Magazinrundschau

Paradigma toppt Syntagma

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
30.01.2018. Der Believer sucht auf Haiti mit Voodoo den guten Gott Bondye. HVG denkt über die Tücken einer staatlichen Künstlerrente nach. In der NYRB möchte Kenan Malik lieber über das britische Empire diskutieren, als die 43 Prozent der Briten zu ignorieren, die es heute noch für eine gute Sache halten. In El Pais Semanal möchte Filmemacherin Isabel Coixet lieber stark als "empowert" sein. Die Popzeitschrift feiert das hinreißend Ambitionslose von Fernsehserien aus den 70ern.  La vie des idees nimmt die Krisenhändler im Kulturbereich aufs Korn.

Believer (USA), 30.01.2018

Susana Ferreira lebte 2010 bis 2014 auf Haiti. In der aktuellen Ausgabe des Magazins schreibt sie über Religion in der Republik Haiti. Zwar gelten rund 80 Prozent der Haitianer als römisch-katholisch, aber 75 Prozent der Bevölkerung praktizieren Voodoo-Rituale: "Kolumbus brachte den Haitianern das Christentum. Nachdem er mit der Santa Maria hier anlandete, zwangsbekehrten spanische und französische Kolonialisten die entführten und versklavten Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks und etablierten den Katholizismus so nachhaltig, dass er lange bis nach Napoleons Sturz die dominante Religion blieb. Aber der Glaube, den die Menschen von Afrika nach Haiti gebracht hatten, wirkte im Verborgenen weiter, verkleidet als Theater und als katholischer Gottesdienst. Aus der Vermischung der alten Geister vom Mutterkontinent mit neuen, von den indigenen Tainos adaptierten Ideen sowie weiteren, die die Sklaverei hervorbrachte, wurde Voodoo. Über diesen Geistern, erreichbar für den Menschen nur durch ihre Vermittlung, so geht der Voodoo-Glaube, thront der einzige ferne Schöpfer: der gute Gott Bondye. Es war dieser Bondye, zu dem die versklavten Afrikaner und Kreolen für ihre Befreiung beteten."
Archiv: Believer

HVG (Ungarn), 20.01.2018

Ab März wird die von der Orban-Regierung gegründete Ungarische Kunstakademie (MMA) die Auszahlung einer monatlichen Künstlerrente vornehmen. Das umstrittene Institut soll die Anträge nicht überprüfen, für die Zusatzrente sollen in diversen Bereichen vergebene staatliche Auszeichnungen mittleren Grades ausschlaggebend sein. Die sofort entbrannte Debatte thematisierte zunächst ob überhaupt etwas von der MMA akzeptiert werden dürfe, denn mit diesem Schritt wäre sie gänzlich legitimiert. Auf der anderen Seite ist die Altersversorgung von Künstlern seit Jahrzehnten ungelöst. Péter Hamvay schreibt dazu: "Die Frage der Künstlerrenten war bereits vor der Wende ein problematisches Thema: Im Sozialismus waren die meisten Künstler nicht angestellt, sie lebten von ihren übersichtlichen Honoraren und erhielten aus einem staatlichen Fond eine sehr bescheidene Versorgung. Nach der Wende waren sie meist als Kleinunternehmer - oder wie es damals hieß Zwangsunternehmer - tätig. Die monatliche Künstlerrente ist eine logische Konsequenz des fragwürdigen staatlichen Anerkennungssystems - ob man es als die Anerkennung der Besten bezeichnet, als politisches Druckmittel auffasst oder als Honorarsystem für regimetreue Dienste ansieht. Jedenfalls ist ersichtlich, dass die Regierung wesentlich mehr für alte und namhafte Künstler ausgibt als für die ideologielose Unterstützung der jungen und mittleren Künstlergenerationen."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Künstlerrente

New York Review of Books (USA), 26.01.2018

In Großbritannien tobt eine Kontroverse über die Frage, ob der britische Kolonialismus all den bedauernswerten Eingeborenen nicht doch viel Gutes gebracht habe. Ausgelöst wurde sie durch einen Text des Politologen Bruce Gilley unter dem Titel "The Case for Colonialism" in der Third World Quarterly (hier als pdf-Dokument) und durch einen Artikel des britischen Theologen Nigel Biggar in der Londoner Times. Kenan Malik nimmt deren Argumente im Blog der NYRB auseinander und kommt auf die Sklaverei und die vielen grausamen Kriege auch des britischen Kolonialismus zu sprechen. Dennoch plädiert er dafür, diese Debatte auch an den Unis zuzulassen, statt - wie viele offene Briefe es verlangten - die Debatte und deren Protagonisten an den Unis auszuschließen: "Der Rat, 'eher zu widerlegen als zu verbieten' ist um so wichtiger, weil der Kolonialismus nicht nur das akademische Leben, sondern eine viel weitere politische Kultur betrifft. Nach einer Meinungsumfrage denken 43 Prozent der Briten, dass das British Empire eine 'gute Sache' war und 44 Prozent, dass man auf den britische Kolonialismus stolz sein könne (verglichen zu 19 Prozent, die das Empire für schlecht halten und 21 Prozent, die den Kolonialismus 'bedauern'). Andere Umfragen haben eine noch größere Zustimmung zum britischen Kolonialismus ergeben. Diese Unterstützung zeigt zumindest teilweise das Fehlen einer großen und ernsthaften Debatte zum Thema. Vor diesem Hintergrund sollten die Argumente Gilleys und Biggars am besten als Anlass zu einer Debatte gesehen werden."
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El Pais Semanal (Spanien), 27.01.2018

"Ich hasse das Wort 'empowerment'." Die von den Separatisten ihres Heimatlands schwer angefeindete katalanische Filmemacherin Isabel Coixet (s. a. hier), Mitglied der Berlinale-Jury 2009, spricht im Interview mit Anatxu Zabalbeascoa über ihren neuen, 2017 mit dem Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Literaturverfilmung ausgezeichneten und für den spanischen Goya-Preis nominierten Film "La librería" (Der Buchladen): "Warum kommen in von Männern gedrehten Filmen so selten aktive und lustige Frauen vor? - Männliche Regisseure denken einfach nicht an so was. In von Frauen gedrehten Filmen macht immer auch mal jemand sein Bett, bei männlichen Regisseuren gibt es das nicht. Das tägliche Leben sehen sie nicht. Das, was wir neben unserer Arbeit noch so alles machen, entgeht ihnen - die Kinder zum Zahnarzt bringen, das Essen kochen... In jedem Fall ist eine starke Frau einfach eine starke Frau - wer ihre Stärke als das Ergebnis von Ermächtigungsstrategien darstellt, zeigt, dass er nicht wirklich an diese Stärke glaubt, als wäre sie bloß gespielt."
Stichwörter: Isabel Coixet

Eurozine (Österreich), 30.01.2018

Eurozine hat die Stimmen von vier Frauen zur #metoo-Kampagne in ihren Ländern gesammelt: Ann Ighe berichtet aus Schweden, Réka Kinga Papp schreibt über Ungarn, Slavenka Drakulić schildert die Situation von Frauen in Osteuropa und die amerikanische Historikerin Claire Potter erinnert daran, wie lange die Diskussion in den USA schon geführt wird, wieviele Maßnahmen ergriffen wurden, die am Ende wenig Erfolg hatten. Vielleicht, meint sie, sollte man sich nicht auf den Sex konzentrieren, sondern auf Machtmissbrauch. Denn die Konzentration auf Sex führt oft zu Regeln, die dem Variantenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen nicht gerecht werden (in ihrem Fachbereich etwa, so Potter, sollen die Leute keine sexuellen Beziehungen mit Untergebenen haben, "aber sie haben sie andauernd"). Für Potter hat die Schauspielerin Lupita Nyong'o das Problem in ihrem NYT-Artikel über Harvey Weinstein am besten erklärt: "Nyong'o beschreibt, wie sie sozial und manchmal physisch von Weinstein eingekesselt wurde. Sie setzte dann entweder Grenzen oder verwischte sie, wenn es nötig war. Aber, erklärt sie, in den darstellenden Künsten 'ist das Intime oft professionell, darum sind die Grenzen verwischt'. Wenn Grenzen verwischt sind, dann wundert es nicht, wenn das Aufstellen von Regeln und die Erwartung, dass alle sich dran halten, versagt. Sollten wir statt dessen nicht eher überlegen, wie wir uns in diesen Grenzbereichen ethisch bewegen? Könnten wir nicht mehr lernen über die Machtungleichgewichte an unseren Arbeitsplätzen, die einige Menschen so verletzlich machen und andere verschonen?"
Archiv: Eurozine

Miami Herald (USA), 24.01.2018

Im Miami Herald berichten Jay Weaver, Nicholas Nehamas und Kyra Gurney von den illegalen Goldminen Lateinamerikas, von den  Abnehmern des Edelmetalls in den USA und den katastrophalen Folgen für Mensch und Natur: "Die Juwelen- und die Elektronikindustrie der USA sind abhängig von diesem Gold. Die Menge, die über Miami in die USA gelangt, entspricht rund zwei Prozent des Marktwertes der Goldreserven in Fort Knox. Ein Großteil dieses Goldes kommt aus illegalen Minen im Regenwald, wo mit giftigen Chemikalien gearbeitet wird. Die Schäden an Mensch und Umwelt sind vergleichbar mit denen von Afrikas Blood Diamonds, heißt es … Für die Verantwortlichen sind die Suche und der Handel mit Gold eine lukrative Einnahmenquelle, sorgfältig verborgen vor den amerikanischen Konsumenten, die den Goldschmuck tragen, ohne über die Hintergründe Bescheid zu wissen. Der Markt ist stark, Amerikas Abhängigkeit von dem Metall ist so unersättlich wie das Verlangen nach Kokain. Die illegalen Minen versorgen Hersteller wie Apple oder Tiffany & Co. … Unterdessen verwandelt der Raubbau unter Verwendung von Quecksilber das weltweit vielfältigste Ökosystem in eine Mondlandschaft. 2016 rief Peru für das Gebiet der Madre de Dios wegen Quecksilberverseuchung den Notstand aus. Vier von fünf Erwachsenen in der Region leiden unter Vergiftungserscheinungen."
Archiv: Miami Herald
Stichwörter: Goldminen

Magyar Narancs (Ungarn), 11.01.2018

Im kommenden April wird es Parlamentswahlen in Ungarn geben. Kaum jemand räumt der Opposition realistische Chancen auf einen Wahlsieg ein. Basierend auf den Erfahrungen mit dem Orbán-Regime in den vergangenen acht Jahren, überlegt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, was das bedeutet: "Ganz Europa - lassen wir jetzt den Rest - ist in einem erschreckenden Zustand, doch das Verderben Ungarns ergreift unsere patriotischen Herzen. Das Entstehen und die Festigung des Orbán-Regimes ist eine historische Tragödie. Es wird von sehr vielen unterstützt und ohne diese Tatsache wäre diese Wende gar nicht tragisch. Unsere Gesellschaft lässt sich lustlos und passiv (eine bedeutende Minderheit gar mit aktiver Übereinstimmung) von dieser widerlichen und chaotischen Macht unterdrücken, was für die Mittelschicht existentielle Unsicherheit und Bitterkeit bringt, für die ungarischen Armen das Ableben. Je länger es dauert, desto schlechter wird es allen gehen."

Aktualne (Tschechien), 27.01.2018

Die Anti-Flüchtlings-Meinungsmache hat gewonnen: In Tschechien hat sich am Samstag der amtierende Staatspräsident und populistische Euroskeptiker Miloš Zeman in der Stichwahl gegen seinen Widersacher Jiří Drahoš durchgesetzt - aber doch so knapp, dass man sagen kann: Das Land ist gespalten. Während die Journalistin Sylvie Lauder in Respekt beschreibt, wie der politische Riss quer durch Familien geht (indem er meist die ältere und die jüngere Generation entzweit), erkennt der ehemalige Dissident und Ex-Premier Petr Pithart - hier im Video-Interview - ein gravierendes "gegenseitiges Unverständnis", eine sich "weiter vergrößernde Kluft" zwischen den Wählern vom Land und den "Pragern". (Nicht von ungefähr lautet das Schimpfwort der Populisten für großstädtische Intellektuelle "Pražská kavárna" - "Prager Kaffeehaus".) Nach Meinung Pitharts benötigt das Land dringend eine strukturelle Dezentralisierung, damit sich die Menschen in der Provinz nicht abgehängt fühlen. Zeman habe nun zwei Möglichkeiten: Entweder seine Haltung werde noch extremer, weil er in seiner letzten Amtszeit nichts mehr zu verlieren habe, oder aber (so Pitharts schwache Hoffnung), Zeman werde im Gegenteil "gemäßigter", da er es nun nach erfolgreicher Wiederwahl nicht mehr nötig habe, den Populisten zu geben.
Archiv: Aktualne
Stichwörter: Tschechien, Milos Zeman

Pop-Zeitschrift (Deutschland), 25.01.2018

Alle schauen nur noch Qualitätsfernsehen: Stets muss es sich dabei mindestens um "das neue Kino" handeln oder muss das Werk "Romanqualitäten" irgendwo zwischen Balzac und Dickens aufweisen. Wo bleibt bei diesen Distinktionsbedürfnissen das Populäre, das hinreißend Ambitionslose, der sinnliche Genuss des hemmungslos Oberflächlichen? In der (akademisch geprägten) Pop-Zeitschrift setzt Maren Lickhardt in einer sehr schönen Detailanalyse zur Ehrenrettung des kulturell unter-ambitionierten Fernsehens anhand des 70s-Klassikers "Die 2" mit Tony Curtis und Roger Moore an - hierzulande vor allem auch bekannt geworden durch die "Schnodderdeutsch"-Synchronisation aus der Rainer-Brandt-Manufaktur. Bei den beiden Hauptfiguren handelt es sich "bei allen Unterschieden um Pop-Dandys. Sie kleiden sich maßlos und gleichzeitig maßvoll gut nach der gängigen Mode. ... Beide Männer haben in vielen Szenen die Funktion von Kleiderständern. Natürlich stellen sie bisweilen auch ihre sportlichen Oberkörper aus, aber im Wesentlichen sehen wir Anzüge, Hemden, Lederjacken, Sonnenbrillen, Handschuhe usw. usf. ... Dass Bilder um ihrer selbst willen gereiht werden und aus dem Syntagma gelöst werden können, macht einen wesentlichen Aspekt der Ästhetik der Serie aus. Zusammen mit der Musik erinnern die Einstellungen außerdem an die Gestaltung von Plattencovern. Hier konvergieren Musik, Tanz, Mode, Dekor und das Verfahren der Kompilation zu Pop. ... Es handelt sich um einen reizvollen ästhetischen Komplex, für den gilt: Sinnlichkeit toppt Sinn, Paradigma toppt Syntagma, Sentenz toppt Narration. Und es zeigt sich, dass Komplexität bei Fernsehserien nicht immer auf der narrativen Ebene festgemacht werden muss."

Hier ein kleiner Vergleich zwischen dem englischen Original und der deutschen Verschnodderung:


La vie des idees (Frankreich), 26.01.2018

Nicolas Appelt stellt mehrere Projekte mit syrischen Künstlern vor, die derzeit gezwungenermaßen im Exil arbeiten müssen. Ihre Arbeiten - in Beirut oder Berlin unterstützt vom deutschen Goethe-Institut - erzählen vom Krieg und befinden sich sichtlich in einer Neuausrichtung. Neben vielen positiven birgt das aber auch negative oder doch zumindest kritische Aspekte. "Die Werke syrischer Künstler laufen Gefahr, in erster Linie unter dem Fokus des Exils begriffen zu werden - zu Lasten der Reflexion ihrer Urheber über Syrien ... Nach Erfahrungen des derzeit in Paris lebenden Künstlers Omar Ibrahim und seiner Kollegen besteht darüber hinaus die Versuchung, die 'herrschende Nachfrage bedienen' zu wollen, die durch 'Krisenhändler' noch befeuert wird, welche darauf aus sind, 'die schmerzhafte Erfahrung eines Künstlers und eines Landes in Umlauf zu bringen'. Nach seiner Auffassung zählt in diesem Wettbewerbskontext, indem das Marketing für die Förderung der Künstler eine wichtige Rolle spielt, der tatsächliche Wert ihrer Arbeit kaum etwas."
Stichwörter: Syrische Künstler

New York Times (USA), 26.01.2018

Im Magazin der New York Times berichtet Ronen Bergman, wie die Israelis Arafat nach dem Leben trachteten - und wie der ihnen immer wieder entwischte: "Als Reporter in Israel habe ich Hunderte Geheimdienstmitarbeiter und Angestellte des Verteidigungsministeriums gesprochen und Tausende geheime Dokumente gelesen, die eine verborgene Geschichte erzählen, die sogar für Israel überraschend klingt … Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Israel Attentate und gezielte Tötungen, oft unter Inkaufnahme ziviler Opfer, in einem Ausmaß vorgenommen wie kein anderer westlicher Staat. Aber ebenso bin ich auf eine lange Geschichte interner Debatten gestoßen, darüber, wie der israelische Staat am besten geschützt werden kann. Darf eine Nation zum Terror greifen und Zivilisten töten? Was ist der Preis, wo ist die Grenze? … Kein Ziel hat den israelischen Tötungsapparat derart beschäftigt wie Arafat. Manchmal entkam er einfach, manchmal zogen die Verantwortlichen die Notbremse, weil das Ziel nicht eindeutig identifiziert werden konnte oder zu viele Zivilisten im Spiel waren. Das andauernde Verlangen, Arafat zu töten, brachte Israel ins Zentrum der Debatte darüber, was ein Staat tun darf, um sich selbst zu erhalten."
Stichwörter: Israel, Jassir Arafat