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Heute in den Feuilletons

Plündern ist Mainstream

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2011. Die SZ bringt ein Plädoyer fürs Cello, das im heutigen Konzertbetrieb geschnitten wird. Außerdem erzählt sie, warum sich der Chaos Computer Club und OpenLeaks streiten. Alice Schwarzer fragt Charlotte Roche, warum die Männer sie nicht zurücklieben. Der Tagesspiegel läutet eine neue Phase im Kopftuchstreit ein. Wo bleibt der New Digital Journalism in Deutschland?, fragt der Medienprofessor Stephan Weichert in der NZZ. Und die FAZ erläutert die chinesische Überzeugung zur Schuldenkrise: Ohne Demokratie würde Kapitalismus viel besser funktionieren.

Aus den Blogs, 16.08.2011

Überall zitiert: Alice Schwarzers offener Brief an Charlotte Roche, in dem sie der populären Autorin vorwirft, die Unterordnung unter den Ehemann zu propagieren: "Dazu hast du auch den von dir so oft zitierten 'jungen Frauen' sicherlich einiges zu sagen. Und überraschenderweise durchaus auch einigen Älteren, wie wir den deutschen Feuilletons entnehmen. In denen wirst du interessanterweise von den meisten Frauen beschwärmt, von den meisten Männern aber verrissen. Sie scheinen dich nicht zurückzulieben, die Männer."

Als "manipulativen Müll" bezeichnet Michael Arrington in TechCrunch Warren Buffetts gestrigen Artikel in der New York Times - der Milliardär hatte dort eine höhere Besteuerung der "Superreichen"gefordert: "The super rich love to talk about higher taxes on the rich because it's a competitive barrier protecting them from competition. If the people making a lot of money today have to pay much higher taxes, they probably won't ever accumulate enough wealth to be 'super rich.'"

Tagesspiegel, 16.08.2011

Neue Phase im Kopftuchstreit. Zwei muslimische Lehrerinnen klagen vor dem Verfassungsgericht für das Recht auf das religiös-politische Kleidungsstück, auch im Unterricht, berichtet Andrea Dernbach. Besonders schwierig dürfte es künftig ohnehin beim Islamunterricht werden: "Auch muslimischen Religionslehrerinnen das Kopftuch zu verbieten, dürfte schwierig werden - einige Ländergesetze schließen dies bereits ausdrücklich aus. Auch sie klären aber nicht, was dies konkret bedeuten würde: Tuch auf im Religionsunterricht, Tuch ab, wenn die Lehrerin ein anderes Fach unterrichtet oder im Lehrerzimmer sitzt?"

(Via Roger Ebert). Vielleicht haben die beiden eine Antwort auf diese knifflige Frage. Woody Allen interviewt Billy Graham:


FR/Berliner, 16.08.2011

Fünfzig Jahre lang hat sich das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen in Deutschland nicht entwickelt. Schuld ist die Borniertheit auf beiden Seiten, meint Claus Leggewie. "Das Problem 1961ff. war nicht, dass Dorfbewohner aus Anatolien nach Norden gezogen sind. Das Problem ist, dass sich viele geweigert haben, im Gallusviertel oder in Neukölln zu Städtern zu werden, und dass viele Einheimische nun ebenso zu, pardon: Kaffern regredieren."

Weitere Artikel: Woody Allen plaudert über seinen Film "Midnight in Paris". Robert Kaltenbrunner möchte nicht, dass Architektur sich dem Markt unterwirft.

Besprochen werden ein Gunter-Gabriel-Abend auf Schloss Neuhardenberg und Bücher, darunter Jose Saramagos letzter Roman "Kain" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 16.08.2011

Bei Starbucks in New York werden künftig die Squatters rausgeschmissen, erzählt Iris Alanyali in der Glosse. In der Reihe zum 11. September und seinen Folgen meint W. Michael Blumenthal: Nur die arabische Welt kann den Terror stoppen. Besprochen werden Woody Allens Film "Midnight in Paris" ("fast ein Meisterwerk", meint Wolf Lepenies) und das HipHop-Album "Watch The Throne".

NZZ, 16.08.2011

Bei deutschsprachigen Medien kann von einem New Digital Journalismus wie in den USA keine Rede sein, stellt der Medienwissenschaftler Stephan Weichert fest, was Journalisten hierzulande von sozialen Netzwerken erwarten, beschränke sich auf Vernetzung und Eigenwerbung: "Vermutlich erst dann, wenn bei uns Zeitungen zu sterben beginnen, werden die Verlage eher bereit sein, die Zukunft des Journalismus wenigstens ein Stück weit in die Hände der Community zu legen. Sie würden gut daran tun, denn die sich langsam stabilisierenden Partizipationskanäle der Nutzer werden künftig immer mehr die Defizite des darbenden Pressewesens ausgleichen müssen, etwa in den Katastrophen- und Krisengebieten von Fukushima bis Kairo."

Im Feuilleton: Zum Hamburger Streit um die Einführung einer Grundschrift bemerkt Joachim Güntner, dass die Schweiz auch die Schnürlischrift verkraftet hat, auch wenn dies nicht zur Verschönerung der Handschriften beigetragen hat. Güntner berichtet außerdem, dass sich mit dem Mauergedenktag die Perspektive gewandelt hat: Die Mauer gelte nicht länger als Chruschtschows, sondern als Ulbrichts Werk. Thomas Burkhalter war auf dem Festival Alpentöne in Altdorf.

Besprochen werden Neuausgaben von Milos Crnjanski, Paul Leautauds Kriegstagebuch (hier eine Leseprobe) und Eugene McCabes Roman "Eugene McCabes Roman" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 16.08.2011

Patricia Hecht unterhält sich mit dem Autor Sergio Alvarez über dessen Thriller "35 Tote" und die kolumbianische Realität: "Die Kolumbianer mussten nun einmal feststellen, dass sie von der Politik nichts zu erwarten haben. Also flüchten sie sich in die Kultur. Da arbeitet einer die ganze Woche, vielleicht für einen Minister, von dem er weiß, er ist ein Mörder. Und in diesem Wissen wartet er aufs Wochenende, an dem er tanzen oder spazieren geht und Mädchen trifft."

Weiteres. "Plündern ist Mainstream", meint Julia Grosse in einem Brief aus London. Isabella Reicher resümiert das Filmfest von Locarno. Besprochen werden die Choreografie "La Rue Princesse" der Compagnie N'Soleh beim Berliner Festival Tanz im August und Martha Gellhorns Buch (hier eine Leseprobe) "Reisen mit mir und einem anderen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 16.08.2011

Auf der Medienseite berichtet Janek Schmidt über mächtigen Ärger zwischen Openleaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg und dem Chaos Computer Club, der sich auf die Seite von Julian Assange geschlagen hat - und Domscheit-Berg rausgeworfen habe: "Die Nachricht verbreitete sich noch in der Nacht, die sonst für die Abschluss-Party reserviert ist. Dabei traten sofort jene Gräben zutage, die den Club seit einem Jahr spalten und letztlich auch zum Zerwürfnis von Domscheit-Berg und CCC-Vorstand Müller-Maguhn geführt haben: der Kampf von Wikileaks gegen Openleaks oder von Assange gegen Domscheit-Berg."

Im Feuilleton hält Harald Eggebrecht ein flammendes Plädoyer für das Cello, das immer seltener auf Soloabenden oder vor Orchestern raunzen, maunzen und tirilieren darf: "Während bei Orchestern oft knappe Probenzeit gegen abgelegenere oder neue Cellopartituren ins Feld geführt wird, so klagen Veranstalter über mangelnden Zuspruch für Cellorecitals. Selbst erfahrene, dem Violoncello zugeneigte Unternehmer zucken mit den Schultern. Leider ließen sich sogar Abende mit zweitklassigen Geigern besser verkaufen als ein Recital mit einem Weltklasse-Cellisten."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld schickt Reise-Impressionen aus Istanbul, wo die Störche ziehen und die Istanbuler sich wegen eines Bestechungsskandals im Fußball die Haare raufen. Christopher Schmidt feiert Peter Handkes "Vor dem Sturm" als "wichtigstes Theaterstück Österreichs" und lobt, anders als die meisten anderen Kritiker, auch Dimiter Gotscheffs Salzburger Inszenierung. Michael Moorstedt begutachtet Software, die zum Loebner-Preis (mehr hier) eingereicht wurde und ein besonders "intelligentes Kommunikationsverhalten" an den Tag legt. Gert Lange berichtet, dass ein Manuskript Friedrich Engels' zur Geschichte Irlands entziffert wurde und Anlass zu einer wissenschaftlichen Tagung gab.

Besprochen werden Saverino Costanzos Film "Die Einsamkeit der Primzahlen" (mehr hier), ein Festival, das sich spielerisch und künstlerisch mit dem wichtigen Thema des Klimawandels auseinandersetzt im Berliner Haus der Kulturen der Welt, eine Ausstellung über "Landschaft als Weltsicht" vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart im Museum Wiesbaden und Bücher, darunter Michaela Karls Biografie über Dorothy Parker (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 16.08.2011

Von China aus sieht die Schuldenkrise der USA, wie Mark Siemons berichtet, nach einem Demokratieproblem aus. Ohne Wahlen und ständiges Beobachten der Volksmeinung könnte sowas nämlich nicht passieren: "In der Volkszeitung, dem führenden Parteiorgan, schreibt der Kolumnist Zhong Sheng, der Gedanke an Wahlen verhindere in Amerika und Europa, dass die notwendigen Maßnahmen zur Bewältigung des Schuldendebakels ergriffen würden... Deshalb handele es sich nicht zuerst um eine finanzielle, sondern um eine politische Krise, um einen 'Test des politischen Systems':"

Weitere Artikel: Christian Geyer nimmt den erzwungenen Abschied des CDU-Landesvorsitzenden Christian von Boetticher als weiteres Signal für die Verwahrlosung der Sitten in der Merkel-CDU: Allerdings nicht, weil er etwas gegen Boettichers Liebesaffäre mit einer Sechzehnjährigen einzuwenden hätte, sondern weil hier das Privatleben eines Politikers nicht geachtet worden sei. In der Glosse zieht es Gerhard Stadelmaier die Schuhe aus, weil entblößte Füße in Theatern sommers zum Himmel stinken. Von der Sommerfrische des Chaos Computer Club im Brandenburgischen berichtet Friederike Haupt. Paul Ingendaay liefert Strandbeobachtungen von der spanischen "Sommerferienfront". Tomas Kurianowicz schildert seinen Besuch der Siemens Festspielnacht in Bayreuth und kolportiert auch Gemunkel über Restkarten. Ingeborg Harms liest in ihrer Zeitschriftenschau unter anderem Texte zur isländischen Literatur in den "Horen". Hingewiesen wird auf einen an Charlotte Roche adressierten Blogeintrag von Alice Schwarzer zur "verruchten Heimatschnulze" namens "Schoßgebete".

Besprochen werden Jens Daniel Herzogs Inszenierung von Georg Philipp Telemanns Oper "Flavius Bertaridus" bei den Innsbrucker Tagen der Alten Musik (eine höchst lohnende Wiederentdeckung, befindet Dirk Schümer), die Ausstellung "Bucky Fuller & Spaceship Eart" im Marta Herford und Bücher, darunter Gary Shteyngarts neuer Roman "Super Sad True Love Story" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).