Magazinrundschau

Think Pink!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.03.2018. Gentlemen's Quarterly riskiert sein Leben in Kiew. Das TLS liest die überraschend instinktsicheren Akten des FBI zu James Baldwin. Der New Yorker erkundet die Grenzen der Meinungsfreiheit bei Reddit. Die ungarischen Magazine betrachten wehmütig den Protest der Slowaken nach dem Mord an Jan Kuciak. Pitchfork feiert das Genre der HipHop-Kritik. Die New York Review of Books erinnert an die Zeit, als homosexuelle Maler im Amerika der Fünfziger die extreme Männlichkeit des Abstrakten Expressionismus brachen.

New York Magazine (USA), 13.03.2018

Der junge Hacker Marcus Hutchins hat zwar die schwere, angeblich von Nordkorea aus durchgeführte WannaCry-Attacke abgewehrt - doch zugleich selbst wegen eines Trojaners, der Bankdaten ausschnüffelt, einigen Dreck am Stecken, erfahren wir aus Reeves Wiedemans Porträt des britischen Computerspezialisten. Kein Wunder: Wer Gutes in diesem Bereich schaffen will, hat äußerst wahrscheinlich selbst keine blütenweiße Vergangenheit. "Hutchins beschreibt sich selbst als introvertiert und pessimistisch ('Eigentlich mag ich Leute nicht sonderlich', meinte er mal trocken). Aber er verfügt auch über die jugendliche Zuversicht, die damit einher geht, dass man über Fähigkeiten verfügt, die weltweit gefragt sind. Seinen eigenen Schätzungen zufolge, gibt es weltweit nur fünf Leute - 'Ich kenne bloß drei, aber fünf klingt runder' -, die sich in seinem Spezialgebiet auskennen. ... Als ein Freund ihm eine Kopie von WannaCry zuspielte und er damit begann, das Programm zu zerlegen, stieß er bald auf eine völlig zufällig anmutende Internetadresse, die bislang noch unregistriert war. Für Hutchins schien es, dass WannaCry diese Adresse regelmäßig anpingte. Wenn er sich diese Adresse schnappte, so dachte er, wäre er vielleicht in der Lage, den Traffic in eine 'Senkgrube' weiterzuleiten. Das würde es ihm gestatten, den Angriff zu überwachen. ... Als er die Domain registrierte, aktivierte er damit, ohne es zu wissen, einen Not-Ausschalter im Programm, der eine weitere Ausbreitung von WannaCry sofort stoppte. ... 'Alle im Netz applaudierten', sagt mir Dan Tentler, einer von Hutchins Freunden. 'Wer hätte auch gedacht, dass man die Welt alleine schon dadurch retten kann, dass man die Malware einfach ausknippst.'"

Times Literary Supplement (UK), 09.03.2018

Nach jahrzehntenlangen Auseinandersetzungen hat das FBI die Akten zu James Baldwin freigegeben, über 1800 Seiten umfasst das Dossier. James Campbell hatte sie für seine 1991 erschienene Baldwin-Biografie (mehr hier) noch nicht lesen können, jetzt hat er sie verschlungen: Denn auch wenn die Überwachung unanständig gewesen sei, waren die Agenten instinktsicher, literarisch versiert und intellektuell hellhörig. Spannend findet Campbell, wie sich Baldwin zunehmend radikalisierte und sich auch den Black Panthers annäherte, die den homosexuellen Autor lange für seine vermeintliche Unmännlichkeit geschmäht hatten, und für seine "beschämende, fanatische, kriecherisch-schleimerische Liebe zu den Weißen". Die Akten resümieren die Treffen Baldwins mit den Führern der Bewegung 1968 in Kalifornien, also Bobby Seale, Stokeley Carmichael, Eldridge Cleaver und Huey P. Newton: "'BOBBY SEALE sagte, wir werden unsere Viertel kontrollieren, und wenn die rassistischen Bullenschweine mit ihren bleichen Käsefressen hier aufkreuzen, dann kriegen sie es mit uns zu tun. BOBBY SEALE kommentierte auch das weiße Herrschaftssystem, das versuche, ihre Führungsriege zu zerschlagen, aber keinen Erfolg haben werde.' Baldwin 'erklärte nur, dass sein nächstes Buch The Fire This Time heißen werde.' Er versprach aber wiederzukommen, was er Ende des Monats tat, bei einem Fundraising für das Student Nonviolent Coordinating Committe (SNCC) in Los Angeles, zu auch Stokely Carmichael gehörte: 'Die schwarzen Frauen des SNCC, die als Hostessen dienten, trugen lange Gewänder in afrikanischem Stil. Etliche junge Männer agierten als Wachleute. Ungefähr 50 Gäste waren auf der Party. Von ihnen waren nur zwölf weiß. JAMES BALDWIN wurde vorgestellt. BALDWIN sagte, er könne es nicht unterstützen, wenn seine schwarzen Brüder die Gewalt auf die Straße trügen. Er könne sie aber auch nicht ermuntern, nur zuzusehen, wenn ein Bruder verletzt oder getötet werde. Er warnte seine Brüder davor, sich in einen Kampf locken zu lassen, der unter den Bedingungen und auf dem Boden des weißen Mannes stattfinde. Er sagte, das könne dazu führen, dass eine ganze Generation von schwarzen Aktivisten ausgelöscht werde… Dann attackierte er das Christentum und den Glauben an Gott. Er nannte Christen Heuchler. Er warf ihnen vor, am Tag in die Kirche zu gehen und in der Nacht zu sündigen. Er sagte, sie seien bigotte Mörder. Er sagte, Weiß und Schwarz befänden sich auf Kollisionskurs."

Elet es Irodalom (Ungarn), 13.03.2018

Die Situation in der Slowakei nach dem Mord an dem Enthüllungsjournalisten Ján Kuciak und seiner Verlobte Martina Kušnírowá beschäftigt die Öffentlichkeit auch in Ungarn. Zumal die ungarisch-slowakische Partei Híd-Most mit dem Vorsitzenden Béla Bugár an der Regierungskoalition in Bratislava beteiligt ist und auf Massendemonstrationen der Rücktritt der slowakischen Regierung gefordert wird. Andererseits beschuldigen die Ministerpräsidenten beider Länder (Fico und Orbán) den ungarisch-amerikanischen Investor George Soros der Inszenierung eines Staatsstreichs in der Slowakei. Der zur ungarischen Minderheit in der Slowakei gehörende Schriftsteller und Redakteur József Gazdag versteht die abwartende Taktik von Béla Bugár nicht: "Ob Híd-Most aus der slowakischen Regierung austritt, wird nun die Sitzung des Parteirates am 12. März entscheiden. Bugár weiß allerdings bereits, dass sein politisches Spiel zu Ende geht. Die Frage ist, ob er es schafft, mit Würde abzutreten. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus, denn Bugár machte mitten in der innenpolitischen Krise wenig staatsmännisch Urlaub auf den Malediven. (…) Der slowakische Präsident Fico hofft indes auf die Straße, als er nach dem Motto alles oder nichts eine neue Zielscheibe hochhielt: György Soros. Der Name Soros war bisher nur auf moskaufreundlichen, Desinformationen und Verschwörungstheorien verbreitenden Portalen zu lesen, nun heißt es: Soros plant einen Staatsputsch in der Slowakei. (…) Hier ist die Slowakei angelangt und es ist unberechenbar, was der Morgen bringt. Sicher ist, dass es zu einem Paradigmenwechsel im politischen Leben kommt- die Frage ist, ob es in die Richtung von westeuropäischen oder eher von byzantinischen Werte geht."
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Magyar Narancs (Ungarn), 10.03.2018

"Gegenwärtig sieht es bei Híd-Most nach Parteibruch aus", meint dagegen Magyar Narancs in seiner Online-Ausgabe. Die Spaltung verlaufe entlang der Híd- und Most-Linie. Genauer gesagt wollen die anerkannten slowakischen Repräsentanten, die von der Fico-Regierung genug haben, aus der Mischpartei austreten. Ihnen missfällt auch, wie der Ministerpräsident den nach dem Kuciak-Mord entstandenen Volkszorn bewältigen sucht, nämlich durch eine Anti-Soros-Kampagne - was die Slowaken offensichtlich weniger ertragen als die Ungarn. Die tonangebenden Repräsentanten des größeren (ungarischen) Teils der Partei würden aber wohl an der Seite von Robert Fico bleiben, denn dies manifestiert sich in Regierungspositionen und in Zündschlüsseln für Limousinen. ... Wenn die laute Mehrheit siegt, kann sie die mit Vertrauensentzug bestrafte Fico-Regierung retten (und gleichzeitig kann sie auch die Soros-Kampagne legalisieren und damit einige Pluspunkte bei der Regierung in Budapest sammeln)."

Der junge Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller, der im Rollstuhl sitzende Ádám Fekete denkt über das ungarische Theater nach und die Bedeutung der Langsamkeit auf der Bühne: "Ich empfand, dass auf der Bühne oft ein als Aktionismus verkleidetes Nicht-Geschehen herrscht. Die Langsamkeit ist interessant. ... Die Theaterhäuser sind oft nicht wagemutig genug, obschon sie sich so betrachten. Alles was Theater ist, ähnelt sich sehr. Die Schauspieler haben keine neue Aufgaben: ich denke nicht an neue Rollen, sondern an vollkommen neue Haltungen, was in einer vollkommen neuen Existenz auf der Bühne münden würde. Es ist sehr lange her, dass ich eine ungarische Inszenierung sah, die mein bisheriges Wissen in Frage stellte oder mein Bewusstsein über Theater erweiterte."

New Yorker (USA), 19.03.2018

In einem sehr schönen Artikel geht Andrew Marantz der Frage nach, wie man im Netz Meinungsfreiheit garantieren kann, ohne den bösen Kräften, Verrückten und Trollen ein Invasionsangebot für den öffentlichen Raum zu machen. Zu diesem Zweck besucht Marantz Reddit, einen berühmt-berüchtigten Social-News-Aggregator, bei dem jeder Links posten und eine Community in sogenannten "Subreddits" um sich scharen kann. Berühmt wurde Reddit, nach Google, YouTube, and Facebook die meistbesuchte Webseite der Welt, vor allem durch Postings, die das Recht auf freie Meinungsäußerung bis zur äußersten Grenze - und darüber hinaus, würden viele sagen - austesten. Ein Beispiel: Der subreddit r/Jailbait (inzwischen gelöscht), auf dem Fotos, die Frauen unter die Röcke, gepostet wurden. Marantz hat einen ungewöhnlich offenen Zugang zu den Mitarbeitern und ihrem Chef, Steve Huffman, was vielleicht mit dazu beiträgt, das sein Porträt unerwartet sympathisch ausfällt. Am Ende, stellt sich heraus, läuft alles auf den common sense der Leute hinaus, die die Postings prüfen:
"Eine Frau mit Kapitänsmütze sagt 'Okay, jemand hat gerade gefragt, wie die Redewendung bring dich um behandelt wird.'
'Kommt immer auf den Kontext an', sagt Ashooh. 'Die Leute werden das bald nicht mehr hören können, aber so ist es.'
'Uff, wir haben eine Sodomitenseite übersehen', sagt die Frau mit Kapitänsmütze. 'SexWithDogs war zwar auf unserer Liste, aber DogSex nicht.'
'Warst du bei DogSex', fragt Ashooh.
'Yep.'
'Und was läuft da?'
'Naja, also ...'
'Haben da Leute Sex mit Hunden?'
'Und wie.'
'Gut, dann lösch es.'
'Ich brauche mehr Käsestangen', sagt die Frau mit der Kapitänsmütze und steht auf. 'Wieviele Käsestangen sind zu viel? Ab wann wird das zu Gewalt gegen meinen eigenen Körper?'
'Kommt auf den Kontext an', sagt Ashooh."

Während sie der iranisch-stämmigen India Mahdavi durch ihr Pariser Atelier, ihre Wohnung und über die Stockholmer Möbelmesse folgt, versteht Lauren Collins, warum die Innenarchitektin mit ihrer Einrichtung des "Sketch" ein Rosa-Revival begründet hat. Das Londoner Restaurant, das am häufigsten auf Instagram zu sehen ist, sei der Beweis für Mahdavis Talent, den gut geschulten Blick ihrer kultivierten Kunden noch schärfer zu stellen, schwärmt Collins: "Das Pink in Sketch wurde als staubiges Pink beschrieben, als Kaugummipink, Babypink und - von einem Reddit-User - als 'in einer Vagina besoffen werden'. Patrick Bay, ein Farbenhistoriker und Autor von 'The Anatomy of Color', sieht es als 'bläuliches Pink', was, so sagt er, oft eine Assoziation mit weiblichen Dingen weckt, mit Lingerie und Bonbons. Laut 'On the External Characters of Minerals', einer grundlegenden Systematik von Farben, die der deutsche Geologe A. G. Werner 1774 veröffentlichte, korrespondiert das von Mahdavi gewählte Pink am ehesten mit Aurora Rot, das man im Gefieder des Buntspechts findet (Tier), in Äpfeln (Gemüse) und gelber Arsenblende (Mineral). Mahdavie bescheibt das Sketch-Pink, das Pantone als Rose Quartz 13-520 führt, als 'Pink, das die Essenz von Pink ist'."

Also, um mit Kay Thompson zu sprechen: Banish the black, burn the blue and bury the beige



Außerdem: Rebecca Mead berichtet von einer Transsexuellen, die ihr Gesicht dem einer Frau angleichen ließ. Sheila Marikar trifft Hollywoods Star-Stylisten Andrew Weitz. Und Lauren Collins besucht die Felder, auf denen die Rosen für Chanel No. 5 gedeihen.

Pitchfork (USA), 12.03.2018

Dean Van Nguyen wirft einen kundigen (und am Ende des Artikels um eine wertvolle Linkliste ergänzten) Blick zurück auf eine Gruppe junger Musikkritiker in den 80ern und 90ern, die das Schreiben über Hip-Hop erfand und zu einer eigenen Form des Journalismus entwickelte, der auf Tuchfühlung mit seinem Gegenstand ging. Ein Pionier ist Greg Tate, der in den frühen 80ern für die Village Voice über Harlem Rap schrieb. "'Es war so, als würde ich Kriegsmeldungen direkt vom Ort des Geschehens schreiben', erinnert sich Tate an die frühen Jahre in New York City. 'Überall kamen Sachen heraus, die Funken schlugen. So was hat man noch nicht gesehen. Das klang wie nichts, was es vorher gab. Es gab viel zu bereden.' Wenn die Arbeit eines gefeierten Musikkritikers wie Lester Bangs vom Sound des Rock'n'Roll informiert war, dann umfassten Tates Wortspiele den Rhythmus und die Würze von HipHop. Er bezog seine Inspiration von Autoren, die er als Botschafter einer 'konversationellen, kreativen Arbeit, die aus der schwarzen Umgangssprache hervorging, verstand', darunter Langston Hughes, Jazzkritiker Amiri Baraka und Pedro Bell, der die Linernotes für Funkadelic verfasste. ... Tates Arbeit bot einer ganzen Generation von Autoren ein Sprungbrett. Von den 80ern bis zum Jahrhundertwechsel befassten sie sich journalistisch mit Rap-Musik und -Kultur. Mit B-Boys, Breakdance und U-Bahn-Sprühern aufgewachsen, verbanden diese Schreiber Ralph Ellison mit Eric, James Baldwin mit Bling, sie schufen Kontext für die HipHop-Generation und deren Innovationskraft."

HVG (Ungarn), 08.03.2018

Der 78-jährige Filmregisseur und Produzent Pál Sándor meldete sich vor kurzem mit dem Kostümfilm "Vándorszínészek" (Wanderschauspieler) zurück. Im Interview mit Ilda G. Tóth spricht er über das Fehlen zeitgenössischer Filme und warum er - zuvor durchaus produktiv - seit der Wende lediglich drei Spielfilme gedreht hat. "Ich kann mich zur Zeit nur durch Überlieferungen mit der Gegenwart beschäftigen. Als ich die Natur der Macht gut kannte, wagte ich es 'heutige' Filme zu machen. Jetzt stehe ich ratlos da. Oft fühle ich mich in meiner Umgebung nicht wohl. (...) Ich bin einen Schritt zurück getreten, weil sich 1989 etwas in unserem Leben ereignet hat. Es dauerte, bis ich bemerkte, wohin es uns verschlug. Vielen ging es so nach der Wende, das ganze Land versuchte sich in diesem vollkommen Neuen zu positionieren. Es hieß: die Freiheit ist hier. Dann stellte es sich heraus, dass die Freiheit ein wenig komplizierter ist als einfach nur hier zu sein."

Gentlemen's Quarterly (USA), 06.03.2018

In Kiew spielen sich derzeit wahre Hollywood-Reißer mit allerdings drastischen Folgen für die Betroffenen ab, versichert uns Joshua Hammer in einer umfangreichen, spannenden Reportage: Wer dort politisch auf einer missliebigen Seiten steht, wird kurzerhand um die Ecke gebracht. "Dem Anschein nach verströmt Kiew den eleganten Charme von Orten wie Prag und Budapest. Doch für einen zahlenmäßig nicht unbedeutenden Teil der Bewohner - etwa russische Emigranten, die es sich mit dem Kreml verscherzt haben, kritische Journalisten oder Politiker, die bedauerlicherweise ihr Gewissen entdeckt haben - bedeutet das Leben in Kiew mitunter eine tägliche Übung in Sachen Angst. Für Leute wie Amina und Adam, die nur knapp einem Attentat entkommen sind, stellt jeder Gang zum Lebensmittelladen, jede Fahrt mit dem Auto, jede Begegnung mit einem Fremden einen Schritt ins Ungewisse dar. Hinter der Fassade slawischer Hochkultur und moderner Raffinesse ist die Stadt für viele etwas Düsteres geworden, als der bloße Anschein in Aussicht stellt: Eine Gangland-Metropole. Allein im letzten Jahr sind im Zuge einer Welle von Bomben- und Schussattentaten ein halbes Dutzend Feinde von Putins Regime entweder ermordet oder schwer verletzt worden - ein Ausbruch von Chaos und Gewalt, der ein unheimliches Leichentuch über die Stadt ausgespannt hat."

New York Review of Books (USA), 13.03.2018

Jason Faragos kurzer Essay über den Maler Jasper Johns ist viel mehr als eine Besprechung einiger Neuerscheinungen und Ausstellungen Johns'. Er denkt zugleich höchst intelligent über Johns' Flaggen nach, die zugleich ein Objekt und ein Bild sind und damit auch eine Loslösung von den Gesten des abstrakten Expressionismus. Er reflektiert die Symbolik dieser Flagge, die auch als Bebilderung des Risses zwischen amerikanischem Traum und Realität des Objekts gesehen werden kann. Und er reflektiert, was das eigentlich heute heißt, im Zeitalter eines tief empfundenen amerikanischen Niedergangs im Zeichen Trumps. Noch wichtiger ist ihm aber, dass Johns mit Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham zu einer Generation homosexueller Künstler gehörte, die zwar kein Coming out zelebrierten - aber das, was Kunst war, neu definierten: "Dies geschah fünfzehn Jahren vor den Homosexuellen-Protesten in New York. Als homosexuell bekannt zu sein, war bereits eine gefährliche Sache, selbst Klatsch konnte einen schon zerstören. In dieser erstickenden Atmosphäre traten Johns und sein Lover (Rauschenberg, d.Red.) als die wichtigsten Künstler ihres Jahrzehnts hervor, Nachfolger der Abstrakten Expressionisten, deren heftige Spritzer und Wunden als Ausdruck extremer Männlichkeit gelesen wurden. Noch 1965 durften die Leser die spitzen Bemerkungen des Kritikers Harald Rosenberg in Esquire lesen, der von einem 'Trend der letzten vier oder fünf Jahre' sprach, der 'Kumpelei von homosexuellen Malern und ihren nichtmalenden Gehilfen in Musik, Schriftstellerei und Museumsarbeit'."