Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.05.2003. In Prospect erklärt der Historiker Dominic Lieven, warum Demokratie keine Gleichheit schafft. Der Nouvel Obs will von einer Affäre Moliere nichts wissen. Die London Review of Books fragt sich, was William Gibson unter einem haircut of 'haute nerd intensity' versteht. Der Economist feuert britische Richter an, den Innenminister zu ärgern. Literaturen widmet sich Adorno. Outlook India weiß, warum indische Frauen ihre Bräutigame verhaften lassen. Die New York Review of Books beobachtet Messerstechereien in der amerikanischen Regierung. Das TLS feiert einen außergewöhnlichen Mann mit einem gewöhnlichen Geist. Der Express stellt einen Film über das kambodschanische Vernichtungslagers S 21 vor.

Prospect (UK), 01.06.2003

"Sollte es ein Imperium in der heutigen Welt geben, so können das nur die USA sein", meint der Historiker Dominic Lieven, der sich deshalb mal ansieht, was die Geschichte des Imperialismus über das Wesen und die Schwachpunkte der US-Macht zu sagen hat. Dazu hat Lieven zweierlei gefunden: Zum einen haben die USA grundsätzliche Schwierigkeiten damit, sich als Empire zu verstehen, da sie sich tief in einer anti-imperialistischen Tradition verankert fühlen. Zum anderen halten die USA die Demokratie als grundsätzlich gerechtigkeitsfördernde Staatsform hoch, und dies auf ideologische Art und Weise. Und hier liegt nach Meinung Lievens der größte historische Schwachpunkt des Imperiums: "Was ideologische Macht angeht, ist anzumerken, dass die Ideologie des US-Imperiums demokratisch und egalitär ist, dass aber die Welt, in der wir leben, ungleicher ist als im Jahr 1500, als unegalitäre Ideologien herrschten. Die Geschichte des Imperialismus legt nahe, dass es zu Schwierigkeiten kommt, wenn Ideologie und Realität zu weit auseinanderklaffen."

Weitere Artikel: In einem interessanten Artikel begrüßt Johnathan Myerson die jüngste britische Strafrechtsreform, die es Straftätern erschweren soll, alle Register der Prozessvereitelung zu ziehen. In einem umfangreichen Briefwechsel streiten sich Anthony Seldon, Direktor einer Privatschule, und Adam Swift, Direktor einer öffentlichen Schule, gentlemanlike über die Notwendigkeit einer britischen Schulreform. Ist Neuseeland das neue Frauen-Paradies, etwa ein neues Matriarchat? Immerhin sind zur Zeit die wichtigsten politischen Posten mit Frauen besetzt. Virginia Marsh ist der Sache nachgegangen. Und schließlich plädiert Paul Clayton für mehr präventive Medizin, deren wichtigster Bestandteil eine ausgewogene Ernährung ist. Doch diese vorzeitige Gesundheitspflege schmeckt der Pharmaindustrie überhaupt nicht.

Nur im Print zu lesen: warum Ian Shuttleworth wieder ans Theater glaubt.

Literaturen (Deutschland), 01.06.2003

Theodor W. Adorno wäre im September 100 Jahre geworden. Grund genug, ihm eine Ausgabe zu widmen. Doch dieser Geburtstag wird nicht nur in Eintracht und Frieden gefeiert, denn es wird Kritik laut an der "restriktiven Politik" des Frankfurter Adorno-Archivs, die den Biografen nur teilweise Zugang zum vorhandenen Material gewährt hat. Rene Aguigah überlegt, was von Adornos Kulturkritik übrigbleibt, im Werkstattgespräch verkünden drei Adorno-Biografen, Stefan Müller-Doohm, Lorenz Jäger und Reinhard Pabst, Neues über Mann und Werk. Nikolaus Müller-Schöll hat im großen Ernst des Meisters sogar ein Fünkchen Humor entdeckt, und Richard David Precht untersucht das Temperaturgefälle zwischen Theodor W. Adorno und Niklas Luhmann. Dies alles ist jedoch leider nur in der Printausgabe zu lesen.

Sigrid Löffler ist verhalten begeistert von Jeffrey Eugenides' Roman "Middlesex", der vom männlichen Hermaphroditen Cal, Spross einer griechischen Emigrantenfamilie in den USA handelt. Die Erzählerstimme hält sie für einen Missgriff, denn Cals Stimme sei keine Zwitter-Stimme. "Hier spricht eben nicht ein Mädchenjunge im Hormonrausch seiner Schwindel erregenden, ganz und gar besonderen Adoleszenz, eben nicht ein erhitzter Androgyn, der mit seinem verstörenden 'Krokus' und seinen Gefühlsstürmen für Schulfreundinnen nicht zu Rande kommt, dem aber für seine Zustände alle Begriffe fehlen; hier spricht vielmehr der an seine Männerrolle inzwischen gut angepasste Karriere-Diplomat in der retrospektiven Haltung des Wissenden. Die Verwirrungen des ahnungsvollen Nicht-Wissens, der stereoskopische Blick auf beide Geschlechter, sind in solcher Erzählhaltung nicht darstellbar." Was den Roman dann doch wieder lesenswert mache, sei das wunderbar chaotische "Familienepos" um Cals weitverzweigte griechisch-stämmige Familie.

Weiteres nur im Print: Robin Detje hat Paula Fox in New York besucht, und Tom Holert denkt über die Wechselbeziehungen zwischen unbewegter Bildender Kunst und bewegten Filmbildern nach.

Spiegel (Deutschland), 26.05.2003

Wohl mal zur Entlastung zwischendurch blickt der Titel diesmal in die Geschichte. Früher war halt auch nicht alles besser. Aus Anlass einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin wird eine Antwort auf die Frage versprochen: "Warum haben die Azteken Menschen gehäutet und Kinder geopfert?"

Im Netz lesen dürfen wir ein Interview mit Jeffrey Eugenides (mehr hier), der diese Woche für seinen Roman "Middlesex" den Pulitzer Preis erhält. Der seit längerem in Berlin lebende Autor hält die aktuellen europäisch-amerikanischen Verstimmungen für etwas Vorübergehendes, versichert, dass George W. Bush gar kein richtiger Cowboy ist, und macht Komplimente: "Die Art, wie Deutsche in der Lage sind, aus ihrer nationalen Identität herauszutreten und sie zu kritisieren, das ist schon etwas Besonderes. Eines der Dinge, die ich hier gelernt habe, ist, sich von der eigenen nationalen Identität abzuheben und darüber zu reflektieren. Das ist ein großes Geschenk meines Aufenthalts in Berlin. Ich weiß nicht, warum sie das können - vielleicht auf Grund der Geschichte, aber es ist etwas sehr Gesundes."

Weitere Artikel widmen sich den "ernüchternden" Resultaten der Anti-Terrorgesetze unseres Innenministers Schily, Aktenfunden im Irak, die nahe legen, dass hochrangige Mitarbeiter des Senders al-Dschasira für den irakischen Geheimdienst gearbeitet haben. Und schließlich waren Hatice Akyün und Alexander Smoltczyk waren zehn Jahre nach den ausländerfeindlichen Anschlägen in Solingen in der Stadt und haben neben den Angehörigen der Ermordeten und den Überlebenden auch einmal nachgesehen, was aus den Tätern geworden ist - die zum Teil wieder auf freiem Fuß sind.

Im Print: ein Gespräch mit dem indischen Ministerpräsidenten Atal Bihari Vajpayee "über die verfeindeten Brüder auf dem Subkontinent" und ein Bericht darüber, wie der deutsche Kabarattist Steffen Möller "die Polen auf die EU einstimmt". Außerdem gibt es einen Nachruf von Wolf Biermann auf den Dichter Moses Rosenkranz. Und zwei Filme werden noch besprochen: "Long Walk Home" und "Der stille Amerikaner", beide von Phillip Noyce.
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New York Times (USA), 25.05.2003

Strike! Die New York Times Book Review begibt sich auf amerikanische Spurensuche und hat ein ganzes Heft zusammengestellt, in dem es nur um eins geht: Baseball. In "The Teammates" (erstes Kapitel) schildert David Halberstam die Fahrt der Red-Sox-Legenden Dominic DiMaggioJohnny Pesky und dem in Geiste anwesenden Bobby Doerr, alle Anfang achtzig Jahre alt, nach Florida zu ihrem sterbenden Teamkollegen Ted Williams. Wie gern Charles McGrath dort als Leser mitgefahren ist, merkt man jeder Zeile seiner Besprechung dieses "eleganten kleinen Buchs" an. "Sie bewältigten die 1300 Meilen in drei Tagen, hielten in Philadelphia, wo DiMaggio von der 'Philadelphia Athletics Historical Association' geehrt wurde, und sprachen die ganze Zeit über Baseball. Das Radio blieb die ganze Fahrt über aus. Diese Gespräche bilden die Landkarte für die andere Reise dieses Buches, zurück zu den Westküstenligen der 30er Jahre, wo alle Spieler ihre Karriere begannen, und nach Boston in den 40ern, als diese Teamkameraden - Williams links, DiMaggio Mitte, Pesky vorne und Doerr auf dem zweiten - der Kern eines Red Sox Clubs waren, dem es an Größe nicht mangelte."

Außerdem empfiehlt Joel Conarroe "Game Time" (erstes Kapitel), 29 Essays des eloquenten Baseball-Analysten-Altmeisters Roger Angell. Lawrence S. Ritter bespricht Bücher von Andrew Zimbalist und Michael Lewis. Beide haben sich eingehend mit den wirtschaftlichen und sportlichen Ungerechtigkeiten beschäftigt, mit denen ärmere Teams der Liga konfrontiert sind. Roberto Gonzales Echevarria empfiehlt die Werke von Michael E. Lomax und Brad Snyder, die die bisher wenig beachteten "Neger-Ligen" beschreiben: ihre Teams, Besitzer, Manager und vor allem ihre Spieler. Dazu haben die NY Times-Redakteure eine lange Liste der bisherigen Rezensionen von Baseball-Büchern samt Links zu lohnenden Seiten zusammengestellt.

Weiteres: David Johnston stellt George Criles "Charlie Wilson's War" vor. Der Texaner Charles Wilson, 24 Jahre Kongressabgeordneter im Repräsentantenhaus, "war bekannt für seine Vorliebe für heiße Bäder, Frauen und Scotch", erzählt der Rezensent. Außerdem war er der "heimliche Patron der größten Under Cover Operation der CIA-Geschichte" - der amerikanischen Unterstützung der afghanischen Mujahedeen-Rebellen gegen die sowjetische Besatzung. Margot Livesey lobt Jane Alisons verwickelten zweiten Roman "The Marriage of the Sea", eine Studie über Liebe und Illusion. Paul Baumann bereut es nicht, Le Thi Diem Thuys Erstling "The Gangster We Are All Looking For" gelesen zu haben. Eine Flüchtlingsgeschichte, "kräftig wie ein Märchen und voller Anspielungen wie ein Gedicht."

New Yorker (USA), 02.06.2003

Einen schönen Einblick in die Filmmaschine Hollywood gibt Tad Friends Porträt des Geschäftsmanns Roy Lee, der - erfolgreich - versucht, "Asien nach Hollywood" zu bringen. "Was Lee für seinen Lebensunterhalt tut, klingt ziemlich einfach, aber in Hollywood hatte daran bisher einfach noch niemand gedacht. Er schaut sich Videos von allen Filmen an, die jemals in Asien gedreht wurden, pickt sich die größten Hits raus und verkauft dann im Namen der asiatischen Vertriebe 'Remake-Rechte' an US-Studios, die dann amerikanische Big-Budget-Spektakel daraus machen. Begonnen hat er mit dieser Arbeit, nachdem er im Jahr 2001 einen japanischen Horrorfilm namens 'Ringu' gesehen hatte, in dem es um ein Videoband geht, das jeden tötet, der es anschaut. Mit Lee als Mittelsmann kaufte Dream Works die Remake-Rechte für eine Million Dollar, und die Produktion 'The Ring' wurde im letzten Herbst zu einem Überraschungserfolg, der mehr als 129 Millionen Dollar einspielte."

Zu lesen ist des weiteren die Erzählung "The Accident" von Gao Xingjian (mehr hier) und Besprechungen: Adam Hochschild stellt eine Publikation über die Afrikaforscher David Livingstone und Sir Henry Morton Stanley vor ("Into Africa: The Epic Adventures of Stanley and Livingstone", Doubleday), John Updike rezensiert den Roman "Mortals" (Knopf) von Norman Rush, außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter die Lebenserinnerungen von Betsy Blair, der Ehefrau von Gene Kelly und später von Regisseur Karel Reisz.

Paul Goldberger würdigt zwei neue Kulturbauten: das Contemporary Arts Center von Zaha Hadid in Cincinnati und das Richard B. Fisher Center for the Performing Arts von Frank Gehry in Bard College, das einhundertzwanzig Meilen nördlich von New York am Hudson zu besichtigen ist. Peter Schjeldahl stellt eine Malevich-Retrospektive im Guggenheim-Museum vor, und Joan Acocella porträtiert den jungen Choreografen Rennie Harris.

David Denby lobt schließlich "Capturing the Friedmans" von Andrew Jarecki. Der "außergewöhnliche" Dokumentarfilm über einen ehemaligen Lehrer und seinen jüngsten Sohn, die wegen wiederholten sexuellen Missbrauchs von Schulkindern verurteilt wurden, sei "eine Meditation über Perversion und Wahrheit und einer der herzerreißendsten Filme, die je über eine amerikanische Familie" gedreht wurde.

Nur in der Printausgabe: das Porträt einer Wissenschaftlerin, die "neutrinos" jagt, ein Text über die Frage, wie Gertrude Stein und Alice B. Toklas die deutsche Besatzung überlebt haben, und Lyrik von W. S. Merwin, Robert Pinsky und Lucie Brock-Broido.

Outlook India (Indien), 02.06.2003

In der Titelgeschichte berichtet Sandipan Deb über brisante Ausgrabungen in der nordindischen Stadt Ayodhya, einer der heiligen Stätten des Hinduismus. Hier stand vom 16. Jahrhundert an die muslimische Babri-Moschee - bis sie im Dezember 1992 von einem radikal-hinduistischen Mob zerstört wurde, da sie angeblich auf der Geburtsstätte des Gottkönigs Ram errichtet worden war. Eine weitere Kontroverse besteht darüber, ob die Moschee auf den Ruinen eines prächtigen Ram-Tempels stand - also im Klartext: wer eher da war. Seit März dieses Jahres sucht ein Team von Archäologen in bis zu zehn Metern Tiefe und unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach Indizien. Dabei werde auch so einiges ans Tageslicht befördert, informiert Deb - nur, dass jede der erbittert auf Neuigkeiten lauernden Seiten die Funde in ihrem Sinne interpretiere. "Das Problem", schreibt er, "scheint darin zu bestehen, dass alle Betroffenen sich in Amateurarchäologen verwandeln, während die eigentlichen Archäologen Monate brauchen werden, um irgendwelchen Schlussfolgerungen zu ziehen". Eine Farce also, das Ganze? Kann man so nicht sagen, meint Deb - "es hängt einfach alles davon ab, auf welcher Seite man steht."

Anita Pratap zieht ein paar Schlüsse aus einem aktuellen Schlagzeilenstoff: der Ermordung der drittklassigen Dichterin Madhumita Shukla. Die Geschichte erscheint, meint sie, "als eine wahre Seifenoper, die jede gefilmte in den Schatten stellt. Ehrgeiz, Poesie, Ehebruch, Mord, Lügen, Politik und Verschleierung sind kombiniert zu einem melodramatischen Molotow-Cocktail des Lebens auf Indiens entstehenden Überholspuren." Und keiner komme in dieser Geschichte gut weg.

Eine andere aktuelle Geschichte ist die von Nisha Sharma, der 21-jährigen Studentin, die ihren Bräutigam wegen überhöhter Mitgiftforderungen verhaften ließ und jetzt zum landesweiten Vorbild geworden ist. Wenn das stimmt, überlegt Soma Wadhwa, dann würde das auf eine breite gesellschaftliche Front gegen die Mitgift hindeuten. Tatsächlich haben es Sharma schon ein paar junge Frauen gleichgetan. Und mehr als das.

Weitere Artikel: Ed Douglas resümiert 50 Jahre Besteigungen des Mount Everest. Gerson da Cunha übermittelt gute Nachrichten für Bollywood aus Cannes. Und Nilanjana S. Roy erklärt zu Monica Ali, dem neuesten exotischen Darling der britischen Literaturkritik: Don?t believe the hype - lesen Sie aber dennoch ihr Buch "Brick Lane".

Express (Frankreich), 22.05.2003

Film über Film in der Bücherschau: Rithy Panh (mehr hier), Filmemacher aus Kambodscha, hat die letzten Überlebenden des Vernichtungslagers S 21, eins der Todeslager Pol Pots, aufgesucht und daraus nicht nur einen Film gemacht, sondern die über drei Jahre hinweg gesammelten Zeugenaussagen in einem Buch zusammengestellt"La machine Khmer Rouge" zu lesen, aber auch zu sehen - auf Arte am 2. Juni. Große Leidenschaft für das Kino spricht aus zwei neu erschienenen Filmbüchern, die Thierry Gandillot und Michel Grisolia vorstellen: Claude Berri und Jean- Claude Carriere erzählen in ihren autobiografischen Werken unter anderem davon, wie aufregend es war, in Zeiten der sexuellen Revolution zwei Kreise zu malen: Damals haben sie die Leinwand gerne mal gegen eine nackte Frau getauscht.

Weitere Artikel: Anlässlich der 300-Jahr-Feiern in Sankt Petersburg legt einem Daniel Rondeau den Roman "Un ete a Baden Baden" von Leonid Zypkin ans Herz, für den Susan Sontag ein Vorwort geschrieben hat. Thierry Gandillot hat mit Daniel Pennac über dessen neuen Roman "Le Dictateur et le hamac" gesprochen, der das warme Brasilien zum Schauplatz hat.

Und: An Kakteen muss man unweigerlich denken, wenn man den Namen des französischen Sängers Jacques Dutronc hört. "Le monde entier est un cactus / Il est impossible de s'asseoir / Dans la vie, Il n'y a qu'des cactus", kann keiner so schön singen und keiner findet eine besseres Lösung aus dem ganzen Schlamassel: "A mon tour j'ai pris des cactus / Dans mon lit, j'ai mis des cactus / Dans mon slip j'ai mis des cactus". Also: Die ganze Welt ist ein Kaktus und zur Lösung des Problems steckt er sich Kakteen ins Bett und in die Hose. Wem das nicht hilft, der kann einfach seine neue CD hören: Madame l?existence.

Economist (UK), 26.05.2003

Dass sich der britische Innenminister David Blunkett zunehmend über die britischen Richter ärgert, deutet der Economist als gutes Zeichen für Großbritanniens Justizpraxis. Gerade in Asyl- und Terrorismusfragen habe die Justiz jüngstens Kritik an der Innenpolitik angemeldet und einige Verfahrensweisen der Regierung auf Legalität und Fairness überprüft, was dem Innenministerium als anmaßender Eingriff erscheint. Diese Ansicht kann der Economist jedoch nicht im Geringsten teilen: "Großbritanniens Judikative ist nur ein blasser Schatten im Vergleich zu Staaten, die über eine schriftliche Verfassung verfügen, wie Amerika, wo der Oberste Gerichtshof ständig die Handlungen der Exekutiven und der Legislativen im Licht der Verfassung prüft. Doch das zunehmend selbstbewusste Vorgehen der britischen Richter ist ein Anzeichen dafür, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln. Je mehr sich David Blunkett ärgern muss, desto besser."

Weitere Artikel: Wie schwer es Europa haben wird, zu einem Volk zusammenzuwachsen, zeigt sich für den Economist am immer noch hoffnungslos gespaltenen Belgien. Die Chefetagen der großen Konzerne scheinen es langsam zu begreifen: Die Aktionäre sind es denen, die Firmen gehören, und die sind nicht mehr bereit, wahnwitzige Gehälter für schwache Leistungen zu bezahlen. Außerdem wirft der Economist die Frage auf, wer für das Verschwinden wertvoller Kunstgegenstände im Badgader Museum verantwortlich ist. Gut recherchiert und mutig findet der Economist das jüngste Buch des französischen Philosophen Bernard-Henri Levy, "Qui a tue Daniel Pearl?", das der Frage gewidmet ist, wer den amerikanischen Journalisten Daniel Pearl getötet hat - und warum. Dabei gerate Pakistan in den Verdacht, geopolitisch "ein doppeltes, oder gar dreifaches Spiel" zu spielen. Und schließlich erfahren wir Neues aus der Forschung: dass Licht schneller sein kann als Licht, und warum unterernährte Mütter verhältnismäßig mehr Töchter gebären als Söhne.

Leider nur in der Printausgabe nachzulesen: Überlegungen zur Frage, ob Al-Quaida zurückkehrt.

Times Literary Supplement (UK), 23.05.2003

Anlässlich einer Ausstellung in der National Portrait Gallery widmet Ferdinand Mount dem ersten modernen Bürokraten, Erfinder der professionellen Navy und Chronist des siebzehnten Jahrhunderts, Samuel Pepys, eine hübsche Hommage: "Pepys war das leuchtende Beispiel eines außergewöhnlichen Mannes mit einem gewöhnlichen Geist. So denken wir normalerweise nicht von Genies, doch es ist genau diese Kombination, die seine Tagebücher so genial macht. Wer sonst hat so einprägsam die wesentlichen Dinge des Lebens beschrieben - den Ritt an einem frostigen Morgen, zwei Mädchen in einem Londoner Park, Ärger im Büro, Streit im Bett? Er mag ein kleines Monster des sozialen Auftsiegs gewesen sein, ein herzloser Lüstling, von zweifelhafter Ehre, doch er besaß eine unübertroffene Fähigkeit, den freudigen Schlag der Gegenwart widerzugeben, während er auf das beharrliche Pochen der Zukunft hörte."

Sarah Bakewell macht uns mit Ben Rogers herrlicher Studie über den Nationalismus der Küchen bekannt: "Beef and Liberty". Darin erkläre Rogers ausgesprochen überzeugend, warum die Engländer am liebsten ein ehrliches Steak essen, während die anderen, vor allem natürlich die Franzosen, papistisch-dekadente Häppchen servieren. Ian Pindar hat von Robert Macfarlane Ideengeschichte "Mountains of the Mind" gelernt, dass ein Berg nicht nur eine Masse aus Stein und Eis sein, sondern das Symbol für den unbezwingbaren Geist des Mannes: "Gloria in excelsis". Abgefrorene Finger sind schließlich ein kleiner Preis für erwiesene Überlegenheit.

Michael Gorra lobt einen neuen Prachtband der Library of America: Henry James' Romane aus der Zeit von 1896 bis 1899. Auffällig fand er beim neuerlichen Lesen, dass James in seinen Liebesromanen nie von Liebe schreibt, sondern immer nur von Sex, und zwar im sublimen Gespräch über französische Romane. Stefan Collini empfiehlt die grollenden Tagebücher des Historiker A. L. Rowse als aufschlussreiches Beispiel für das gescheiterte Leben eines reaktionären Intellektuellen.

Espresso (Italien), 29.05.2003

Nicht allzuviel los im Espresso diese Woche, trotz des neuen Outfits. Giorgio Bocca schreibt eine Kolumne mit dem bezeichnenden Titel "Der Anti-Italiener", und seinem Motto wird er dieses Mal besonders gerecht. Berlusconi ist das Thema, und Bocca schimpft und schimpft. Böse, aber fantasievoll. "Es gibt etwas Archaisches in Berlusconi, etwas Präfaschistisches, Präkommunistisches, Präliberales, Präkatholisches, etwas, das nichts zu tun hat mit der politischen Kultur unseres Landes. Blättert die parlamentarischen Urkunden des vereinten Italiens durch, die Chroniken sämtlicher Regime, der D'Annunzios und Cavours, der Guelfen und der Ghibelliner, der Schwarzen und der Roten, ihr werdet keine derartige Ablehnung des Politischen, keinen derartigen Exzess an Megalomanie finden."

Desweiteren regt sich der Professor der Zeichenlehre Umberto Eco in seiner diese Woche nicht übersetzbaren Bustina über die Nachlässigkeit der Journalisten auf. Da wird aus Yale die Universität von Yale oder aus Charles Baudelaire ein "beaudealaire". Mamma mia, che stupidita! Im Aufmacher spricht Aldo Baquis mit dem israelischen Chefexperten in Sachen Terrorismus, Ely Karmon (eine Seite voller Interviews mit und Artikel von ihm). Karmon analysiert die Aktionen der Selbstmordattentäter und hat herausgefunden, dass sie ihre Strategie verändern. Wlodek Goldkorn hat entdeckt, dass der Kassenschlager Matrix sich aus dem Talmud bedient. Und bei Kafka. "Es gibt viele Türen, aber nur durch eine kann mans ins Herz der Matrix gelangen..."