Magazinrundschau

Hausaufgaben für die linke Gehirnhälfte

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.02.2018. Bloomsberg plaudert mit nordkoreanischen Hackern. Wo sind die Autoren aus der Arbeiterklasse, fragt die Schriftstellerin Kit de Waal Im Guardian. Autor Javier Cercas denkt in El Pais Semanal über Kunst und correctness nach. Fotograf Jeff Wall propagiert im Believer das eigene Urteil in der Kunst. Im New York Magazine fragt Quincy Jones: Was kennen diese jungen Musiker eigentlich? In Eurozine hofft der Historiker Ferenc Laczó auf eine Europäisierung des Holocaustgedenkens.

Bloomberg Businessweek (USA), 07.02.2018

In einem Beitrag des Magazins beschreibt Sam Kim die Arbeitsbedingungen der von Nordkorea in alle Welt ausgesandten Programmierer, eine Armee von Devisenbeschaffern des Regimes mit beinharter Agenda. Jong Hyok, einer von ihnen, berichtet: "Anders als ihre Kollegen anderswo, die auf der Suche nach Sicherheitslücken sind, Staatsgeheimnisse stehlen oder einfach Chaos verursachen, sind die nordkoreanischen Hacker nur auf Geld aus, Geld, das Pjöngjang wegen der Sanktionen bitter fehlt. Jong, der in einer nordchinesischen Stadt arbeitet, machte schnell Karriere. Wenn es nichts zu tun gab, hackten sie Spieleseiten, verkauften ihre Informationen, programmierten Bots. Um die Fassade zu wahren, arbeiteten sie an Lernsoftware. Alles in allem recht unglamourös. Jong streitet jegliche Involvierung in kriminelle Machenschaften wie Kreditkartenklau, militärische oder Wirtschaftsspionage ab. Aber er bezweifelt aber nicht, dass es dergleichen gibt. Nordkorea bestreitet seine Beteiligung an Hacker-Aktivitäten und nennt solche Vorwürfe Feindespropaganda. Alle überseeischen Computer-Aktvitäten Nordkoreas beschränkten sich auf die Bewerbung seiner Antiviren-Software auf dem Weltmarkt, heißt es offiziell. Nordkorea arbeitet seit Jahrzehnten an solchen Programmen, SiliVaccine etwa. Mit Red Star hat es auch ein eigenes Betriebssystem entwickelt, das allerdings eine erstaunliche Ähnlichkeit mit MacOs hat." Erwartungsgemäß sollen die Sicherheitseinstellungen des Betriebssystems auch recht schräg sein.

Weiteres: Michael Lewis begibt sich in der Hoffnung auf einen journalistischen Coup nach Washington, gibt bald jedoch auf, entmutigt von den vielen professionellen Reportern im Weißen Haus, und amüsiert sich mit den Outlaws um Steve Bannon.

Guardian (UK), 12.02.2018

Die Verlagswelt ist zu einer Branche der gehobenen Mittelklasse geworden, die vor allem den Geschmack und die Interessen dieser Klasse bedient, stellt die Schriftstellerin Kit de Waal fest, die selbst als in Birmingham aufgewachsene irisch-karibische Tochter von Zeugen Jehovas nicht gerade privilegiert aufgewachsen ist. In Britannien kommen nur noch zehn Prozent der Schriftsteller und Übersetzer aus der Arbeiterklasse, obwohl wir ihr so grandiose Werke verdanken wie DH Lawrences "Sons and Lovers", Alan Sillitoes "Saturday Night and Sunday Morning" oder Irvine Welshs "Trainspotting". Selbst diese Bücher "zeigen nur einen kleinen Teil der tiefen und vielfältigen Erfahrungen der Arbeiterklasse, der außerdem meist für den urbanen Mittelklasse-Leser zurechtgeschnitten ist. Als ich veröffentlicht werden wollte, merkte ich sehr schnell, dass jeder, der im Verlagsgeschäft etwas bedeutete, etliche Stunden Autofahrt entfernt war. Ich kaufte mir das 'Autoren- und Künstlerjahrbuch', um einen Agenten zu finden: London. Ich stieß auf die Lesung eines meiner Lieblingsautoren: wieder London. Wie wichtig die Stadt für jemanden ist, der veröffentlicht werden will, ist bekannt. Jüngste Untersuchungen der London Scool of Economics zeigen, dass die Konzentration der kreativen Geschäfts in der Hauptstadt die Ungleichheiten im Kultur-Personal verstärkt, und damit auch die Kluft in der literarischen Repräsentation."

Weiteres: Andrew Rice erzählt vom erbitterten Streit um den Bau einer Moschee in New Jersey. Liza Featherstone enthüllt, dass sich Marktforschung nicht einmal bei Fokusgruppen für die wahren Wünsche der Menschen interessiert.
Archiv: Guardian

El Pais Semanal (Spanien), 11.02.2018

Der spanische Autor Javier Cercas erinnert an eine grundlegende Tatsache im Verhältnis von Kunst und correctness: "Zu den ersten Pflichten eines Schriftstellers gehört es, beim Schreiben seine Überzeugungen beiseite zu lassen, sie unter Quarantäne zu stellen, aufzuhören zu urteilen; nur so kann er hoffen, wirklich lebendige Werke hervorzubringen, mit deren Hilfe sich die labyrinthische Komplexität unseres Daseins verstehen lässt. Verstehen - es ist peinlich, das immer wieder sagen zu müssen - heißt nicht entschuldigen. Verstehen heißt, sich die nötigen Werkzeuge zu beschaffen, um nicht immer wieder die gleichen Fehler zu begehen. Ich glaube nicht an den modernen oder vielmehr postmodernen Aberglauben, demzufolge Kunst nutzlos ist, zweckfrei. Natürlich ist die Kunst nützlich, aber nur dann, wenn sie sich nicht vornimmt, nützlich zu sein. Kunst, die nützlich sein will, wird Propaganda oder Pädagogik und ist keine Kunst mehr. Genau das passiert, wenn der Künstler, statt hartnäckig und mutig zu versuchen zu verstehen, so feige und bequem ist, Partei zu ergreifen und zu urteilen. In seinem Leben darf ein Künstler Partei ergreifen, in seinem Werk darf er das gerade nicht."
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Elet es Irodalom (Ungarn), 09.02.2018

Nach bekannt gewordenen Plänen will die Orban-Regierung nach dem - als sicher vorausgesetzten - Wahlsieg bei den Parlamentswahlen im April eine Medienkammer etablieren. Dem historisch stark belasteten Konzept nach soll eine Mitgliedschaft zwar nicht verpflichtend sein, jedoch soll die Kammer als "Qualitätssiegel" fungieren. Demnach sollen bei "landesweit" tätigen Medien nur Kammermitglieder arbeiten dürfen, staatliche Werbeaufträge dürften nur an "landesweit" tätigen Medien vergeben werden. Für die Soziologin Mária Vásárhelyi würde die Pressefreiheit damit quasi ausgesetzt: "Die Presse hatte lediglich einige wenige freie Jahre kurz vor und nach der Wende, als weder Politik noch Wirtschaft den Medienmarkt für sich beanspruchten. Den informellen politischen Druck gegenüber Journalisten gaben dann Eigentümer und Chefredakteure weiter. Die Medienkammer ist jedoch qualitativ noch einmal etwas anderes. Scheinbar würde sie als Zunfts- und Interessensvertretung funktionieren, die Journalisten Schutz bietet vor ausbeuterischen ausländischen Medienunternehmen, tatsächlich wird sie aber den letzten Funken des freien journalistischen Schaffens auslöschen."

Believer (USA), 13.02.2018

Trotz mancher kunstgeschichtlicher Anspielungen in seinen Werken ist der Fotograf Jeff Wall überzeugt, dass jeder Mensch Kunst genießen kann - und zwar durch individuelle Beurteilung, ungeachtet, wie bewandert er auf diesem Gebiet ist. "In der Kunst geht es immer um das eigene Urteil", meint er im Interview mit Greg Buium und warnt davor, vor langer Zeit gefällte Urteile über "gute Kunstwerke" kritiklos zu übernehmen. "In diesem Sinne kann ein Betrachter eines Matisse-Werkes, der unmittelbar denkt: 'Oh, das ist ein großartiges Matisse', das Werk gar nicht selbst erfahren, weil er kein eigenes Urteil wagt. Er wird es nie kennen - dazu müsste er es selbst auf ein Neues beurteilen; bei jeder neuen Betrachtung musst du erneut darüber urteilen, was das Werk für dich persönlich bedeutet, erst dann erlebst du es wirklich. Tust du das nicht, erlebst du es nicht. Auch wenn eine Debatte - wie bei Matisse - 'offiziell' für beendet gilt, für ein Individuum ist sie niemals vorbei."
Archiv: Believer
Stichwörter: Wall, Jeff, Kunstkritik

New York Magazine (USA), 06.02.2018

David Marcheses großes Interview mit Quincy Jones hatten wir zwar schon kurz im Efeu erwähnt, doch es ist einfach viel zu reichhaltig, um nicht noch einmal gezielt darauf hinzuweisen. Die Anekdoten, dass Marlon Brando und Richard Pryor ein (mittlerweile bestätigtes und dementiertes) Verhältnis hatten, sind vom Boulevard hinreichend aufgebauscht worden, ebenso Jones' Ansicht, dass Michael Jackson eine ziemlich diebische Elster war, wenn es um musikalische Inspiration ging. Schön ist aber auch, wie Jones die Produzenten der Gegenwart abwatscht, die sich nicht für das Handwerk der Musik interessierten. John Coltrane etwa, erinnert er sich, lernte 12-Ton-Musik aus Nicolas Slonimskys Buch "Thesaurus of Scales and Melodic Patterns", in dem er bei jeder Gelegenheit las: "Die heutigen Musiker bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück, weil sie ihre Hausaufgaben für ihre linke Gehirnhälfte nicht gemacht haben. Musik ist Gefühl und Wissenschaft. Gefühl muss man nicht trainieren, das kommt von selbst. Aber mit der Technik verhält es sich anders. Wenn Du Deine Finger auf dem Piano nicht zwischen drei und vier und sieben und acht kriegst, dann kannst du nicht spielen. Ohne Technik kommt man einfach nicht sehr weit. Mann, die Leute beschränken sich musikalisch. Kennen sie überhaupt Tango? Macumba? Yoruba? Samba? Bossanova? Salsa? Cha-Cha?"

Splitsider (USA), 06.02.2018

In einem Interview mit Sarah Aswell erklärt der Gründer der "comedy writing app" Pitch, Matt Klinman, wie Facebook die digitale Comedy-Community und deren beliebteste Seiten wie Funny or Die oder Cracked.com zerstört und was sich dagegen tun lässt: "Als Verleger teilst du Inhalte, auf die du stolz bist, auf Facebook, dann übernehmen intransparente Algorithmen und du selbst gehst leer aus. Etwa, als würde die digitale Leserschaft der New York Times den Zeitungsjungen für jeden einzelnen Artikel extra bezahlen müssen. Als Künstler denkst du dann, es ist deine Schuld, wenn deine Arbeit nicht ankommt, aber so ist es nicht. Jemand kann etwas echt Tolles erschaffen, und irgendein Algorithmus sortiert es aus, weil es nicht zu Facebook passt. Was gut ist, was nicht, lässt sich nicht mehr bestimmen. Facebook ist super als privater Speicher, aber nicht als Verleger. Facebook versteckt sich hinter einer gigantischen Maschinerie, doch was dort getan wird, ist eigentlich sehr menschlich. Anderen Menschen Empfehlungen zu geben, ist eine sehr persönliche Sache. Dafür gibt es exzellente Leute, Kritiker, Blogger. Für all diese Autoren ist es nicht profitabel, ihre Inhalte einem Algorithmus zu überlassen, besonders keinem, der auf Müll spezialisiert ist … Gute Inhalte zu verlinken, wäre eine Lösung. Das brächte die Leute zurück auf ganz normale Websites, The Onion oder Funny or Die etwa. Heute tippen wir Facebook ein oder Twitter und konsumieren den Feed, den man uns auftischt. Eine andere Möglichkeit wäre die, für qualitative Arbeit zu bezahlen."
Archiv: Splitsider

Eurozine (Österreich), 13.02.2018

In Eurozine blickt der Historiker Ferenc Laczó auf die europäische Geschichte vor und während des Zweiten Weltkriegs zurück und plädiert für eine offenere Diskussion um die Teilschuld der osteuropäischen Staaten am Holocaust. Seit 1989 ist der Zugriff auf osteuropäische Archive und damit eine breitere europäische Sicht auf die nationalsozialistischen Verbrechen möglich, doch über die eigene Beteiligung an der Judenvernichtung etwa in Rumänien, Slowakien, Kroatien, Ungarn, Litauen oder Polen wird ungern gesprochen: "Es mag wie Haarspalterei klingen, aber ich bin überzeugt, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn die 'absolute Verantwortung' der Deutschen und die 'Teilverantwortung' anderer Staaten durch eine weniger kategorische und hierarchische Perspektive ersetzt würde, die die deutsche Hauptverantwortung und die direkte Mitverantwortlichkeit der verschiedenen kooperierenden Staaten und Gesellschaften gleichermaßen betont. Meiner Ansicht nach kann diese subtile Veränderung einen wichtigen Schritt in der Europäisierung des Holocaustgedenkens bedeuten. Derzeit ist aber weder Deutschland, noch einer der anderen großen Akteure dazu bereit, so einen Wandel voranzutreiben."
Archiv: Eurozine

La vie des idees (Frankreich), 05.02.2018

Sicherlich höchst interessant vor dem Hintergrund postkolonialer Debatten liest sich James McDougalls "A History of Algeria", die gerade in der Cambridge University Press erschienen ist und von  Arthur Asseraf besprochen wird. Zwei Mythen zerstöre McDougall in seinem Kapitel über den Algerienkrieg: "Einerseits die tragische Vision des Kriegs, die ihn als eine Abfolge 'verpasster Gelegenheiten' betrachtet, die Algerier in Frankreich zu integrieren, andererseits eine heroische Vision, die den FLN als einzigen und unausweichlichen Akteur eines kolonialen Systems sehen will, das nur auf eine einzige Weise zugrunde gehen konnte. Hier zeigt die Geschichte der Befreiungsfront gespaltene Akteure, die vielen inneren Widersprüchen ausgesetzt sind, sie allerdings um eines externen Ziels willen überwinden kann."
Stichwörter: Algerien, Algerienkrieg

Wired (USA), 13.02.2018

Als Drama von historischem Ausmaß schildern Nicholas Thompson und Fred Vogelstein in einem Wahnsinnsreport die letzten zwei Jahre bei Facebook, die mit Fake News, Agitatoren und Manipulationen aller Art nicht nur das Unternehmen erschütterten, sondern eigentlich die Welt. Seinen Anfang nahm das große Beben mit Meldungen bei Gizmodo, nach denen Facebooks Trending Topics politisch gefärbt seien, was Amerikas Rechte Sturm laufen ließ. Dabei muss Facebook um alles in der Welt das Dogma hochhalten, kein Medium zu sein, sonst würde es für Inhalte in Haftung genommen werden: "Facebook beschloss, dass es Amerikas rechtem Flügel, der gegen die angebliche Perfidie des Konzerns wütete, einen Olivenzweig reichen musste. Eine Woche nach der Meldung, beeilte sich Facebook eine Gruppe von siebzehn prominenten Republikanern nach Menlo Park einzuladen. Facebook wollte Feedback bekommen, aber vor allem wollte es Reue für seine Sünden demonstrieren, das Hemd hochziehen und um die Peitsche bitten. Laut einem Mitarbeiter von Facebook, der an den Vorbereitungen beteiligt war, war das Ziel, eine Gruppe von Konservativen zusammenzustellen, die sich untereinander nicht einig waren. Es sollten Befürworter und Gegner einer Regulierung dabei sein. Ein weiteres Ziel war laut diesem Mitarbeiter, dafür zu sorgen, dass sich alle Beteiligten zu Tode langweilten - und zwar nach der Begrüßung durch Zuckerberg und Sandberg durch eine technische Präsentation. Doch der Strom fiel aus, im Raum wurde es unerträglich heiß. In anderer Hinsicht verlief das Treffen allerdings nach Plan. Die Eingeladenen stritten untereinander und konnten sich auf keinen kohärenten oder bedrohlichen Plan einigen. Einige forderten, mehr konservative Mitarbeiter einzustellen, andere hielten diese Idee für bescheuert. Und wie meist, wenn sich Außenstehende mit Facebook treffen, nutzten die Leute die Zeit, um herauszufinden, wie man mehr Follower für die eigenen Seiten bekommt. Nach dem Treffen lobte Glenn Beck in einem Essay Zuckerberg in den Himmel: 'Ich fragte ihn, ob Facebook eine offene Plattform sei und auch in Zukunft sein werde, die allen Ideen und Kuratoren offenstehe', schrieb Beck. 'Ohne zu zögern, klar und deutlich sagte Mark, es gebe nur ein Facebook und einen Weg nach vorn: 'Wir sind eine offene Plattform.'"
Archiv: Wired