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Heute in den Feuilletons

Alles ist Licht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2009. Die Berliner Zeitungen arbeiten sich an einer traurigen Sensation ab: Das Deutsche Symphonieorchester soll unter dem Dach des Rundfunksinfonieorchesters eingeschmolzen werden. Die taz badete in Licht - und zwar ausgerechnet in Wolfsburg. Die Welt ist froh über ein Urteil, das die Leser elektronischer Bücher in Bibliotheken zwingt, weiterhin handschriftlich zu exzerpieren. In der FR bekennt der FR-Verleger Neven Dumont, dass ihm Google nicht behagt. Die SZ geht d'accord mit Wired: Dem Internet ein Friedensnobelpreis.

Welt, 05.12.2009

Hendrik Werner freut sich in der Leitglosse über ein Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt, das die Leser elektronischer Bücher des Ulmer Verlags zwingt, weiterhin handschriftlich zu exzerpieren, weil ein Ausdruck gegen das Urheberrecht verstoße: "Durch das Verbot, an elektronischen Lesegeräten Textauszüge zu fertigen, weist das Gericht neuerlich literarische Raubritter in ihre Schranken, die Bibliotheken als Download-Stationen instrumentalisieren. In öffentlichen Lesesälen geht also auch künftig Studieren über Kopieren."

Manuel Brug bringt eine Meldung von einiger Schlagkraft: Das Deutsche Symphonieorchester und das Rundfunkorchester Berlin sollen fusionieren, weil der Bund nicht mehr für zwei Orchester in Berlin zahlen will. "Was für ein fatales Signal für die Musikwelt!"

Weitere Artikel: Manuel Brug gratuliert Nikolaus Harnoncourt zum Achtzigsten. Hanns-Georg Rodek besuchte ein Filmfestival in Abu Dhabi (auf Einladung des Festivals, wie die Welt fairerweise informiert). Hendrik Werner berichtet, dass die Störtebecker-Legende verfilmt werden soll.

Besprochen wird eine Aufführung des "Godot" in Stendal (die Konsequenzen aus einer Neudeutung des Stücks durch Pierre Tomkine zieht - angeblich zeigt das Stück zwei Juden, die in der Vichy-Zeit auf einen Schlepper warten, um über die spansiche Grenze gebracht zu werden).

Die Literarische Welt bringt einen Artikel Norman Maneas aus dem "Project Syndicate", der die liberale Demokratie verteidigt. Ulrich Weinzierl kommentiert das Bekenntnis Jakob Augsteins, der Sohn Martin Walsers zu sein. Besprochen werden unter anderem Imre-Kertesz-Briefwechsel und Julia Bleskens Debüt "Ich bin ein Rudel Wölfe".

Auf der Forumsseite bezweifelt der Soziologe Gerhard Schulze, dass der Klimawandel menschengemacht ist: "Wer die Klimaerwärmung seit Beginn der Industrialisierung pathologisch nennt, muss eine Vorstellung davon haben, was normal ist. Was ist ein normales Klima? Diese Frage muss offenbleiben, denn normal ist nur eines: Das Klima ändert sich fortwährend. Seit Jahrmillionen, auch ohne menschengemachtes CO2."

TAZ, 05.12.2009

Ronald Berg ist nach Wolfsburg gefahren, um dort in James Turrells Licht-Installation "The Wolfsburg Project" (Website) einzutauchen: "Turrells Arbeit besteht aus 57.000 LEDs, ist 11 Meter hoch und nimmt auf 700 Quadratmetern fast die gesamte große Halle des Museums ein. Doch der riesige Raum im Raum ist leer, bis auf eine Rampe, von der aus man aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss herabschwebt, um im Licht zu baden. Was Turrell mit Hilfe der Lichttechnik-Firma Zumtobel in großem Maßstab in Wolfsburg bewerkstelligt hat, nennt sich - wahrnehmungspsychologisch gesprochen - Ganzfeld Piece. Das sich farblich langsam verändernde Licht füllt dabei das menschliche Wahrnehmungsfeld komplett aus, die hinterleuchteten Wände und der nur mit Überziehern zu betretende Boden existieren für das Auge in diesem Raum nicht mehr, alles ist Licht."

Weitere Artikel: Doris Akrap schreibt in der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne über Krisen und Krisenkrisen. Auf der Meinungsseite erklärt Frank Wörler, der die Bologna-Reform als Student am eigenen Leib erlebt hat, warum es sich dabei um einen "Rückfall in die Kadettenschule" handelt. Abgedruckt wird Matthias Senkels Open-Mike-Gewinnertext mit dem eindrücklichen Titel "Peng. Peng. Peng. Peng".

Besprochen werden Til Schweigers neue Komödie "Zweiohrküken" und Bücher, darunter der von Shalini Randerias und Andreas Eckert herausgegebene Reader "Vom Imperialismus zum Empire" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Berliner Zeitung, 05.12.2009

In einem Interview über die geplante Zusammenlegung von DSO und RSB bedauert es der Intendant des Deutschlandradios Willi Steul, dass er darüber nicht mit den Orchestern diskutieren konnte (warum, sagt er nicht) und skizziert seinen Plan: "Wenn die Gesellschafter meiner Empfehlung folgen, bilden wir ein Orchester mit 120 bis 125 Musikern, 50 Musiker wären überzählig. Die Aushilfen könnten sofort gespart werden. Das Orchester könnte in den unterschiedlichsten Formationen alle Musiker beschäftigen, bis nach einer Übergangszeit, auch durch natürliche Fluktuation, die 125 Stellen übrig blieben." (Seul äußert sich auch im Tagesspiegel zur Zusammenlegung.)

Auf der Seite 3 stellt Frank Junghänel die Allgäuer Krimiautoren Volker Klüpfel und Michael Kobr vor. Letzterer erklärt ihm, wie man "dialektal" spricht: "'Man muss den Unterkiefer so weit vorschieben, dass es oben reinregnen kann', erklärt er seine Technik. Was dabei entsteht, ist eine Artikulation mit sehr vielen Zisch- und Schnauflauten. Volker Klüpfel, zwei Jahre älter als Kobr und Redakteur bei der Augsburger Allgemeinen, hat eine entscheidende Phase seiner Kindheit in Buxtehude verbracht. 'So jung und schon a Preiß', haben sie im Dorf gesagt, als er wieder zurück war."
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Stichwörter: Orchester, Krimiautoren

FR, 05.12.2009

Mely Kiyak berichtet von einem Symposion zur türkischen Literatur in Bamberg, das in mancher Hinsicht aufschlussreich war: "Ja, auch das brachte die Veranstaltung zu Tage, nämlich dass es nicht ein einziges Buch eines Türken ins Deutsche übersetzt gibt, in dem auf all jene Fragen Bezug genommen wird, von denen die deutschsprachige Öffentlichkeit meint, genügend zu wissen, etwa über das Verhältnis der Türkei zu sich und zur Welt. Sachbücher, Essays und Ansichten aus der Türkei gibt es lediglich von ausländischen Berichterstattern, von denen kaum einer Türkisch spricht."

In einem "Editorial" überschriebenen Text erklärt FR-Verleger Konstantin Neven DuMont sein Problem mit Google ("die Betreiber von Suchmaschinen greifen immer mehr Werbeerlöse ab") und erzählt, für wie wichtig er investigativen Journalismus hält: "DuMont Schauberg entwickelt gerade Konzepte, den Anteil investigativer Reportagen in seinen Blättern zu erhöhen. Daneben gibt es Überlegungen, eine Vermarktungsplattform für Bezahlinhalte deutschsprachiger Verlage und Autoren zu gründen. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, hochwertige journalistische Inhalte nicht länger im Internet zu verschenken."

Weitere Artikel: In Ulrich Becks allmonatlicher "Weltinnenpolitik"-Kolumne geht es diesmal um Autokrise, Finanzkrise und andere Dinge. Jan Dirk Herbermann berichtet von der Überführung Roman Polanskis aus der Gefängnishaft in den Hausarrest. In einer Times Mager denkt Christian Schlüter anlässlich der Minarett-Abstimmung über den Glauben als ernsthafte Sache nach. In ihrer US-Kolumne hat Marcia Pally wenig Verständnis für Barack-Obama-Kritik. Im Interview anlässlich seines achtzigsten Geburtstags spricht Nikolaus Harnoncourt über die Musik, die Wahrheit und die Kunst. Hans-Jürgen Linke gratuliert dem Musikmenschen Karl Rarichs zum Achtzigsten.

Besprochen wird ein Konstantin-Wecker-Konzert in Frankfurt.

NZZ, 05.12.2009

In Literatur und Kunst beschreibt Roman Hollenstein denkmalpflegerische Herausforderungen in Tel Aviv. Maria Becker betrachtet Malewitschs "Schwarzes Quadrat". Besprochen werden Bücher, darunter drei Bände aus der Oulipo-Werkstatt und Tom McCarthys Roman "Achteinhalb Millionen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton sieht Hans Jörg Jans nach den jüngsten Sparbeschlüssen der Radiotelevisione della Svizzera Italiana das Tessiner Orchester in Gefahr. Samuel Herzog berichtet über das Ergebnis des Wettbewerbs zur Erweiterung des Basler Kunstmuseums. In der Stil-Kolumne hat Georg Klein einen stilvolleren Grund für einen Krankenhausaufenthalt als die meisten Männer in den mittleren Jahren. Besprochen werden zwei Ausstellungen im Düsseldorfer Museum Kunst Palast: "Caspar Wolf: Gipfelstürmer zwischen Aufklärung und Romantik" und "Per Kirkeby: Retrospektive".

FAZ, 05.12.2009

Vier Klimaforscher warnen vor Kopenhagen ein weiteres Mal vor den Folgen des Klimawandels. Hans-Joachim Schellnhuber und und Mojif Latib halten gegen alle Skeptiker fest: "Die Erderwärmung findet bereits statt, und menschliche Aktivitäten sind ihre Hauptursache!" Ottmar Edenhofer und Nicholas Stern erzählen ein Gleichnis: Zehn Menschen gehen durch die Wüste, zwei davon haben schon die Hälfte des Wassers verbraucht: "Soll der Rest unter allen gleich verteilt werden? Oder sollen diejenigen alles bekommen, die vorher noch nichts getrunken haben? Diese Verteilungsfragen sind irreführend, weil sie den Kern des Problems verfehlen. Entscheidend ist, wie die Gruppe der Wasserknappheit dauerhaft entrinnen kann. Daher sollten sich die beiden, die sich bereits ausreichend mit Wasser stärken konnten, auf den Weg machen, um eine Oase zu finden."

Auch zum Schweizer Minarettverbot gibt es ein Doppel: Martin Otto erzählt religionspolitische Hintergründe. Und der Autor Lukas Bärfuss wittert Ungemach: "Das Minarettverbot verhindert keine Zwangsehen, befreit keine Frau von der Burka, und es bietet keinerlei Schutz vor dem Abdriften einer Minderheit in eine Parallelgesellschaft. Natürlich wissen das auch die Stimmbürger, die ein Ja in die Urne legten. Was ihnen aber wohl weniger bewusst ist: Ihr Wille wird sich kaum durchsetzen lassen, es sei denn um den Preis der Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention."

Weitere Artikel: Christian Geyer malt in der Leitglosse die "Glücksdespotie" eines per Volksentscheid verhängten totalen Rauchverbots in Bayern aus. Jürgen Dollase besucht für seine Gastrokolumne das Münchner Restaurant "Terrine" des Kochs Jakob Süttgen. Andreas Rosenfelder besuchte einen von Berliner Verlagen ausgerichteten "Hardcover-Club", der die Hippen und die Literaten zusammenbringen sollte. Dieter Bartetzko begrüßt den nach neun Jahren von Gerüsten befreiten Turm des Frankfurter Doms. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geben Kritiker Tipps für Weihnachten. Für die letzte Seite trifft Edo Reents den stets noch aktiven Schlagersänger Gunter Gabriel.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Gemälden David Lynchs in Brühl.

Bilder und Zeiten veröffentlicht einen recht lieblosen Essay Norman Maneas über den Nobelpreis für Herta Müller, der nach Zitieren einiger giftiger Äußerungen rumänischer Autoren (besonders des ehemaligen Dissidenten und Nationalisten Paul Goma), zur Lage in Rumänien nach dem Mauerfall abschweift. Tobias Rüther spürt dem internationalen Mythos der Gruppe Kraftwerk nach. Rose-Maria Gropp besucht die Restaurierungswerkstatt des Frankfurter Städel Museums. Auf der Literaturseite werden Jochen Schimmangs Roman "Das Beste, was wir hatten" und der jetzt edierte Briefwechsel Paul Celans mit Klaus und Nani Demus besprochen. Auf der letzten Seite unterhält sich Niklas Bender mit der frischgebackenen und zur Zeit in Berlin lebenden Goncourt-Preisträgerin Marie Ndiaye.

Für die Frankfurter Anthologie liest Silke Scheuermann ein Gedicht Carl Zuckmayers - "Ein nie vorher gesehener Stern:

Manchmal des Nachts, wenn ich die Öfen schürte,
sah ich durchs Fenster, nah und weltenfern.
So jäh, als ob mich eine Hand berührte,
den nie vorher gesehenen Stern. (...)"

Sehr hübsch ein Interview im politischen Teil, in dem die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Internetsperren gegen Kinderpornografie ablehnt. "Was ist schlecht an Internetsperren?", fragt die FAZ. Antwort: "Sie sind technisch leicht umgehbar. Sie bringen nicht den Nutzen, der erwartet wird. Außerdem hat dieser Vorstoß zu einer großen Verunsicherung der Nutzer geführt. So haben wir die Piratenpartei bekommen."

SZ, 05.12.2009

Für eine gute Idee hält Dirk von Gehlen den Wired-Vorschlag, im nächsten Jahr das Internet für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, denn: "Nehmen wir für einen Moment an, das Internet erhielte tatsächlich den Friedensnobelpreis, es würde wenig noch so sein wie vorher. Nicht, dass all der Hass und der Schmutz verschwinden würden, den es dort ohne Zweifel gibt. Doch die Perspektive würde sich verändern. Das Internet wäre vielleicht nicht mehr der merkwürdige, schmutzige und ungeheuerliche Ort, an dem sich seltsame Jugendliche treffen. Von einem Moment auf den anderen würde das Netz zu dem, was es für viele Menschen längst ist: ein Ort des Austauschs, der Verständigung und der Debatte."

Weitere Artikel: Als charakteristisch für europäische "Egal-Gesellschaften" bezeichnet Johan Schloemann die Schweizer Minarett-Abstimmung: nur in der kompensatorischen Erregung über Kollektive des Nicht-Egalen gebe es überhaupt noch sowas wie Gemeinschaftsgefühle. Alex Rühle porträtiert den deutschen Dokumentarfilmer Marcus Vetter ("Das Herz von Jenin"), der nun in der Stadt in den Palästinensergebieten ein Kino baut. Alexander Menden hält die Neuordnung des Londoner Victoria and Albert Museum, die mehr auf Kontinuität und Bezüge als auf Epochentrennung setzt, für maßstabsetzend. Vom Theaterfestival "Impulse" (Website) berichtet Vasco Boenisch. Eine Hamburger Tagung, die dem Denken Ralf Dahrendorfs gewidmet war, hat Jens Hacke in Hamburg besucht. Jürgen Berger meldet, dass Holger Schultze als Intendant nach Heidelberg geht. Reinhard Brembeck gratuliert dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, Fritz Göttler dem Schweizer Filmemacher Alain Tanner zum Achtzigsten. Auf der Medienseite porträtiert Barbara Gärtner Misel Maticevic, den Schauspieler des Jahres 2008.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende hält Burkhard Müller wenig davon, dass sich die Menschheit beim Thema Klima ganz kontrafaktisch einredet, sie sei ein handlungsmächtiges "Wir" mit geteilten Interessen. Michael Gernandt erinnert mit einem Porträt von Jesse Owens und Luz Long an bessere Zeiten des Sports. Abgedruckt wird die Liebesgeschichte "Verwahrlosen" von Brigitte Kronauer. Marie Pohl spricht mit dem Ethnologen und Maya-Experten Nikolai Grube nicht zuletzt übers drängende Thema "Weltuntergang".

Besprochen werden ein Paul-McCartney-Konzert in Berlin (immerhin mehr rührend als lächerlich, findet Tobias Lehmkuhl), ein Konzert mit der Geigerin Janine Jansen in München, der sechste Teil der Horrorfilmserie "Saw" und Botho Strauß' neuer Prosaband "Vom Aufenthalt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).