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Heute in den Feuilletons

Kein Gluck-Glück

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.04.2010. Gizmodo bringt eine Weltkarte des Dreifrontenkrieges zwischen Google, Apple und Microsoft. Die westlichen Werte sind nicht westlich, erklärt Kenan Malik in seinem Blog. In der FAZ und in der Welt wird's wolkig. In der NZZ empfiehlt der Pädagoge Allan Guggenbühl: Lasst Kinder chatten. Die Zeit stellt einige Artikel aus ihrer Islamdebatte online.

TAZ, 19.04.2010

Ab heute hat bei der taz für eine Woche die Volontärin Luise Strothmann das Kommando. Von Stefan Kühl darf sie sich erst mal erklären lassen, dass die Idee so toll nicht ist: "Auf den ersten Blick hat das etwas Karnevaleskes. Motto: Jetzt drehen wir mal für einen Tag die Machtverhältnisse um und schneiden dem Bürgermeister ganz frech den Schlips ab. Und in der nächsten Woche sind die Verhältnisse dann wieder wie vorher."

Im Feuilleton stellt sich David Pachali beim Stichwort "Urheberrechtsexzess" auf die Seite Helene Hegemanns und gegen die Unterzeichner der Leipziger Erklärung. Und er erinnert daran, dass die Idee des geistigen Eigentums erst mit dem Geniekult der Romantik aufkam und : "Der Geniekult ist heute nur noch ein Kapitel der Ideengeschichte, doch in der Berufung auf das geistige Eigentum klingt er weiterhin nach. Der Vorteil für den, der dieses Register aufruft, liegt dabei darin, sich auf ein höheres Prinzip berufen zu können, statt auf ein Recht. Die Metapher vom Eigentum zieht die vom Diebstahl nach sich - so auch in der Leipziger Erklärung. Das war bei Ideen und Gedanken schon immer falsch, und bei der Digitalkopie ist es ebenso, es gibt ja immer nur eine Kopie mehr, ohne dass an anderer Stelle eine fehlte."

Außerdem: Friedrich Küppersbusch beantwortet seine montäglichen Fragen. Die Volksbühnenassistentin Myriam Brüger erklärt Facebook. Besprochen werden die Doppelausstellung zu Neo Rauch in Leipzig und München sowie Airens Roman "I am Airen Man".

Und Tom wie gehabt.

Aus den Blogs, 19.04.2010

Ein übersichtliches Schlachtengemälde des Dreifrontenkrieges zwischen Google, Apple und Microsoft findet sich auf Gizmodo:



Der britische Autor Kenan Malik publiziert auf seinem Blog einen Essay zur Karikaturenaffäre, den er für Göteborg Posten verfasst hat. Einer der Punkte, die er macht: Die "westlichen" Werte sind nicht eigentlich westlich: "what we now regard as 'Western values' - individual rights, secularism, freedom of speech - are modern values, distinct from those that animated European societies in the past. And it's not just medieval Europeans who would reject contemporary European values. Many contemporary Europeans do too." Maliks Buch "From Fatwa to Jihad - The Rushdie Affair and Its Legacy" steht auf der höchst interessanten Shortlist zum Orwell Prize.

Zeit, 19.04.2010

Kulturrelativismus auch bei der renommierten Autorin Carolin Emcke, die in der Zeit jüngst die Muslime gegen "liberale Rassisten" verteidigte? So sieht es jedenfalls (jetzt online) Johannes Kandel von der Ebertstiftung in einer Erwiderung: "Sadomaso, High Heels und Entblößung, Eucharistie, Wagner-Begeisterte, St.-Pauli-Fans. 'Anything goes', konstatiert Emcke. Es ist aber empörend, dass die Autorin solche Möglichkeiten differenzierter Lebensstile und vielfältiger Freizeitgestaltungen, die nur im Freiraum einer pluralistischen Gesellschaft möglich sind, mit repressiven, religiös-politisch motivierten islamischen Kleidervorschriften und einer menschenrechtlich inakzeptablen Geschlechterapartheid auf eine Stufe stellt."
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NZZ, 19.04.2010

Erwachsene werden sich mit dem Verlust ihres Wissensmonopols und ihrer Allmacht abfinden müssen, meint der Pädagoge und Konfliktmanager Allan Guggenbühl und empfiehlt, die Wunschvorstellungen von der Kindheit als Schonraum aufzugeben: "Im Laufe des 20. Jahrhunderts warnten Pädagogen vor dem schädlichen Einfluss des Alkohols, des Sexualkontakts, jedoch auch der Eisenbahn, des Radios, des Autos, der 'Negermusik' oder des Hüftschwungs von Elvis Presley. Man war überzeugt, dass Masturbation zu Schwachsinn oder die Jugendzeitschrift Bravo zu sexueller Verwahrlosung führe." Dies wurde jedoch noch nie mit Dankbarkeit quittiert. "Das Eintauchen in virtuelle Welten gilt bei Jugendlichen als Menschenrecht, das sie sich nicht durch einen Firewall oder Verbote nehmen lassen."

Weiteres: Brigitte Kramer notiert, dass die Spanier in ihrer Baukrise auch genug von der Stararchitektur haben: "Galt bis zum Krisenjahr 2008 das Motto 'Jeder Stadt ihren Gehry', macht sich nun allenthalben Überdruss breit: 'Immer wenn jemand den Begriff Guggenheim-Effekt benutzt, habe ich Lust, den Revolver zu zücken', schrieb ein Kritiker jüngst." Eveline Suter schreibt einen Nachruf auf den Berner Fotografen Balthasar Burkhard. Besprochen wird Stefan Bachmanns Inszenierung von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald".

Welt, 19.04.2010

Unter dem Bild des tiefblauen Himmels über der Skyline Frankfurts schreibt Andreas Rosenfelder: "Die Tatsache, dass da oben seit ein paar Tagen keine Flugzeuge mehr unterwegs sind, erschüttert nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch unsere Psyche. Das tiefe Blau, von keinem Kondensstreifen durchkreuzt, wirkt erhaben und gespenstisch zugleich. Denn es vermittelt uns eine leise Vorstellung davon, wie unsere Erde nach einem Zusammenbruch der Zivilisation und vielleicht sogar nach dem Ende der Menschheit aussehen könnte."

Weitere Artikel: Peter Praschl konstatiert anlässlich der Debatte um Bischofs Mixa, dass das Schlagen von Kindern heute wohl gesellschaftsweit verpönt ist: "Dass jemand die Backpfeife verteidigt, kommt praktisch nicht mehr vor." Hanns-Georg Rodek begrüßt eine Gerichtsentscheidung gegen den Lehrer Georges Lopez, der in dem Dokumentarfilm "Sein und Haben" porträtiert wurde und nach dem überraschenden Erfolg des Films eine Gewinnbeteiligung forderte (womit sämtliche Gepflogenheiten der Dokumentation ausgehebelt worden wären). Der Designtheoretiker Friedrich von Borries besucht das erste Designmuseum in Israel, in der Stadt Holon. Patrick Goldstein interviewt anlässlich der zwanzigsten CD das Urgestein des Britpop und Gegner der Fuchsjagd Paul Weller.

Besprochen werden eine Ausstellung über Prinz Eugen von Savoyen in Wien, Horvaths "Wiener Wald" in der Regie Stefan Bachmanns am Burgtheater, Peter Konwitschnys Inszenierung von Glucks "Alceste" ("kein Gluck-Glück" war Manuel Brug beschieden) und "Dantons Tod" am Berliner Gorki-Theater.

In einem aus Rolling Stone übernommenen Interview auf der Magazinseite erklärt außerdem Neo Rauch seine Indiepop-Vorlieben.

FR, 19.04.2010

Christian Schlüter macht sich - mit Blick auf Afghanistan - Gedanken über den Preis unserer Freiheit. In Times mager plädiert Harry Nutt für etwas mehr Klarheit in der Diskussion über sexuellen Missbrauch. Auf der Medienseite berichtet Michael G. Meyer über das gespannte Verhältnis des argentinischen Präsidentenpaares Kirchner zur Presse.

Besprochen werden die Ausstellung "Was ist schön?" im Deutschen Hygienemuseum in Dresden, Stefan Bachmanns Inszenierung von Ödön von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" (es spielt die "Creme der österreichischen Mimen", so Stephan Hilpold, "aber vielleicht ist genau das ihr Problem. Jeder der durchwegs wunderbaren Schauspieler spielt in dieser Inszenierung seinen privaten Horvath - zusammen kommen sie aber nicht."), Peter Konwitschnys Inszenierung von Glucks Oper "Alkestis" in Leipzig und Andreas Schäfers Roman "Wir vier" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 19.04.2010

Im Aufmacher konstatiert Kia Vahland, dass Menschen immer freimütiger über erlittenes Leid und Unrecht sprächen, und sie macht hierfür den wohltuenden Einfluss haltlos egotistischer Künstler verantwortlich. Tanjev Schultz berichtet von der Hundertjahrfeier der Odenwaldschule ("Schulleiterin Margarita Kaufmann rang im Kurfürstensaal von Heppenheim mit den Tränen, als sie um Verzeihung bat "). Niklas Hoffman erzählt in den "Nachrichten aus dem Netz" noch einmal (Links hier) die Geschichte des Karikaturisten und Pulitzer-Preisträgers Mark Fiore, dessen App fürs Iphone von Apple mit der Begründung abgelehnt wurde, seine Zeichnungen machten "Personen des öffentlichen Lebens lächerlich" (Steve Jobs soll sich nun persönlich für den Zeichner eingesetzt haben). Alex Rühle besuchte das Neujahrsfest der Hindus im größten Hindu-Tempel Europas in Hamm-Uentrop. Volker Breidecker verfolgte die Frankfurter Römerberg-Gespräche zum Thema "Bildung Bolognese". Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf erinnert zum 450. Todestag an Philipp Melanchthon.

Besprochen werden Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald", inszeniert von Stefan Bachmann, am Wiener Burgtheater (Helmut Schödel verspricht "zweieinhalb furchtbare Stunden"), Peter Konwitschnys Inszenierung von Glucks "Alceste" in Leipzig (Reinhard J. Brembeck ist maßlos enttäuscht) und Bücher, darunter Niklas Luhmanns nachgelassene "Politische Soziologie" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 19.04.2010

Für den Gelegenheitsapokalyptiker Frank Schirrmacher ist die Vulkanaschewolke nicht nur eine Vulkanaschewolke, sondern ein Menetekel. Und zwar eines, das eine Zukunft verheißt, in der der Mensch kaum noch misst und nach eigenem Ermessen entscheidet, sondern sich den Algorithmen und Computersimulationen unterwirft, die er nicht mehr versteht. In der Natur wie im Sozialen: "Die soziale Wolke besteht aus unendlich vielen Datenpartikeln, vom Facebook-Eintrag über Einkäufe, Emails, Kommentare bis zu unendlich vielen Korrelationen, die sich ergeben, wenn unsere Daten mit Milliarden anderer Daten abgeglichen werden. Heute steht Ihr Flugzeug still, morgen vielleicht Ihre Karriere... Es geht darum, gegen die Welt der Computer Instanzen des Einspruchs zu etablieren, den Widerspruch, der sich einzig und allein aus Empirie und Intuition speisen kann, als Aufgabe moderner Gesellschaften zu erkennen. Tun wir das nicht, fliegt bald gar nichts mehr."

Weitere Artikel: Paul Ingendaay schildert recht detailliert, wie die Kräfte der Reaktion in Spanien einen Prozess gegen den Starrichter Baltasar Garzon erwirkt haben, weil dieser die Verbrechen der franquistischen Vergangenheit auf eigene Faust aufzuarbeiten unternahm. Ein klein wenig entgeistert wirkt Wolfgang Schneider in seinem Referat von Sibylle Lewitscharoffs (mehr) etwas arg frommer Berliner Antrittsvorlesung zur Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik. Von den Frankfurter Römerberggesprächen zur Frage "Bildung Bolognese. Wozu noch die Universität?" berichtet Katrin Inwanczuk. Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an eine illustre Männerrunde, nämlich den Architekten Jacques Herzog (60), den Schauspieler Al Pacino (70), den Schriftsteller Peter Schneider (70; mehr), den Rechtshistoriker Helmut Quaritsch (80; mehr) und den Filmregisseur Paul Mazursky (80).

Besprochen werden Peter Konwitschnys Leipziger Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Reformoper "Alceste", Anna Viebrocks Kölner Theaterversion von Heinrich Bölls "Billard um halbzehn" und Bücher, darunter Markus Reiters Abrechnung mit dem Internet "'Dumm 3.0.' Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).