Magazinrundschau

Software in chinesischen Köpfen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
27.11.2007. In der Boston Review zeichnet Abbas Milani das ultimative Porträt Mahmud Achmadinedschads. Outlook India untersucht eine neue Männerbewegung gegen Ex-Ehefrauen. In Literaturen feiert Daniel Kehlmann die federnde Grammatik des Heinrich von Kleist. Nepszabadsag und Elet es Irodalom grübeln intensiv über die ungarische Krise. Der New Yorker trotzt einer Sauerei. Al Ahram staunt über islamisches Leben in New York. Im Nouvel Obs erklärt Anthony Giddens das europäische Sozialmodell für gescheitert. Der Spectator findet: ein Kretin gehört nicht ins Gefängnis, auch wenn er Bin Laden feiert. Die New York Times sucht Selbstmordattentäter in Marokkos Tetouan.

Boston Review (USA), 01.11.2007

Abbas Milani, Professor für iranische Studien in Stanford, schreibt das ultimative Porträt Mahmud Achmadinedschads. Zu Beginn seines monumentalen Essays erklärt er, warum der iranische Präsident ein so gründliches Studium verdient: "Er muss ernstgenommen werden, nicht nur wegen seiner Drohungen, verbalen Ausfälle und politischen Provokationen. Wo immer er spricht und wen immer er anspricht - Achmadinedschad steht zuhause und in der übrigen muslimischen Welt stets einem Millionenpublikum gegenüber. Er kennt sein Publikum sehr gut, und auch wenn er plump und willkürlich erscheinen mag, überbringen seine Reden und sein Verhalten eine gründlich einstudierte Botschaft frommen Populismus. Er ist ein Produkt der jüngsten iranischen Geschichte und ein Verständnis seiner frühen Jahre und seines Aufstiegs zur Macht geben Einblick in die aktuellen Verhältnisse im Iran."
Stichwörter: Populismus

Outlook India (Indien), 03.12.2007

In Indien hat sich unter der Federführung der Save Indian Family Foundation (SIFF) eine Männerbewegung formiert, die sich gegen die Ausbeutung und Verfolgung durch Ex-Frauen und deren gierige Anwälten zur Wehr setzen will. Raghu Karnad glaubt durchaus, dass Männer in einzelnen Fällen durch die neuen Gesetze zur häuslichen Gewalt ungerecht behandelt wurden. Trotzdem ist Karnad die Bewegung nicht geheuer: "Mit pauschalen Äußerungen und chauvinistischen Reaktionen hat sich die SIFF von dem gemeinsamen Boden entfernt, den sie mit den Frauen-Aktivistinnen hätte teilen können. Ihre Bedenken sind nicht so verschieden: Zum Beispiel kommt es nur in zwei Prozent aller unter Paragraf 498A angezeigten Fällen zu einer Verurteilung. Das kann bedeuten, dass die meisten der angezeigten Personen unschuldig sind, aber es bedeutet auch, das die meisten Schuldigen gar nicht erst angezeigt werden. Was eine Bewegung zur Kooperation hätte sein können, um faire Gesetze zu entwerfen, hat zu einer fürchterlichen Rivalität geführt: Du bist entweder pro-Mann oder pro-Frau."

Weiteres: Shruti Ravindran besucht die Schauspielerin und Kochbuch-Kultautorin Madhur Jaffrey, von der zuletzt "The Ultimate Curry Bible" erschien (hier einige ihrer Rezepte). Der Autor C.P. Surendran legt sich mit dem Nationalheiligen Shah Rukh Khan an, dessen "Universum allein um sich selbst" kreise.
Stichwörter: Khan, Shah Rukh

Dissent (USA), 01.10.2007

Susie Linfield (mehr hier) leistet eine traurige und ausführliche Bestandsaufnahme der Lage in Zimbabwe und stellt zugleich einige Bücher über das afrikanische Desaster vor. Sie erinnert an hoffnungsvolle Anfänge des Mugabe-Regimes und sieht Mugabe selbst als den Hauptverantworlichen der Katastrophe des Landes, das heute auf Platz 4 im "Failed States Index" der Zeitschrift Foreign Policy steht: "Mugabes Abstieg in hemmungslose Tyrannei, der bizarre Schiffbruch seines Landes, waren nicht unvermeidlich: Ganz leicht könnte man sich unterschiedliche Szanarien vorstellen die weder Fantasie noch Wunschdenken sind. Die Zerstörung des Landes erscheint dadurch noch bestürzender, empörender, tragischer."

Die Herbstnummer von Dissent bringt übrigens auch ein schönes Dossier über Frankreich.
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Archiv: Dissent
Stichwörter: Failed States

New Yorker (USA), 03.12.2007

Bill Buford, Literaturkritiker, der bei einem Dante zitierenden toskanischen Metzger in die Lehre ging (hier sein Buch darüber), stellt drei "Kochbücher für Fleischfresser" vor: "The River Cottage Meat Book" des Briten Hugh Fearnley-Whittingstall, "Au Pied de Cochon" des frankokanadischen Kochs Martin Picard und "Pork & Sons" des französischen Kochs Stephane Reynaud (Villa 9trois). Alle drei Bücher enttäuschten ihn in einem einzigen Punkt: "Was alle drei ignorieren und vermutlich erst kurz vor der Veröffentlichung ihrer Bücher entdeckten: Es gibt keine allgemein gültige Zerlegepraxis, vielmehr ist sie immer national und manchmal regional festgelegt, deshalb gibt es auch kein allgemein gültiges Metzgervokabular, das sich von einer Sprache in die andere übersetzen ließe. Insofern sind Fearnley-Whittingstalls Anleitungen zum Zerteilen eines Lamms am Ende die sinnvollsten: Die einzige Methode es zu lernen, besteht darin, unerschrocken hineinzuhacken und der Sauerei zu trotzen."

Weiteres: Michael Specter berichtet über eine evolutionäre Entdeckung bezüglich Viren, und geht der Frage nach, warum Forscher deaktivierte Retroviren wieder zum Leben erwecken. John Updike rezensiert den Roman "A free Life" des aus China stammenden Amerikaners Ha Jin (Pantheon). Alex Ross resümiert den Auftritt der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle beim New Yorker Festival "Lights in Berlin" in der Carnegie Hall. Und David Denby sah im Kino "The Diving Bell and the Butterfly" von Julian Schnabel und die Komödie "The Savages" von Tamara Jenkins. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Visitor" von Marisa Silver und Lyrik von Gerald Stern, James Richardson und Richard Kenney.
Archiv: New Yorker

Gazeta Wyborcza (Polen), 24.11.2007

Immer nur wegen der Politik rumjammern ist sinnlos, konstatiert der spanische Schriftsteller Fernando Savater, und hat dehalb eine eigene Partei, die Union Progreso y Democracia, gegründet. "Mein ganzes Leben lang habe ich mich mit Philosophie, Vorlesungen, Bücher schreiben befasst. Dann sagte ich mir: ich möchte nicht nur Zuschauer sein, der schlechte Schauspieler beklatscht. In der Demokratie sind wir, die Zuschauer, gleichzeitig die Schauspieler", erklärt Savater im Interview. Auf die Frage aber, ob er sich selbst, den Philosophen, in der Rolle des aufgeklärten Herrschers sieht, wehrt er ab: "Nein, nein, niemals! Vielleicht kenne ich Platon zu gut. Ich habe eine Partei mit aufgebaut, ich bleibe als Beobachter am Rand."

Besprochen wird die Ausstellung "Seduced: Art and Sex from Antiquity to Now" im Londoner Kunstzentrum Barbican. "Wenn man mehrere hundert Kunstwerke gesichtet hat - von antiken Skulpturen bis zu zeitgenössischen Fotografien, auf denen Pornostars zu sehen sind - muss man feststellen, dass das Set an Emotionen, die mit Sex verbunden sind, immer gleich bleibt: Verlangen, Scham, Abscheu, Freude." Ob etwas Pornografie oder Kunst ist, hängt dabei allein vom Kontext ab: "Würde man die antike Statue eines nackten Titanen in einem Sex-Shop aufstellen, gälte sie als Pornografie, nicht als Kunst", sagt der Kurator Martin Kemp im Gespräch.

Nouvel Observateur (Frankreich), 22.11.2007

Vom bedeutendsten britischen Soziologe, Anthony Giddens, Autor unter anderem von "Die dritte Moderne", wird in Großbritannien "Over to You Mr Brown" (Polity Press) und in Frankreich in Kürze das Buch "Le Nouveau Modele europeen" (Hachette Litteratures/Telos) erscheinen. In einem Interview spricht er über die gespaltene Linke, Frankreichs Versäumnisse, den Blair-Nachfolger Gordon Brown und erläutert sein Plädoyer für ein neues europäisches Sozialmodell. "Das gegenwärtige europäische Sozialmodell, das laut Definition von Jürgen Habermas und Jacques Derrida davon geprägt ist, staatlichen 'Garantien der sozialen Sicherheit' und der Zuversicht der Europäer in die 'zivilisatorische Macht des Staates' einen hohen Stellenwert einzuräumen, ist in der Krise. Es lässt 20 Millionen Menschen in der Arbeitslosigkeit hängen. Diese Krise ist für die Ablehnung der europäischen Verfassung verantwortlich: Die französischen Wähler haben gegen ein Europa votiert, das sie nicht mehr beschützt. Bestimmten Ländern - den nordeuropäischen - ist es trotzdem gelungen, Wachstum mit sozialer und dem Gleichheitsgrundsatz folgender Sicherung auf hohem Niveau zu verbinden. Wir werden sehen, was Europa von ihnen lernen kann."

Spectator (UK), 23.11.2007

Die 23-jährige Samina Malik, die im Londoner Stadtteil Southall lebt, hat läppische Gedichte geschrieben, in denen sie Bin Laden feiert. Dafür soll sie nun ins Gefängnis. Völlig absurd findet das Rod Liddle: "Sie schreibt über das Abschlagen von Köpfen und den Krieg gegen Ungläubige etc. Sie verwendet gerne und häufig Wörter wie 'cool', am liebsten in Verbindung mit Wörtern wie 'Dschihad'. Osama bin Laden, zum Beispiel, ist cool. Sie ist eine Idiotin. Alles, was ich über sie gelesen habe, überzeugt mich davon, dass sie ein leichtgläubiger und übler Kretin ist, mit einer heftigen Abneigung gegen das Land, in dem sie lebt, verbunden mit teeniehaft-fanatischer Verehrung für die Terroristen, die sie aus ihren Videobotschaften kennt." Schlimm findet Liddle, dass die Liberalen im Lande nicht zu Maliks Unterstützung herbeieilen: "Weil sie glauben, sie müssten den 'islamischen Mainstream' unterstützen ..., beteiligen sich der Guardian und die meisten weißen Liberalen an der koordinierten staatlichen Verfolgung von allem und jedem, das den Islam 'in Verruf' bringen könnnte. Und dann kann man auch jemanden dafür ins Gefängnis stecken, dass er oder sie dumme Gedichte schreibt."

Weitere Artikel: Die demokratisierende Kraft des Internet feiert aus keinem bestimmten Anlass Matthew d'Ancona. James Forsyth glaubt nicht, dass der Nahost-Gipfel in Annapolis Fortschritte bringt. Besprochen werden unter anderem Robert Zemeckis' Beowulf-Verfilmung und das trotz der Beteiligung von Harold Pinter, Michael Caine, Kenneth Brannagh und Jude Law katastrophal missglückte Remake des Films "Sleuth" von 1972.
Archiv: Spectator

Przekroj (Polen), 22.11.2007

"Regisseur Jan Klata wird wohl der einzige polnische Künstler gewesen sein, der sich über die Wahlniederlage Jaroslaw Kaczynskis nicht gefreut hat", glaubt Lukasz Drewniak. Der Theaterrebell arbeitet nämlich seit einiger Zeit an einer Neuinszenierung des Stückes "Szewcy" ("Die Schuster") des modernistischen Schriftstellers Witkacy. "In den letzten zwei Jahren hat man keine Gelegenheit ausgelassen, von der Bühne aus die Wirklichkeit zu kommentieren. (...) Statt Grauen erzeugt Klatas Stück jetzt Gelächter. Aber mit der PiS-Regierung verschwindet nur ein leichter Gegner fürs Theater, viel schwieriger wird es, gegen Tusk zu punkten. Versuchen aber muss man es, denn das Theater ist doch sowieso immer dagegen."

Ein großes Dossier ist dem "wankenden Imperium" Amerika gewidmet: vom schwachen Dollar, der das Land auch für polnische Touristen immer attraktiver macht, über die Stärke der (Pop)Kultur, und die unbegreifliche Waffenkultur, bis hin zu den Problemen in den bilateralen Beziehungen (Irak, Afghanistan, Raketenschirm - woher kennen wir das? - und Visapflicht für Polen). Im Aufmacher erinnert Lukasz Wojcik daran, dass sich jede Analyse vom Niedergang eines Imperiums an Edward Gibbons Klassiker "Verfall und Untergang des römischen Imperiums" messen lassen muss. "Nach Gibbon waren vier Gründe die wichtigsten beim Fall des Römischen Imperiums: eine zu große militärische Anstrengung (in Mesopotamien, dem heutigen Irak!), soziale Dekadenz, religiöse Konversionen und Einfälle der Barbaren. Mindestens zwei dieser Phänomene rauben heute dem amerikanischen Imperium den Schlaf." Wojcik erinnert auch daran: "Bisher wurde das Vakuum nach einem gefallenen Imperium immer durch ein neues Imperium gefüllt. Heute scheint das kommunistische China der einzige Kandidat dafür zu sein. Vielleicht sollte uns also das Wohlergehen unserer amerikanischen Imperialisten am Herzen liegen?"
Archiv: Przekroj

San Francisco Chronicle (USA), 25.11.2007

William Langewiesche ist einer der besten und berühmtesten Reporter der USA, Autor einer umwerfenden Reportage über den Weinpapst Robert Parker, aber auch wichtiger Artikel und Bücher über die Aufräumarbeiten am Ground Zero oder den Irakkrieg. Heute ist er Chefreporter bei der richtigen Vanity Fair und erklärt in einem ausführlichen Porträt, das Dorsey Kindler für den San Francisco Chronicle verfasst hat, warum er seinen vorherigen Arbeitgeber Atlantic Monthly verließ: die Zeitschrift war von Boston nach Washington umgezogen "'Ich kann Washington nicht ausstehen' sagt Langewiesche, 'Die Weltsicht dieser Stadt scheint mir zweifelhaft. Ich glaube, Washington ist eine sehr kranke Stadt, die Hauptstadt eines Imperiums, das an zuviel macht krankt.'"

New York Times (USA), 25.11.2007

Jamaa Mezuak, ein kleines Viertel in der marokkanischen Küstenstadt Tetouan, produziert überdurchschnittlich viele Selbstmordattentäter. Andrea Elliott schaut sich für eine große Reportage im New York Times Magazine dort um. "Falls es ein Ventil für den Überfluss an männlicher Energie des Viertels gibt, ist das der Fußball. Im Sommer versammeln sich Hunderte von Jungs, um den Spielern zuzuschauen, wie sie in einem alten Betonbecken herumrutschen, manche von ihnen barfuß. Als ich eines Nachmittags im Juli dort am Rand saß, kam ich mit einer Gruppe von Teenagern ins Gespräch. Es ging um ihre Helden. Sie sagten, dass sie Zinedine Zidane verehrten, den Muslim algerischer Abstammung, der die Fußballwelt von Frankreich aus erobert hatte. Sie liebten den Propheten Mohammed. Die bloße Erwähnung von Osama bin Laden verursachte ein Meer an hochgereckten Daumen."

Es gibt viele autobiografische Berichte von Gegnern Stalins. Aber keinen, der die Erfahrungen der Menschen beschreibt, die sich mit dem Regime arrangiert haben. Orlando Figes' "außerordentliches" Buch "The Whisperers. Private Life in Stalin's Russia" erzählt nun davon und ist der ultimative Rüffel für Putins Anstrengungen, Russland eine moralische Amnesie zu verordnen, freut sich Joshua Rubenstein in der Book Review. "Figes liefert entmutigende öffentliche Denunziationsbriefe, 'formelhafte Notizen, die zu Tausenden in der sowjetischen Presse abgedruckt wurden'. Einer schrieb: 'Ich, Nikolai Iwanow, verstoße meinen Vater, einen ehemaligen Priester, weil er viele Jahre lang Menschen in die Irre geführt hat, indem er ihnen erzählte, dass Gott existiert, und das ist der Grund, warum ich alle Verbindungen mit ihm löse.'"

Mit Simon Sebag Montefiores Stalin-Biografie kann Richard Lourie nichts anfangen: "Wie wurden sie so", die Monster der Geschichte? "Hier erfahren Sie es nicht. Simon Sebag Montefiore ... ist nicht ein Historiker, sondern zwei. Der erste ist fähig zu seriösen Recherchen und Einblicken, doch er wird von dem zweiten in den Schatten gedrängt, der Geschichte als Skandal begreift und Geschichtsschreibung als Klatsch. Vanity Fair goes to Lubjanka."