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Heute in den Feuilletons

Die Steinzeit der Petipa-Epigonen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2011. In der Jungle World und in der FR spricht Andres Veiel über Parallelen (oder auch nicht) zwischen der RAF und den Nazimördern aus Zwickau. Die taz interviewt Ian Kershaw zu Hitlers Ende und die endlose Nibelungentreue der Deutschen. Im Freitag spricht der Literaturwissenschaftler Wolf Kittler über Kleist und Schmitt und Lenin. Die SZ rechtfertigt sich für ihre posthume Kritik am Kunstsammler Heinz Berggruen. Die Zeit leitet die Reguttenbergisierung der Politik ein.

FR/Berliner, 24.11.2011

Im Interview mit Harry Nutt spricht der Regisseur Andres Veiel, der sich in seinen Filmen viel mit dem Terror der RAF und rechtsradikaler Gewalt beschäftigt hat, über die Morde der Zwickauer Terrortrio. Und den alltäglichen Rechtsradikalismus im Osten: "Es hat sich ein bürgerschaftliches Engagement entwickelt, das deutlich gemacht hat: Bei uns nicht. Das reichte vom Bürgermeister bis zum Restaurantbetreiber, allein schon aus pragmatischen Gründen. Ein braunes Image schadet dem Tourismus. Es gibt inzwischen wieder eine vermittelnde Mittelschicht, die es Anfang der 90er-Jahre so gewiss nicht überall gab."

Weiteres: Matthias Nöther trauert um Georg Kreisler. Cornelia Geißler hegt weiterhin Zweifel an der russischen Demokratie, da ausgerechnet zu den Parlamentswahlen Cyril Tuschis Doku "Chodorkwoski" nicht gezeigt werden soll. Als sehr einzigartig preist Daniel Kothenschulte Lech Majewskis Film "Die Mühle & das Kreuz" über Pieter Brueghels Kreuztragung. Besprochen werden außerdem Bill Condons "Twilight"-Verfilmung "Breaking Dawn" und Nuran David Calis" Roman "Der Mond ist unsere Sonne" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Jungle World, 24.11.2011

Heike Karen Runge interviewt den Filmemacher Andres Veiel, der mehrere Filme über Terrorismus gemacht hat, aber nicht recht weiß, ob er die Zwickauer Mörder mit der RAF vergleichen soll oder nicht: "Die vermeintliche Attraktivität der RAF auch für Rechtsextreme beruht wohl vor allem auf der Wirkung einer sehr kleinen Gruppe, die es bis zum deutschen Herbst Anfang der Siebziger geschafft hatte, die Republik in einen hysterischen Zustand von Angst und Schrecken zu versetzen. Es wurden neue Gesetze erlassen, was wiederum zu einer ganz starken Polarisierung und zunächst zu einem Zuwachs an Sympathisanten führte."

TAZ, 24.11.2011

"Ich glaube, es fehlte der Wille, Hitler zu stürzen", erklärt der britische Historiker Ian Kershaw im Interview über sein neues Buch "Das Ende", in dem es um den Durchhaltewillen des Nazi-Regimes geht. "Mussolini ist von innen gestürzt worden - von seinem eigenen faschistischen Großkonzil. In Deutschland war das anders ... Es gab eine gewisse Leitkultur in Deutschland. Diese Beamten wurden so ausgebildet und indoktriniert, dass sie ein ausgesprochenes Pflichtgefühl entwickelten ... In England hätten die Menschen vielleicht ähnlich agiert, aber doch nicht ganz so konsequent. In Italien erst recht nicht."

Weiteres: Nicht mehr als "alberne Tableaus unter Teeniehit-Berieselung" sieht Jenni Zylka in ihrer Besprechung des ersten Teils vom Finale der "Twilight"-Verfilmungen "Breaking Dawn - Biss zum Ende der Nacht" und betreibt weiterführende Genre-Erklärung. Der Verleger Jörg Sundermeier würdigt im Nachruf Georg Kreisler als im Alter zunehmend radikaler gewordenen Künstler.

Besprochen werden Roman Polanskis Verfilmung von Yasmina Rezas Theaterstück "Der Gott des Gemetzels", Michael R. Roskams Regiedebüt "Bullhead" und eine Doppel-DVD mit zwei Schlüsselwerken des amerikanischen Avantgarde-Filmemachers und Dokumentarfilmers James Benning: "American Dreams" und "Landscape Sucide".

Und Tom.
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Welt, 24.11.2011

Cosima Lutz hat Lech Majewskis Film "Die Mühle und das Kreuz" (mehr hier) gesehen, eine filmische Reflexion über Bruegels "Kreuztragung" Christi", in der auch Bruegel selbst (in Gestalt Rutger Hauers!) auftritt: "Warum er seinen Jesus im Bild verstecken wolle, wird Bruegel gefragt. Weil der 'das Wichtigste' sei, antwortet der Maler. Was die Zeiten wirklich verändere und überdauere, fügt er noch hinzu, passiere von den Zeitgenossen eben meist unbemerkt."

Weitere Artikel: Paul Jandl schreibt zum Tod Georg Kreislers. Und auch Ilja Richter schickt einen letzten Gruß. Manuel Brug hat im Kino eine Ballettübertragung aus dem Bolschoitheater gesehen und konstatiert: "An der Moskwa herrscht weiter die Steinzeit der Petipa-Epigonen."

Besprochen werden außerdem der Vampirfilm "Breaking Dawn" und eine Johannes-Grützke-Retrospektive in Nürnberg.

Auf der Forumsseite spottet Cora Stephan über die Reaktion deutscher Intellektueller auf die Eurokrise. Und auf Seite 1 wird eine Freiheitsstudie vorgestellt, die aussagt, dass die Deutschen es mit der Freiheit leider nicht so haben.

Freitag, 24.11.2011

Was war für Kleist das Ziel des Krieges? "Das fragen die Germanen in der 'Hermannsschlacht' auch", meint der Literaturwissenschaftler Wolf Kittler im Interview über Kleist. "Und Hermann sagt, er wolle 'auf einem Grenzstein mit den letzten Freunden den schönen Tod der Helden sterben'. Das ist eine prägnante Formulierung: auf dem Grenzstein. Es geht also um das Land in seinen eigenen Grenzen, nicht darum, den Feind auszulöschen. ... Carl Schmitt hat die 'Hermannsschlacht' die größte Partisanendichtung aller Zeiten genannt. Für Kleist ging es darum, dass die Deutschen ihr eigenes Territorium haben. Um die nationale Freiheit. Das ist der tellurische Charakter des Partisanen bei Schmitt, die Verwurzelung im Erdboden. Und der Erdboden ist der nationale Boden. Darum ist eine Figur wie Lenin für Schmitt so unheimlich: Lenin will eine Internationale aufbauen, ohne Grenzen."

Die Autorin Leila Marouane erinnert sich an die algerische Oasenstadt, in der sie ihre Kindheit verbracht hat, wo "die jungen Frauen unverhüllt und mit nackten Beinen auf dem Fahrrad" fuhren. Und sie erinnert sich an "jene Bannflüche, die vor 20 Jahren auf mich niederprasselten, als ich die Scharia kritisierte, die den Frauen eine mindere Stellung zuerkennt. Eben jene Scharia, die kürzlich auch der französischen Wochenzeitschrift Charlie Hebdo ein Attentat eintrug."

Außerdem: Klaus Raab porträtiert den Kabarettisten Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig.

NZZ, 24.11.2011

Sergiusz Michalski freut sich über die Ausstellung "Malerei der zwanziger Jahre" in der Kunsthalle im Lipsiusbau, die der Neuen Sachlichkeit nun auch in Dresden den ihr gebührenden Platz einräume: "Die kalte, gleichsam luftleere Präzision mancher neusachlicher Gemälde ist im linken Dresden auf deutliche Vorbehalte gestoßen, dies sowohl formaler wie auch ideologischer Art."

Weiteres: Mona Sarkis erzählt, wie die Studentin Aliaa Magda El-Mahdi mit ihren Nacktbildern halb Ägypten gegen sich aufgebracht hat. Ingeborg Waldinger verabschiedet Österreichs großen Anarchisten Georg Kreisler. Besprochen werden Angelina Maccarones nun auch in der Schweiz laufendes Charlotte-Rampling-Porträt "The Look" und Bahman Nirumands Erinnerungen "Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste".

Zeit, 24.11.2011

Maximilian Probst erklärt sich den Rechtsextremismus vor allem mit der geringen Unterscheidbarkeit der großen Parteien und plädiert schließlich für mehr Einwanderung, denn ihr Stopp habe der Ausländerfeindlichkeit ja wohl kaum das Wasser abgegraben: "Es lässt sich im Gegenteil behaupten, dass dieser Schritt den nationalen Mythos gefestigt hat."

Weiteres: Hanno Rauterberg schlägt angesichts des Hamburger Baubooms Alarm: "Überall trifft man auf unsägliche Scheußlichkeiten." Der kolumbianische Autor Antonio Caballero begrüßt nun auch die einstige Erste Welt im "Unwohlfahrtsstaat". Jens Jessen beschwört in der Randglosse anlässlich einer offenbar recht wüsten Party des Bismarck"schen Nachwuchses aristokratische Manieren. Christoph Dallach plaudert mit Sängerin Kate Bush über ihre neue Schaffenskraft und ihr Album "50 Words for Snow", bereits das zweite in diesem Jahr. Als "Turnier unter Großmeistern" hat Peter Kümmel Roman Polanskis Verfilmung von Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" genossen.

Besprochen werden unter anderem Francis For Coppolas Filme "Der Dialog" und The Outsider" auf DVD, eine Ausstellung über die "Kunst der Entschleunigung" im Kunstmuseum Wolfsburg, Simon Urbans Roman "Plan D", in dem die DDR nicht untergegangen ist, und Michael Hampes Essay "Tunguska oder das Ende der Natur" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Von der ersten Seite blickt - mit angedeutetem Lächeln und rundum typenerneuert - KT zu Guttenberg den Leser an. Das Dossier druckt natürlich einen Auszug aus dem Interviewband "Vorerst gescheitert", wie es sich KTG von Giovanni di Lorenzo gewünscht hat und in dem dieser ausführlichst darlegt, warum er, gerade weil er ja so aufrichtig sei, nicht zugeben kann, dass er absichtlich plagiiert hat.

Auf den politischen Seiten sind mehrere Artikel den Morden der Zwickauer Neonazis gewidmet. Jochen Bittner hat per Mail den damals zuständigen Präsidenten des thüringischen Verfassungsschutzes, Helmut Roewer, interviewt, der alle Vorwürfe zurückweist und erklärt: Nicht der Verfassungsschutz "habe versagt, sondern die Landespolizei. Mehr noch: In ihren Reihen habe es allem Anschein nach Verräter gegeben, welche die Neonazi-Szene mit Informationen versorgt hätten." Obwohl skeptisch, stellt Bittner fest, dass Roewers Schilderungen "mehr Faktenbeschreibungen zum damaligen Geschehen [enthalten], als sie das Erfurter Innenministerium bisher vorlegt". (Mehr zu Roewer in der taz.)

SZ, 24.11.2011

Erstaunlich riesig hatte Stephan Speicher vor kurzem die in einem abgelegenen Verlag erschienene Heinz-Berggruen-Biografie von Vivien Stein besprochen - und dieser Artikel, der kein gutes Haar am Kunstsammler ließ, löste erboste Reaktionen aus. Erstaunlich spät weist Thomas Steinfeld die Unmutsäußerungen von sich und seiner Zeitung: "Wir haben aber auch zustimmende Zuschriften erhalten, und dies keineswegs aus deutschnationalen oder rechtsradikalen Kreisen, sondern von jüdischen Lesern und von Kennern des Kunstmarktes."

Weitere Artikel: Michael Frank würdigt den großen Georg Kreisler. Online finden wir außerdem Erinnerungen an einen Besuch bei Kreisler von Johannes Honsell und Oliver Das Gupta. Christoph Grube schildert den amüsanten Fall einer wissenschaftlichen Monografie, die zwar nie gedruckt, seit ihrer Verlagsankündigung aber regelmäßig in Fußnoten referenziert wurde. Beim Münchner Rammstein-Konzert hat sich Johannes Boie die Fans der Band mal genauer angesehen. Desiree Waibel berichtet von der bildanalytischen Tagung "Welterzeugung durch Bilder" in Basel, wo die "Zusammenarbeit der Experten der Visualisierung mit ihren Bildern (...) dann ersichtlich (wurde), wenn die Welt ihres Vortrages zum Stillstand kam, sobald die PowerPoint-Präsentation eine Panne produzierte".

Im Medienteil wird das Online-Videomagazin Oddisee.tv vorgestellt, das sich in dokumentarischen Beiträgen mit Subkulturen befasst.

Besprochen werden die große Douglas-Gordon-Werkschau im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, die zwei im Rahmen des Münchner Spielartfestivals aufgeführten japanischen Theaterproduktionen "The Sonic Life of a Giant Tortoise" (mehr) und "Castle of Dreams" (mehr), ein Chopin- und Liszt-Konzert des Pianisten Maurizio Pollini in München, die Filme "Twilight - Breaking Dawn", "Die Mühle & das Kreuz" und "Im Weltraum gibt es keine Gefühle" sowie Bücher, darunter eines von Helmut Färber über Jean Renoir, das kürzlich schon im Freitag begeistert rezensiert wurde (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 24.11.2011

Dieter Bartetzko blickt auf das Leben Georg Kreislers zurück: "Niemand konnte so tückisch, anzüglich, selbstzufrieden und mörderisch grinsen wie Georg Kreisler, wenn er am Flügel saß und den deutsch-österreichischen Spießer mit Abitur spielte."

Weitere Artikel: Jan Ludwig listet den Grünen minuziös auf, wie sie sich in den vergangenen fünf Jahren von der Piratenpartei in Sachen Netzaffinität die Butter vom Brot haben stehlen lassen. Verena Lueken sendet Notizen vom Doha Tribeca Film Festival, wo ihr der als Neugeburt des arabischen Kinos verkaufte "Black Gold" so gar nicht gefallen wollte. Patrick Bahners kann die Bedenken, erteilt der Ernennung des CDU-Politikers Peter Müller zum Richter am Bundesverfassungsgericht seine Approbation. Andreas Kilb macht sich Gedanken über die Aufgaben von Alexander Koch, dem neuen Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Gerhard R. Koch hat den Nachruf auf die Sängerin Sena Jurinac verfasst.

Hier singt sie legendär im "Rosenkavalier":



Besprochen werden eine "Carmina Burana"-Einspielung auf CD, der Film "Bullhead" und Bücher, darunter Hans Rudolf Vagets Studie von Thomas Manns Leben und Werk im amerikanischen Exil (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).