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Heute in den Feuilletons

Dass er zu einem Eis am Stiel wird, dann splittert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.03.2010. In der Welt warnt Ibn Warraq vor den Scharia-Gerichten in England. In der SZ schreibt Richard Swartz über Korruption in Kroatien. Die FAZ erinnert an Zeiten, als zum Frommen der Kunst Knaben kastriert wurden. Gawker gefriert bei Ian McEwans Satire auf den Klimawandel und deckt eine von Sean Penn begangene Ungerechtigkeit auf. Und im Tagesspiegel gratuliert Jürgen Neffe dem Perlentaucher zum Zehnten.

Aus den Blogs, 15.03.2010

Darf man Gawker glauben? Das Blog berichtet: "Ian McEwan hat einen satirischen Thriller über den Klimawandel geschrieben. Darin versucht ein Mann in Norwegen draußen bei minus 32 Grad zu pinkeln und muss erleben, dass sein Schwanz so dramatisch einschrumpft, dass er zu einem Eis am Stiel wird, dann splittert und aus seinem Hosenbein rutscht." Die New York Post zitiert die betreffende Passage aus dem Roman: "As the polar wind raged . . . he watched in horror as his penis shrank even smaller, and curled tighter against the zip. And not only was it diminishing before his eyes, but it was turning white..."

Und Gawker ist einer weiteren Ungerechtigkeit auf der Spur: Sean Penn hat einen Reporter aus einer Veranstaltung herausgeschmissen, der ihn über seine Hoffnung, dass 'Kritiker schreiend an Mastdarmkrebs sterben' mögen, befragen wollte.

Heise meldet: "Venezuelas Präsident Hugo Chavez fordert strengere Regeln fürs Internet. Es gehe nicht an, dass jeder dort tun und sagen könne, was er wolle; jedes Land müsse seine eigenen Regeln und Normen anwenden.

Das Blog Bewegliche Lettern schickt dem Perlentaucher einen Geburtstagsgruß: Bewegliche Letten.


Tagesspiegel, 15.03.2010

Gestern im Tagesspiegel gratulierte Jürgen Neffe einem gewissen Online-Magazin namens Perlentaucher zum zehnten Geburtstag: "Es bedient sich der Früchte fremder Federn, remixt und recycelt, be- und verwertet die Texte der Kollegen, stellt aus Links, Grafiken und Youtube-Schnipseln sein Produkt zusammen. Hin und wieder reichern Originalbeiträge die Mischung an, Texte von Götz Aly, Necla Kelek, Imre Kertesz oder Andre Glucksmann." Jaja, für die besten Artikel muss man eben selber sorgen!

TAZ, 15.03.2010

Julia Gwendolyn Schneider berichtet über die wenig ergiebige Berliner Diskussion mit Ai WeiWei, Klaus Staeck und Alex MacLean zum Klimawandel. Besprochen werden die Aufführung von Margareth Obexers Stück "Das Geisterschiff" im Theater Basel aufgeführt, die Ausstellung "Moderne Zeiten" in der Nationalgalerie Berlin, das Auftaktkonzert zur Deutschlandtournee von Owen Pallett in Dachau und Samrat Upadhyays Roman "Der Liebesguru" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)

Und Tom.
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Perlentaucher, 15.03.2010

Thierry Chervel denkt über die Zukunft des Schreibens nach: "In ihrer Bangigkeit stellen die Medienindustrien verständlicherweise zunächst die Frage nach der Zukunft ihrer selbst: Was wird aus dem Journalismus? Was wird aus dem Buch? Aber wer so fragt, macht bereits Voraussetzungen. Er nimmt an, dass sich diese überkommenen Formen von Geist - und damit die Macht der sie repräsentierenden Konzerne und Institutionen - in den neuen Aggregatzustand der Zeichen hinüberretten lassen."

FR, 15.03.2010

Die nächsten hundert Jahre werden für muslimische Frauen ganz schön trostlos aussehen, fürchtet Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali, wenn "wir im Westen" uns nicht darum kümmern, die Allgemeingültigkeit der Menschen- und Frauenrechte durchzusetzen: "Westliche Feministinnen sollten misstrauisch gegenüber dem Anspruch an kulturelle Vielfalt sein, sofern sie nicht auch im Namen der Kultur unbeabsichtigt Poligamie, Kinderehe, eheliche Vergewaltigung, Ehrenmorde, das Schlagen von Frauen, selektive Abtreibung weiblicher Föten und andere Traditionen rechtfertigen wollen. Leidenschaftliche Verfechter der Gleichstellung müssen über sozio-ökonomische Aspekte hinaus denken und den Mut finden, die kulturellen Faktoren aufzudecken, die nicht nur materielle, sondern auch intellektuelle, kulturelle und moralische Armut verursachen."

Weiteres: In Times mager sinniert Christian Schlüter über Glaubens- und Einbildungskraft. Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung "Der Krieg" an den Münchner Kammerspielen, Susan Sontags frühe Tagebücher "Wiedergeboren" und Hans-Ulrich Treichels Roman "Grunewaldsee" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 15.03.2010

Im Forum warnt der Kulturwissenschaftler Ibn Warraq vor der Einführung der Scharia in Europa. Allein in Großbritannien gebe es bereits 85 Scharia-Gerichte: "Prinzipiell, versichern uns sorglose Regierungsvertreter, dürften solche Gerichte nicht gegen das Recht des Landes urteilen. Aber einige der Entscheidungen solcher islamischer Tribunale werden bereits als rechtlich bindend angesehen, und sie könnten von Zivilgerichten in England und Wales bestätigt werden. Die Untersuchung eines führenden Thinktanks in London, Civitas, fand jüngst heraus, dass es unter diesen Entscheidungen solche gab, die illegale Handlungen beinhalteten, und andere, die Menschenrechtsstandards britischer Gerichte missachteten." Warraq verteidigt auch den niederländischen Politiker Geert Wilders, der derzeit wegen seiner islamfeindlichen Sprüche vor Gericht steht: "Er nimmt nicht nur sein Recht der freien Rede in Anspruch, Wilders sagt tatsächlich die Wahrheit, seine Vorwürfe gegen den Koran haben Substanz."

Im Feuilleton erklärt der Literaturwissenschaftler Peter von Matt im Interview die Isolationsfantasien der Schweiz: "Das Problem der Schweiz ist, dass es ihr zu gut geht. Sie kann sich ihre Probleme leisten." Eckhard Fuhr sendet dem Perlentaucher einen gequälten Geburtstagsgruß. Auf der Wissenschaftsseite beschreibt Achim Killer das Internet von Forschern, Geheimdiensten und Polizei.

Besprochen werden die Ausstellung "Post-Oil-City" in der ifa-Galerie Stuttgart, Armin Petras' Experimente mit Kleist und Goldoni an den Münchner Kammerspielen, Aufführungen bei den Telemann-Festspielen in Magdeburg und einige CDs.

NZZ, 15.03.2010

"Ich erhielt einen hohen Vorschuss", erklärt Robert Crumb im Interview mit Christian Gasser, wie er auf die Idee kam, die Genesis als Comic zu zeichnen: "Im Alten Testament, das ist meine Überzeugung, gibt es keinerlei moralische Erleuchtung, es ist letztlich eine Sammlung ziemlich wilder Stammes-Geschichten. Großartiger Stoff. Manchmal jedoch hatte ich beim Zeichnen den Eindruck, ich sühnte für meine früheren Sünden, für Drogenkonsum, Sex, Egozentrik. Und vielleicht trieb ich damit die letzten Überreste meiner katholischen Erziehung aus."

Weiteres: Verzückt verlässt Marc Zitzmann die große Yves-Saint-Laurent-Ausstellung im Pariser Petit Palais, die noch einmal den formidabelsten Kreationen des Großmeisters huldigt: "Doch tut sie das derart gekonnt, dass am Ende des Parcours nur ein hoffnungsloser Griesgram kein seliges Lächeln auf den Lippen davontragen dürfte." Jürgen Tietz gratuliert dem Denkmalpfleger Georg Mörsch zum Siebzigsten. Bruno Oetterli Hohlenbaum schreibt zum Tod des Schriftstellers Ernst Herhaus. Besprochen wird auch eine Aufführung von Hoffmanns Erzählungen am Opernhaus Zürich.

SZ, 15.03.2010

Kroatien ist ein weiteres künftiges EU-Land, in dem die Korruption wütet. Die Feral Tribune deckte das auf, schreibt Richard Swartz in einem schönen Hintergrundartikel über das Land. Aber sie existiert nicht mehr: "Die Enthüllungen wurden totgeschwiegen. Mitarbeiter erhielten Morddrohungen, oder man machte der Zeitung den Prozess. Vor einigen Jahren wurde sie zu Grabe getragen, diskret ökonomisch abgewürgt von den Kreisen, die man mit einer Spur Übertreibung als kroatisches Establishment bezeichnen könnte."

Weitere Artikel: Henning Klüver schreibt über das Auftauchen und Wiederverschwinden einiger Romanmanuskriptseiten von Pasolini, in denen es um Enthüllungen zum Fall Mattei ging. Ira Mazzoni fürchtet um den Abriss des Kaloriferwerks in Dessau ("Das ist jener Produktionsort, an dem die Bauhauskünstler mit dem Stahlrohrbiegen vertraut wurden, bevor sie die Prototypen ihrer Freischwinger in den örtlichen Schlossereien produzieren ließen.") Johannes Willms schreibt zum Tod des französischen Chansonniers Jean Ferrat. Stefan Rethfeld folgte einer Dortmunder Tagung über "Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt". In den "Nachrichten aus dem Netz" verweist Michael Moorstedt auf die Gedenkseiten von Wired zum Internetboom vor zehn Jahren (der ja auch der letzte aller Medienbooms war, mehr hier).

Besprochen werden ein Spekakel nach Kleist und Goldoni, verantwortet von Armin Petras, an den Münchner Kammerspielen, neue DVDs und bücher, darunter Hanna Lemkes Storyband "Gesichertes" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 15.03.2010

Das FAZ-Feuilleton steht heute ganz im Zeichen der Missbrauchsfälle in Internaten und Kirchen. Angesichts der Übergriffe in Domchören stellt Eleonore Büning die Frage nach dem Zusammenhang von Musik und Gewalt: "Gerade die Süße, der androgyne Schmelz von Knabenstimmen hat immer auch eine sexuelle Komponente gehabt, und die Dichter wie die Komponisten, von Bach bis Goethe, von Benjamin Britten bis zu Thomas Mann, wussten genau um diese Wirkung... Tausenden Kindern wurde regelmäßig Gewalt angetan im Namen der Musik, damit einige von ihnen ihre Engelsstimme zum Lobe Gottes erheben konnten. Ja, das Kastrieren von Knaben war so selbstverständlich, wie es vor wenigen Jahrzehnten noch normal und selbstverständlich war, Ohrfeigen auszuteilen an kleine Chorsänger."

Auf der dritten Seite porträtiert Heike Schmoll angesichts der Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule deren ehemaligen Leiter Gerold Ummo Becker, den sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig kürzlich vor allen Vorwürfen in Schutz genommen hat. Historischen Hintergrund dazu bietet im Feuilleton der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers mit einem Blick auf die Geschichte der Reformpädagogik. Dabei entdeckt er in Landschulheimen vor allem "penetrantes Sendungsbewusstsein", während pädagogische Fortschritte eher in den öffentlichen Schulen stattfanden.

Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet über den Moskauer Rapper Noize MS, der sich in einem Lied mit dem Vizedirektor des Lukoil-Konzerns anlegt: Der Wagen des Oligarchen hatte bei einem Unfall unter dubiosen Umständen eine Bekannte des Musikers getötet. In Frankreich balgen sich der vormalige und der aktuelle Direktor der Bibliotheque nationale, Jean-Noel Jeanneney und Bruno Racine über den richtigen Umgang mit Google, berichtet Jürg Altwegg: Duellwaffe der Wahl ist, standesgemäß, der Essayband. Auf Betreiben der SVP wird in der Schweiz ein Volksentscheid über ein Kunstprojekt von Thomas Demand stattfinden, berichtet Niklas Maak. Robert von Lucius porträtiert das neueste Youtube-Phänomen, die südafrikanische Hiphop-Gruppe Die Antwoord. In Nachrufen würdigen Oliver Jungen den Schriftsteller Ernst Herhaus, Kerstin Holm die russische Lyrikerin Jelena Schwarz und Dieter Bartetzko den Chanonisten Jean Ferrat.

Gratulationen gehen in dieser Woche an die Bildreporterin Mary Ellen Mark (70), die Kinderbuchautorin Kirsten Boie (60), den Comicautor Rötger Feldmann alias Brösel (60), und den Regisseur Bernardo Bertolucci (70).

Besprochen werden ein Theaterneubau des Architekten Jörg Friedrich in Gütersloh, Shakespeares "Was ihr wollt" in einer Inszenierung von Barbara Frey im Zürcher Schauspielhaus, die Tanz-Performance der Shen Yun Performing Arts in Frankfurt und Bücher, unter anderem Kathrin Passigs und Aleks Scholz' "Verirren", ein von Thomas Pletzinger aus dem Amerikanischen übersetzter Gedichtband von Gerald Stern (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).