Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
03.05.2004. Im Merkur liefert Michael Zeller Impressionen aus der Ukraine. Prospect feiert das Temperament ungarischer Schriftsteller im allgemeinen, das TLS Peter Esterhazys im besonderen. Outlook India rühmt eine Anthologie erotischer Sanskrit-Literatur. Im Espresso stellt uns Umberto Eco Hannibals intelligente Raketen vor. Der New Yorker wirft der US-Armee Versagen auf höchster Ebene vor. Im Express diagnostiziert Gerard Chaliand bei den Moslems pathologische sexuelle Frustration. Das New York Times Magazine widmet sich der Deutschen Frage.

Prospect (UK), 01.05.2004

Am Beispiel von George Szirtes' und Miklas Vajdas Anthologie ungarischer Literatur ("Leopard V: an island of sound") zeigt Julian Evans, welche Kraft die EU aus ihren neuen Literaturen beziehen kann: "Die Geschichten aus Ungarn und aus Zentraleuropa überhaupt mögen uns seltsam erscheinen. Ihre Geschichte, ihr Temperament, ihre fiktionale Ästhetik scheinen einer ganz eigenen Landschaft zu entstammen. Ihre Ästhetik ist jedoch die der Entdeckung, des Eintauchens in das Unbekannte - und so gesehen ist dies unser Ur-Europa, das Europa, das uns einst aussandte, unsere Möglichkeiten zu erforschen und alles zu wagen. Vor ein paar Jahren fragte ich Peter Esterhazy (...), wozu Romane seiner Meinung nach gut seien. Er antwortete, sie besäßen 'eine bodenlose Neugier, herauszufinden...' Er hielt inne, stockte kurz, wedelte mit dem Armen, bevor er die richtigen Worte fand, '...was zum Teufel all das bedeutet!'"

Der Liberalismus ist keineswegs erst 300 Jahre alt, behauptet Paul Seabright, sondern hat schon vor 10.000 Jahren mit dem Beginn der Sesshaftigkeit und der Landwirtschaft eingesetzt - in dem Moment nämlich als Fremde begannen, miteinander Handel zu betreiben.

"Gute Zäune machen gute Nachbarn." Sehr spannend liest sich Eamonn Fingletons Artikel über die japanisch-chinesische Allianz. Denn was von außen nach gepflegter Erbfeindschaft aussieht, könne bestenfalls als geschickte Hassinszenierung gelten, die darüber hinwegtäuschen soll, wie eng das Bündnis beider Partner längst geworden ist.

Weitere Artikel: James Fergusson erzählt die ernüchternde Geschichte eines nach Großbritannien ausgewanderten Afghanen, der fälschlicherweise der Vergewaltigung angeklagt wurde. Philip Hunter erklärt, welch grandiose Zukunftsperspektiven die künstliche Photosynthese eröffnet. Im Aufmacher unterhalten sich Lord Falconer und fünf führende politische Kommentatoren (Robert Hazel, Anthony Barnett, Geoffrey Howe, Ferdinand Mount und Vernon Bogdanor) über die zweite Phase der von der Labour-Regierung in die Wege geleiteten Verfassungsreform.
Archiv: Prospect

Outlook India (Indien), 10.05.2004

Eine eigenartige Anerkennung: Lee Siegel, Indien-Kenner und Professor an der Universität von Hawaii, war ganz entzückt über eine "wunderbare Anthologie indischer literarischer Texte über erotische Liebe" ("Love and Lust: An Anthology Of Erotic Literature From Ancient and Medieval India", herausgegeben von Pavan K. Varma und Sandhya Mulchandani), doch dann fand er darin ein Gedicht, das ihm bekannt vorkam. Er selber hatte es übersetzt, doch seinen Namen konnte er nirgends finden. Und das war erst der Anfang eines ganzen Rattenschwanzes editorischer Fauxpas und Dummheiten. "Deshalb kann ich", schreibt also Siegal, "auch wenn ich als Liebhaber erotischer Sanskrit-Literatur die Auswahl der sexy-verführerischen Texte ehrlich bewundere, nicht davon Abstand nehmen, ein paar Einwände vorzubringen." Und noch einmal Literatur: Anita Roy hat Rupa Bajwas Roman "The Sari Shop" gelesen und lobt die Autorin in allerhöchsten Tönen.

Zum Sport, aber nicht zum Kricket. Sugata Srinivasaraju wundert sich darüber, dass die Weitspringerin Anju Bobby George, Indiens einzige Medaillenhoffnung bei den Olympischen Spielen in Athen, ohne offizielle Unterstützung auskommen muss. Und das in einem Land, dem sein Image in der Welt immer wichtiger wird.

Schließlich das Thema Wahlen, bei denen die zweite Halbzeit ansteht. Und siehe da, mit einem Mal sieht es für die Kongresspartei gar nicht mehr so furchtbar schlecht aus. Über den neuen Optimismus im Oppositionslager von Sonia Gandhi berichtet Bhavdeep Kang. Sanjay Suri weiß, dass Wahl-Logistiker weltweit und ganz speziell im Vereinigten Königreich mit Anerkennung und gezücktem Notizbuch nach Indien blicken. Und Sanjeev Srivastava ist nach New York gefahren, um herauszufinden, was die Amerikaner über Indien denken: "Die Idee war, die indischen Wahlen aus globaler Perspektive in Augenschein zu nehmen. Was denkt die mächtigste Demokratie der Welt über die größte?" Sein Befund: "Amerika hat seine Blindheit in Bezug auf Indien abgelegt." Dass der Blick manchmal sehr tunnelartig ist - naja.

Merkur (Deutschland), 01.05.2004

Der Schriftsteller Michael Zeller liefert Impressionen aus der Ukraine, wo seiner Meinung nach der Blues spielt: "'Freiheit' meint in diesem Land seit 1991 Unabhängigkeit von Moskau, dem von jeher erdrückenden Brüderchen im Osten. Der Gefühlswert, den dieses Wort 'Freiheit' hierzulande in den Menschen auslöst und der ihre Seelen wärmt, auch wenn sie hungern mögen, in allen Widrigkeiten ihres Alltags: Es ist ein kräftiges, vitales Gefühl, vergleichbar vielleicht dem Pathos der Französischen Revolution vor zweihundert Jahren. Jung und uralt zugleich." Und wie gut dies der ukrainischen Lyrik getan hat! Zum Beispiel der des von Lemberg bis Kiew gerühmten Sergiy Zhadan: "Keine Reime mehr, keine feste Strophik. Die Verse fließen in freiem Rhythmus und haben dabei entscheidend an Atem gewonnen. Schön geregelter Atem sind Gedichte, was sonst. Die Klangfarbe des Ukrainischen meine ich darin zu hören, die sanghafteste aller slawischen Sprachen, wie es immer wieder heißt."

In den Marginalien wirft Thomas Frahm einen ausgesprochen nüchternen Blick auf die Situation der Zigeuner in Bulgarien: "Es sind zahlreiche Versuche unternommen worden, die Zigeuner zu integrieren, sprich: sie zum Wertekanon einer bürgerlichen Lebensform zu bekehren. Die Vorzüge dieser Lebensform erschienen ihren Vertretern so unbestreitbar, die Armut einer Mehrzahl der Zigeuner so evident, dass es ihnen undenkbar war, die Gemeinde der Zigeuner könnte diesen Integrationsvorschlag ablehnen. Die Integratoren waren sich in ihrer Hoffnung um so sicherer, als der Materialismus der Zigeuner ja offenkundig war. Statussymbole spielen bei Zigeunern eine gewaltige Rolle. Der Wert einer Hochzeit bemisst sich an der Zahl der Gäste, der Fülle der Bewirtung und nicht zuletzt an dem Preis, den die Familie des Bräutigams an die Familie der Braut bezahlt (50.000 Euro für besonders schöne Mädchen sind keine Seltenheit)." Doch es klappte nie. Der Grund, so Frahm, ist die besondere Ökonomie der Zigeuner: Für sie "existiert nur die Kategorie des Privateigentums - alles andere sind Ubiquitäten."

Nur im Print finden sich Artikel zur "Geschichte als Therapie", Kulturanthropologie und zu Norbert Elias, zur Normalität von Ostdeutschland, zur Fruchtbarkeit von Tratsch und Kenzaburo Oe.
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Archiv: Merkur

Times Literary Supplement (UK), 30.04.2004

Peter Esterhazys Roman "Harmonia Caelestis" ist nun auch auf Englisch erschienen, und Joanna Kavenna hat anfangs gezittert, ob dieses wacklige literarische Kartenhaus aus "schockierend expliziter Komödie", ungarisch-aristokratischem kitchen-sink drama und "Der-Autor-ist-tot"-Prosa auch wirklich hält. Aber ja, jubelt sie schließlich und erkennt genau im Durcheinander dem "wilden Exzess" den Moment der Größe.

Kaum ein gutes Haar lässt Richard Wilson an der enttäuschenden Neuauflage von Anthony Sampsons Anatomie der britischen Gesellschaft "Who Runs This Place?". Lauter Fehler, Widersprüche und falsche Einschätzungen, schimpft Wilson. Völlig unverständlich ist ihm etwa, wie Sampson behaupten kann, dass keine Politik das Land jemals so verändert hat wie das Privatfernsehen: "Wo war er, als Mrs. Thatcher an der Macht war?" Michael Gorra stellt die neuesten Produkte der stets florierenden Mark-Twain-Industrie vor, darunter zwei neue Biografien und die Bonmot-Sammlung twainquotes. Adrian A. Barnett dankt Herve Le Guyader für eine neue Studie über den völlig zu Unrecht vergessenen Zoologen Etienne Geoffroy Saint-Hilaire, dem wir Wegweisendes in der komparativen Anatomie, der experimentellen Embryologie, der evolutionären Paläontologie und der Tetralogie verdanken. Und Clive James kommentiert den "Cyrano von Bergerac" im Olivier Theatre, mit Stephen Rea in der Hauptrolle, polyglott mit "Sacre Bleu! Quelle histoire" und "Der Beifall war endenwollend".

Express (Frankreich), 29.04.2004

Ein paar ziemlich dezidierte Ansichten äußert der Terrorismus-Historiker Gerard Chaliand ("Histoire du terrorisme" bei Bayard) im Gespräch mit L'Express. Zur Kopftuch-Debatte sagt er: "Für die Islamisten ist das Verbot des Kopftuchs an den Schulen eine Kriegserklärung. Sie sehen es als einen Angriff auf die moslemische Frau, der man untersagen will, keusch zu sein. Die moslemischen Gesellschaften haben ein echtes Problem mit den Frauen, es herrscht dort eine quasi pathologische sexuelle Frustration. In Frankreich versuchen sie, uns ein Schuldgefühl zu geben... Der Druck des Islamismus manifestiert sich aber durch die Kontrolle der Frauen. In den fünfziger Jahren kannte ich ein Agypten, in dem die Frauen nicht verschleiert waren. Heute tragen in Kairo achtzig Prozent der Frauen das Kopftuch."

Außerdem in L'Express ein Porträt des "unsinkbaren" Charles Aznavour, der mit seinen achtzig Jahren mal wieder eine Reihe von Konzerten in Paris gibt.

Archiv: Express

New Yorker (USA), 10.05.2004

Die Folteranschuldigungen gegen amerikanische Militärpolizisten, die irakische Gefangene bewachen, beruht auf einem internen Bericht der US Army des Generals Antonio M. Taguba, berichtet Seymour Hersh in einer seiner großartig trockenen Recherchen. Hersh studiert diesen Bericht, der dem New Yorker zugespielt wurde und geht vor allem der Frage nach, wie hoch die Verantwortung für die Untaten anzusiedeln ist - ziemlich hoch, so scheint es: "Als die internationale Wut stieg, bestanden höchste Offiziere und Präsident Bush darauf, dass die Taten einiger weniger nichts über das Verhalten der Army insgesamt aussagen. Tagubas Bericht kommt jedoch einer schonungslosen Bilanz kollektiven Fehlverhaltnes und eines Versagens der Armee-Hierarchie auf der höchsten Ebene gleich." Online only veröffentlicht der New Yorker auch noch weitere Fotos, die die Vorwürfe belegen.

In einer ausführlichen Rezension bespricht Hendrik Hertzberg "Plan of Attack" (Auszüge), das neue Buch von Bob Woodward über die Vorbereitung des Irakkriegs (Simon & Schuster), und porträtiert dabei auch den Autor. "Wann", fragt Hertzberg eingangs, "ist die Veröffentlichung eines Buchs nicht nur einfach die Veröffentlichung eines Buchs? Das ist kein großes Geheimnis, denn die Antwortet ist inzwischen offensichtlich: Wenn der Autor Bob Woodward heißt."

Weiteres: Jeffrey Toobin beleuchtet John Kerrys Anwaltsvergangenheit. Die Erzählung "The Abandoner" schrieb Ma Jian. Besprochen werden eine Inszenierung des Theaterstücks "A Raisin in the Sun" von Lorraine Hansberry und Andrew Lloyd Webbers Bollywood-Musical "Bombay Dreams". Anthony Lane sah im Kino das Melodram "The Saddest Music in the World? des kanadischen Regisseurs Guy Maddin mit Isabella Rossellini und die Teenykomödie "Mean Girls" von Mark Waters. Und Joan Accocella schreibt über ein europäisches Tanzprojekt an der Brooklyn Academy of Music.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über italienische Luxusschuhe, das Porträt eines südafrikanischen Satirikers, nicht näher spezifizierte Lektionen über Kunst und Fußball und Lyrik von Henri Cole und Rita Dove.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 06.05.2004

"Hannibal hat die Römer bei Cannae besiegt, weil er Elefanten hatte, die intelligenten Raketen seiner Zeit, aber tat er gut daran, die Alpen zu überqueren und auf der Halbinsel einzumarschieren?", fragt Umberto Eco in einer Bilanz des Irak-Kriegs. Um schließlich festzustellen, dass wie im Irak auch in Italien die Politik ohne Beteiligung der Bevölkerung betrieben wird - und das muss zwangsläufig scheitern. Der Chefredakteur von Foreign Policy, Moses Naim, zeigt sich ähnlich kritisch und fordert ein Ende des Unilateralismus, den die USA sich, dem Irak und der Welt langsam nicht mehr zumuten könnten.

Drei Typen der Nacht gibt es: Arbeitende, Schlafende oder Vergnügungssucher. Wie Europas Stadtplaner die Koexistenz dieser drei Gattungen möglichst reibungsfrei organisieren wollen, schildert Gabriele Isman. Michele Serra gehen die Pläne, die Evolutionslehre aus dem italienischen Lehrplan zu streichen, nicht weit genug: Wieder einmal sei eindrucksvoll bestätigt worden, dass in Wahrheit der Affe vom Menschen abstammt. Katia Riccardi zeigt, dass auch die Berufsprotestanten des 1. Mai mittlerweile im Internet angekommen sind. Im Kulturteil stellt der Espresso eine Ausstellung im Palazzo Inghirami in San Sepolcro vor, wo vier zeitgenössische Künstler den Renaissancemaler Piero della Francesca (eine kleine Ausstellung im Netz) neu interpretieren. In Gigi Rivas Artikel zur EU-Erweiterung kann man schließlich nachlesen, dass auch in Italien die Angst vor der wirtschaftlichen Konkurrenz vorherrscht.
Archiv: Espresso

Clarin (Argentinien), 03.05.2004

Ganz im Zeichen des Tangos und seiner Verbindungen zur Literatur stehen diese Woche die Literaturbeilagen der argentinischen Tageszeitungen Pagina 12 (Radar) und Clarin (N). Anlass sind drei kürzlich erschienene Romane: "El cantor de tangos", von Erfolgsautor und Journalist Tomas Eloy Martinez, sowie "Errante en la sombra" und "El bailarin de tango" der Debütanten Federico Andahazi und Juan Terranova. Dass dies keineswegs ein neues Thema ist und Hommagen an die Spelunken-Musik ein wichtiges Leitmotiv der argentinischen Literatur sind, von Jorge Luis Borges über Roberto Arlt bis Julio Cortazar , daran erinnert Vicente Muleiro in einer historischen Übersicht. Kein Wunder, denn "Tango-Texte sind ohnehin Literatur, gute oder schlechte, aber Literatur", wie auch Julio Nudler in Radar findet.

In "El cantor de tangos" macht sich nun ein amerikanischer Student, Bruno Cadogan, auf die Suche nach dem wahren Tango und stößt auf einen außerordentlichen Sänger, Julio Martel. In dem Roman von Eloy Martinez ("Der Flug der Königin") geht es selbstverständlich viel um Buenos Aires, nicht zuletzt auch deswegen, weil es sich um eine Auftragsarbeit über Metropolen für Liz "Harry Potter" Calder und ihren Bloomsbury Verlag handelt. "Große Tangos zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine Art Destillat dieser Stadt sind", erklärt der Autor im Interview. Rezensent Ariel Schettini bescheinigt "El cantor de tangos" Bestseller-Qualitäten, stilistische Brillanz, genaue Beobachtungsgabe und politische Ambitionen ("Argentinien als perfektes Modell für Globalisierungshasser"), lässt aber gleichzeitig durchblicken, dass seiner Ansicht nach nur wenige seiner Seiten "beste Literatur" seien.

Derartige Qualitäten werden gemeinhin den unzähligen Büchern Cesar Airas bescheinigt, einem argentinischen Autor der mittlerweile auch ins Deutsche übersetzt wird, aber bislang trotz begeisterter Rezensionen ein wenig in der Neuerscheinungs-Flut untergegangen ist. Aira hat kürzlich eine Gesamtausgabe der Gedichte seines Landmannes Osvaldo Lamborghini herausgegeben, die er nun in Radar kurz vorstellt. Weitere Beiträge befassen sich mit der Buchmesse in Buenos Aires sowie mit dem neuen Film von der auch in Deutschland durch "La Cienaga" bekannten Regisseurin Lucrecia Martel. Und dann ist da noch ein Beitrag -der wievielte eigentlich? - zur Biografie von Gabriel Garcia Marquez: Journalistin Silvana Paternostro hat Dutzende von Freunden, Verwandten und Weggefährten interviewt und dabei mehr oder weniger interessante Anekdoten gesammelt.
Archiv: Clarin

Monde des livres (Frankreich), 30.04.2004

Einen Sturm entfacht in Frankreich der Wechsel Michel Houellebecqs vom Verlag Flammarion zu Fayard - dieses Haus gehört zur Hachette-Gruppe, die auch über eine synergetisch wertvolle Film- und Medienabteilung verfügt. Bei Fayard arbeitet jetzt auch Raphael Sorin, der Houellebecq einst bei Flammarion herausbrachte, während Houellebecq bei Flammarion seinen Kumpel Frederic Beigbeder unterbrachte, der in Le Monde des livres so zitiert wird: "Ich bin sprachlos und bestürzt. Menschlich bin ich sehr traurig, aber auch froh für Michel, wenn ihm das erlaubt, ein gutes Buch zu schreiben. Ich warte als Freund und Leser mit Ungeduld darauf. Als Verleger fühle ich mich wie eine Mätresse, deren Geliebter zu seiner Ehefrau zurückkehrt, und das obwohl ich so viel sexier bin als Raphael Sorin!"

Außerdem in Le Monde des livres eine große Besprechung der Briefe, die Simone de Beauvoir mit ihrem Geliebten Jacques-Laurent Bost, der alles in allem doch hübscher war als der offizielle Sartre, in den Jahren 1937 bis 40 wechselte.

Economist (UK), 30.04.2004

Aus fünfzehn mach fünfundzwanzig. Keinem Club, so der Economist, rennen die Mitglieder so die Tür ein wie der EU. Und doch bleibe die Freude über die jüngste EU-Erweiterung verhalten, auch aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wie ein enttäuschter Liebhaber blickt der Economist zurück, um zu erkennen, wann und wie ihm der europäische Zauber verloren ging. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Europa seine Vitalität schon immer aus Visionen bezogen hat. Zeit also für neue Visionen: "Der Türkei Einlass in den Club zu gewähren mag (noch) nicht zu der EU-Vision des gewöhnlichen Europäers gehören. Doch dem könnte so werden, wenn der türkische Beitritt als Teil einer größeren Mission begriffen würde, nämlich: der erweiterten EU eine neues Ziel auf globaler Ebene zu geben. Der EU ist es beschieden, Leuchtfeuer und Vorbild zu werden: nicht nur als wirtschaftlicher Erfolg, sondern als liberale, tolerante und multikulturelle Gesellschaft."

"Gouvernator" Arnold Schwarzenegger ist dabei, Kalifornien zu einem wirklichen Neustart zu verhelfen, meint der Economist und liefert dazu ein ganzes Dossier.

In weiteren Artikeln erfahren wir, dass John Kerrys Profil sich letztlich darauf zu reduzieren scheint, dass er nicht George Bush ist, warum Google vor seinem allseits gehypten Börsengang doch nicht ganz so unangefochten dasteht wie es zunächst den Anschein hatte, dass das Votum der griechischen Zyprioten auf leichtsinnigen Gedankenspielen gründet, dass Jagdish Bhagwatis Verteidigung der Globalisierung ("In Defence of Globalisation") durchdacht und unpolemisch ist, warum man von dem britischen High-Tech-Personalausweis weder allzuviel erwarten noch Angst vor ihm haben sollte, inwiefern das Auto vom Handy abgelöst wird, und wie Biomechanik und Cricket sich ins Gehege kommen. Und schließlich ein Nachruf auf die Kosmetik-Legende Estee Lauder, die das Geheimnis ihres Alters mit ins Grab genommen hat.
Archiv: Economist