Magazinrundschau

Unsere Frauen sind einfach dumm

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.02.2008. Exzellente Ausbeute diese Woche! Nigerianische Frauen gehören bestraft, denn sie denken nur an Öl, erfährt The Atlantic. In Elet es Irodalom feiert Peter Esterhazy den Maler Istvan Nadler in Fellbach. Nepszabadsag staunt: Fast hätte Jan T. Gross gegen das Türkentum der Polen verstoßen. Der Kolumbianer Hector Abad Faciolince erblickt in der Schweiz den Konservatismus mit menschlichem Antlitz. Barack Obama ist der neue Othello, behauptet der Spectator. Das Prekariat ist die heutige Arbeiterklasse, verkündet Telerama. Al Ahram stellt einen Schönheitssalon für verschleierte Frauen vor. Denis Johnson bekommt in Irakisch-Kurdistan Geschenke für Amerika.

The Atlantic (USA), 01.03.2008

Eliza Griswold erzählt die große Geschichte von Öl und Religion - und zwar aus Nigeria. Hier liegen die zehntgrößten Ölreserven der Welt und die Frontlinie zwischen Islam und evangelikalen Christen. In der Stadt Yelwa kam es bei den letzten Wahlen zu einem Massaker mit 78 Toten. "Danach gaben die Christen ein Edikt heraus, dass christlichen Mädchen verbot, sich mit einem muslimischen Jungen sehen zu lassen. 'Wir hatten ein Problem mit gemischten Ehen', sagt Pastor Sunday Wuyep, ein Kirchenführer in Yelwa. 'Weil unsere Frauen ganz einfach dumm sind und auf Geld aus sind', seufzt er. Die Ökonomie begründet im Kern die Feindschaft zwischen den beiden Gruppen: als Händler und Hirten waren die muslimischen Jarawa viel wohlhabender als die christlichen Tarok und Goemai. Aber Pastor Sunday glaubt wie viele andere auch, dass die Muslime die Christen auslöschen wollen, indem sie sie über die Heirat konvertieren lassen. 'Es ist ein biblischer Kampf', sagt Sunday. Und deshalb haben er und andere Altvorderen beschlossen, die Frauen zu bestrafen."

Weiteres: Alan Wolfe gibt einen sehr instruktiven Abriss der Religion in der Weltgeschichte: "Jeder neue Ausbruch religiöser Leidenschaft, hat, während er einige für Offenbarung und Ekstase bedeutete, etablierte Loyalitäten zerstört, Intoleranz gefördert und zu Gewalt zwischen den Auserwählten und Verdammten geführt." James Fallows berichtet, dass China während der Olympisches Spiele seine Internetzensur lockern will, so dass ausländische Besucher nicht mitbekommen, was eigentlich alles verboten oder blockiert ist. Und Christopher B. Leinberger sagt eine Rückkehr zum urbanen Leben in den USA und den Niedergang von Surburbia voraus.
Archiv: The Atlantic

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.02.2008

Fahren Sie nicht nach Berlin, fahren Sie nach Fellbach bei Stuttgart. In der dortigen Stadtgalerie wird nämlich gerade eine Ausstellung des Malers Istvan Nadler gezeigt, wirbt der Schriftsteller Peter Esterhazy. "Nadler stellt Fragen, die auch die Fragen der Literatur, auch meine Fragen sind. Wie können wir von der Beobachtung unser selbst zur Erkenntnis der von uns unabhängigen Wirklichkeit gelangen? Und nun: was ist die Wirklichkeit? Wenn es stimmt, dass wir nur das zu sehen imstande sind, was wir auch verbildlichen können, was sehen wir dann? Das Abstract von etwas, um mich missverständlich auszudrücken. Wir neigen dazu, zu vergessen, dass das abstrakte Bild nicht nur nonfigurativ ist, sondern dass auch das Objekt des (per definitionem ohnehin abstrakten) Denkens, das sich hinter diesem Bild verbirgt, abstrakt ist. Dieses Denken stimmt mit der persönlichen Meinung des Künstlers nicht überein. In dieser Hinsicht sind bildende Künstler interessanter als Schriftsteller, weil letztere, da das Wort ihr Metier ist, sich besser verbergen können, und natürlich (im Prinzip) wissen, was sich gehört und was nicht, vielmehr noch, was sich gerade jetzt gehört und was nicht. Demgegenüber sind bildende Künstler unschuldig, und das ist an sich schon enorm."

Vor einem Jahr hat Jean-Pierre Frommer, Mitarbeiter im französischen Umweltministerium und Veranstalter der Les Mardis hongrois de Paris eine europaweite Unterschriftenaktion für die Erhaltung des jüdischen Viertels von Budapest gestartet. Im Interview mit Julia Cserba zeigt er sich überrascht, dass sein "offener Brief in der ungarischen Presse auch antisemitische Reaktionen hervorgerufen hat. Dabei sind die Hausmauern nicht jüdisch, vielleicht waren es nicht mal ihre Architekten, in dem Viertel wohnen viele Leute anderer Konfession. Die Ungarn müssen verstehen, dass dies keine jüdische Angelegenheit ist, sondern eine Angelegenheit Budapests, des ganzen Landes. Hier steht das Schicksal eines gemeinschaftlichen Wertes auf dem Spiel, der in Europa beinahe einmalig ist. Vielleicht trägt auch die Bezeichnung 'jüdisches Viertel' dazu bei, dass jene, die nicht dort leben, glauben, es gehe sie nichts an. Viele mag es sogar stören, und sie würden sich freuen, wenn es spurlos verschwände. Daran dachte ich, als ich erfuhr, dass der letzte Rest der einstigen Ghettomauer abgerissen und ihre Ziegel verkauft wurden. In Berlin hat man an mehreren Stellen die Mauer erhalten, obwohl auch sie an eine nicht gerade ruhmreiche Epoche erinnert."
Stichwörter: Esterhazy, Peter

Weltwoche (Schweiz), 25.02.2008

In der Schweiz und in Liechtenstein ist Steuerhinterziehung keine Straftat, sondern eine Art Ordnungswidrigkeit, informiert uns Ralph Pöhner, der überhaupt kein Verständnis dafür hat, wie in Deutschland mit "Fahnderkolonnen" gegen Steuersünder vorgegangen wird. "Wenig Verständnis gibt es indes dafür, dass andere Nationen ein anderes Verhältnis von Untertan und Obrigkeit (respektive Bürger und Staat) pflegen - und dass sich dieses Verhältnis zwangsläufig im Steuerrecht niederschlägt: Liechtenstein oder die Schweiz gewichten die Diskretion und die Privatsphäre des Individuums höher als das Interesse des Staates an steuerlicher Vollabschöpfung; sie erachten eine Hinterziehung als minder schweres Vergehen; und sie setzen mehr Vertrauen in ihre Steuerzahler. Steuergeld ist hier nicht a priori ein Gut des Staates, vielmehr eine Gabe der Bürger."

Weitere Artikel: Peter Holenstein nimmt die "Schwindelgrotte von Lourdes" auseinander. Und Hanspeter Born stellt den wenig sympathischen Dr. Gachet vor, der erst unfähig war, Vincent van Gogh nach seinem Bauchschuss zu retten, dann 13 Bilder einsackte und schließlich auch noch einige davon kopieren ließ.
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Archiv: Weltwoche

Gazeta Wyborcza (Polen), 23.02.2008

Von den politischen Problemen des Kulturzentrums "Kronika" in Bytom (Beuthen) berichtet Aleksandra Klich. Der Leiter Sebastian Cichocki, ein international renommierter Kunstkurator wurde von konservativen Kreisen in der oberschlesischen Stadt beschuldigt, die Kultur des ehemaligen Ostpolens, aus dem viele Nachkriegsbewohner stammen, zu vernachlässigen, den lokalen Kontext zu wenig zu berücksichtigen und zu einseitig die zeitgenössische Kunst zu fördern. Cichocki zieht sich zurück, konstatiert aber: "Hier in der Peripherie existiert ein Potenzial, man sieht manche Dinge besser. Für Künstler aber ist es ein hartes Stück Brot. Denn Bytom hat Angst vor seinen Geistern: vor den ehemaligen jüdischen und deutschen Einwohnern, vor Andersartigen. Solange die Stadt sich damit nicht auseinandersetzt, wird sich nichts ändern".

La vie des idees (Frankreich), 21.02.2008

Der Historiker Jean-Marc Dreyfus liest für das sehr schön gemachte Internetmagazin La vie des idees mehrere Bücher über den "Holocaust durch Kugeln" in der Ukraine, unter anderem "Porteur de memoires" des Paters Patrick Desbois, der mit eine Equipe junger Leute in die Ukraine reiste, um die Berichte letzter Augenzeugen zu sammeln: Sie "zeigen ihm, wo die Massengräber liegen, sie erzählen ihm, was sie gesehen haben, wenn sie die Massaker erlebt haben. Der Pater interviewt sie sehr ausführlich. Sie sprechen zum ersten Mal und wahrscheinlich auch zum letzten Mal. Hunderte Stunden von Zeugenaussagen sind bereits auf Video festgehalten."

Economist (UK), 22.02.2008

In einem ausführlichen Artikel werden die - sehr langsamen - Fortschritte Hollywoods in Richtung legaler Download-Angebote vorgestellt. Der Durchbruch dieses Vertriebswegs steht keineswegs unmittelbar bevor, aber immerhin tut sich was: "Zweifellos wird Hollywood noch ein paar Jahre brauchen, bis es genau weiß, wie es Filme im Internet anbieten will. In der Zwischenzeit bereiten sich Studios und Läden darauf vor, Film-Download-Kioske einzurichten, die mit Flash-Memory funktionieren. Eine Reihe von Firmen... haben die Download-Zeiten auf wenige Minuten reduziert, Porto Media aus Irland behauptet, sie schafften einen Film in siebzehn Sekunden. Die Idee besteht darin, solche Kioske in Läden, Flughäfen und an Tankstellen zu platzieren. Bei Porto Media werden die Filme auf winzige Geräte geladen, die man dann in eine Docking-Station am Fernseher stecken kann. Die Kioske würden mehr Titel als herkömmliche Videoläden bereithalten und es wäre niemals ein Film ausverkauft."

Besprochen werden unter anderem "Eine Welt ohne Armut", Muhammad Yunus' Buch über soziales Unternehmertum, Tim Harfords "Die Logik des Lebens", eine populärwissenschaftliche Einführung in die ökonomischen Grundlagen des Alltags sowie Nick Davies' Abrechnung mit dem Berufsstand der Journalisten "Nachrichten von der Erdscheibe", die man im Economist etwas zu schwarzmalerisch findet: "Es gibt eine merkliche Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter, das niemals wirklich existiert hat."

In der Titelgeschichte "Castros Erbe" beklagt der Economist die vom Castro-Regime angerichteten Schäden und fordert die Aufhebung des Embargos gegen Kuba.
Archiv: Economist

Al Ahram Weekly (Ägypten), 21.02.2008

In Kairo hat ein neuer Schönheitssalon für verschleierte Frauen für Aufruhr gesorgt, berichtet Gihan Shahine. Säkulare Medien wettern dagegen, dass etwa christliche Frauen ausgeschlossen werden. Die Besitzerin differenziert. "'Wir haben nie gesagt, dass sie nicht kommen dürfen', sagt Tork. 'Wir haben nur gesagt, dass wir unverschleierten Frauen nicht das Haar machen - ob sie nun Muslime oder Christen sind - weil wir uns nicht an ihrer Sünde beteiligen wollen [dass sie unverschleiert auf die Straße gehen]. Das stammt natürlich alles nicht von uns. Wir haben drei religiöse Gutachten von drei verschiedenen Religionsgelehrten bekommen, bevor wir uns entschieden haben, das zu tun. Es ist doch ganz einfach: in einem chinesischen Restaurant kann man kein Koshari bestellen, und man kann das Restaurant nicht dafür verantwortlich machen, nur eine bestimmte Art von Essen zu servieren.'"

ResetDoc (Italien), 21.02.2008

Im Interview mit Amara Lakhous antwortet Ernesto Ferrero, Chef der Turiner Buchmesse, auf die Boykottaufrufe, die unter anderen von Tariq Ramadan oder Dario Fo lanciert wurden, weil in diesem Jahr Israel das Gastland ist: "Wir laden doch keine Staatsschreiber ein. Ramadan argumentiert rein politisch, während wir uns für die kulturellen Aspekte interessieren. Es scheint, als wüsste er nicht, was eine Buchmesse ist. Dabei war er im letzten Jahr selbst zu Gast, obwohl er eine sehr umstrittene Figur ist. Er konnte frei sprechen und ihm wurde interessiert zugehört. Jetzt sollte er auch andere zu Wort kommen lassen." Zu den Forderungen, auch palästinensische Autoren einzuladen, sagt er: "Wir haben doch Schriftsteller wie Ibrahim Nasrallah, Suad Amiry und Sahra Khalifeh eingeladen. Aber sie haben abgelehnt, mit der Begründung, dass sie nicht die al-Nakba (die Katastrophe der Vertreibung) oder Apartheid feiern möchten. Darum haben wir aber auch nicht gebeten."

Außerdem: Daniele Castellani Perelli schildert, wie sich die Lage um den Boykottaufruf seiner Einschätzung nach darstellt. Und Mohamed Salmawy, Generalsekretär des notorischen arabischen Schriftstellerverbands (mehr hier), droht schon mit "Konsequenzen" für das nächste Jahr, wenn Ägypten dann Gastland der Buchmesse werden soll.
Archiv: ResetDoc

Figaro (Frankreich), 21.02.2008

In einem Gespräch erklärt der italienische Diplomat Maurizo Serra, weshalb er in seinem Essay "Les freres separes - Malraux, Aragon, Drieu face a l'histoire" den Gaullisten, den Kommunisten und den Faschisten als eine zusammengehörende Gruppe porträtiert. "Es sind drei Persönlichkeiten mit sehr starken Affinitäten, die als wechselnde Strömungen wiederkehrten. Denken Sie an die Zeichnung auf dem Umschlag meines Buchs. Am Ende seines Lebens hat Aragon, der den Namen Drieu seit dreißig Jahren öffentlich nicht mehr ausgesprochen hatte, es für nötig befunden, ein Porträt seines Jugendfreunds Drieu zu zeichnen. Was Malraux angeht, so hat dieser viel dafür getan, dass Drieu bei Gallimard neu aufgelegt werden konnte. Vereinfachungen drängen sich auf, sind jedoch zwangsweise reduzierend. Der Eine erklärt sich nicht allein durch Faschismus, der andere nicht allein durch Stalinismus und der Dritte nicht ausschließlich durch Gaullismus. Drieu, Aragon und Malraux durchdringen die gesamte französische und europäische Ideologie des 20. Jahrhunderts."
Archiv: Figaro

Portfolio (USA), 01.03.2008

"The Kurdistan region is Paul Wolfowitz?s wet dream". Der Schriftsteller Denis Johnson ist für Portfolio nach Irakisch-Kurdistan gefahren und staunt nicht schlecht - die Wirtschaft boomt, es gibt so etwas wie Demokratie, und die Amerikaner werden geliebt: "Liebe. Liebe! Investoren fliegen aus allen Richtungen des Globus heran, und Ausländer gibt es in der Stadt Erbil viele, aber wenn man schüchtern erwähnt, dass man Amerikaner sei, dann wird einen der Cafe- oder Ladenbesitzer zur Seite nehmen, in die Arme greifen und mit der leidenschaftlichen Ernsthaftigkeit eines volltrunkenen Onkels sagen: 'Ich spreche nicht nur für mich, sondern für alle Kurden. Bringen Sie bitte die US Army dauerhaft hierher. Sie sind willkommen. Nein, selbstverständlich akzeptiere ich Ihr Geld nicht, bitte nehmen Sie diese Dinge als ein Geschenk an Amerika an.'"

Außerdem: Der Schriftsteller Jay McInerney schwimmt mit den ganz großen Fischen durch die Art Basel Miami Beach.
Archiv: Portfolio