Magazinrundschau

Den Sklaven aus sich herauspressen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
13.09.2011. Dem arabischen Frühling droht schon der Herbst, fürchtet die NYRB. In Open Democracy erklärt Andrei Kontschalowski, warum Palasttüren immer so niedrig sind. In der Boston Review erklärt Noam Chomsky: Wer sich mit der Macht verbündet, ist kein Intellektueller mehr. Prospect feiert die unkontrollierbaren Bronte-Schwestern. The Australian bewundert die weiße Hitze Christopher Hitchens. Der Economist blickt auf die neuen Billy-Regale und sieht keine Bücher mehr drin stehen.

New York Review of Books (USA), 29.09.2011

Das erste, was Revolutionären nach ihrem Sieg passiert, ist, dass sie kalt gestellt werden. Und genau das wird in der arabischen Welt geschehen, prophezeien Hussein Agha und Robert Malley den jugendlichen Revolutionären in Ägypten und Tunesien in einem ziemlich grimmigen Text. "Die unmittelbare Zukunft der arabischen Welt wird sich voraussichtlich aus einem komplizierten Kampf zwischen der Armee, Anhängern der alten Regime und den Islamisten entfalten. Diese drei haben Wurzeln und Resourcen und außerdem die Fähigkeit und Willensstärke, die Ereignisse zu formen. Regionale Parteien werden Einfluss nehmen und ausländische Mächte werden sich nicht heraushalten. Es gibt viele mögliche Ergebnisse - von der Restauration der alten Kräfte bis hin zur Machtübernahme der Militärs, von der unruhigen Fragmentierung und dem Bürgerkrieg bis hin zur schleichenden Islamisierung. Aber das Ergebnis, auf das so viele Außenstehende gehofft haben - der Sieg der ursprünglichen Demonstranten - ist fast sicher ausgeschlossen."

Außerdem: Mohsin Hamid liest zwei Bücher über Pakistan, die ihn auch nicht gerade optimistisch stimmen. Nicholson Bakers "House of Holes" ist genau der Roman, den Teenager lesen sollten, ermuntert Elaine Blair ängstliche Eltern: "Sie können sicher sein, egal zu welcher Szene Ihre Kinder masturbieren, sie werden Frauen nicht als Objekte sehen."

Times Literary Supplement (UK), 08.09.2011

John Calder stellt Laure Adlers Interviewband mit Maurice Nardeau vor, ein "Homme des lettres" und die vielseitigste Person in der Pariser Literaturwelt nach dem Krieg. Nardeau, der gerade seinen Hundertsten feierte, erzählt von seinem Leben und seiner Leidenschaft für alles Schriftliche: "Auf die Frage, was man brauche, um ein 'richtiger Verleger' zu werden, antwortete Nardeau, dass man vor allem organisieren können müsse, obwohl er selbst immer allein hat arbeiten müssen, mit zwei bis drei Leuten und ganz ohne Geld, denn alles, was er anfing, machte Verlust. Aber das war egal: Nardeau war jedes Mal zufrieden, ein neues Talent ans Licht gebracht zu haben. Für Verleger, die er bewunderte, zählte nicht der Profit. Er hatte Freude daran zu tun, was er gern tun wollte und war stolz darauf, anders zu sein als alle anderen."

Außerdem: Rachel Polonsky liest zwei Studien zur Entwicklung der "Orientalistik" in Russland als akademische Disziplin.
Stichwörter: Geld

Boston Review (USA), 01.09.2011

Warum wurden in den USA die sowjetischen Dissidenten geehrt, aber nicht die lateinamerikanischen? Warum durfte Vaclav Havel vor dem Kongress sprechen, während Nelson Mandela erst 2008 von der offiziellen Terrorliste gestriche wurde? In einem Essay über die Rolle des Intellektuellen erinnert Noam Chomsky daran, dass es nicht reicht, nur die Verbrechen der anderen anzuprangern: "Es scheint geradezu eine historische Universalregel zu sein, dass konformistische Intellektuelle, diejenigen also, die die Ziele der Regierung unterstützen, aber ihre Verbrechen ignorieren oder wegdiskutieren, in ihren eigenen Gesellschaften geehrt und privilegiert werden, während die Wertorientierten auf die eine oder andere Weise bestraft werden. Dieses Muster reicht bis in die Anfänge zurück. Es war der Mann, dem man vorwarf, Athens Jugend zu verderben, der den Schierlingsbecher trinken musste und auch die Dreyfusards wurden beschuldigt, die Seelen zu verderben und damit die Gesellschaft als ganze."
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New York Times (USA), 10.09.2011

107 Essays auf gut 780 Seiten findet man in Christopher Hitchens Band "Arguably" versammelt (hier Ian Parkers Hitchens-Porträt im New Yorker). Über Politik - zum Beispiel zum Irakkrieg, Afghanistan, Uganda und den Iran -, Gesellschaft und Bücher. Alle geschrieben unter dem Einfluss einer Dosis Alkohol, die die "meisten Menschen verkrüppeln würde", so der penible Bill Keller, der in der Book Review vorführt, wie man einen Autor gleichzeitig lobt und verreißt, so dass man auf jeden Fall auf der sicheren Seite steht: "Ich finde Hitchens ist einer unserer stimulierendsten Denker und unterhaltsamsten Autoren, selbst wenn er - oder vielleicht gerade wenn er - provoziert."

Außerdem: Negar Azimi beschreibt die - vielversprechende! - Verwirrung, die seit dem arabischen Frühling auf dem ägyptischen Buchmarkt herrscht. Besprochen werden u.a. Nuruddin Farahs Roman über somalische Piraten "Crossbones", Hisham Matars Roman "Geschichte eines Verschwindens", Robin Wrights Buch über den arabischen Frühling "Rock the Casbah", Nigel Cliffs Buch über Vasco da Gamas "Heiligen Krieg" und Thomas L. Friedmans und Michael Mandelbaum Buch "That Used to Be Us".

Im Magazin gibt's eine Diskussion von Michael Ignatieff, David Rieff, James Traub, Paul Berman, Scott Malcomson und Ian Buruma über den Irakkrieg, die um einiges spannender geworden wäre, hätte Christopher Hitchens (wie in der Slate-Runde 2004) dabei sein können.

Open Democracy (UK), 09.09.2011

Die Russen sind in ihrem Inneren mehrheitlich immer noch Sklaven, meint der Filmregisseur Andrei Kontschalowski, auch wenn die Leibeigenschaft 1861 abgeschafft wurde. "Tschechows Bemerkung, man müsse 'tropfenweise den Sklaven aus sich herauspressen', offenbart eine Menge. Nicht über den Leibeigenen-Hintergrund des Autors, sondern über die Tatsache, dass Russen eine Tendenz haben, sich vor Menschen mit Macht zu beugen. Nehmen Sie mich zum Beispiel - ich habe darüber geschrieben. Wenn man im Kreml durch die Hallen der Macht geht, wird man immer kleiner, je höher die Beamten gestellt sind, denen man begegnet. Ich kam damals ins Büro von Premierminister Kosygin und - konnte die Türgriffe nicht erreichen. Wie der französische Autor Pierre Beauchamp schrieb: 'Palasttüren sind nicht so hoch, wie die meisten Menschen denken. Der einzige Weg, durch sie hindurch zu gehen, ist, sich tief zu bücken.' Orthodoxe Kirchen haben keine Bänke, die Gläubigen stehen oder knien während der Messe, die Stunden dauern kann. Ist das einer der Gründe, warum die Russen Macht verehren?"

Hier noch ein Interview mit Kontschalowski, dass der Filmhistoriker Ian Christie im Juni mit dem Regisseur führte: Teil 1, Teil 2. Absolut lesenswert! Im zweiten Teil erinnert er sich an die sechziger Jahre unter Kosygin. Es war nicht mehr wie im Stalinismus, "aber man muss das verstehen: Wir lebten in einer auf den Kopf gestellten Gesellschaft. Was die Kommunistische Partei angeht, konnte man nichts ändern. Jeder wusste das und niemand wäre in der Öffentlichkeit aufgestanden und hätte gesagt: 'Kameraden, ich würde gerne fragen, ob die Politik und Kultur der Kommunistischen Partei wirklich richtig sind.' Wegen einer so unschuldigen Frage wäre man für verrückt und undankbar erklärt worden. Leute wie Brodsky wurden wirklich für verrückt gehalten, weil sie keinen Sinn für Selbstschutz hatten. Darum wurden sie groß, weil sie Courage hattten. Wir hatten keine Courage, weder Tarkowski noch ich. Und ich wollte auch keine haben, warum zur Hölle? Ich wollte keinen Ärger, ich wollte nur Filme machen."

The Nation (USA), 26.09.2011

Benjamin Nathans bespricht zwei Bücher über das "Tauwetter" in der Sowjetunion in den Fünfzigern und Sechzigern unter Chruschtschow: Vladislav Zuboks "Zhivago's Children" und Miriam Dobsons "Khrushchev's Cold Summer". Ein kritischer Punkt waren die Amnestien, die damals für Häftlinge aus der Stalin-Zeit ausgesprochen wurden. Die "einfachen" Sowjetbürger verstanden das nicht, für sie waren das alles Kriminelle. Miriam Dobson meint, "dass - mehr noch als die Angst des Regimes vor einer zu schnell befreiten Intelligentsia - es vor allem die harsche öffentliche Reaktion auf die Amnestien war, die dafür sorgte, dass der Versuch in den späten Fünfzigern scheiterte, das sowjetische System zu reformieren. Sie behinderte die Bemühung, Schutz vor dem staatlichen Terror der Stalinzeit zu schaffen."

Außerdem: James Longenbach schreibt über die Briefe von T.S. Eliot.

Outlook India (Indien), 19.09.2011

In rasantem Tempo entwickelt sich die Kinosituation in Indien - und zwar in Richtung der bei uns und vor allem aus den USA bereits bekannten Verhältnisse. Blockierung möglichst vieler Leinwände durch Blockbuster-Filme, möglichst schnelles Einspiel aus Angst vor den Internetpiraten. Namrata Joshi schildert die Lage: "2011 ist das Jahr, in dem das Blockbuster-Spiel seinen bislang schärfsten Twist erlebt hat. Die neuen Stichwörter sind 'möglichst breitflächiger Einsatz' und 'schnelldrehende Filme': Ausbeutung des Potenzials der Filme in der ersten Startwoche... Man könnte auch Flächenbombardierung dazu sagen: 'Bodyguard', der aktuelle Superhit, hatte einen Start mit bislang kaum fassbaren 2600 Leinwänden im ganzen Land. Die digitale Technologie hilft, die Kosten der Einzelkopien zu drücken und ermöglicht so Starts dieser Art. Uday Kaushish vom Sheila-Kino in Delhi meint, dass die Bedrohung durch die Piraterie diesen Trend zum Flächenstart ausgelöst hat. Während große Filme früher mit 13 oder 14 Kopien in Delhi anliefen, werden heute 16 bis 18 Vorstellungen am Tag programmiert, und zwar in einem einzigen Multiplex, alle halbe Stunde fängt eine neue Vorstellung an. 'Sholay', der größte Hit der Siebziger dagegen, startete nicht mal in ganz Indien, erinnert sich sein Regisseur Ramesh Sippy: 'Wir haben ihn zunächst gar nicht in Delhi gezeigt, von den USA ganz zu schweigen.'"

Hier die Hitler-Parodie aus "Sholay":


Prospect (UK), 24.08.2011

Die Brontes sind zurück - und zwar im Kino. Gleich zwei große Neuverfilmungen gibt es in diesem Jahr. Da ist zum einen Cary Fukanagas Version von Charlotte Brontes "Jane Eyre", zum anderen Andrea Arnolds gerade in Venedig gezeigte Fassung von Emily Brontes "Wuthering Heights" mit einem schwarzen Heathcliff. Für kein Wunder hält Matthew Sweet die neue Bronte-Aktualität in den gegenwärtigen härteren Zeiten, denn die Schwestern taugen, anders als Jane Austen, kaum für nostalgisch-kuschelige Zugriffe: "Mit der Ausnahme von 'Shirley' - dem einen Roman von Charlotte, den keiner liest - ist das Werk der Brontes mehr an leidenschaftlichen Individuen als an Gesamtbildern der Gesellschaft interessiert, in denen diese sich bewegen. 'Jane Eyre' und 'Wuthering Heights' weigern sich, die Art Sozialpanorama zu sein, auf die Eliot, Dickens oder Gaskell abzielten. Die Bücher der Brontes dagegen sind rauh, gefährlich, individualistisch, unkontrollierbar - und die Familie, die sie hervorgebracht hat, teilt manche dieser Eigenschaften."
Stichwörter: Austen, Jane, Venedig

Australian (Australien), 07.09.2011

Christopher Hitchens ist ein Autor, dem man immer am Zeug flicken kann, weil er sich immer weit aus dem Fenster hängt und dabei eben manchmal auf die Nase fällt. Das macht ihn nicht über Kritik erhaben - und David Free hat durchaus einige Kritikpunkte anzubringen - aber im großen und ganz findet er Hitchens neuen Essayband "Arguably" einfach fabelhaft: "Hitchens ist die Art von Autor, der bewusst Wörter wie schlecht, böse, schändlich oder finster benutzt. Er fordert diese Wörter von den Religiösen zurück; er benutzt sie auf eine robust humanistische Art, die ihre Bedeutung und ihr Gewicht verstärkt. Wenn Hitchens für verletzte oder bedrohte Prinzipien aufsteht, dann kann er eine rhetorische weiße Hitze entwickeln, mit der sich kein zeitgenössischer Autor messen kann."

Espresso (Italien), 08.09.2011

Bei Umberto Eco geht es um die Vernunft der Hunde, und wie immer findet Eco seine Referenzlektüre nicht in Dog-Dancing-Traktaten der Gegenwart, sondern in den Klassikern der Ewigkeit: "Die philosophisch interessanteste Diskussion entspann sich im Laufe von drei Jahrhunderten zwischen Stoikern, Akademikern und Epikureern. Im Feld der stoischen Diskussion tauchte ein Argument auf, das Chrysippos von Soli zugesprochen wird, das fünf Jahrhunderte später von Sextus Empiricus aufgegriffen und popularisiert wurde. Hunde seien des Logos fähig, behauptete Sextus, und bewies das mit folgendem Beispiel: ein Hund, der an eine dreifache Weggabelung kommt und durch Schnüffeln festgestellt hat, dass seine Beute nicht in zwei der möglichen Richtungen gehoppelt sein kann, nimmt ohne nochmalige Überprüfung die dritte. Der Hund, so Sextus, stelle folgende logische Operation an: 'Die Beute hat entweder diese oder jene oder die dritte Richtung eingeschlagen; nun ist es weder diese noch jene; also muss es die dritte sein'."
Stichwörter: Eco, Umberto