Magazinrundschau

Blauer als Flieder

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.08.2020. Die Paris Review erliegt dem speziellen Violett der Blüte des Immergrüns. Osteuropa sieht Polen im Visier von Putins geschichtspolitischem Revisionismus. Der New Yorker sucht nach den Quellen des Coronavirus. Novinky berichtet von einem Historikerstreit in Tschechien. In The Diplomat erzählt eine uigurische Lehrerin von den grauenvollen Zuständen in den Umerziehungslagern in Xinjiang. Die New York Times taucht in die Untiefen der Boogaloo-Bewegung.

Paris Review (USA), 25.08.2020

Die Blüte der Vinca Minor oder des Kleinen Immergrüns. Foto: Wikipedia unter cc-Lizenz
Katy Kelleher hat eine Farbkolumne in der Paris Review. Diesen Monat schreibt sie über eine Farbe, die im Englischen Periwinkle heißt, benannt nach der Blüte der Vinca Minor, des Kleinen Immergrüns. "Vinca ist ein komplexes Pflänzchen, und Periwinkle, benannt nach seinen Blüten, ist eine ebenso komplexe Farbe: Eine Untergruppe von Lila, die eine Untergruppe von Violett ist, bezeichnet Periwinkle einen präzisen Farbton, der etwas heller ist als Lavendel, blauer als Flieder, klarer als Mauve und dunkler als Amethyst. Aber es ist schwer, dies mit Genauigkeit zu sagen, denn die Lilatöne sind seltsam, polarisierend, und die Violetttöne sind es noch mehr. Nur wenige Farbtöne sind betörender und geschmähter als diese Gruppierung, der letzte Stopp auf dem Regenbogen. Dem Gelehrten David Scott Kastan zufolge gibt es Violetttöne innerhalb ihrer eigenen speziellen Kategorie. Violett ist, wie glaucous (ein gräulicher blaugrün-Farbton), ein Farbwort, das eine bestimmte Lichtqualität bezeichnet. 'Violett scheint sich von Lila in welcher Sprache auch immer zu unterscheiden - nicht so sehr als eine andere Farbschattierung als vielmehr als etwas Leuchtenderes: vielleicht ein von innen beleuchtetes Lila', schreibt Kastan in 'On Color', seinem 2018 erschienenen Buch zu diesem Thema. "Violett ist die schimmernde, flüchtige Farbe des Himmels bei Sonnenuntergang, lila die durchsetzungsstarke, substanzielle Farbe kaiserlicher Gewänder". Diese letztere Art von violett-rötlichem, kräftigem, gesättigtem Purpur schmückt die Reichen seit ihrer Entdeckung durch die Phönizier, die lange vor Beginn der gemeinsamen Ära Purpurschnecken für ihre Sekrete melkten. Bekannt als tyrisches Purpur (angeblich für Tyrus, im heutigen Libanon), phönizisches Rot oder kaiserliches Purpur, gibt es sogar einen heroischen Mythos zu seiner 'Entdeckung'. Dem römischen Gelehrten Julius Pollux zufolge war der Hund des Herkules das erste Wesen, das die hübsche Farbe entdeckte, die sich unter den räuberischen, muschelbewohnenden Kreaturen verbirgt (Peter Paul Rubens malte seine Vision dieses Ereignisses in 'Herkules' Hund entdeckt Purpur'). Herkules war auf dem Weg, einer Nymphe namens Tyro den Hof zu machen, und als er zu ihrer Behausung kam, warf sie einen Blick auf den befleckten Hund und bat um ein Kleid in der Farbe seines Mauls. So wurde Herkules der Ruhm zuteil, das Lila von Tyro 'erfunden' zu haben. Die Nymphe wurde später von Poseidon vergewaltigt, wie Ezra Pound in seinen 'Cantos' beschrieb."
Archiv: Paris Review
Stichwörter: Lila, Violett, Purpur, Farben, Libanon

168 ora (Ungarn), 16.08.2020

Der Theaterkritiker Győző Mátyás widmet sich dem Phänomen, bei dem sich die Regierenden und Machthaber zumindest im Inland als Opfer internationaler Verschwörungen sowie deren einheimischer Handlanger darstellen, wie dies neulich bei Attila Vidnyánszky der Fall war, dem Direktor des Nationaltheaters, Vizerektor und Kuratoriumsvorsitzender der zwei in Ungarn existierenden staatlich anerkannten Schauspiel- und Filmkunstuniversitäten sowie Präsident der Ungarischen Theatergesellschaft: "Vidnyánszky bezichtigt einerseits einen bedeutenden Teil der Theaterbranche als Vaterlandsverräter, die Angst schnüren, andererseits zählt er seine eigenen Verletzungen und Verfolgungen auf. Auf das Letztere sollen wir besonders achten, denn es ist ein allgemeines Kennzeichen des politischen Kurses. Es gibt keinen Bereich in der Kultur oder in der Wissenschaft, dessen Institutionen das Regime nicht besetzt oder vernichtet hätte und doch ertönt aus diesen Machtpositionen heraus stets die Stimme der Verletzung, wonach hierzulande die Rechte das unschuldige Opfer der Tyrannei von liberalen, Angst und Schrecken verbreitenden Terrorbrigaden sei. Wir verstehen: Wenn sie wollen (und sie wollen!), können sie Zeitungen schließen (Népszabadság, Origo, Index), sie können eine Universität von internationalem Rang verbannen (CEU), das Netzwerk von Forschungsinstitutionen der Akademie oder die Hochburg der Künstlerausbildung besetzen, und sich dennoch andauernd beklagen. Was lächerlich und ungemein heuchlerisch ist, was aber aus einer Perspektive doch hoffen lässt, denn jene, die sie angeblich unterdrücken verfügen nur noch über eins: ihr Talent. Und damit können sie immer noch die in den Institutionen Thronenden übertreffen."
Archiv: 168 ora

Osteuropa (Deutschland), 24.08.2020

Immer rigoroser drückt Wladimir Putin seine bereinigte Version der sowjetischen Geschichte und des Zweiten Weltkriegs durch. Seit vorigem Herbst steht Polen im Visier seiner geschichtspolitischen Kampagne, deren trauriger Höhepunkt am 23. Januar 2020 die Gedenkfeier in Jerusalem zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz war. Andrej Kolesnikov zeigt auf, wie gründlich Moskau seine antipolnische Offensive in Angriff genommen hatte: "Am 22. August 2019 erschien in der Regierungszeitung Rossijskaja gazeta der Beitrag 'Es gab keinen anderen Ausweg' von Sergej Naryškin, dem Chef des Auslandsgeheimdienstes SVR und Vorsitzenden der Russländischen Historischen Gesellschaft (RIO). Die Kernthese lautete: 'Die weiteren Ereignisse bestätigten, dass eine Weigerung, auf Ribbentrops Vorschläge einzugehen, die militärische und politische Lage der Sowjetunion erheblich verschlechtert hätte.' Einen Tag später wurde eine zweite Salve abgefeuert: In einem Beitrag mit dem Titel 'Ein diplomatischer Triumph der UdSSR' erklärte Kulturminister Wladimir Medinski, bei der Verurteilung des Molotow-Ribbentrop-Pakts durch den Zweiten Kongress der Volksdeputierten der UdSSR im Jahr 1989 habe es sich um eine 'hysterische Verteufelung' gehandelt. Im September 2019 kam es zu einem Skandal: Polens Staatsführung lud Russlands Präsidenten nicht zu der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs nach Warschau ein. Diese Entscheidung war eine echte Fehlkalkulation. Sie provozierte nicht nur eine Welle antipolnischer Stimmungen unter Russlands politischen Eliten, sondern trug zur weiteren Verschärfung der russländischen Geschichtspolitik bei. Ein besseres Geschenk hätte Polen den Vertretern einer isolationistischen Linie in Russlands Establishment nicht machen können. Die Propagandisten einer aggressiven Geschichtspolitik hatten nun ein konkretes Objekt, und jene, die Russland ständig als 'belagerte Festung' in einem hybriden Krieg darstellen, hatten einen konkreten Feind."
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Archiv: Osteuropa

New Yorker (USA), 31.08.2020

Die neue Ausgabe des Magazins befasst sich u.a. mit einer der möglichen Quellen des Coronavirus. War es das Schuppentier?, fragt David Quammen: "Schuppentiere sind leichte Beute für den Menschen. Werden sie angegriffen, rollen sie sich zusammen … Das funktioniert gut gegen Löwen, aber weniger gut, wenn der Angreifer Hände hat. Schuppentiere sind auch leichte Beute für das Coronavirus, daher kommt ihnen eine unerwartete Rolle im Rätsel um die Verbreitung des Virus und seiner Übertragung auf den Menschen zu. Gewebeproben haben gezeigt, dass die Tiere Viren in sich tragen, die COVID-19 sehr ähneln. Kommt eine Population der Tiere als Zwischenwirt infrage, in dem sich ein Fledermaus-Virus so verändern konnte, dass es dem Menschen gefährlich werden konnte? Der Nachweis ist kompliziert, um so mehr, als alle acht Schuppentier-Arten vom Aussterben bedroht sind. Ihre mögliche Rolle in der Corona-Story verleiht ihnen eine seltsame Ambivalenz - gefährdet und möglicherweise gefährlich … Ein erstes Warnsignal gab es bereits am 24. März 2019: Die Rettungsstation für Wildtiere in Guangzhou nahm 21 lebende Sunda-Schuppentier auf. Sie waren in schlechtem Zustand, hatten Hautausschlag und Atemstörungen. 16 von ihnen starben. Die Untersuchung brachte geschwollene Lungen zum Vorschein. Wissenschaftler konnten genetische Spuren des Sendai-Virus und aus der Familie des Coronavirus nachweisen. Allerdings fand die Publikation der Ergebnisse kein großes Echo."

In einem anderen Artikel stellt Alex Ross die Allgegenwart Richard Wagners in der Filmgeschichte fest: "Die Wagnerisierung des Films reicht tief. Indem das Kino Bild, Wort, Musik verbindet, erfüllt es Wagners Vorstellung vom Gesamtkunstwerk. Sein System der figurengebundenen Leitmotive und Themen wurde zum wichtigen Aspekt der Filmusik. Hollywood bediente sich gern bei Wagners Göttern, Helden und Eroberern. Darin spiegelt sich das brüchige Erbe des Komponisten: als Theatervisionär mit Shakespearscher Breite und Tiefe einerseits, als bösartiger Antisemit, der Hitler begeisterte andererseits. Opernfans und Filmemacher sehen Wagner mal als Wunderhorn, mal als Quell des Hasses. Diese Unentschiedenheit spiegelt wieder die mehrdeutige Rolle des Films selbst - als Inkubator von Heldenfantasien, die allen möglichen politischen Zwecken dienen können. Wenn Hollywood über Wagner spricht, spricht es eigentlich über sich selbst."

Weitere Artikel: Evan Osnos fragt, ob Joe Biden wirklich die Demokraten vereinen kann. Jennifer Gonnerman begleitet einen Busfahrer durch einen Arbeitstag in New York. Judith Thurman liest den neuen Roman von Elena Ferrante. Und Anthony Lane sah Michael Almereydas Film "Tesla".
Archiv: New Yorker

Novinky.cz (Tschechien), 21.08.2020

In den letzten Wochen hat sich in Tschechien eine Art Historikerstreit über die Zeit des tschechoslowakischen Kommunismus und besonders der sogenannten "Normalisierung" zwischen 1968 und 1989 entwickelt. Der an der Prager Karlsuniversität lehrende Michal Pullmann und andere Kollegen werden darin als "revisionistische Historiker" bezeichnet, da sie in ihrer Forschung neben den Mächtigen auch die normale Bevölkerung während des Kommunismus stärker in den Fokus nehmen und zum Schluss kommen, dass das Regime in der Gesellschaft eine gewisse Legitimität und Unterstützung fand. Der Politologe Jiří Pehe fasst in einem Kommentar die emotionale Debatte zusammen: "Pullmann und die anderen Historiker streiten nicht ab, dass das Regime repressiv und verbrecherisch war, sie machen jedoch darauf aufmerksam, dass nicht wenige Menschen sich mit ihm arrangierten und etliche zum Beispiel seine Sozialpolitik schätzten. Sie machen darauf aufmerksam, dass es sich um kein klassisch diktatorisches Regime handelte, in dem auf der einen Seite eine Junta der Macht steht und auf der andere Seite der beherrschte Rest der Gesellschaft, sondern dass es durch komplizierte Mechanismen die ganze Gesellschaft durchdrungen hatte, die sich zum größten Teil konform verhielt. Die Kritiker aus dem antikommunistischen Lager lehnen diese Interpretation ab. Ihrer Ansicht nach konnte das Regime nur mittels Angst und Einschüchterung existieren und habe eine eigene Legitimität weder besessen noch generiert. Sie beschuldigen Pullmann und Kollegen der Relativierung des Bösen, das der kommunistische Totalitarismus dargestellt habe." Pehe erinnert jedoch daran, dass die kommunistische Ära kein Monolith gewesen sei, sondern verschiedene Ausformungen gehabt habe - vom stalinistischen Totalitarismus der fünfziger-Jahre über die Liberalisierung der sechziger-Jahre bis hin zur Normalisierung, über die sogar Václav Havel als "posttotalitäres Regime" geschrieben habe. Der größte interpretatorische Knackpunkt sei zudem der Prager Frühling von 1968, in dem man einen "dritten Weg", den Sozialismus mit menschlichem Antlitz, gesucht habe. Insgesamt nimmt Pehe die "revisionistischen Historiker" in Schutz und plädiert für einen genaueren Blick auf die unterschiedlichen Facetten der kommunistischen Ära.
Archiv: Novinky.cz

The Diplomat (USA), 17.08.2020

The Diplomat ist eine außenpolitische Zeitschrift, die auf den asiatischen Raum spezialisiert ist. Ruth Ingram hat für das Magazin die Uigurin Qelbinur Sedik getroffen, die heute in Europa lebt und für die "Dutch Uyghur Human Rights Foundation" (DUHRF) ihre Erfahrungen als zwangsverpflichtete Lehrerin in Lagern in Xinjiang aufgezeichnet hat. Sie erzählt von überbelegten Zellen, Umerziehung, Folter mit Elektroschocks und Zwangssterilsation. Ihr selbst wurde zwangsweise eine Spirale eingesetzt, obwohl sie zu alt ist, um Kinder zu bekommen. Aus ihrem Bericht geht auch hervor, dass auch Uiguren, die es in den Westen geschafft haben, von der chinesischen Regierung scharf überwacht werden. So heißt es über Sedik Tochter, die im Westen studiert: "Zwei Tage nach der Heirat ihrer Tochter wurde Sedik von der Polizei befragt. Ihrer Tochter wurde vorgeworfen, an unerlaubten Demonstrationen teilgenommen zu haben, und man zeigte Sedik ein verbotenes Video auf der Facebook-Seite ihrer Tochter. Sie verlangten, dass ihre Tochter ihnen Informationen über ihr Leben in Europa sandte und wollten ihre Kontaktdaten und die ihrer Universität haben. Wie viele andere uigurische Studenten, die im Ausland leben und von den chinesischen Behörden bedrängt werden, gab auch ihre Tochter nach." Mehr über Sedik auf der Seite der DUHRF.
Archiv: The Diplomat
Stichwörter: Uiguren, Xinjiang, China, Folter

Columbia Journalism Review (USA), 21.08.2020

Dass weithin so positiv über die Bill and Melinda Gates Foundation berichtet wird, liegt nicht allein an ihren Verdiensten, sondern auch an ihren Ausgaben, hat Tim Schwab für eine interessante Recherche herausgefunden. Die Stiftung ist so reich, dass sie praktisch alle, die eine gute Meinung über sie haben sollen, mit Geld versorgen kann. Insgesamt schätzt Schwab, dass die Stiftung in den letzten Jahren 250 Millionen Dollar an Medien und mediennahe Organisationen ausgeschüttet hat. Sehr oft sind Spenden mit der Zweckbindung versehen, dass die Medien über jene Themen berichten, die der Stiftung wichtig sind. Eines von der Stiftung am intensivsten mit Geldern ausgestattete Medium ist der spendenfinanzierte Sender NPR (National Public Radio), der es seinen Stiftern mit intensiven Berichten dankt: "NPR wirft zuweilen auch einen kritischen Blick auf die Gates Foundation. Im letzten September berichtete der Sender über die Entscheidung der Stiftung, dem indischen Premierminister Narendra Modi einen Menschenrechtspreis zu geben, trotz Modis trostloser Bilanz bei Menschenrechten und Meinungsfreiheit (diese Geschichte wurde in vielen Medien gecovert, mal ein schlechter Moment im Leben Gates' in den Nachrichten). Aber am selben Tag erschien die Stiftung in einer anderen NPR-Überschrift: 'Die Gates-Stiftung stellt fest, dass die Welt ihrem Ziel, Armut bis 2030 zu beenden, nicht schnell genug näher kommt.' Diese Story hatte nur zwei Quellen: die Gates-Stiftung und einen Sprecher des 'Center for Global Development', einer von Gates finanzierten NGO. Schwer das Fehlen unabhängiger Quellen zu übersehen. Bill Gates ist der zweitreichste Mann der Welt und könnte leicht als ein Symbol ökonomischer Ungleichheit beschrieben werden, aber NPR macht ihn zu einer Autorität in Fragen der Armut."

The Ringer (USA), 18.08.2020

Ein ziemlich fleißiger Twitterer weist der New York Times seit geraumer Zeit hartnäckig und alles andere als diplomatisch ihre Tipp-, Satzzeichen- und Grammatikfehler sowie Stilblüten nach - sehr zum Missfallen einiger Journalisten und Redakteure dort. Dahinter verbirgt sich ein (auf Anonymität Wert legender) Rechtsanwalt, hat Ben Lindbergh herausgefunden, der den Hobby-Lektor ausführlich zu seinen Beweggründen befragt hat. Daneben geht es vor allem auch um Journalismus der Gegenwart: Dass die Tippfehler in dem Blatt zunehmen, liege auch daran, dass die Zeitung mit Blick auf die Anforderungen eines überlebensfähigen Digitaljournalismus ihr einst beeindruckend umfangreiches, mehrstufiges Lektorat zuletzt radikal zusammengestrichen hat: "Ihren Umsatz-Peak in den Nullerjahren hat die Zeitung seit der Rezession nicht mehr erreicht, während die Umsätze aus dem Printgeschäft sanken und die aus dem digitalen Geschäft stiegen (im zweiten Quartal 2020 verdiente das Blatt erstmals mehr digital als mit Print). Als der Budgetgürtel enger geschnallt werden musste, war das gut besetzte Lektorat ein leichtes Ziel. ... In den letzten Jahren löste Google Facebook als Hauptquelle für Traffic ab. Google belohnt die erste Veröffentlichung zu einem Thema. In einer Breaking-News-Situation raubt ein zusätzlicher Lektürevorgang wertvolle Zeit, was zur Folge haben könnte, dass ein Artikel bei Google News oder in den Suchergebnissen an einer schlechteren Position auftaucht. Das kostet Klicks. ... Oft ist das absolute Minutensache."
Archiv: The Ringer

New York Times (USA), 23.08.2020

Im aktuellen Magazin der New York Times taucht Leah Sottile ab in die Untiefen der Chaos-Agenten der Boogaloo-Bewegung, Rechtsextreme, Militante und allerhand andere Verwirrte, die den Kollaps der amerikanischen Gesellschaft herbeifantasieren: "Die Bedeutung des Begriffs 'Boogaloo' ist vielfältig. Es ist die neueste, jüngste Variante einer regierungskritischen Bewegung aus dem Geist der Internetära, mit all ihren Seltsamkeiten. Der Name kommt von 4chan, die Online-Pinnwand, wo viele Meme das Licht der Welt erblicken, und hat mit dem Breakdance-Film 'Breakin' 2:Electric Boogaloo' zu tun. Der zweite Teil des Filmtitels führt ein langes Nachleben in Foren und sozialen Medien, wo er für die Idee eines Bürgerkriegs steht, quasi als Folgeerscheinung des ersten. Für einige weiße Suprematisten bedeutet er einen Rassenkrieg, für andere eher einen Witz. Aber viele nehmen das Ganze ernst und definieren es als eine Art Katastrophe, angeheizt von allen möglichen Gruppierungen mit regierungskritischen Vorstellungen und einer Vorliebe für Waffen."

In einem anderen Beitrag befasst sich James Verini mit den toten Migranten in der Sonora-Wüste in Arizona: "Da Migranten immer entlegenere Routen durch die Wüste suchen, sterben immer mehr von ihnen. Eine Tatsache, die niemand bestreitet, nicht mal die Grenztruppen. Aber wenn wir diese Toten wie ein Pathologe als langsame Epidemie betrachten, müssen wir die Wüste als annähernde Ursache bezeichnen, nicht als absolute. Es gibt viele absolute Ursachen, die offensichtlichste ist die Bundespolizei. Es wäre leicht, die Regierung Trump dafür verantwortlich zu machen, aber es handelt sich nicht um ein neues Phänomen. Gewalt gegen Einwanderer gab es bereits unter anderen Regierungen und Präsidentschaften."