Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.02.2007. Das NRC-Handelsblad fordert nach Lektüre der christlichen Schulausgabe des holländischen Dudens eine zünftige "Halal"-Edition. The Nation berichtet, wie ägyptische Blogger einen Fall von Polizeifolter publik machten. Al Ahram wirft einem UN-Report über die arabische Welt feministische Propaganda vor. In der New York Times erklärt Tariq Ramadan Ian Buruma, was islamische Weiblichkeit ist. Ayaan Hirsi Ali erklärt dem Observer, wer Tariq Ramadan ist. In Folio erklärt die Teheraner Künstlerin Jinoos Taghizadeh, warum sie auch am Privatpool lieber keinen Badeanzug trägt. HVG beschreibt Schandtaten und Nöte rumänischer Journalisten. DU reist nach Asakusa. Die London Review of Book reist ins Second Life.

NRC Handelsblad (Niederlande), 02.02.2007

Eine "christliche" Schulausgabe des holländischen Dudens Van Dale wurde nach heftiger Medienschelte (auch in NRC) vom Verlag kurz vor der Veröffentlichung zunächst zurückgezogen. 2.500 strenggläubige Protestanten hatten zuvor einen "keuschen Van Dale" mit der Begründung gefordert, ihre Kinder seien zu jung für Worte wie "Sex" oder "Sperma". Sprachexperte und NRC-Kolumnist Ewoud Sanders hat die "christliche" Ausgabe durchgeblättert und konstatiert: "Van Dale hat seine Unabhängigkeit verspielt. Steht zum Beispiel in der Standardausgabe 'keusch' für 'rein, sauber, in sexuellem Sinne ehrbar', wird daraus in der christlichen Ausgabe schlicht 'rein, sauber, ehrbar'. Sollten sich also evangelisch-reformierte Schulkinder fragen, warum für bestimmte religiöse Ämter 'Keuschheit' vorgeschrieben wird, werden sie mit diesem Van Dale in der Hand nicht wissen, was das genau bedeutet. Wäre ich ein Moslem, würde ich sofort 2.500 Unterschriften sammeln, um eine 'Halal'-Edition des Van Dale beim Verlags zu bestellen."

The Nation (USA), 19.02.2007

Negar Azimi führt uns in die Welt der äygptischen Blogger, die immer wieder von den Behörden drangsaliert werden, aber hin und wieder auch einen Erfolg verbuchen können, zum Beispiel mit einem Video, das folternde Polizisten zeigt. Zwei von ihnen wurden nach der Veröffentlichung verhaftet. "Einfach indem er das Video auf ein Blog hochlud, erreichte der als Demagh MAK bekannte Web-Impresario gewaltig Aufmerksamkeit, sowohl zu Hause wie im Ausland. Den Link zum Video, der unter Aktivisten und Journalisten weitergereicht und auch bei YouTube gepostet wurde (bis es wegen seines obszönen Inhalts entfernt wurde), griffen schließlich die etwas mutigeren Zeitungen in Ägypten sowie arabische Satellitensender wie Al Dschasira und Dream TV auf. Sogar einige Dschihadi-Webseiten ergriffen das Wort, empört über die Exzesse des ungläubigen ägyptischen Regimes."
Archiv: The Nation
Stichwörter: Al Dschasira, Dreamer, Exzess

HVG (Ungarn), 01.02.2007

Korruption ist ein großes Problem der rumänischen Medien, lautet das Urteil von Cristian Tudor Popescu, Chefredakteur der rumänischen Tageszeitung Gandul und Vorsitzender des Rumänischen Presseklubs: "In der Provinz passiert es nicht selten, dass jemand die Redaktion besucht, Geld auf den Schreibtisch legt und einen bestimmten Artikel dafür verlangt. Oder umgekehrt: die Journalisten erpressen einen Unternehmer mit Beweismaterial und werden dafür bezahlt, es nicht zu veröffentlichen." Gleichzeitig seien Attacken der Politiker gegen die Medien an der Tagesordnung. Vor allem Präsident Basescu versuche, die Presse als unglaubwürdig darzustellen und dadurch seine eigene Popularität zu stärken. "Dan Voiculescu, Chef der an der Regierung beteiligten Konservativen Partei (PC) erklärte neulich den gesamten Berufstand der Journalisten zu den neuen Securitate-Spitzeln Rumäniens."
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Archiv: HVG
Stichwörter: Geld, Rumänien

Spectator (UK), 03.02.2007

Toby Young zerstört den Mythos von Robert Redfords Sundance Festival als Festival des unabhängigen Films. Vielmehr holen sich dort in Wahrheit von den Studios produzierte Filme nur ihren Authentizitäts-Stempel ab. "Die meisten der dort erstmals gezeigten Filme haben noch keinen Verleih gefunden, werden aber kurz nach dem Debüt von einem Verleiher gekauft - typischerweise von einer der studioeigenen Independent-Firmen wie Miramax. Tatasächlich wimmelt es bei Sundance nur so von Angestellten dieser Unternehmen. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis in Hollywood, dass viele der Filme, die auf dem Sundance Festival einen Abnehmer finden, von den Studios vorfinanziert wurden, die nur so tun, als würden sie erst nach der Produktion an Bord kommen. So wirkt der entsprechende Streifen nicht nur wirklich 'unabhängig', sondern profitiert auch noch zusätzlich von dem Umstand, dass er auf Sundance 'entdeckt' wurde."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Authentizität

Gazeta Wyborcza (Polen), 03.02.2007

Das Gesicht der alten Textilmetropole Lodz in Zentralpolen verwandelt sich. Vor kurzem wurde entschieden, dass der luxemburgische Architekt Rob Krier ein 90 Hektar großes Areal im Zentrum der 800.000-Einwohner-Stadt neu bebauen soll. Vorgesehen sind u.a. ein Museum für Zeitgenössische Kunst und ein Haus, in dem das unlängst von David Lynch gegründete Kulturzentrum für Weltkunst untergebracht werden soll. Im Interview stellt Krier seine Ideen für Lodz vor: "Ein Stadtorganismus ist wie ein menschlicher Körper, er muss atmen, denken und ruhen. Das muss wieder hergestellt werden. Die vorhandenen Gebäude werden für kulturelle Zwecke hergerichtet und mit neuen Gebäuden komplettiert. Es gibt hier zu viel aufgeblasene großbürgerliche Architektur." Auf die Frage, ob Star-Kollegen wie Frank Gehry oder Daniel Libeskind (der in Lodz geboren wurde) zugezogen werden sollten, antwortet Krier: "Ihre Kunst ist fantasievoll, aber agiert gegen die Stadt. Aber wenn Libeskind sich an den Rahmen halten würde, warum nicht? Daniel, du musst disziplinierter werden, dann kannst du mitmachen!"

Nepszabadsag (Ungarn), 01.02.2007

Warum tun die ungarischen Grenzbehörden so, als wäre Rumänien der EU nie beigetreten? Journalisten der rumänischen Zeitung Romania Libera haben mit einer versteckten Kamera aufgenommen, wie einreisende Rumänen an der Grenze schikaniert werden. Istvan Tanacs kommentiert: "Die rumänisch-ungarische Grenze zu passieren ist heute genauso bedrückend wie zu Zeiten der Diktatur. Die EU-Mitgliedschaft bedeutet hier nicht, dass die Landesgrenzen durchlässiger und die Bürger freier werden, sondern dass sich die Grenzbehörde jetzt auch noch auf die Brüsseler Beschlüsse berufen kann, um die Einreisenden zu schikanieren... Ungarische, ukrainische, serbische, rumänische, mazedonische Zöllner sind daran gewöhnt, dass die Uniform nicht für den Dienst an allen Bürgern steht, sondern für die uneingeschränkte Willkür des Kleinbürgers über andere Menschen. Dass Politik und Medien die Bedeutung dieses Zwischenfalls nicht erkennen, ist höchst besorgniserregend."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Rumänien

DU (Schweiz), 05.02.2007

Das neue DU reist diesmal nach Asakusa. Hier, in Tokios ältestem Viertel, residiert die Göttin Kannon, und seine Einwohner nennen es stolz eine Hure, weil sich Asakusa so gut zu verkaufen weiß, wie Silke Pfersdorf erzählt: "Jesus warf die Händler einst aus dem Tempel - in Asakusa wurden sie willkommen geheißen. Die Götter, fand man in Japan stets, wollen unterhalten sein, das stimmt sie gewogen. Theater, Farben, Licht und Lachen, als Götterschmaus ein gutes Essen - was soll da noch schiefgehen? Das Vergnügen tanzte den Veitstanz in Asakusa. Aus der Stadtmitte Edos, wie Tokio früher hieß, verbannten die Shogune im 19. Jahrhundert die Kabuki-Theater nach Asakusa, auf den Bühnen gab es die verwegensten Stücke zu sehen, das Denkikan, Japans erstes Kino, zog 1903 in den Bezirk, noch bevor Amerika und England ein Lichtspielhaus kannten. Durch den 1853 eröffneten Hanayashiki-Blumengarten flanierten schäkernd die Pärchen, bevor der Welt neueste Karussells sich dort breitmachten; in den Misemono-Buden stellten sich die Kleinwüchsigen und Entstellten zur Schau und die Händler boten entzückende Kimonostoffe und Bänder und Kämme feil. Katzen- und Mädchenfänger, Vergnügungsboote auf dem Sumida, Spieler und Spelunken; ein einziges Irrenhaus sei Asakusa, notierte der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Yasunari Kawabata über die 1920er Jahre in seinem Buch 'Die rote Bande von Asakusa'."
Archiv: DU

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 01.02.2007

"Operacion Che": Pünktlich zum 30. Todestag Ernesto Che Guevaras wurden im Sommer 1997 auf Anordnung Fidel Castros in einer großen Haupt- und Staatsaktion die von einem kubanischen Suchtrupp "endlich gefundenen und identifizierten" sterblichen Überreste des "Guerrillero Heroico" von Bolivien nach Kuba überführt und im eigens geschaffenen Mausoleum von Santa Clara beigesetzt. Oder war das alles nur ein Fake? Das behaupten gut dokumentiert Maite Rico und Bertrand de la Grange in der neuen Ausgabe der mexikanisch-spanischen Zeitschrift Letras Libres, die mittlerweile zu großen Teilen frei im Netz lesbar ist: "Die Knochen und die medizinischen Daten gehören zu einundderselben Person - nur ist es nicht der Che. Der 'Fund' seiner Überreste war weder eine Heldentat noch ein Wunder: es handelte sich um eine als wissenschaftliche Mission getarnte Geheimdienstoperation. Höchstwahrscheinlich erfolgte die Manipulation der Grabstelle noch vor dem Eintreffen der renommierten argentinischen Forensiker. Wie schafften es die Kubaner aber, aus sechs Leichen sieben Skelette zu zaubern?"

Der polnische Lyriker Adam Zagajewski sorgt sich derweil um das aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Zentrum und Peripherie in der Literatur: "Die neue Vorherrschaft der Provinzen sorgt für einen Überschuss an Literatur, die sich vornehmlich mit den Menschen als Kollektiv beschäftigt, mit der Politik, der Unterdrückung, der Gesellschaft, etc. Heute steht manchmal die Erinnerung der Imagination im Wege, als fände neben soviel geschichtlicher oder persönlicher Erinnerung die Imagination ihren eigenen Ort nicht mehr."

London Review of Books (UK), 08.02.2007

Jenni Diski erlebt in Second Life eine Art Identitätskrise. "Nach einer Weile gab ich es auf, über die Erde zu wandern und stellte Fragen an die hilfreichen Angestellten von Linden Labs, die aus virtuellem Fleisch waren und verfügbar, um dem verwirrten Novizen zu helfen (Sprache wird eingetippt und erscheint in einer kleinen Box auf dem Bildschirm). Sie beantworteten meine Frage 'Was kann ich hier tun?' ohne Ausnahme mit: 'Nun, was würden Sie denn gern in RL tun? Sie können Leute treffen, tanzen, spielen, sich verabreden, Kleider kaufen, rumhängen ... was immer Sie wollen.' Tatsächlich tue ich nur zwei dieser Dinge gerne, aber spielen tue ich ohnehin im Cyberspace und Kleider interessieren mich nur, wenn sie tatsächlich in meinem Schrank oder auf meinem Körper hängen. 'Warum soll ich hier Dinge tun, die ich in der wirklichen Welt schon tue?' 'Weil Sie sie hier besser tun können.' Ich erwärmte mich für die Idee, ein großer Maler zu werden, aber mir wurde nicht klar, wie ich in Second Life etwas gut machen sollte, dass ich im wirklichen Leben auch nicht konnte."

Weitere Artikel: In einem interessanten Artikel rollt Thant Myint-U die Geschichte Burmas seit 1885 auf, um am Ende ein paar Ratschläge für die Zukunft anzubringen. Dazu gehört: Der Westen sollte Burma wirtschaftlich unterstützen und dabei gleichzeitig helfen, Reformen auf den Weg zu bringen, statt auf Reformen zu warten und dann erst zu helfen. Und James Meek stellt ein Buch des Journalisten Lawrence Wright über den Weg Al Qaidas bis zum 11. September vor: "The Looming Tower".
Stichwörter: Burma

New Yorker (USA), 12.02.2007

Jonathan Rosen porträtiert den Naturforscher und Philosophen Alfred Russel Wallace, "den verkannten Doppelgänger Darwins", über den seit 2000 fünf Biografien erschienen sind. "Es war Staunen, das ihn in die Natur zog, und eine instinktive Missachtung von Autorität, die es ihm leicht machte, die religiösen Überzeugungen einer gesamten Kultur in Frage zu stellen. Das tat er, als er 1858 eine Abhandlung vorlegte, in der er eine Theorie der Evolution mittels natürlicher Auslese vertrat. Anders als Darwin, der eine ähnliche Schlussfolgerung zwanzig Jahre lang aus Angst für sich behalten hatte, war es Wallace vollkommen egal, was die Leute dachten. Diese totale Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung ist einer von mehreren Gründen, dass er fast völlig aus dem Bewusstsein verschwunden ist."

Weiteres: Zu lesen ist ein Interview mit Ann Goldstein, die Primo Levis Kurzgeschichte "A Tranquil Star" übersetzt hat und eine amerikanische Gesamtausgabe seiner Schriften vorbereitet. Peter Schjeldahl schreibt über eine große Tintoretto-Retrospektive im Prado in Madrid, die zweite seit 1937 überhaupt. Und Anthony Lane begeistert sich für den Film "Das Leben der Anderen" - "ein Regiedebüt, auf das wir mit Recht neidisch sein können" - und findet, "wenn es irgendeine Gerechtigkeit gibt", müsse er den Oscar als bester ausländischen Film bekommen.
Archiv: New Yorker