Heute in den Feuilletons

100 Milliarden positive Kommentare

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2010. In der Welt sucht Dirk von Lowtzow von der Band Tocotronic die Antwort auf die Frage, wie man Widerstand leistet, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu verfallen. Die NZZ bewundern die Coen-Brüder, die ihren Pessimismus in in fröhlich schwebende Petitessen zu verpacken verstehen. In der FR sagt der Blogger Han Han voraus, wie die chinesische Regierung das Problem mit dem Netz bewältigt. 

TAZ, 21.01.2010

"Ein Liebesfilm also. Ein knallharter versteht sich", urteilt Birgit Glombitza über Detlev Bucks neuen Film "Same Same But Different" über einen deutschen Rucksacktouristen, der sich in Kambodscha in eine Prostituierte verliebt. "Man merkt 'Same Same But Different' die Auseinandersetzung mit dem asiatischen Kino an, das Bemühen, für die unterschiedlichen Länder und Kulturen eine eigene Filmsprache zu finden. Und anders als bei seinem ersten Versuch der eigenen Neudefinition hat das nichts Kraftmeierisches mehr, sondern etwas Anrührendes und beinahe Zärtliches."

Tilman Baumgärtel berichtet über größtenteils befremdete Reaktionen der beteiligten Statisten auf Bucks Film am Drehort Pnhom Penh, wo besonders aufstieß: "Das ist so wie in diesen französischen Filmen. Es wird viel geredet, aber es passiert nicht so besonders viel."

Weiteres: Rudolf Walther resümiert eine Debatte über Schweizer NS-Lasten am Schauspielhaus Zürich; Hintergrund sind das dort derzeit laufende Stück "Der Würgeengel" von Elfriede Jelinek und zwei aktuelle Texte über das Ehepaar Batthyany-Thyssen, Bewohner des Schlosses Rechnitz, wo die Gestapo 200 arbeitsunfähige ungarische Zwangsarbeiter ermordete. Lea Hampel porträtiert den israelischen Sänger Asaf Avidan, der derzeit in Deutschland unterwegs ist. Klaus Walter unterhält sich mit der Hamburger Journalistin Susie Reinhardt, die zum 100. Geburtstag von Django Reinhardt das Album "Django's Spirit - A Tribute to Django Reinhardt" vorlegt.

Und Tom.

Welt, 21.01.2010

Michael Pilz unterhält sich mit Dirk von Lowtzow von der Band Tocotronic über ihr viel gefeiertes Album "Schall & Wahn": "Es gab bei diesem Album den Willen zu ergründen, unter welchen Umständen, Kunst - in unserem Fall: Musik - Widerstand sein kann, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu verfallen", sagt Lowtzow.

Weitere Artikel: Wolf Lepenies zählt alle Fehler auf, die die demokratische Senats-Kandidatin von Massachusetts, Martha Coakley, im Wahlkampf machte und die sie den Sieg, Obama die Mehrheit und die Amerikaner die Gesundheitsreform kosten. Michael Borgstede berichtet über neue Details aus dem Leben der israelischen Nationalheldin Hanna Szenes, die versuchte, den ungarischen Juden zu helfen und im Alter von 23 Jahren erschossen wurde - es zeigt sich in bisher verschwiegenen Dokumenten, dass sie in der zionistischen Bewegung nicht gerade glücklich war. Holger Kreitling porträtiert den amerikanischen Thriller-Autor James Ellroy, der auf Lesereise durch Deutschland geht. Hanns-Georg Rodek wirft einen Blick auf das Wettbewerbsprogramm der Berlinale und besonders auf Oskar Roehlers Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen". "wfr" schreibt zum Tod von "Love Story"-Autor Erich Segal. Und "sei" meldet, dass die chinesischen Zensurbehörden so ihre Schwierigkeiten mit James Camerons Film "Avatar" haben.

Besprochen werden Laurent Chetouanes Inszenierung von "Dantons Tod" in Köln und Filme, darunter Detlev Bucks Film "Same same but different" (mehr hier).

Auf der Magazinseite berichtet Kerstin Schweighöfer über den Amsterdamer Prozess gegen den populistischen Politiker Geert Wilders, der sich wegen islamfeindlicher Sprüche verantworten soll.

NZZ, 21.01.2010

Auf der Filmseite preist Alexandra Stäheli den neuen Film der Coen-Brüder "A Serious Man": "in ihrer nonchalanten Art, diesem ganz besonderen Nihilismus zu frönen, vermögen sie dabei vielleicht sogar noch Woody Allen zu übertrumpfen, der seine Misanthropie und seinen mürrischen Atheismus ständig benennen und durchexerzieren muss - während die Coens ihre pessimistische Weltsicht in fröhlich schwebende, absurde Petitessen zu verpacken verstehen."

Weiteres: Joachim Güntner besichtigt für das Feuilleton das neue Ruhr-Museum in der Kulturhauptstadt Essen. Frank Wittmann erzählt die Geschichte Haitis in den vergangenen zweihundert Jahren als einzige beklagenswerte Abwärtsspirale. Besprochen werden ein Sammelband zu Michail Romms filmischer Analyse "Der gewöhnliche Faschismus", und Charles Lewinskys Fortsetzungsroman "Doppelpass" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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FR, 21.01.2010

Die FR bringt eine Satire des chinesischen Starbloggers Han Han mit einer Projektion weiterer Zensurmaßnahmen nach dem möglichen Weggang Googles aus China - im chinesischen Netz ist die Satire längst gelöscht: "Januar 2011: Die Regierung stellt in ihrem jüngsten Konjunkturpaket 100 Milliarden Yuan bereit, um Kommentarschreiber für Internetforen einzustellen. Das Planziel für das Jahr 2011 beträgt 100 Milliarden positive Kommentare."

Weitere Artikel: Joachim Lange unterhält sich mit dem Regisseur Peter Konwitschny, der heute 65 Jahre alt wird. Daniel Kothenschulte feiert den neuen Film der Coen-Brüder, "A Serious Man" (mehr hier und hier) als "hinreißende Neuinterpretation der Hiob-Geschichte". Besprochen werden weitere Filme der Woche, darunter Detlev Bucks neues Werk "Same Same but different".

Zeit, 21.01.2010

Das Erdbeben hat mit Haiti ein völlig hilfloses Land getroffen, "auf den Knien, bereits mit der Nase im Dreck", schreibt die Autorin Kettly Mars und erklärt, warum in diesem Fall auch kein Voodoo hilft: "Voodoo durchströmt unsere Geistesstruktur, der Haitianer ist von Natur aus Mystiker, er lebt traumnah. Genau deshalb darf dieses spirituelle Erbe nicht verschwinden. Doch es lebt in einer heuchlerischen Position. Wer jetzt das Risiko einginge, Voodoo zu praktizieren, würde vermutlich gelyncht. Dies ließ sich bereits in heiklen politischen Krisensituationen der Vergangenheit beobachten. Der Voodoo-Glaube muss im Untergrund bleiben. Les esprits des nos ancetres devront aussi souffrir de la soif et de la faim."

Der Schriftsteller Cees Nooteboom stellt fest, dass niemand mehr weiß, warum in den katholischen Regionen Europas täglich um zwölf Uhr mittags und um sechs Uhr abends die Kirchenglocken zum Angelusgebet läuten: "Man kann selbstverständlich auch ohne diese Information leben, nur weiß man dann eben nicht, warum die Glocke läutet und für wen. Ist das schlimm? Vielleicht nicht, und doch: Wenn eine Kultur sich langsam, aber gründlich ihrer Wurzeln entfremdet, was geschieht dann?"

Weiteres: Hilal Sezgin erklärt, warum sie den Perlentaucher hasst (eine kurze Antwort auf den Vorwurf der Anonymität hier). Sven Behrisch meldet, dass im Erbschaftsstreit um Max Brods Kafka-Nachlass jetzt auf Anordnung eines israelischen Gerichts die Safes geöffnet werden müssen. Jens Jessen beendet die Debatte über den Klassenkampf von oben. Katja Nicodemus porträtiert den iranischen Filmemacher Rafi Pitts, der nach "It's Winter" auch in seinem neuen Film "The Hunter" Diktatur und Willkür im Iran anklagt: "Der erste Film handelt von einem Mann, der geschlagen wird. Der zweite von einem, der zurückschlägt", erklärt er. Hanno Rauterberg schreibt zum achtzigsten Geburtstag des Architekten Gottfried Böhm. Klaus Harpprecht erinnert an die deutsch-französische Aussöhnung unter Charles de Gaulle, der vor fünfzig Jahren Präsident wurde. Stefan Koldehoff berichtet, dass Erfurt die Rückgabe der Kunstsammlung Heinz Dietel verweigert, den die DDR mit fragwürdigen Maßnahmen um seinen Besitz gebracht hatte. Stefan Hentz hört Miles Davis' Gesamtwerk auf siebzig CDs.

Auf den Literaturseiten preist Ursula März das Debüt "Axolotl Roadkill" der siebzehnjährigen Helene Hegemann als "Kugelblitz in Prosaform".

Auf den vorderen Seiten fassen Özlem Topcu und Heinrich Wefing die Ergebnisse einer Umfrage zusammen, die die Zeit unter Deutschtürken zum Thema Holocaust, Erinnerung und Israel durchführte: "Sehr klar weisen die befragten Deutschtürken schlichte Opfer-Analogien zurück. Die heftig kritisierte These des ehemaligen Leiters des Essener Zentrums für Türkei-Studien, Faruk Sen, die Türken seien die neuen Juden Europas, findet keinerlei Anklang." Aber: "53 Prozent stimmen der Forderung zu, 'die Deutschen sollten sich heute weniger mit der Judenverfolgung, dafür mehr mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern beschäftigen'."

Im Reiseteil berichtet Regisseur Detlev Buck von seinen Erlebnissen bei den Dreharbeiten in Kambodscha: "Es ist schon seltsam, wenn Du in einer Disco pinkeln gehst, und da steht so ein Typ und fängt an, dir die Schultern zu massieren. Das ist in Kambodscha normal: Der Jüngere massiert den Älteren."

Tagesspiegel, 21.01.2010

Auf der Medienseite berichtet Sebastian Moll über den - vorläufig gefassten Entschluss der New York Times, ab nächstem Jahr ein Bezahlsystem für ihre Webseite zu installieren: "Dem Entschluss vorangegangen waren offenbar zähe Debatten im Haus. Die Redaktion war in zwei Lager gespalten - Chefredakteur Bill Keller plädierte für eine Bezahlseite, die Redakteure der Online-Times, Martin Nisenholz und Jon Landmann, waren dagegen. Das Risiko, lautet ihr Argument, ist zu groß: Die Times setzt damit ihre 20 Millionen Online-Leser rund um den Globus aufs Spiel und damit ihr Kapital in einer zunehmend digitalen Medienwelt."
Stichwörter: Sebastian Moll, New York

FAZ, 21.01.2010

Heute gibt es, zum Zeitpunkt, da der Film sich weltweitem Rekordeinspiel nähert, Sonderberichterstattung über James Camerons "Avatar". Mark Siemons erklärt, was die Chinesen an Camerons Fantasy-Werk fasziniert: "Verblüffend stark haben die Chinesen 'Avatar' und seine Helden, das unbeugsame Naturvolk der Na'vi, auf sich selbst bezogen." Im Gegenzug erläutert Verena Lueken, warum die amerikanische Rechte den Film inbrünstig seines vermeintlichen Antiamerikanismus' wegen hasst: "Alles Böse ... ist amerikanisch in diesem Film. Kein Schurke trägt Kilt oder Turban, kein Böser spricht mit Akzent."

Weitere Artikel: Ulf von Rauchhaupt kommentiert den nun bekannt gewordenen Fall ganz "eklatanter Schlamperei" im Weltklimabericht - die Berechnungen zum raschen Schmelzen der Gletscher beruhten auf unhaltbaren Zahlen. In der Glosse befasst sich Hubert Spiegel mit den toten Seelen der CSU, die mit Hilfe des Waffenhändlers Schreiber der Partei womöglich eine Menge Geld einbrachten. Den ganzen Ärger um Max Brods Nachlass rollt Oliver Jungen mit Konzentration auf das Literaturarchiv Marbach noch einmal auf. Matthias Hannemann berichtet über postumen Streit um den Krimibestsellerautor Stieg Larsson. Sehr knapp schreibt Hannes Hintermeier zum Tod des Krimiklassikers Robert B. Parker. Ebenso kurz fällt Hubert Spiegels Nachruf auf den "Love Story"-Autor Erich Segal aus. Für die Kinoseite stellt Michael Althen das in Frankreich soeben angelaufene Serge-Gainsbourg-Biopic vor, das das Regiedebüt des vielberühmten Comickünstlers Joann Sfar ist. Über eine Retrospektive des serbischen Filmemachers Goran Paskaljevic beim Filmfestival in Thessaloniki berichtet Hans-Jörg Rother. (Die FAZ-Uhren gehen dabei mal wieder seltsam: "Thessaloniki, im Januar" ist der Artikel datiert. Das Festival fand freilich im vergangenen November schon statt.)

Auf der Medienseite widmet sich Jordan Mejias der Ankündigung der New York Times, ihr Online-Angebot für häufige Leser künftig kostenpflichtig zu machen: "Die Times folgt damit dem Beispiel des Wall Street Journal und vor allem der Financial Times, die pro Monat jedem Leser zehn Artikel gratis zur Verfügung stellt und ab dem elften Gebühren erhebt. Kritiker bemängeln, dass so die treuesten Leser die Kosten übernähmen."

Besprochen werden ein Konzert von Thao Nguyen (Website) in Köln, eine Choreografie Robyn Orlins für den Hiphop-Tänzer Ibrahim Sissoko, die Austellung "Zlin - Modellstadt der Moderne" in der Münchner Pinakothek der Moderne, eine CD-Einspielung sämtlicher Streichquartette Beethovens durch das Borodin Quartett, und Bücher, darunter Radka Denemarkovas Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" und Norbert Millers Goethe-Studie "Die ungeheure Gewalt der Musik" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 21.01.2010

Der Architekt Cameron Sinclair, Mitgründer der auf Wiederaufbau spezialisierten Organisation Architecture For Humanity, erklärt, dass die Wiederherstellung von Normalität auf Haiti eine langfristige Angelegenheit sein wird: "Es wird bis zu drei Jahre dauern, bis Schulen und Krankenhäuser wieder voll funktionstüchtig sind. Der Bau dauerhafter Unterkünfte schließlich wird bis zu fünf Jahre in Anspruch nehmen."

Weitere Artikel: Helmut Mauro denkt nach über das Phänomen Susan Boyle - und meldet, dass die Sängerin trotz des bestverkauften britischen Albums des Jahres, bei den Brit Awards unerwünscht ist. Alexander Kissler sieht die Pius-Bruderschaft ein Jahr nach ihrer höchst umstrittenen Rehabilitierung in großer ideologischer Nähe zum Papst. Wie Innenminister Thomas de Maiziere in der Annäherung an die Netizens eine Kehrtwende gegenüber der Politik seines Vorgängers versucht, schildert Oliver Bilger. Catrin Lorch besucht die Einrichtungsmesse (Website) in Köln. Eva-Elisabeth Fischer gratuliert dem Schauspieler Günter Lamprecht zum Achtzigsten. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod der kanadischen Folk-Sängerin Kate McGarrigle. Den Nachruf auf den Altphilologen und "Love Story"-Autor Erich Segal hat Willi Winkler verfasst. Er verabschiedet auch kurz noch den Krimi-Autor Robert B. Parker.

Besprochen werden die Münchner Uraufführung von Mark Andres Komposition "kar", Michael Thalheimers Stuttgarter "Kirschgarten"-Inszenierung, die neu anlaufenden Filme "Same Same But Different" von Detlev Buck und "Wenn Liebe so einfach wäre" mit Meryl Streep sowie der Dokumentarfilm "Wenn Ärzte töten - über Wahn und Ethik in der Medizin" und Bücher, darunter Ruth Rehmanns Roman "Ferne Schwester" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).