Heute in den Feuilletons

Die zentrale Leerstelle

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2010. Das Blog Esowatch fragt: Wie präsidentiabel ist ein Politiker, der im  Kuratorium einer evangelikalen Bewegung sitzt, welche gegen Schwule hetzt und sich für den Kreationismus stark macht? Die NZZ hat sich in den Oderbruch aufgemacht und warnt vor dem Biber. In der SZ schreibt  Moshe Zimmermann über die Ereignisse vor Gaza. Die Welt zeichnet ein Porträt Katharina Hackers, die ein Porträt ihrer Generation zeichnet. Laut Berliner Zeitung hat Henning Mankell in Berlin eine positive Bilanz der "Free Gaza"-Aktion gezogen.

Aus den Blogs, 04.06.2010

(Via Rivva) Das Blog Esowatch beobachtet esoterische Umtriebe in der deutschen Gesellschaft. Heute ist dort zu lesen: Christian Wulff gehört laut Selbstauskunft der Organisation "zum Kuratorium von 'Pro Christ', einer evangelikalen Missionierungsbewegung. Somit darf man eigentlich vermuten, dass er das Amt des Bundespräsidenten zur bibeltreuen Mission nutzen könnte." Und weiter: "Wer Ulrich Parzanys (Hauptprediger von 'Pro Christ') Reden kennt, der sieht sich mit allem konfrontiert, was fundamentalistischen christlichen Glauben ausmacht. Kreationismus, Schwulenhetze und strikte Ablehnung von Abtreibungen gehören zu seinen Lieblingsthemen." (Auf der Kuratoriumsliste stehen noch eine Menge anderer Prominenter, etwa Hans-Jochen Vogel oder Wolfgang Huber: Wissen die das?)

Viel Lebenserfahrung bringt Christian Wulff für sein künftiges Amt mit, schreibt Burkhard Müller-Ullrich in der Achse des Guten: "Geboren in Osnabrück, aufgewachsen in Osnabrück, Studium in Osnabrück."

Das Blog "Tapfer im Nirgendwo" hat zahlreiche antisemitische Facebook-Postings der letzten Tage dokumentiert. Die Reaktionen auf die israelische Militäraktion im Seegebiet vor dem Gazastreifen könnten kaum drastischer ausfallen. Das eigentlich Überraschende daran: Dank öffentlich geführtem Profil stehen die betreffenden Facebook-User ganz unbekümmert in aller Öffentlichkeit zu ihrem Antisemitismus - mit Konterfei und Klarname. Dergleichen und mehr Reaktionen findet man hier.

In Carta sieht Julius Endert Peter Kruses Theorie der Netz- und Medienrelevanz bestätigt - durch die Dynamik, die Köhler zu seinem Rücktritt führte. Zunächst hat ein Blogger die Köhler-Äußerungen über die weltweiten Einsätze der Bundeswehr aufgegriffen: "Weil die Medien absichtsvoll die Aufschaukelung verstärkt haben, weil sie mittlerweile gelernt haben, sich im Netz an Geschichten und Meinungen zu bedienen, kam diese Entwicklung in Gang, bis hin zu einem Bericht im heute journal in Form einer Meta-Berichterstattung."

Turi2 meldet, dass das Landgericht Hannover die Autorenvereinbarung der Zeit kassiert hat. In Total-Buyout-Klauseln sollten alle freien Zeit-Mitarbeiter sämtliche Rechte an ihren Texten sogar rückwirkend abtreten.

NZZ, 04.06.2010

Joachim Güntner hat, mit Gummistiefeln und Fahrrad gerüstet, eine Tour durch das von Hochwasser bedrohte Oderbruch gemacht. Entwarnung gibt es trotz fallender Pegelstände nicht: "Tritt am Deichfuß auf der Landseite klares Wasser aus, so ist es aufsteigendes Grundwasser und bildet keine Gefahr. Findet sich hingegen Sand darin, so zeigt dies die Ausspülung des Deiches an. Dann ist rasch Meldung zu machen, damit ein professioneller Ingenieur für Wasserbau die Situation beurteilt. Die Lage heikler Stellen wird oben auf der Deichkrone mit Fähnchen markiert: Schwarz-gelbe Zeichen warnen vor möglichen Unterspülungen, rot-weiße vor den Bibern, die, vom Hochwasser aus ihren Bauten vertrieben, sich nun in den Deich wühlen. Überhaupt haben die erst vor wenigen Jahren hier angesiedelten Biber unter den Oderbrüchern keinen guten Leumund."

Außerdem: Anlässlich der Wiedereröffnung des renovierten Teatro Colon in Buenos Aires blickt Werner Marti auf die imposante Geschichte des Bauwerks zurück.

Besprochen werden die Biennale Danza in Venedig, bei der zumindest die Soloauftritte Lilo Weber überzeugten, und CDs, darunter Live-Aufnahmen mit Valery Gergiev und dem London Symphony Orchestra.

Welt, 04.06.2010

Elmar Krekeler zeichnet ein Porträt der Autorin Katharina Hacker, in deren Figuren er ein Porträt von Hackers Generation in den bürgerlichen Vierteln Berlins erkennt: "Die zentrale Leerstelle um die vor allem 'Alix, Anton und die anderen' kreist, ist die Kinderlosigkeit... Was geschieht eigentlich mit einer Mikrogesellschaft, in der absichtlich oder auch nicht die Kinder fehlen."

"Ich bin nicht naiv", hat Henning Mankell gestern in Berlin gerufen, als er von seinen Erlebnissen auf der "Free Gaza"-Flotille erzählte. Alan Posener kommentiert: "In der Tat ist Mankell nicht einfach ein naiver Schriftsteller. Wie die Hamas bestreitet er Israels Existenzrecht. Es gebe 'keinerlei Gründe' anzuerkennen, dass die Gründung des Staates Israel 1948 'eine völkerrechtlich legitime Handlung war', schrieb er nach einer Reise durch Israel und die Palästinensergebiete im vergangenen Sommer."

Besprochen werden ein Konzert der Veteranen Eric Clapton und Steve Winwood sowie ein Band über den japanischen Mangameister Osamo Tezako.
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Berliner Zeitung, 04.06.2010

Martina Doering hat Henning Mankell bei seiner Buchvorstellung in Berlin erlebt, wo er eine positive Bilanz der "Free Gaza"-Aktion zog: "'Der Preis war hoch', sagt Mankell. 'Aber wir wollten auf die Blockade aufmerksam machen und wir hatten Erfolg.'"
Stichwörter: Berlin, Henning Mankell

TAZ, 04.06.2010

Tim-Caspar Boehme stellt den britischen Musiker und Wissenschaftler Steve Goodman vor, der in seinem aktuellen Buch "Sonic Warfare" die politische Dimension des Klangs in Club und Krieg untersucht, wobei es im Kern um die Frage geht, wann Sound "unsound" wird. "Goodmans schönstes Beispiel für die Instrumentalisierung von Klang ist der 'Mosquito', ein unscheinbares Kästchen, das vor Geschäften oder in Shopping Malls angebracht wird, wo es Frequenzen von 20 kHz aussendet. Diese Töne können Erwachsene nicht hören, für Jugendliche sind sie aber äußerst unangenehm, sodass sie vom unerwünschten Herumlungern abgehalten werden."

Außerdem: Katja Petrowskaja porträtiert den Frontman der Band Gogol Bordello, Eugen "Schenja" Hutz. Besprochen werden neue Alben von Booka Shade und Tiefschwarz.

Auf den Tagesthemenseiten würdigt Ulrich Gutmair den vor drei Jahren verstorbenen taz-Redakteur Harald Fricke, von dem nun eine Sammlung zwischen 1990 und 2007 geschriebener Texte bei Merve herausgekommen ist.

Wer sich freiwillig als Passagier auf ein Aktivisten-Schiff eincheckt, sollte sich vorher ausreichend darüber informieren, wer die Organisatoren sind, meint Dorik Akrap in taz zwei. "Lange vor dem Auslaufen der 'Mavi Marmara' gab es genügend Material - sowohl über die türkische als auch über die deutsche Internationale Humanitäre Hilfsorganisation (IHH), das zumindest hätte misstrauisch machen sollen. Bereits vor einigen Jahren hatten deutsche Staatsanwälte der IHH vorgeworfen, Spendengelder nicht zu humanitären Zwecken, sondern zum Kauf von Waffen für Glaubensbrüder in Bosnien und Tschetschenien zu verwenden."

Und Tom.

FR, 04.06.2010

Die "übliche Mischung aus unzähligen Veranstaltungen, Gebäudesanierungen und, nun endlich doch, einem U2-Konzert" hat Renate Klett beim Theaterfestival in Europas Kulturhauptstadt Istanbul erlebt. Im Interview mit Hans-Klaus Jungheinrich antwortet Regisseur Hans Neuenfels auf Fragen über seine Münchner Opernproduktion, Simon Mayrs "Medea". In Times mager meldet Harry Nutt mit Blick auf die Berliner Schlossfassade um sich greifendes Verzagen in der Krise. Christoph Schröder berichtet von einer Frankfurter Diskussion mit dem Autor Martin Mosebach und dem Übersetzer Michael Walter über Weltliteratur.

Besprochen werden die "zelluloid"-Ausstellung in der Frankfurter Schirn, Armin Holz' Inszenierung von "Was ihr wollt" mit den Altstars der deutschen Bühnen und Sofja Tolstojas Roman "Lied ohne Worte" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 04.06.2010

Die FAZ übernimmt Amos Oz' Artikel aus der New York Times (hier). Der Schriftsteller sieht durch die jüngsten Vorfälle vor der Küste von Gaza nur wieder bestätigt, dass Israel mit einer Politik der Gewalt scheitern muss. "Und wenn Israel noch hundert Schiffe mit Ziel Gaza aufbringt, noch hundertmal den Gazastreifen militärisch besetzt und noch so oft Streitkräfte, Polizei und Sonderkommandos einsetzt - das Problem wird nicht gelöst." Online lässt sich der Artikel auf deutsch auch hier nachlesen.

Joseph Croitoru verweist in einem zweiten Artikel auf einige Websites der Hamas, die zu belegen scheinen, dass die Terrororganisation erstaunlich gut auf die Ereignisse vor Gaza vorbereitet war, unter anderem auf freegaza.ps, nicht zu verwechseln mit der offiziellen Seite freegaza.org und flotilla2010. Für Croitoru kristallisiert sich darum immer stärker heraus, "dass ein Teil der muslimischen Angreifer auf dem Märtyrertrip war. Das legt den Verdacht nahe, bei ihrem Angriff auf die israelischen Elitesoldaten könne es sich um eine Art Suizidmission gehandelt haben."

Weitere Artikel: Angesichts der Herrschaft der Algorithmen fordert Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur des Computermagazins c't, mehr "digitale Aufklärung". Wie Jeff Koons einen BMW autoerotisch angemalt hat, das beschreibt Peter Richter. In seiner Kolumne beobachtet Eduard Beaucamp Versuche zur Wiederbelebung der "Aufbruchsmoderne" in der Kunstszene Rhein-Ruhr. Dirk Schümer gratuliert dem römischen Paradiesort für deutsche Künstler namens Villa Massimo zum Hundertsten. Auf der Medienseite will sich Michael Hanfeld von der Information, dass zunächst ein Blogger die Köhler-Äußerungen zu den Einsätzen der Bundeswehr in Afghanistan aufgriff, nicht von seinem strengen Urteil über den Bundespräsidenten a.D. abhalten lassen.

Besprochen werden die Frankfurter Uraufführung einer von Kevin Rittberger und Nora Khuon erarbeiteten Theaterfassung von Kleists "Marquise von O." ("von rasender Dürftigkeit" findet Gerhard Stadelmaier das) und "Vergebung" (mehr), Daniel Alfredsons Abschlussfilm der "Millennium-Trilogie" nach Stieg Larsson, Bücher, darunter Ornela Vorpsis Roman "Die Hand, die man nicht beißt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 04.06.2010

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann erklärt, dass die israelische Regierung und die Bevölkerungsmehrheit längst in ihrem eigenen Film leben. Und da sehen die Verhältnisse nicht nur völlig anders aus, als der Großteil der Rest-Weltöffentlichkeit sie sieht - Kritik wird auch sehr schnell als Nestbeschmutzung begriffen: "Man igelt sich ein, schaut auf die 'Feinde' von Außen und Innen, vermutet bei denen, die nicht mit den Wölfen heulen, Verrat und Heimtücke. Proteste gegen die Blockade, gegen den Krieg in Gaza gelten als illegitim. Aus dem rechten Flügel kam sofort nach dem Zwischenfall der Ruf, eine arabische Knessetabgeordnete, die auf der 'Marmara' war, aus dem Parlament auszuschließen und vor Gericht zu stellen. Die Kommentare im Internet waren extremer."

Weitere Artikel: Klaus Brill schildert, wie in Tschechien nun die Aufarbeitung eigener Kriegs- und Vertreibungsverbrechen beginnt. Eine New Yorker Tagung des Titels "Limiting Knowledge in a Democracy", bei der auch der New-Yorker-Reporterstar Seymour Hersh vortrug, hat Jörg Häntzschel besucht. Eva-Elisabeth Fischer schreibt zum Tod des Butoh-Tänzers Kazuo Ohno.

Besprochen werden eine von Günter Krämer inszenierte und von Philipp Jordan dirigierte "Walküre" in Paris (Helmut Mauro zeigt sich nach dem "fulminanten" "Rheingold" enttäuscht), John Malkovich in Michael Sturmingers Jack-Unterweger-Stück "The Infernal Comedy" bei den Ruhrfestspielen, die (nach dem Köhler-Rücktritt leider schirmherrlos gewordene) Berliner Gemeinschaftsausstellung (Website) mehrerer Berliner Museen, die unter dem Titel "Who Knows Tomorrow?" afrikanische Kunst zeigen, eine Bremer Ausstellung zu Wilhelm Wagenfeld (mehr hier), Vincenzo Natalis Science-Fiction-Film "Splice" und Bücher, darunter Dieter Kühns Alternativhistorie "Ich war Hitlers Schutzengel" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).