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Heute in den Feuilletons

Flächendeckende Gesinnungsschnüffelei

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2012. Wird das Leistungsschutzrecht von seinen eigenen Verfassern sabotiert?, fragt sich Sascha Lobo. In der taz bekräftigen Horst Meier und Claus Leggewie die Forderung nach der Auflösung des Verfassungsschutzes. Judith Butler wehrt sich in der FR gegen den Vorwurf des Antisemitismus. In der SZ beurteilt Drehbuch-Guru Robert McKee die narrativen Qualitäten des US-Wahlkampfes. Die NZZ sieht im Internet eine nachkapitalistischen Wissensordnung am Werk. FAZ und NZZ porträtieren John Cage zum bevorstehenden 100. Geburtstag.

Aus den Blogs, 01.09.2012

Sascha Lobo fragt in einem lesenswerten Blogbeitrag zum angedrohten Leistungsschutzrecht, warum alle drei bisherigen Entwürfe so schlampig und irreführend formuliert waren und vermutet, "dass Kräfte in den Ministerien oder den gesetzesverfassenden Referaten das Gesetz torpedieren oder verhindern wollen - aber das nicht offiziell tun können. Liegt ja auch nahe: wenn man den Druck bekommt, ein Gesetz zu schreiben, das man selbst eigentlich verhindern möchte, dann dürfte das nicht unbedingt die Qualität erhöhen."

Welt, 01.09.2012

Das "literarische Lob auf Anders Breivik" von Gallimard-Herausgeber Richard Millet ist skandalös, im Kontext des französischen Diskurses jedoch kein Einzelfall, meint Johannes Wetzel: "Solche Freischärler, die das christliche Abendland verteidigen zu müssen glauben, erscheinen in Frankreich immer wieder in der Debatte, in der sie die Rolle des bestgehassten Intellektuellen zu genießen scheinen: Neben Millet haben in den den letzten Jahren Renaud Camus und Maurice G. Dantec auf diese Weise auf sich aufmerksam gemacht."

Weitere Artikel im Feuilleton: Marko Martin geht mit dem Schriftsteller Etgar Keret in Tel Aviv Essen und stellt fest: dieser "israelische Pop-Borges ist ein Menschenfreund". Marc Reichwein hat in der ersten Folge von Richard David Prechts philosophischer Talkshow erlebt, "wie Hochgeistiges zum Softdrink wird". Eva Munz und Wolf D. Prix diskutieren Für und Wider der Architekturbiennale in Venedig. Matthias Heine macht die Inszenierung von Schillers "Räubern" am Maxim-Gorki-Theater "nur minutenweise Freude".

In der Literarischen Welt geht es um Saul Friedländers neue Kafka-Biografie, in der der Historiker besonders der Frage nach Franz Kafkas (homo?)sexueller Orientierung nachgeht, um Nora Bossongs Familienroman "Gesellschaft mit beschränkter Haftung", um einen Bildband des Simplicissimus-Karikaturisten Karl Arnold, um Jonathan Cotts als Buch erschienenes Zwölfstundengespräch mit Leonard Bernstein und um Johnny Ramones nachgelassene Autobiografie "Commando".

Weitere Medien, 01.09.2012

Nach der Zeit (hier) gibt nun auch die FR Judith Butler viel Raum zur Stellungnahme im Streit um ihre Auszeichnung mit dem Adorno-Preis (mehr). Dabei zeigt sie viel Verständnis für die Position ihrer Kritiker und schätzt sich selbst nicht als Teil jener globalen Linken ein, der sie Hamas und Hisbollah zugeschoben hatte: "Wer Israel einfach nur als imperialistischen Staat kritisiert, verkennt, welche historische Bedeutung dieser Staat als Zufluchtsstätte für die Juden hat und sehr der fortbestehende Antisemitismus die Existenz des Staates Israel in seiner gegenwärtigen Form und mit seiner gegenwärtigen Politik als politische Notwendigkeit rechtfertigt." Israelkritik findet sie aber in einigen Fällen auch dann legitim, selbst wenn sie antisemitischen Überzeugungen Vorschub leistet. Außerdem berichtet Anke Westphal in der FR vom Filmfestival in Venedig.

Kathrin Passig sagt im Standard eine Wahrheit über Twitter: "Wer bei Twitter belangloses Geschnatter liest, der hat es sich so ausgesucht."
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TAZ, 01.09.2012

Der Politologe Horst Meier und der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie bekräftigen die Forderung nach der Auflösung des Verfassungsschutzes: Dessen Skandal "waren ja nie seine Pannen, die seit 1950 nicht abgerissen sind, sondern sein ganz normales Wirken. ... Sein Kerngeschäft, die Überwachung des Extremismus verdächtiger Parteien und Bestrebungen, greift weit ins Vorfeld objektiv feststellbarer Straftaten aus und ermöglicht bis heute eine flächendeckende Gesinnungsschnüffelei. Das findet in vergleichbaren demokratischen Staaten keine Entsprechung."

Weitere Artikel: Ulrich Gutmair erinnert sich wehmütig an die Besetzung und die Geschichte des Kunsthaus Tacheles in Berlins Mitte, das nun nach vielen Jahren endgültig aus dem Stadtbild weichen soll: "Mit der Bebauung der Tacheles-Brache wird in Mitte die Nachkriegszeit vorbei sein." Isolde Charim stellt Peter Sloterdijk und Richard David Precht, der jenen an diesem Sonntag als Fernsehphilosoph ablösen wird, gegenüber: "Während Sloterdijk einen fremden Diskurs vorführt, eine andere Art, über die Welt zu sprechen, bestätigt uns Precht, dass wir alles verstehen können, alles übersetzbar ist, es keine Fremdheiten gibt." Peter Unfried sitzt mit Hannes Wader in Berlin im Café. René Martens bilanziert die Auseinandersetzungen zwischen der Titanic und dem Vatikan (der seine einstweilige Verfügung gegen ein despektierliches Cover mit Josef Ratzinger kleinlaut zurückgezogen hat): "Remmidemmi hilft". Cristina Nord sieht beim Filmfest in Venedig die restaurierte Originalfassung von Michael Ciminos Spätwestern "Heaven's Gate". Helmut Merker empfiehlt eine Resnais-Retrospektive im Kino Arsenal. Die Genderforscherin Christina von Braun reagiert auf Stichworte (zu Alice Schwarzer fällt ihr nur "No Comment" ein). David Grubbs würdigt John Cage, der am 05. September 100 Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden das neue Album von Cat Power ("ein leuchtendes, funkelndes, euphorisches Pop-Juwel", schwärmt Eva Behrendt - hier kann man es in voller Länge probehören) und Bücher, darunter Christoph Peters' "ganz und gar beeindruckender, virtuoser" Roman "Wir in Kahlenbeck" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 01.09.2012

Michael Schefczyk sieht mit den digitalen Medien eine neue Wissensordnung aufziehen und stellt neben die Piraterie eine zunehmende Uneingennützigkeit, die sich bei Gemeinschaftsprojekten wie der Wikipedia oder Free Software zeige: "Bringt man die beklagten diebischen Neigungen in einen Zusammenhang mit dem unbestreitbar zu beobachtenden digitalen Altruismus, so ergibt sich eine vielleicht unerwartete Frage: Könnte es sein, dass die Weigerung, für Kopien zu bezahlen, einerseits und die Bereitschaft, ohne Bezahlung Wissen zu teilen, andererseits Vorboten einer sich abzeichnenden neuen, 'nachkapitalistischen' Wissensordnung sind?"

In einem sehr lesenswerten Text zu John Cages hundertstem Geburstag schildert die Musikwissenschaftlerin Anne C. Shreffler in Literatur und Kunst, wie der Amerikaner mit seiner Abneigung von Tradition, Gewohnheit und Geschmack die europäische Avantgarde verschreckte. Dabei ging es nicht wirklich um die Frage, "wie Tabellen gestaltet werden sollen oder ob Münzwürfe ein zulässiges Gestaltungsmittel sind", meint Shreffler: "Die Konflikte innerhalb der europäischen Avantgarde gingen zumindest partiell zurück auf unterschiedliche Ansätze im Versuch, die destruktiven und die produktiven Impulse, welche der Begriff von der 'Stunde null' hervorgebracht hatte, in einen Ausgleich zu bringen. Mit seinem bis zu jenem Zeitpunkt noch nie ausgesprochenen, noch viel radikaleren Vorschlag, die Vergangenheit ganz einfach auszulöschen, sie zu ignorieren - damit nahm Cage den zentralen Punkt des Problems in den Blick. Er demontierte die Vorstellung von der 'Stunde null' als eine Fiktion und traf so mitten in die Spannungen zwischen Tradition und Fortschritt."

Martin Meyer macht sich an eine eher grundsätzliche Standortbestimmung des Feuilletons. Aus Venedig berichtet Susanne Ostwald, die bisher am meisten der russische Regisseur Kirill Serebrennikov mit seinem unterkühlten Gesellschaftsbild "Betrug" beeindruckte. Eberhard Geisler schreibt zum 70. Geburtstag des portugiesischen Schriftstellers António Lobo Antunes.

Besprochen werden unter anderem Claude Lévi-Strauss' Schrift "Anthropologie in der modernen Welt" und Ljudmila Ulitzkajas Roman "Das grüne Zelt".

SZ, 01.09.2012

Der Autor Georg Klein kann sich beim Blick in den Spiegel schon gut im hohen Alter vorstellen. Trost sucht er in der Kunst, bei Jean-Honoré Fragonards "Philosoph", ein Bild, das ihn ganz in den Bann zieht: "Wie bestürzend wach (...) unser lesender Greis! Wie schwach das Wort wach, für den Zustand, in den ihn die heftige Pinselarbeit des Künstlers zwingt! ... Wenn es einen solchen Lesemoment im Verlauf einer wirklichen Lektüre überhaupt gibt, dann ist er eine rare Zuspitzung, etwas Aufflammendes, etwas Jähes, etwas so Flackernd-Flüchtiges, dass man sich sogar das Bild, das diesen Moment zeigt, am liebsten als zügig hingeworfenes, als ein hektisch gemaltes vorstellen mag."

Weitere Artikel: Drehbuch-Lehrmeister Robert McKee verrät Heike Blümmer im Gespräch über die narrativen Qualitäten des US-Wahlkampfes wie niedrig die Hürden der Glaubwürdigkeit sind: "Wir finden auch Zeichentrickfilme glaubwürdig und vergessen, dass Tiere nicht sprechen können." Ein erschöpfter Egbert Tholl resümiert die ersten Salzburger Festspiele unter Alexander Pereira: "Vieles, was Pereira anfasst, gibt er viel zu schnell wieder aus den Fingern. Eine gute Idee reicht, sie zu Ende zu denken, scheint nicht opportun." Tobias Kniebe sieht beim Filmfest in Venedig die restaurierte Fassung von Michael Ciminos legendär extravagantem Über-Flop "Heaven's Gate" und Spike Lees Doku über Michael Jackson.

Besprochen werden das neue Album von Bob Dylan, der Animationsfilm "Chico & Rita" (in dem laut Fritz Göttler "Havanna vibriert"), eine Ausstellung mit Sammlungsstücken des Deutschen Exilarchivs in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, eine Ausstellung mit Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt in der Pinakothek der Moderne in München und Bücher, darunter Mona Körtes Studie über Schriftvernichtung in der Literatur der Neuzeit (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende porträtiert Alex Rühle den italienischen Autor Giovanni Tizian, der, ähnlich wie Roberto Saviano, nach einer Reportage über die Mafia unter schwerem Polizeischutz steht. Außerdem sehnt sich Gottfried Knapp nach mehr Regulierung für das Errichten neuer Windräder, damit etwa "deutsche Mittelgebirge mit ihren weithin sichtbaren Bergkuppen von Windrädern konsequent verschont bleiben."

FAZ, 01.09.2012

In Bilder und Zeiten erinnert der Pianist Tomas Bächli an John Cage und stellt klar, dass das Fehlen einer Intention keine Absage an das künstlerische Gestalten sei: "Gerade die Anweisungen seiner Konzeptstücke, oft nur wenige Sätze, sind von einer Eleganz, wie man sie sonst nur bei mathematischen Lehrsätzen antrifft. Die so entstehenden Klänge - man findet sie in dieser Art sonst nirgendwo in der komponierten Musik - haben alle ihr Gesicht und ihre Schönheit. Als Komponist verhält sich Cage ähnlich wie ein Landschaftsfotograf - auch dieser erschafft sich seine Sujets nicht selbst. "

Helmut Mayer trifft die Übersetzerin Elisabeth Edl zum Gespräch. Gundula Werger folgt Spuren von Anne Frank in Sils-Maria. und Thomas Hettche schreibt über Kindheit. Besprochen werden auf der Plattenseite ein Album der Sproanistin Christiane Karg mit Mozart-Arien und Hillary Hahns Aufnahme von Charles Ives' Violinsonaten.

Im Feuilleton:Der Physiker Emanuel Derman, den Frank Schirrmacher als einen ganz Großen der Finanzwissenschaft einführt, blickt auf den Trümmerhaufen mathematischer Modelle und wünscht sich einen Nelson Mandela für die Bankenwelt. Dietmar Dath schickt Eindrücke vom Filmfestival in Venedig. Wiebke Hüster berichtet von der Eröffnung der Internationalen Tanzmesse NRW in Düsseldorf. Jürgen Dollase badet bei Jean-Yves Bordier in St. Malo in bretonischer Butter. Auf der Medienseite fordert Hans Hege, der Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine: "Aufgabe von Medienpolitik und Regulierung bleibt es, dem Bürger und Nutzer die Kontrolle über seine Bildschirme zu erhalten."

Besprochen werden unter anderem Daniela Dröschers Roman über Pola Negri, der Briefwechsel zwischen Peter Hacks und Andre Thiele sowie Ulrich Noethens Lesung von Hans Falladas Roman "Ein Mann will nach oben" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).