war, wie gern geschildert: "Die IRA war nicht, wie die britischen Medien gern behaupteten, völlig dogmatisch und unflexibel. Tatsächlich hielt sie immer Ausschau nach Möglichkeiten für einen verhandelten Ausstieg. Ó Dochartaighs Ton ist etwa steril, er verliert wenig Worte über all die Leben, die in Folge der hartherzigen Entscheidungen der IRA-Führung zerstört wurden. Doch es fällt schwer, nicht wehmütig zu werden: So viele Menschenleben auf beiden Seiten hat die Sache - das vereinte Irland - gefordert, die trotz aller Rhetorik von der IRA gar nicht mit vollem Herzen verfolgt wurde. Sie schien immer zu Verhandlungen bereit zu sein. Saßen wirklich so viele IRA-Freiwillige im Gefängnis, starben so viele ihrer Kameraden im Kampf oder im Hungerstreik für ein Verhandlungsergebnis, wie es die IRA-Strategie drei Jahrzehnte lang seit den frühen Siebzigern vorsah? Aber auch andere tragen Verantwortung für das andauernde Blutvergießen. Nahm die britische Regierung die Verhandlungsbereitschaft der IRA nicht wahr - oder glaubte sie nicht daran? Ließ sie deshalb all die vielversprechenden Möglichkeiten verstreichen?"

Weiteres: Benedetta Craveris Porträtsammlung "The Last Libertines" zeigt Caroline Weber, wie schlecht sich die aristokratische libertinage seit jeher mit der bürgerlichen liberté verträgt: De Sade und Laclos wurden nach der Revolution nur deswegen nicht hingerichtet, weil es Robespierre noch vor ihnen erwischte.

New Yorker (USA), 17.05.2021

In einem Beitrag erkundet Thomas Meaney anhand eines Buches von Tim Harper ("Underground Asia") das Schicksal einiger Aktivisten im asiatischen Raum, die sich nach der Russischen Revolution gegen den Imperialismus aus Europa stemmten. Dazu gehörten beispielsweise Manabendra Nath Roy, ein bengalischer Brahmane, der die Kommunistische Partei Indiens mitbegründet hatte und später während des chinesischen Bürgerkriegs als führender sowjetischer Gesandter in China war. Oder der Indonesier Tan Malaka, der in Holland studiert hatte und fest davon überzeugt war, dass die kommunistische Revolution mehr Chancen in Asien hätte als in Europa - und dabei auch auf das revolutionäre Potential des Islam setzte: "Die Geschichte asiatischer Untergrundbewegungen ist wenig bekannt, weil es für kaum jemand Anreiz gibt, sie zu erzählen. Siegreiche antikolonialistische Nationalisten in Indonesien und Indien mochten ihre Erfolge nicht mit ein paar geisterhaften Gestalten teilen, von denen nicht wenige zu ihren Feinden gehörten. In der Ära der Globalisierung bevorzugen viele Historiker ein Narrativ, in dem der Kolonialismus selbst durch Handel und Weltoffenheit, die er in Asiens Hafenstädte brachte, die Bedingungen für antiimperialistisches Bewusstsein schuf. Andere scheuten die Infragestellung nationaler Revolutionsbewegungen". Aber woher sie auch kamen, "die Mitglieder des asiatischen Undergrounds waren trotzig modern. Sie hingen in Cafés und Kinos herum. Frauen trugen ihre Haare in Dutts und versteckten Bomben in ihren Handtaschen. Schreibmaschinen waren ebenso begehrt wie Pistolen. Harper schreibt, dass die Revolutionäre 'Asien als eine Reihe kleinerer Regionen erlebten, jede mit ihren eigenen Bräuchen, ihrer eigenen Lingua franca und ihrem Geheimwissen'. Aber sie teilten die Überzeugung, dass es kein Zurück zu einem vorkolonialen goldenen Zeitalter gab."

Außerdem: Douglas Preston ist auf den Spuren eines alten Geheimnisses über eine verschollene Gruppe von Skifahrern im Ural. Sheelah Kolhatkar überlegt, ob Apps den Aktienhandel demokratisieren oder nur riskantes Verhalten befördern. Und Jiayang Fan besucht das Disgusting Food Museum in Schweden.
Archiv: New Yorker

La vie des idees (Frankreich), 07.05.2021

Ausführlich unterhält sich Florent Guénard mit der Rechtsprofessorin und Spezialistin für internationales Strafrecht Rafaëlle Maison über den Ruanda-Bericht der Commission Duclert, die auf Weisung Emmanuel Macrons die französische Mitverantwortung am Genozid an den Tutsis untersuchte. Und man muss sagen, dass dieser tausendseitige Bericht nichts beschönigt (obwohl die Autoren laut Maison manchmal ein wenig durch die Blume sprechen). Die Juristin scheut sich nicht von Komplizenschaft zu sprechen, die eine rassistische Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern einschloss. Der Bericht ist laut Maison aber auch schonungslos in der Beschreibung französischer Funktionseliten, wie sie sich in einer absolut gleichgeschalteten, zugleich pompösen wie feigen diplomatischen Hierarchie zeigte. "Die Kommission wirft einen harten, ja erschreckenden Blick auf die Kultur der Verwaltungsspitze und der staatlichen Eliten..., nachdem sie auf dieser Ebene in den Archiven nur auf eine 'winzige Anzahl von Akteuren der französischen Geschichte in Ruanda' gestoßen ist, die 'klare Positionen' vertreten haben. Der Bericht weist darauf hin, dass kritische Äußerungen, die 'als gegen die Interessen Frankreichs gerichtet beurteilt wurden', manchmal zu Sanktionen oder 'Karriereverzicht' geführt haben. Unter den Empfehlungen finden sich auch einige, wenn auch diskrete Empfehlungen, die darauf abzielen, diese Gehorsamskultur (der Begriff wird von der Kommission nicht verwendet) abzubauen."

Magyar Narancs (Ungarn), 11.05.2021

Die junge Regisseurin Zsófia Geréb inszeniert gerade an der Oper Dortmund die Uraufführung der Oper "Persona" des kanadischen Komponisten Thierry Tidrow. Im Gespräch mit Leonóra Mörk spricht sie auch über die Rückkehr der Barockoper: "In der Tat scheint es so, dass Regisseure immer mehr den Barock entdecken. Wahrscheinlich aus dem Grunde, weil die Musik außerordentlich frei und variabel ist, im Gegensatz zum Beispiel zu einer Puccini-Oper, bei der der Komponist wesentlich strenger bestimmte, wann was passieren soll. Barockwerke beschäftigen sich oft mit mythologischen Geschichten, die bei Regisseuren sehr beliebt sind, denn sie können sowohl symbolisch als auch wortwörtlich aufgefasst werden. Die Barockoper kann somit wesentlich einfacher in das Autorentheater integriert werden, während klassische Opern wesentlich exakter erscheinen, oder wenn die Inszenierung extrem ist, dann entfernte sich die Interpretation oft so weit vom eigentlichen Gehalt der Oper, dass sie kaum noch funktionierte." (Hintergrund:  )

Republik (Schweiz), 05.05.2021

Die Mbembe-Debatte ist nicht zuende. Der Kunsthistoriker Jörg Heiser, ehemals Redakteur bei Frieze, positioniert sich in einem sehr ausführlichen Essay auf der postkolonialen Seite, beschönigt die Äußerungen Mbembes aber alles in allem weniger als seine üblichen Anhänger. Wie immer bei den postkolonialen Schulen muss man sich fragen, warum es so wichtig ist, auf der (von niemandem bestrittenen) Möglichkeit des Vergleichs zu bestehen, als sei da was zu holen. Aber Heisers eigentliche Lösung für die Denksportaufgabe, Kontinuität mit dem Kolonialismus und Singularität des Holocaust zugleich zu haben, findet er in der Idee der "Inversion", für die er sich auf die Kulturtheoretikerin Iris Därmann bezieht. Die Denker des Kolonialismus, darunter Aufklärer wie John Locke, hätten die Kolonisierten als das "Andere" schlechthin aufgefasst, als eine Barbarei, die zu unterwerfen sei. Die Denker des Nationalsozialimus hätten sich in totaler Umkehrung selbst zu Barbaren aufschwingen wollen, um die in den Juden verkörperte Zivilisation zu eliminieren. In diesem Bruch liege eine Kontinuität qua Negation. Das Problem ist damit für Heiser gelöst: "Wenn man der These einer nationalsozialistischen Inversion der Kolonialideologie vor diesem Hintergrund mal einen Moment folgt, führt sie geradewegs aus der Sackgasse einer falschen Wahl zwischen 'Kausalität, ergo Relativierung' und 'Singularität'. Denn sie zeigt auf, wie Kolonialismus und Nationalsozialismus untergründig verbunden sind- und der Holocaust dennoch ein singuläres Menschheitsverbrechen bleibt."
Archiv: Republik