Magazinrundschau

Dubravka Ugresic: Denkmal für den polnischen Klempner

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
31.07.2007. Die New York Times trifft Mertz, den ersten auf soziales Verhalten programmierten Humanoiden. Das Tygodnik Powszechny trauert um Warschaus internationalsten Ort, den Jarmark Europa, der einem neuen Fußballstadion weichen soll. Die Gazeta Wyborcza begrüßt die unvollkommenen Retter Europas. In Nepszabadsag besichtigt Gaspar M. Tamas das ausgeweidete Osteuropa. In Elet es Irodalom betrachtet Gabor Schein das postkoloniale Osteuropa. The New Republic schildert, wie sich Washingtoner Politzirkel von der türkischen Regierung bezahlen lassen. Im Nouvel Obs hält Marshall Sahlins den Irakkrieg für die irrationalste Dummheit seit dem Einmarsch der Athener in Sizilien. Im Espresso findet Jeremy Rifkin Spuren seiner ältesten Vorfahren im Rift Valley im Nordosten Afrikas. Die Weltwoche bringt ein großes Interview mit dem Menschensammler Walter Kempowski. Und im Magazin lernt Ian McEwan die Fesseln Burka-verhüllter Frauen zu lieben.

New Yorker (USA), 06.08.2007

Wie haben Anfang des 21. Jahrhunderts eigentlich Redaktionen auszusehen?, fragt sich Paul Goldberger und sah sich die entsprechenden Räume im von Renzo Piano gebauten New-York-Times-Gebäude und in der Bloomberg-Zentrale um. "Während die Times-Redaktion ein biederer, in einem architektonisch bedeutenden Gebäude versteckter Raum ist, ist die von Bloomberg das Gegenteil: eine glanzvolle Arbeitsumgebung in einem edlen, aber konventionellen Wolkenkratzer von Cesar Pelli. Zusammen mit Studios Architecture und der Design-Firma Pentagram hat Bloomberg einen Arbeitsraum geschaffen, der vor zehn Jahren nicht möglich gewesen wäre. Niemand, weder der Vorstand noch der CEO, haben ein privates Büro. Stattdessen sitzen viertausend Mitarbeiter in einheitlichen Reihen an identischen weißen Tischen mit eigens für Bloomberg gebauten Flachbildschirmen. Wenn auch der etwas größere Tisch des CEO Lex Fenwick ein wenig abseits steht, sitzt er doch nur wenige Fuß von den jungen Angestellten entfernt, die Kundenanfragen und Beschwerden handhaben."

Weiteres: Michael Specter berichtet über den "verlorenen Krieg" gegen Spam-Mails. Jeffrey Toobin schreibt über den noch immer ungeklärten Mord an dem Assistant U.S. Attorney Tom Wales 2001, der sich für eine Kontrolle des Schusswaffenverkaufs einsetzte. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "So It Is in Life" von Daniil Charms und Lyrik von D. Nurkse und Jorie Graham.

Louis Menand rezensiert zwei Bücher über das Schreiben von Biografien: "Shoot the Widow", die Erinnerungen von Meryle Secrest, der Biografin unter anderem von Frank Lloyd Wright und Leonard Bernstein, sowie "Biography: A Brief History" von Nigel Hamilton. Benjamin Kunkel porträtiert Robert Walser anlässlich dessen erst kürzlich übersetztem Roman "Der Gehülfe" ("The Assistant"). Und David Denby sah im Kino den dritten Teil des Bourne-Zyklus mit Matt Damon "The Bourne Ultimatum" und Charles Fergusons Dokumentarfilm "No End in Sight" über die amerikanische Besetzung des Irak.

Nur im Print: Berichte über den rätselhaften Rückgang an Bienen in Nordamerika und ein ziemlich hartes Golfturnier.

New Republic (USA), 26.07.2007

Michael Crowley ist empört, wie sich einige Washingtoner Zirkel von der türkischen Regierung kaufen lassen, um den Völkermord an den Armeniern herunterzuspielen: "In den vergangenen Jahren haben sich Abgeordnete, Lobbyisten und ausländische Emissäre in einem harten Kampf um eine Kongress-Resolution verfangen, die offiziell die Massakrierung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Genozid betrachtet. Die türkische Regierung verficht ihr Ziel mit dem Eifer eines Atatürks - wobei sie ebenso eine Multimillionen-Dollar-Brigade von früheren Abgeordneten und schmierigen Strippenziehern rekrutiert hat wie eine Gruppe von amerikanischen Juden, die überraschenderweise willig sind, die Rede vom Genozid kleinzuhalten." Die Lobby-Firma des früheren Oppostionsführers Richard Gephardt etwa kassiere 100,000 Dollar im Monat für ihre Dienste und bringe dafür Papiere in Umlauf, in denen der Genozid geleugnet wird.

Economist (UK), 27.07.2007

Das Wort "Globalisierung" mag neu sein, das Phänomen ist es nicht. Das ist jedenfalls das Argument, das Nayan Chanda, Mitglied des Yale Center for the Study of Globalization, in seinem Buch "Bound Together: How Traders, Preachers, Adventurers, and Warriors Shaped Globalisation" entfaltet: "Oft lässt er Figuren aus der Vergangenheit in ihren eigenen Worten für sich sprechen. 'Die Verbreitung und Nutzung von Eisenbahnen, Dampfschiffen und Telegrafen lösen Nationalitäten auf und bringen geografisch weit voneinander entfernte Völker einander wirtschaftlich und politisch nahe. Sie machen die Welt zu einer Einheit und das Kapital hat, wie Wasser, eine einebnende Kraft.' Das könnte, von der Ausdrucksweise abgesehen, eine Pressemitteilung der Weltbank von heute Morgen sein. In Wahrheit stammt es von David Livingstone, der in den 1850ern über seine Erfahrungen in Afrika nachdachte."

Weitere Artikel: In Botswana wird gerade Alexander McCall Smiths Kriminalroman "The No. 1 Ladies' Detective Agency" verfilmt - der Economist informiert über die Umstände und die Lage in dem afrikanischen Staat. In Spanien gibt es derzeit einen Wettbewerb um einen Text für die seit dem Übergang zur Demokratie textlose Nationalhymne. Im September soll die Entscheidung fallen - und die wird unweigerlich, prophezeit der Economist, für heftigen Streit sorgen. In der Titelgeschichte geht es darum, wie die Staaten des Westens auf schrumpfende Bevölkerungszahlen reagieren könne.

Besprochen werden eine ganze Reihe neuer Kriminalromane, der "Simpsons"-Film ("wunderbar klug und witzig"), Roger Deakins' Buch "Wildwood. A Journey Through Trees" sowie eine Londoner Ausstellung mit islamischer Kunst aus der Sammlung Aga Khan.
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Foglio (Italien), 28.07.2007

Fabio Dal Boni trommelt gegen die zunehmende Ausbreitung privater Kliniken, die dem Magnaten Carlo De Benedetti ebenso gehören wie die Konkurrentblätter. Dal Boni sieht hier vereinte Kräfte am Werk: "Bei jedem Unfall und jedem Ausfall wird das öffentliche Gesundheitsystem an den Pranger gestellt und mit dem System anderer Länder verglichen, vor allem mit dem amerikanischen, wo man für den Service zahle und er funktioniere (natürlich nur für diejenigen, die privat versichert sind). Nun fällt einem auf, und vielleicht ist es ein purer Zufall, dass sich hier Hospital auf Zeitung reimt. Denn Carlo De Benedetti besitzt den Espresso, die Repubblica, sechzehn lokale Tageszeitungen, ein paar Radiosendcer (Deejay und Capital), einen Musiksender (All Music-Rete A), Blogs und Internetportale." (Zufall ist wohl auch, dass Il Foglio auf einmal das öffentliche Gesundheitssystem für sich entdeckt.)

Cristina Giudici porträtiert Lietta Manganelli, die Tochter des italienischen Schriftstellers Giorgio Manganelli, die von Anfang an ein eher schwieriges Verhältnis zu ihrem vom Leid der Existenz geplagten und wenig liebevollen Vater hatte. "Als sie fünf Jahre alt war, gab ihre schöne und außergewöhnlich schwermütige Mutter Fausta - die der Vater trotzdem als sein schönes Märchen bezeichnete - sie bei ihrer Tante in Parma ab, 'Ich komme in fünfzehn Tagen, um Dich zu holen', erzählte sie ihr, nachdem sie sich schon von ihrem Mann getrennt hatte. 'Sie kam fünfzehn Jahre später', witzelt Lietta."

Weiteres: Siegmund Ginzberg erzählt hier und hier die Geschichte des russischen Geheimdienstes, dessen Vorgänger Okhrana schon im 19,. Jahrhundert in London und Paris operierte. Rothaarige haben mit schrecklich vielen Vorurteilen zu kämpfen, konstatiert Guilda Giarneri, um gleich darauf einige Emanzipationsbewegungen Betroffener vorzustellen.
Stichwörter: Mutter, Gesundheitssystem

Weltwoche (Schweiz), 26.07.2007

In einem ausführlichen Interview mit Peer Teuwsen blickt der schwerkranke Schriftsteller Walter Kempowski auf sein Leben zurück, auf Krieg und Gefängnis, und natürlich auf sein Tagebucharchiv, seine Sammlung von Menschen: "Ich kann mir nichts darunter vorstellen, wenn man sagt, drei oder vier Millionen Menschen seien vergast worden. Aber wenn ich höre, wie ein SS-Mann in Dachau den armen Pastor Schneider gequält hat, Dinge, die längst vergessen sind, die aber zu Buche stehen - dann kann man sich ein Bild machen von den ungeheuerlichen Grausamkeiten. Allein die Idee, ein ganzes Volk auszurotten, der reine Wahnsinn. Und ich selbst saß zu dieser Zeit in der Wohnstube auf dem Teppich und spielte mit kleinen Autos." Und er beklagt auch, dass er in Deutschland nicht "konservativ und liberal" sein darf: "Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt. Ein fröhliches Dahinplappern ist verboten. Selbst Ihnen gegenüber, verehrter Herr Teuwsen, muss ich mich vorsehen. Das ist doch erbärmlich. Ist das in der Schweiz auch so schlimm?"

Weiteres: "Frauen sind linker, ökologischer und staatsgläubiger als Männer", bilanziert Philipp Gut 36 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts in der Schweiz. Und zum anstehenden Nationalfeiertag am 1. August erzählt Peter Hartmann eine Geschichte der Urschweiz, nämlich die vom Untergang des Freistaat Gersau.

Das Magazin (Schweiz), 30.07.2007

Ian McEwans neuer Roman "Am Strand" handelt von einer missglückten Hochzeitsnacht eines Paars in den frühen Sechzigern. Finn Canonica unterhält sich mit dem Autor und bekennden 68-er in einem längeren Gespräch zu Sex einst und jetzt fragt ihn auch, ob er sich eine repressivere Gesellschaft zurückwünscht. Seine Antwort: "Ich war mal mit einem saudischen Freund in Saudiarabien unterwegs. Er sah eine Frau in einer Burka die Treppe hochsteigen und sagte spontan: 'Oh Mann, hast du diese Fesseln gesehen?' Trotzdem sehne ich mich kein bisschen nach diesen Zeiten, auch wenn sie für einen Romancier spannend sind."
Stichwörter: Burka, McEwan, Ian

Nouvel Observateur (Frankreich), 26.07.2007

In der Sommerserie, in der sich Intellektuelle aller Gewerke über ihr Selbstverständnis und ihre Arbeit äußern, spricht der amerikanische Anthropologe Marshall Sahlins im Interview über seine Arbeit mit Claude Levi-Strauss, Polynesische Kulturen und die Frage, was man von Thukydides hätte lernen können: "Indem Thukydides Herodots mythos durch den logos ersetzte, hat sich Thukydides des Titels 'Vater der Geschichte' bemächtigt und ist zum Liebling der Pragmatiker der internationalen Beziehungen und anderer westlicher Adepten der Realpolitik geworden. Wahrscheinlich wird sein Ansehen auch bei den Theoretikern der Rationalität und des persönlichen Interesses intakt bleiben, auch wenn der von Bush im Irak geführte Krieg zweifellos die irrationalste Dummheit seit dem Einmarsch der Athener in Sizilien ist. Doch die einleuchtendste Parallele zum Irak bietet uns der anarchische Bürgerkrieg (stasis), der Kerkyra verwüstete. Dabei haben sich die Spartaner und Athener in den inneren Konflikt zwischen den ortsansässigen Oligarchen und dem demos um die Herrschaft über die Stadt verstrickt. Sowohl in Kerkyra als auch im Irak wurden, seit die staatlichen Institutionen jegliche Legitimität verloren haben und Gewalt zum bevorzugten Mittel aller Parteien geworden ist, die heiligen Werte des Rechts, der Moral und der Religion in Blut ertränkt und auf ein Nichts reduziert."

New York Times (USA), 29.07.2007

Robin Marantz Henig hat sich für einen großen Report in der Humanoid Robotics Group des MIT umgetan und die neueste Generation der Humanoiden kennengelernt, die angeblich auf erste soziale Verhaltensweisen programmiert sind: Zum Beispiel Mertz. "Er hat Kamerasensoren hinter seinen Augen, die darauf programmiert sind, Gesichter zu erkennen; als er meins entdeckte, sollte er mich direkt ansehen, um eine Konversation in Gang zu bringen. Aber Mertz hatte an diesem Tag eine Schraube locker, und eine seiner Designerinnen, eine dunkelhaarige Frau namens Lijin Aryananda versuchte herauszufinden, was mit ihm nicht stimmte. Mertz wurde zappelig, Aryananda frustriert und ich begann mich zu fühlen, als würde ich hinter den Vorhang des Wizards of Oz spähen. Mertz besteht aus einem Metallkopf auf einem biegsamen Nacken. Er hat eine kindliche computergenerierte Stimme und expressive Brauen über seinen Pingpong-Ball-Augen - Züge, die einen Menschen freundlich gegenüber dem Roboter stimmen und die Unterhaltung angenehm machen sollen. Aber wenn etwas mit dem Code nicht stimmt, fängt Mertz an zu brabbeln wie Chatty Cathy auf Speed."

Außerdem erzählt Ayub Nuri von seiner Zeit als Helfer westlicher Journalisten in Bagdad. "Die Aufständischen hassten Fixer. Sie nannten uns Kollaborateure. Dreimal brachen sie in meine Wohnung in Bagdad ein, aber glücklicherwesie war ich nie da. Viele meiner Kollegen erhielten Briefe von bewaffneten Gruppen, in denen sie aufgefordert wurden, zu kündigen, andernfalls würden sie umgebracht. Manchmal wurden Fixer auch ohne Warnung ermordet. Vor zwei Wochen wurde Khalid W. Hassan, ein 23-jähriger Übersetzer und Reporter der New York Times in Bagdad auf dem Weg zu seinem Büro angehalten und erschossen."

In der Book Review kommt Samantha Power nach Lektüre einiger neuerer Bücher zu Islamismus und Terror zu dem Schluss: "Die Herausforderung besteht darin, die Bedrohung nicht herunterzuspielen, nur weil George Bush sie hochgespielt hat. Nach Lesley Chamberlains philosophischen Geschichte Russlands "Motherland" bemerkt Mark Lilla, dass die russischen Denker ihrem Land keinen Gefallen getan haben, als sie statt auf die Aufklärung auf den deutschen Idealismus setzten. Und David Orr rühmt die überfällige Übersetzung von Zbigniew Herberts Gesammelten Gedichten ins Englische.

London Review of Books (UK), 02.08.2007

James Meek bespricht ein Buch des Journalisten Jeremy Scahill über die rechtslastige amerikanische Söldnerarmee "Blackwater", die der schwerreiche Erik Prince 1998 gründete, weil ihm das amerikanische Militär zu lasch war. Sympathien für Prince entwickeln weder der Autor noch sein Rezensent: "Der Gründer und Eigner von Blackwater, der 38-jährige Erbe Erik Prince ist vor dem Gesetz kein Verbrecher. Es macht ihn nicht zum Verbrecher, dass er eine Privaterziehung genossen hat, ein tiefgläubiger römischer Katholik, ein früheres Mitglied der Spezialeinheit der US Navy und der Vater von sechs Kindern ist. Es macht ihn nicht zum Verbrecher, dass er erklärt hat: 'Das Ziel unserer Unternehmung ist, für die nationale Sicherheit das zu erreichen, was FedEx für die Post gelungen ist.' Es macht ihn nicht zum Verbrecher, dass er Teil der rechten republikanischen DeVos-Prince-Dynastie Michigans ist, die radikale evangelikale Christen finanziert, die gegen Homosexualität, Abtreibung und Stammzellforschung kämpfen."

Weitere Artikel: Michael Dobson, Professor für Shakespeare-Studien am Birkbeck College, ist sehr angetan von Nigel Cliffs Darstellung der "Astor Place Riots" - jener Ausschreitungen im New York des Jahres 1849, die sich an der Frage entzündeten, ob der Amerikaner Edwin Forrest oder der Brite William Charles Macready der bessere Macbeth-Darsteller war. John Foot erzählt die Geschichte der Entführung des mit Verfolgtenstatus in Italien lebenden ägyptischen Dissidenten Abu Omar, mutmaßlich durch italienische Geheimdienste. Nach massiven politischen Widerständen ist der Prozess verschoben worden - womöglich, befürchtet Foot, auf den St. Nimmerleinstag. Peter Campbell hat sich in der Tate Britain eine kleine Retrospektive mit Werken der Künstlerin Prunella Clough angesehen. Thomas Jones informiert über Leben, Werk und Methoden des US-Vizepräsidenten Dick Cheney, gestützt auf eine Serie in der Washington Post (hier alle vier Post-Artikel in der Übersicht).

Nepszabadsag (Ungarn), 30.07.2007

Die neoliberale Politik der Transformation hat die Volkswirtschaften in Ostmitteleuropa zerstört und die Region zum Spielfeld westeuropäischer Konzerne gemacht, schreibt der Philosoph Gaspar M. Tamas: "Die osteuropäischen Volkswirtschaften sind ausgeweidet, Landwirtschaft und Großindustrie zerstört. Die Wettbewerbsfähigkeit wurde als ein Wettkampf aufgefasst, welches Land die meisten multinationalen Unternehmen, die neuen Großgrundbesitzer unserer Zeit, mit den niedrigsten Steuern, den billigsten Krediten, den niedrigsten Löhnen und der längsten Arbeitszeit anlocken kann. Die gesamte Region ist durch Liberalisierung und Deregulierung gegenüber den finanzstärkeren Konkurrenten aus dem Westen wehrlos geworden. Jetzt blicken wir auf ein Trümmerfeld: In der Gesellschaft sind Enklaven entstanden, die von Langzeitarbeitslosigkeit über mehrere Generationen hinweg und von höchster Not geprägt sind." Statt zu protestieren, reagieren die Menschen mit "pathologischen Fluchtreaktionen", konstatiert Tamas: Sie zerstören ihre Gesundheit, weigern sich, Kinder zu bekommen, nehmen enorme Kredite aus, arbeiten schwarz oder wandern aus.

Der US-Abgeordnete und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschuss des Kongresses Tom Lantos hat in einer Rede vor dem Kongress behauptet, die USA hätten nach 1989 die Ostmitteleuropäer vernachlässigt und sie dem Einfluss Russlands überlassen, was Populismus, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der Region gefördert habe. Endre Aczel entdeckt in diesen Worten die Logik des Kalten Kriegs: "Die Amerikaner interessieren sich nicht dafür, ob die Wende in Ostmitteleuropa gelungen ist, sondern nur dafür, zu welchem Lager sich die Ostmitteleuropäer bekennen. Die Ostmitteleuropäer sollen Ja zum US-Raketenabwehrsystem sagen und Nein zu Gazprom, nur darum geht es. Wir werden immer noch in Schemata gedrängt, die aus den Zeiten stammen, als wir noch Satellitenstaaten der Sowjetunion waren."
Stichwörter: Populismus