Magazinrundschau

Eine Drohne ist eine Drohne

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
18.11.2014. In ihrer Abneigung gegen die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yusufzai sind sich Rechte und Linke einig, berichtet Outlook India. Der Tagesspiegel erläutert die Regeln des großen Krisenspiels Europoly. Bald werden wir nur noch über Emojis kommunizieren, prophezeit das New York Magazine. Aleida Assmann zieht in Eurozine eine erste Bilanz des Gedenkjahres 2014. Gemessen an ihrem Ertrag sind die Programmierer im Silicon Valley dramatisch unterbezahlt, findet der New Yorker. Und New Republic hat herausgefunden, was den Superreichen zu ihrem Glück noch fehlt: Geld.

The Nation (USA), 11.11.2014

Als militärisches Kampfmittel finden Drohnen mittlerweile auch ihren Niederschlag in der Literatur und den Künsten, schreibt Jenna Krajeski. Doch während Drohnen in den USA vor allem die Fantasie von Thrillerautoren beschäftigen oder zu aktivistischer Kunst anregen, sind die landay, eine spezifisch in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion von Frauen kultivierte Gedichtform, von der sehr konkreten Bedrohung im Alltag geprägt. Unter dem Titel "I am the Beggar of the World" hat Eliza Griswold kürzlich eine landay-Sammlung veröffentlicht. Diese "trennt ein ganzes Universum von [Richard A. Clarkes Thriller] "Sting of the Drone", obwohl sich beide im Kern mit bewaffneten Dronen und dem "Krieg gegen den Terror" befassen. Dies nicht allein deshalb, weil Clarke sich denkbar stark von den Sängerinnen der landay unterscheidet, die einer distinkt fremden Literaturtradition angehören, oder weil er andere Ziele verfolgt (eines davon sehr wahrscheinlich, Bücher abzusetzen). Drohnen sind zwei unterschiedliche Objekte in der amerikanischen und afghanischen Imagination. In den USA figurieren sie allzuoft als Metaphern, mit einer Vermitteltheit, die noch stärker durch die Distanz zwischen dem Vehikel und seinem Piloten unterstrichen wird. Drohnen symbolisieren hier viel, richten aber nur wenig an. In Afghanistan jedoch existiert die Drohne als eine Tatsache des Lebens, die reale Tragödien verkörpert. Eine Drohne ist dort eine Drohne."

Detroit Free Press (USA), 17.11.2014

In größter Ausführlichkeit, nicht ohne Stolz und mit sehr vielen dramatis personae erzählt eine Autorengruppe in der Detroit Free Press, wie die Stadt am Ende unter Mitarbeit von Stiftungen, reichen Spendern, Gewerkschaften und dem Staat Michigan aus ihrer katastrophalen Schuldenkrise befreit wurde. Hier nochmal die Ausgangslage: "18 Milliarden Dollar Schulden, 78.000 heruntergekommene Gebäude, 4 von 10 Dollar, die im Haushalt allein den Schulden, den Pensionen und der Gesundheit gewidmet waren. Tausende ältere Rentner waren mit der Perspektive massiver Einschnitte in den Zahlungen konfrontiert. Ein Weltklasse-Museum drohte bei einem Ausverkauf seine Kunstwerke zu verlieren. Nur um den Rand des Lochs zu sehen, in dem sie steckte, brauchte die Stadt Hunderte Millionen Dollar."

New Yorker (USA), 24.11.2014

In der Technik-Ausgabe des New Yorker erklärt John Seabrook, wie der Music-Streaming-Dienst Spotify die eine Hälfte der Musikindustrie glücklich, die andere ärgerlich macht und wie Apple dem Unternehmen aus Stockholm künftig das Leben schwer machen könnte: "Apple könnte Spotify bedrohen, indem es eine Art iStream auf dem nächsten iPhone vorinstalliert und den Preis für die Registrierung des Dienstes inkludiert. Siri könnte dein DJ sein. Das würde sofort hunderte Millionen zahlende Kunden bedeuten und die Spotify überrunden. Und weil Apple seinen Umsatz vor allem mit Hardware macht, könnte es Spotify bei den Kosten unterbieten - ein Szenario, das Apple gerade den Plattenlabels schmackhaft zu machen versucht."

Und Lizzie Widdicombe weiß, warum Programmierer-Agenturen und ihre Services im Aufwind sind: "Berücksichtigt man, um wie viel Geld es im Code-Business geht, könnten Angestellte in diesem Bereich viel mehr Lohn verlangen… Ein guter Büroangestellter mag dreimal soviel Umsatz generieren wie ein mittelmäßiger. Aber ein guter Techie kann mit einem Algorithmus bis zu einer Milliarde Leute beglücken… Im Silicon Valley liegt das Durchschnittsjahreseinkommen eines Ingenieurs bei 130.000 Dollar - verglichen mit den potenziellen Profiten ist das billig. Apple macht mehr als zwei Millionen Umsatz im Jahr pro Angestellten. Googles Umsatz liegt bei 60 Milliarden, geteilt durch 10.000 Programmier. Wenn Google seinen Angestellten also All-you-can-eat-Kantinen und einen Wäscheservice spendiert, ist das nichts."
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Elet es Irodalom (Ungarn), 17.11.2014

Unter Viktor Orbán entfernt sich Ungarn immer weiter von rechtsstaatlichen Prinzipien. Der Verfassungsrechtler Máté Szabó ist Direktor der Gesellschaft für Freiheitsrechte (TASZ), einer unabhängigen Organisation, die gegründet wurde um die Institutionen des jungen demokratischen Rechtsstaates auf die Wahrung der Grundrechte hin zu überwachen und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Im Gespräch mit Eszter Rádai schildert er, wie seine und andere zivile Organisationen von staatlichen Behörden massiv unter Druck gesetzt werden - und ihre Rolle neu definieren müssen. "Im postrechtsstaatlichen Ungarn müssen diese Organisationen zur Opposition des Systems werden. Wenn wir innerhalb des Systems bleiben, werden wir Teil der Maschinerie. Unser Ziel ist es aber nicht, ein System zu verbessern, das nicht zu verbessern ist. Das ist äußerst wichtig! Solange das Orbán-System existiert, möchten wir nicht die Fehler und die Übergriffe dieses nichtverfassungsrechtlichen Staates verbessern und damit am Leben erhalten und legitimieren, sondern es durch ein System, das auf Grundrechten basiert, ablösen. Unsere Aufgabe besteht nun also darin, einen neuen verfassungsrechtlichen ungarischen Staat aufzubauen."

Tagesspiegel (Deutschland), 13.11.2014

Die Eurokrise ist nicht nur ein unerfreuliches, sondern auch ein außerordentlich komplexes Thema. In einer großen multimedialen Reportage veranschaulicht Elisa Simantke die Logik der Krisenbewältigung anhand des Spiels "Monopoly" und macht deutlich, dass sich die Schuldenstaaten als Gegenleistung für die Kredite der Troika zu umfangreichen Privatisierungen verpflichten - häufig zu äußerst ungünstigen Bedingungen und mit teilweise unabsehbaren Folgen: "Beim Spieler Griechenland klingt die Verpflichtung zum Verkauf so: "Die Regierung ist bereit, alle übrigen Anteile an staatseigenen Konzernen zu verkaufen, wenn dies nötig ist, um die Privatisierungsziele zu erreichen. Öffentliche Kontrolle wird auf Bereiche der kritischen Infrastruktur beschränkt." Ähnliche Sätze finden sich auch in den Verträgen mit den anderen Ländern. Und was verstehen die Regierungen und die Troika unter kritischer öffentlicher Infrastruktur? Das bleibt auch auf Nachfrage unbeantwortet. Flughäfen, Wasserversorgung, Stromkonzerne, Häfen und der Schienenverkehr gehören jedenfalls nicht dazu, sie alle sind auf dem Markt."

New York Magazine (USA), 17.11.2014

Adam Sternbergh prophezeit die baldige Ablösung der gesprochenen und geschriebenen Sprache durch knubbelige Bildschriftzeichen, die Emoji: "Auf den ersten Blick sind sie albern, leicht zu unterschätzen. Eine kleine Zeichentrick-Armee aus Gesichtern, Fahrzeugen, Flaggen, Symbolen, die die ewige Vorherrschaft der Worte attackiert. Emoji sind gemacht, um Worte in digitalen Nachrichten zu illustrieren oder auch zu ersetzen. Sie sehen aus wie das elektronische Gegenstück zu den Aufklebern, mit denen Zehnjährige früher ihre Schulhefter verzierten. Und doch sind sie auf jedem Smartphone verfügbar, genau wie eine richtige Sprache. Auf dem iPhone findet man die Emoji-Tastatur zwischen Niederländisch und Estnisch… In der Dehnbarkeit der Bedeutung liegt ihre Stärke. Sie haben sich dort bewährt, wo es um Gefühle geht und geschriebene Sprache oft plump und problematisch ist, vor allem auf kleinen Bildschirmen und Tastaturen, in Echtzeit. Diese infantil wirkenden Cartoons haben einen großen Wiedererkennungswert und sind verständlich, selbst über sprachliche Barrieren hinweg, auch wenn ihre Bedeutungen sich ständig verändern."
Stichwörter: Cartoons, Emoji, Iphone, Smartphones

Nepszabadsag (Ungarn), 15.11.2014

Der Jurist und frühere parlamentarische Beauftragte für nationale und ethnische Minderheiten, Jenő Kaltenbach, schreibt in der Wochenendausgabe von Népszabadság über die traditionelle Skepsis der ungarischen Gesellschaft gegenüber dem Westen, die die aktuelle ungarische Regierung regelmäßig bedient: "Im Kern besteht diese aus dem Gefühl der Beleidigung darüber, dass der Westen uns stets im Stich ließ und nie als gleichberechtigten Partner betrachtete, obwohl er uns einiges schuldet, schließlich waren wir die Verteidigungsbastion der westlichen Kultur. Dieses Gefühl ist freilich auch mit einem Minderwertigkeitskomplex verbunden, denn ein Vergleich mit dem Westen fällt für uns nicht wirklich herzerwärmend aus. In der deutschen Sprache gibt es für dieses ambivalente Gefühl den Begriff "Hassliebe". Wir haben dafür nicht einmal ein Wort, und können es somit auch nicht aufarbeiten, was die ewig wiederholte beleidigte Forderung "nach mehr Respekt" passend unterstreicht."
Stichwörter: Deutsche Sprache

Eurozine (Österreich), 14.11.2014

Während sich das Jahr allmählich dem Ende zuneigt, denkt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann darüber nach, ob das allgemeine Gedenken geholfen hat, eine gemeinsame Erinnerung an die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs zu etablieren. Einen Schritt in diese Richtung kann Assmann erkennen, aber noch deutlicher sind die nationalen Unterschiede in der Erinnerung zutage getreten: "Der europäische Gedenktag ist der 11. November, der Tag, an dem 1918 der Waffenstillstand an der Westfront vereinbart wurde. In England wird dieser Tag mit Mohnblumen und zwei Schweigeminuten begangen, einer für die Gestorbenen und einer für ihre Angehörigen. Am selben Tag feiern die Deutschen den Beginn ihrer Karnevalsaison - ein bemerkenswertes Beispiel für die kulturelle Vielfalt in Europa. Auch hierzulande gibt es einen offiziellen Trauertag, aber der Erste Weltkrieg spielt dabei keine Rolle. Die Erinnerung der Deutschen an den Ersten Weltkrieg wurde von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg überlagert, und diese Erinnerung wird wiederum vom Holocaust überlagert."

London Review of Books (UK), 17.11.2014

Ein bisschen genervt liest Bee Wilson Vivienne Westwoods Autobiografie, in der sich die Modemacherin wie die Kaiserinwitwe des Punks geriert, die von ihrem Volk permanent enttäuscht wurde. Aber eines hat Wilson gelernt: "Der Schlüssel zum Westwoods anhaltendem Erfolg scheint, abgesehen von ihrem brillanten Handwerk, das beinahe übernatürliche Gespür für ihr Charisma und ihre Autorität: Das Gefühl, dass genau dort, wo sie gerade ist, die Barrikaden stünden, auf denen jeder andere auch kämpfen sollte. Mit fünfzig gab sie zu, jeden Mann, der sie nicht mehr als alle anderen im Raum begehrte, für bescheuert oder für verrückt zu halten. 1989 posierte sie für das berühmte Tatler-Cover als Margaret Thatcher, mit Perlen, Krawatte und tailliertem Jackett. Die Macht des Bildes liegt in der unheimlichen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Gesichtern: Wie kann die Frau, die den Punklook miterfunden hat, so sehr aussiehen wie die Eiserne Lady? Für Westwood war das keine Anstrengung. Um genau wie Thatcher auszusehen, musste sie lediglich "ein bisschen Zweifel" in ihre Augen legen."

Adam Shatz liest zwei neue Bücher, die sich mit der Persönlichkeit des Attentäters Anders Breivik (Aage Borchgrevink) und antimuslimischen Tendenzen in Norwegen (Sindre Bangstad) beschäftigen. Ross McKibben verfolgt den Absturz der Labour Party nach dem schottischen Referendum.

Wall Street Journal (USA), 11.11.2014

Das House of Lords war eine relativ zahnlose Angelegenheit, solange dort in alter Tradition erbliche Adlige vor sich hin dämmerten. Das hat Tony Blair 1999 geändert. Seitdem sitzen dort auf Lebenszeit ernannte und übrigens unbezahlte "Peers", zumeist verdiente Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, und können immerhin den Gesetzgebungsprozess durch manche Schikanen erschweren. Justin Scheck und Charles Forelle haben für das Wall Street Journal mal unter anderem in Selbstauskünften der Parlamentarier recherchiert. Wie es der konservative Parteiführer William Hague vorausgesagt hatte, "haben viele Lords heute Beziehungen zu Lobbyorganisationen. Darunter machte ein Lord nach eigenen Angaben Lobbyarbeit für einen Offshore-Fond. 86 weitere Lords beraten Firmen, Handelsgruppen oder andere Organisationen in Regierungsangelegenheiten, oder sie arbeiten für Firmen, die auf Beziehungen zur Politik spezialisiert sind. 113 Lords werden von Finanzfirmen bezahlt. 26 Lords arbeiten für Rohstofffirmen. 20 arbeiten für ausländische Regierungen... Manche dieser Jobgelegenheiten eröffneten sich erst nach dem Eintritt in das Hohe Haus."