Magazinrundschau

Das Kühne und das Delikate

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.06.2017. Hlidaci pes lässt sich erklären, warum in China so viele Menschen hingerichtet werden, die vorher gesundheitlich bestens betreut wurden. The New Republic würdigt das souverän entworfene Selbstbild Georgia O'Keefes. Der Spectator stellt drei weitere Genies weiblicher Selbstdarstellung vor. Der Guardian plaudert mit dem Propheten des Anthropozän, dem britischen Philosophen Timothy Morton. Das New York Magazine erkundet die neuen Datenbanken der Gelüste. Die LRB sucht nach Gründen für den erstmals wieder steigenden Hunger in der Welt. Feminismus als derber Slapstick - ein Fortschritt, findet der New Yorker.

London Review of Books (UK), 15.06.2017

Siebzig Jahre lang ist der Hunger in der Welt zurückgegangen, doch in diesem Jahr hat sich die Entwicklung umgekehrt. In Nigeria, Somalia, Südsudan und Jemen drohen vier Hungersnöte gleichzeitig, und an keiner einzigen ist die Dürre schuld, betont Alex de Waal. Verantwortlich seien Kriege und bewusste Entscheidungen der Militärs, humanitäre Hilfe zu blockieren: "Die größte Katastrophe steht dem Jemen bevor. Lassen Sie sich nicht von Bildern täuschen, die hungrige Menschen in trockenen Landschaften zeigen, das Wetter hat nichts zu tun mit dem Hunger. Im Jemen leiden mehr als sieben Millionen Menschen Hunger. Wesentlich mehr drohen durch Hunger und Krankheit zu sterben als in Schlachten und Luftangriffen. Die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geführte Intervention hat die Wirtschaft des Landes abgewürgt. Vor dem Krieg wurden achtzig Prozent der Lebensmittel im Jemen importiert, meist über den Hafen von Hudaida am Roten Meer. Auf Beharren Saudi-Arabiens und mit Unterstützung der USA und Großbritannien hat der UN-Sicherheitsrat eine Blockade über den Jemen verhängt. Auch wenn es eine Ausnahme für Lebensmittel gibt, sind die Inspektionen langsam und mühevoll."

Die britischen Wahlen wurden von einigen Linken als erste Wahl nach dem Brexit gedeutet und eigentlich auch gefeiert, als hätte der Brexit die nationale Politik von Brüssel befreit. David Runciman hält dem entgegen, dass es keine Post-Brexit-Wahl war: "Es war eine Wahl Post-Referendum, Prä-Brexit. Der Brexit war in keiner Weise geregelt, als die Wahlen ausgerufen wurden, und die Ergebnisse werden nicht zu seiner Regelung beitragen. Corbyns Erfolg rührte zum Teil aus seiner Fähigkeit, genau dies zu suggerieren. Die Labour-Partei schaffte es, das Problem Brexit zu parken, indem sie ihn als Tatsache anerkannte und gleichzeitig andeutete, dass noch alles möglich sei. So konnte sich die Partei auf andere Fragen konzentrieren, vor allem den wachsenden Unmut der Bevölkerung über die Austerität, und die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede der beiden Parteiführer lenken... Indem Corbyn nicht über den Brexit sprach, klang er, als wüsste er, was er tut. Bei May war es genau umgekehrt. Das sind die Unwägbarkeiten eines Wahlkampfs."

HVG (Ungarn), 07.06.2017

Geboren und aufgewachsen in der Vojvodina (Serbien), zog der Schauspieler Gábor Nagypál nach dem Ende des Balkankrieges nach Ungarn. Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler, ist er der künstlerische Direktor des unabhängigen Theaters Studió K. Im Gespräch mit Ilda G. Tóth denkt er über das politische Theater in Ungarn nach: "Manchmal müsste man wirklich schreien, doch das Politisieren halte ich für plakativ, es ist nicht meine Welt. Es lohnt aber, sich im Theater mit Problemen auf der Systemebene zu beschäftigen, denn die verändern sich leider nicht so schnell, sie nehmen lediglich zu. (...) Ich bin maßlos verbittert. Unsere Gesellschaft ist in einer so schändlichen Lage, dass ich befürchte, selbst wenn es zu einer Änderung käme und ab sofort 9 Millionen Menschen anfingen die Öffentlichkeit zu reparieren, die Arbeiten mindestens zehn Jahre dauerten. Bis es wieder gut sein wird, hier zu leben, werde ich über fünfzig sein und das ist bestimmt nicht witzig."

Eurozine (Österreich), 16.06.2017

Journalisten feiern hierzulande sehr gern ihre Bedeutung für die Demokratie. Verleger begründen mit diesem Argument noch den absurdesten Lobbyquatsch. Ein Blick in andere Länder zeigt, wie leicht Journalisten gefügig gemacht werden können, wenn  die Verhältnisse nicht mehr so demokratisch sind. Ilja Jablokow erzählt in Eurozine (original in Razpotja), wie aus Journalisten in Russland nach und nach Soldaten für die Sache der Regierung wurden. In den Neunzigern spielte Journalismus noch eine Rolle - danach ging's bergab: "Ein Blick auf Journalismus in Russland in dieser Zeit offenbart einen deprimierenden Mangel an Solidarität. Gewalt gegen  Journalisten löste nur sehr selten Protest aus. Der Mord an Anna Politkowskaja im Jahr 2006 ist ein berüchtigtes Beispiel dafür, wie die journalistische Community auf die Drohung des eigenen Standes und eines seiner Mitglieder reagierte. Sie tat buchstäblich gar nichts."
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New York Times (USA), 18.06.2017

In der neuen Ausgabe des New York Times Magazine erzählt Norman Behrendt, wer und was hinter dem Bau von fast 9000 neuen Moscheen in der Türkei zwischen 2006 und 2009 steckt. Der Bauboom hat nicht nur religiöse Gründe, lernt sie bei ihrer Recherche: "2004 kontrollierte Erdogans AKP nicht nur die nationale Regierung sondern auch die Stadtverwaltungen von Istanbul und Ankara. Die Partei folgte dem neuen globalen Trend des urban management: Das half, eine Reihe städtischer Gesellschaften zu gründen. Zuerst schuf die Synergie aus privat und öffentlich echte Vorteile. Die AKP erweiterte den städtischen Service in Istanbul, schuf neue Parks und Fußgängerzonen. Aber als die Macht der Partei und die Wirtschaft des Landes wuchsen, begann die Regierung, der Stadt gehörende Brachflächen an private Investoren zu verkaufen. Oft ging sie dafür über das nationale Hauskommittee TOKI Partnerschaften mit ihnen ein. Zusammen baute man Apartmenthäuser, Brücken und Flughäfen, Tunnels und Einkaufszentren mit bewachten Parkplätzen. Erdogan begann gewissermaßen den öffentlichen Raum und seine Werte zu definieren." Protest dagegen erhob sich kaum, so Hansen, weil Erdogan die bittere Pille mit neoosmanischen neuen Moscheen versüßt, die den Einwohnern ein Gefühl von Größe vermitteln sollen.

Außerdem: Jesse Lichtenstein trifft den Twitter-Komiker Jonny Sun und sein empfindsames Alter Ego. Und im Interview erklärt Naomi Klein die Marke Trump. Auf Matthew Shaers Porträt Chelsea Mannings hatten wir letzte Woche schon hingewiesen.

Hlidaci pes (Tschechien), 17.06.2017

Einer der Gründe für die hohen Hinrichtungszahlen in China ist nach der Meinung von Experten die Organentnahme für Transplantationen. Kateřina Procházková unterhält sich mit zwei Zeugen für diese Praxis, die im britischen Exil leben: dem Chirurgen uigurischen Ursprungs Enver Tohti und der ehemals inhaftierten Falun-Gong-Anhängerin Annie Jang. Tohti bekam in Xinjiang von seinem Chef überraschend einen Operationsauftrag an einem geheimen Ort, der sich als Hinrichtungsstätte herausstellte: "Nach einer Weile hörten wir mehrere Gewehrschüsse hintereinander. Auf Anweisung begaben wir uns zu der Stelle. Dort lagen am Abhang mehr als zehn Leichen (…) Die Toten trugen Gefängniskleidung und hatten geschorene Köpfe. Ich sollte zu dem Letzten gehen. Er war zivil gekleidet und hatte längere Haare. Der Chefchirurg sagte mir nur, ich solle ihm schnell die Leber und Nieren herausoperieren. Von dem Moment an habe ich wie ein Roboter funktioniert und getan, was man mir sagte. (…) Doch als ich zu schneiden begann, reagierte der Körper. Dieser Mensch war noch nicht tot." Hinterher durfte Tohti nicht über die Sache reden. Annie Jang wiederum berichtet aus ihrer Haftzeit im Arbeitslager, dass sie und andere Falun-Gong-Anhänger alle drei Monate gründlichen medizinischen Untersuchungen unterzogen wurden: "Sie nahmen uns Blut ab, röntgten die Lunge, nahmen Urinproben, machten sogar Ulltraschalluntersuchungen von Nieren und Leber. Ich sagte mir: Einerseits quälen sie dich, andererseits lassen sie dir solche Gesundheitsvorsorge zukommen? Warum, habe ich erst später verstanden." Offenbar, so Tohti, "wollen sie eine systematische Datenbank aufbauen, sodass sie, falls ein bestimmtes Organ benötigt wird, wissen, wo man es kriegt." Und warum besonders bei Falun-Gong-Anhängern? "Weil das Menschen sind, die nicht rauchen, keinen Alkohol trinken, Körperübungen machen und in der Regel gesund sind."

New Republic (USA), 15.06.2017


Alfred Stieglitz: Georgia O'Keefe, 1918, Victoria & Albert Museum

Rachel Syme wandert durch die große "Georgia O'Keeffe: Living Modern"-Ausstellung im Brooklyn Museum, die ebenso um Selbstdarstellung der Künstlerin kreist wie um ihre Kunst. Ihre Kleider sind ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung - das pinkfarbene Kopftuch und ihr Stetson, die große Calder-Brosche mit dem O und K, die cremefarbenen Seidentuniken, die Designeranzüge von Knize und Balenciaga, die Button-down-Hemden und Blue Jeans, die Ferragamo-Ballerinas und ihre Kimonos. Man kann sich einen solchen Schwerpunkt kaum bei zum Beispiel Marcel Duchamp vorstellen, seufzt Syme, aber sei's drum, in O'Keefes Fall ist ihr spielerisches Selbstimage tatsächlich interessant: "Wenn 'Living Modern' eine Hauptthese hat dann die, dass Georgia es liebte, fotografiert zu werden. Die Bilder sind so genau komponiert, so architektonisch, so voll von dem Blick, den sie zurückwirft, dass man kaum ihre Willenskraft ignorieren kann, durch jedes Einzelbild zu führen. Obwohl [ihr zeitweiser Ehemann und Fotograf] Alfred Stieglitz mehrere Nacktaufnahmen der jungen Künstlerin machte, legt der aggressive Blick in die Kamera auf diesen Bildern nahe, dass sie weniger Objekt seiner Arbeit und mehr ein Mitverschwörer. Sie wusste, wie sie gesehen werden wollte und formte ihren eigenen Ruhm. Ein Jahrzehnt, nachdem sie von Texas nach New York City gezogen war, war sie die bestbezahlte Künstlerin der Stadt. Aber ihre Selbstpräsentation - die Hohepriesterin der Wüste in Crepekleidern und schmutzigen Arbeitsstiefeln - machte sie zur Ikone. Sie war ein kleines Bündel von einer Frau, die Bilder malte, die oft größer waren als sie selbst, die hypersaturierte Türkise und Fuchsien aus der dunklen Erde zog. Sie brachte das Kühne und das Delikate und das Aufblühende auf eine Art zusammen wie niemand vor ihr, und plötzlich war die Welt eine andere." (Viele Bilder aus der Ausstellung findet man bei Design Life Network)

Spectator (UK), 17.06.2017


Luisa Casati im "Brunnen-Kostüm" von Paul Poiret in den 1910ern

Und noch drei Ladies, die durch ihr extravagantes Äußeres Furore machten: Luisa Casati, Doris Castlerosse und Peggy Guggenheim, denen Judith Mackrell gerade ein Buch gewidmet hat. Die drei kannten sich nicht, schreibt Sofka Zinovieff, aber sie wohnten alle drei zu verschiedenen Zeiten im selben venezianischen Palazzo: "Sie bilden ein großartiges Trio. Alle drei Frauen kamen hier nach Krisen und gescheiterten Ehen und machten den Palazzo zu ihrer persönlichen Bühne, mit Venedig als perfektem Hintergrund. Traditionell tolerant gegenüber dem Karnevalesken und erotisch Kühnem erlaubte es ihnen diese 'der See entsprungenen' Stadt, große exotische Fische in einer kleinen Lagune zu sein. Während Luisa Casati in der gotischen Belle Epoche ein lebendes Kunstwerk wurde, nutzte Doris Castlerosse ihren sexuellen Glamour, während der glänzenden 1930er Jahre so viele Juwelen einzusammeln wie möglich. Peggy Guggenheim war auch eine Sammlerin von Liebhabern, aber eine, die Kunst und Leben vermischte, bis ihr Zuhause zu einer erstaunlichen Galerie geworden war."

Revista Anfibia (Argentinien), 17.06.2017

In Anfibia, dem hervorragende Reportagen- und Essay-Magazin der argentinischen Universidad Nacional de San Martín, versucht sich die brasilianisch-argentinische Politikwissenschaftlerin Ximena Simpson angesichts der vollständigen (Selbst-) Delegitimierung der Regierung von Präsident Michel Temer an einer Analyse der politisch-gesellschaftlichen Krise Brasiliens: "Bei einer Neuwahl des Präsidenten durch den Nationalkongress, wie ihn die Verfassung vorsieht, würde die Entscheidung in die Hand eines Gremiums gelegt, dessen überwältigende Mehrheit selbst schwerwiegenden Korruptionsvorwürfen ausgesetzt ist. Eine, erst durch eine Verfassungsänderung mögliche, Direktwahl dagegen hätte zum einen den Nachteil, dass eine so gravierende Änderung unter extremem Zeitdruck durchgeführt werden muss, zum anderen, dass dadurch ein unvorhersehbarer Outsider zum plötzlichen 'Heilsbringer' werden könnte. Sollte, wie von vielen gefordert, der frühere Präsident Lula wieder antreten, hätte dieser zwar durchaus Siegeschancen, aber doch nur sehr knappe, und eine grundlegende Regeneration der Linken würde damit letztlich verhindert - wirkliche Veränderung braucht viel Zeit und Geduld, vielleicht wäre deshalb die bittere Pille einer Neuwahl durch den Nationalkongress à la longue dennoch die heilsamere Lösung."
Stichwörter: Simpson, Ximena, Lula

Elet es Irodalom (Ungarn), 16.06.2017

Nach der internationalen Premiere des neuen Films von Kornél Mundruczó ("Jupiters Mond") beim diesjährigen Filmfestival in Cannes, fragen sich die ungarischen Kritiker gern, ob Hollywood Mundruczo demnächst mit einem "Autoren-Action Movie" beauftragen werde. Der Kulturhistoriker und Filmkritiker György Báron findet diese Überlegungen peinlich: "Sieh da, wovon der ungarische Kritiker träumt. Davon, wovon der ungarische Regisseur wohl träumen möge. In den Texten vermischen sich Minderwertigkeitskomplex, Mitleid und ermunterndes Schulterklopfen. Die neueste Arbeit eines bedeutenden ungarischen Filmschaffenden wird nicht an Jancsó oder Tarr gemessen oder an seinen eigenen bislang besten Leistungen, sondern an der Frage, ob ihm wohl baldigen Einlass in die Traumfabrik sichern. Ich glaube nicht, dass Mundruczó mit seinem letzten Film auf eine 'neue Ebene sprang' und ich weiß wirklich nicht, was ein 'Autoren-Action-Movie' sein soll. Die Frage ist doch wohl, inwiefern eine Kontinuität oder Diskontinuität im bemerkenswerten Lebenswerk dieses Regisseurs aufgezeigt werden kann.

La vie des idees (Frankreich), 15.06.2017

Kahlid Lyamlahi stellt eine Textsammlung zum arabischen Frühling vor: "Écrire l'inattendu : Les 'Printemps arabes' entre fictions et histoire". Darin wird versucht, mithilfe fiktiver Texte, Augenzeugenberichten sowie literarischer und künstlerischer Analysen das Unerwartete der Revolutionen zu denken. Möglicherweise mit dem Risiko, die politischen und soziokulturellen Disparitäten der betroffenen Länder außer Acht zu lassen. Obwohl Lyamlahi den neuen interdisziplinären Ansatz des Buchs lobt, hat er doch auch einige Kritikpunkte. "Warum wurden Kino und Theater nicht in den Blick genommen… und sich darauf beschränkt, den arabischen Frühling in den diversen Ländern ausschließlich im Bereich der Literatur und des schriftlichen Kommentars zu analysieren? Neben dieser berechtigten Frage wäre hinzuzufügen, dass das Buch, das in Frankreich verfasst wurde und in Europa veröffentlicht wird, auch in der arabischen Welt verbreitet wird. Diese Rückmeldung ist umso notwendiger, als es die Verfasser, die auf beiden Seiten des Mittelmeers schreiben, verdienten, jenseits der damit verknüpften geografischen und akademischen Grenzen gelesen und kommentiert zu werden, um diese abzutragen und zu überwinden."
Stichwörter: Arabischer Frühling