Heute in den Feuilletons

Unsichtbar angezapft

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2008. Klagenfurt ist in Wirklichkeit ein Jammertal. Allzu mittelständisch war die dort verlesene Literatur, meint die Welt. Die Texte fielen nicht weiter auf, sekundiert die FR. So ist eben belangloser Realismus, sagt die NZZ. Nur die FAZ ist recht zufrieden mit den Texten. Die SZ lobt zumindest die Jury. Die Berliner Zeitung meldet die Entlassung des letzten russischen Kurators für moderne Kunst.

Berliner Zeitung, 30.06.2008

Nach der Zerschlagung eine Moskauer Ausstellung im Jahr 2003 (mehr hier) und dem Freitod der russischen Künstlerin Anna Altschuk im Berliner Exil (mehr hier) meldet Christian Esch einen weiteren Schlag gegen die Moderne in Russland. Die staatliche Tretjakow-Galerie entlässt ihren Kurator für zeitgenössische Kunst, Andrej Jerofejew, der "ohne es zu wollen in die Rolle eines postsowjetischen Dissidenten geraten" war: "Die Ausstellung 'Soz-Art' über politische Kunst seit 1972 wurde vor einem halben Jahr vom damaligen Kunstminister Sokolow als 'Schande für Russland' bezeichnet. Das Verdikt betraf ironische, obszöne oder provokative Werke - als solche galten selbst die beiden sich küssenden Milizionäre der Künstlergruppe 'Blaue Nasen'- und verhinderte die Ausreise der Ausstellung nach Paris."

NZZ, 30.06.2008

"Nur zwei Tage hat der Wettbewerb gedauert, und er war dabei so langweilig wie kaum zuvor", befindet Paul Jandl zum Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt: "Was soll von diesen 'Tagen der deutschsprachigen Literatur' bleiben? Ein inhaltlich wie ästhetisch meist belangloser Realismus zieht sich durch die beiden Lesetage, und dass die Jury auf die vielen literarischen Unerheblichkeiten nicht etwa mit Unmut reagiert, sondern mit umso grösserem kulturtheoretischem Aufwand, macht die Sache auch nicht besser." Dass der Sieger Tilman Rammstedt seine Sache "immerhin ganz gut" gemacht hat, reicht Jandl nicht: "Vielleicht schafft der Bachmann-Preis sich gerade selbst ab. Noch ein Wettlesen wie diesmal, und niemand wird ihn vermissen."

Die angestrengte Harmonie in Italien ist vorbei, notiert Franz Haas, seit Premier Berlusconi wieder angefangen hat, an "Gesetzen zu basteln, die ihm die Justiz vom Leib halten und sein Fernsehimperium für immer sichern mögen. So soll das Abhören von Telefongesprächen nur noch bei Ermittlungen gegen Terroristen und Mafiosi erlaubt sein, nicht aber in Fällen von Wirtschaftskriminalität oder anderen Bagatellen wie etwa Entführungen. Diesen Gesetzesvorschlag machte der Regierungschef just in jenen Tagen, als durch Telefonabhörungen bekannt wurde, dass in einer Mailänder Klinik zahlreiche Menschen ohne Notwendigkeit und aus reiner Geldgier operiert wurden, wobei fünf Patienten zu Tode kamen und viele verstümmelt wurden."

Weiteres: Marc Zitzmann porträtiert den steinreichen Couturier Pierre Cardin, der als Mäzen ganz seiner "Vorliebe für große Gesten und emphatische Ausrufezeichen, für Vorgestrig-Avantgardistisches, Abstrakt-Ästhetizistisches und sublimiert (Homo-)Erotisches" fröne. Uwe Stolzmann schreibt zum Tod der Prager Schriftstellerin Lenka Reinerova. Samuel Herzog liefert den Nachruf auf Tod den Bündner Maler und Plastiker Matias Spescha. Besprochen wird Franz Welser Mösts Inszenierung von Bizets "Carmen" im Zürcher Opernhaus.

TAZ, 30.06.2008

Tilman Rammstedt hat in diesem Jahr in Klagenfurt gewonnen (weitere Preisträger hier). Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ist in diesem Jahr fürs Fernsehen aufgehübscht worden, bemerkt Dirk Knipphals. Stromlinienförmig passt er sich nun in den Vermarktungsapparat ein. "Als Maschine zur Entdeckung junger Talente hat der 'Bewerb', wie der Wettbewerb neuerdings österreichisch heißt, schon länger ausgedient; sehr viele der antretenden Autoren hatten vorher schon Buchverträge. Nun schickt sich die Veranstaltung also an, sich in Richtung eines weiteren Instruments zur Erzeugung medialer Aufmerksamkeit für die deutschsprachige Literatur zu wandeln, neben Buchpreis, Elke Heidenreich und Preis der Leipziger Buchmesse. Beim Buchpreis kann der Leser das gute Buch für den nächsten Urlaub abgreifen, bei Heidenreich die leicht peinlichen Schmöker fürs verregnete Wochenende, und bei Klagenfurt kann er sich in Sachen Up-to-date-Sein einen Überblick verschaffen, was alles noch zu lesen möglich wäre."

Im Interview mit Oliver Pohlisch erwartet die Soziologin Saskia Sassen von Barack Obama als möglichem Präsidenten keine Wunder, hält ihn aber für einen "Pragmatiker mit tiefem sozialen Bewusstsein". In der zweiten taz entsetzt sich Petra Schellen über das Maritime Museum des ehemaligen Springer-Vorsitzenden Peter Tamm in Hamburg, das unverblümt die Täter des Zweiten Weltkriegs verehre. Im Medienteil informiert Anett Keller, dass China kurz vor den Olympischen Spielen die Pressezügel wieder anzieht.

Und Tom.
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Welt, 30.06.2008

Für Elmar Krekeler gehen die Preise für Tilman Rammstedts "Kaiser von China" zwar ganz in Ordung, aber Enthusiasmus hat das Klagenfurter Wettlesen bei ihm nicht ausgelöst. Allzu mittelständisch erscheint ihm die neuste Literatur: "Der typische Autor dieser literarischen Mittelstandswelt hat anderthalb Bücher geschrieben, ist ziemlich genau 37 und beherrscht sein Handwerk auf eine verblüffende Weise. Und das auf so ziemlich jeglicher Ebene. Selten gab es so wenig schiefe Bilder, so wenig leerlaufende Plots. Allerdings hat es auch noch nie so wenig gegeben, was über eine behagliche mittlere Temperatur herausragte. Das Warten auf den einen, den Großen Text dauerte bis zum Schluss. Er kam aber nicht."

Weitere Artikel: Ulli Kulke resümiert Theorien zur Katastrophe von Tunguska (mehr hier) vor genau hundert Jahren und kommt am Ende zum Ergebnis, dass sie wohl von einem Asteroiden aus Stein ausgelöst wurde, der bei Eintritt in die Atmosphäre komplett verglühte. Ulrich Baron erzählt zugleich, welche Katastrophen der Asteroid seitdem in der Popkultur auslöst. In der Leitglosse sieht Berthold Seewald das Londoner Pop-Spektakel vom Freitag um Nelson Mandela angesichts seiner recht schüchternen Distanzierung von Mugabe und der ausländerfeindluchen Exzesse in Südafrika als ziemlich schale Angelegenheit. Ulrich Weinzierl schreibt zum Tod der Schriftstellerin Lenka Reinerova.

Besprochen werden DVDs, darunter eine Neuauflage der drei "Paten" und eine Kassette mit Harold-Lloyd-Filmen sowie die Filme des Münchner Filmfests und ein Auftritt der auf Deutschland-Tournee befindlichen Gruppe Linkin Park.

Auf der Magazinseite schreibt ein anonymer Abhörschutzexperte über das Potenzial seiner Branche im Internetzeitalter. Es gibt da so einen Trojaner, den man auf jedwedes Handy schicken kann. Das ruft einen dann an, wenn der Getroffene telefoniert: "Das Infame daran ist, dass niemand etwas mitkriegt. Sollte so eine Trojaner-SMS Ihr Handy befallen, werden Sie nichts feststellen können. Kein SMS-Symbol auf dem Display, kein Eintrag im Anruferverzeichnis. Ihr Handy ist unhörbar, unsichtbar angezapft. Diese Manipulation kriegen auch technisch Ahnungslose hin. Es ist so einfach wie Aktenlochen."

FR, 30.06.2008

Ziemlich ratlos resümiert Christoph Schröder den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb, den Tilman Rammstedt mit seinem hochkomischen und prämierten Text rettete wie ein Witzeerzähler eine laue Party: "Es fehlten die Kanten. Autoren, Texte, Meinungen rauschten hintereinander durch und fielen nicht weiter auf. Wer und warum schließlich auf dem Preiskarussell (immerhin fünf Auszeichnungen für 14 Autoren) zu sitzen kam - das erschien so zufällig wie beliebig. Ästhetische Kategorien, an denen die Jury sich orientierte, waren nur in Ansätzen auszumachen. Debatten über Schreibweisen, Konstruktionszusammenhänge oder Erzählperspektiven hörte man allzu selten. Stattdessen ergingen die Jurymitglieder sich immer wieder in persönlichen Anekdoten."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke unterhält sich mit Frankfurts Opernintendant Bernd Loebe über die Lage seines Hauses. In Times Mager zeigt Christian Schlüter seinen Unmut über ein Fußball-Fans und den BASF-Chef Jürgen Hambrecht. Besprochen werden Bonnie Prince Billys neues Album "Lie Down in the Light" und auf der Medienseite der Film "Pingpong", mit dem die ARD in diesem Jahr ihre Reihe "Debüts im Ersten" startet.

FAZ, 30.06.2008

Nicht mit der seiner Meinung nach insgesamt dürftigen Leistung der Jury, aber doch mit dem Niveau des Klagenfurter Wettlesens ist Oliver Jungen mehr als zufrieden, Siegertext inklusive: "Jetzt geschah der Durchbruch, begann die Zukunft, schaffte sich das ungeschriebene Bachmann-Gesetz selbst ab. Dafür verantwortlich ist zu großen Teilen ein Text, auf den man gewartet hat: der brillante, absolut stilsichere, zum Bersten komische und zugleich hochliterarische Romanauszug über einen renitent-überlegenen, nun freilich irgendwie toten Großvater, den der bescheiden auftretende Tilman Rammstedt in einer kongenialen Turbolesung zum Besten gab und sich damit völlig zu Recht den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis sicherte und - das sagt viel - den mit 6000 Euro dotierten Kelag-Publikumspreis gleich dazu."

Weitere Artikel: Maria Frise hat mit Frauen der israelischen Friedensbewegung "Machsom Watch" Kontrollpunkte im Westjordanland aufgesucht. In der Glosse nähert sich Hubert Spiegel dem als nicht unwahrscheinlich avisierten vollständigen Abschmelzen des arktischen Eises noch in diesem Sommer mit Christoph Ransmayr. Paul Ingendaay erklärt, warum der Prado das Goya-Gemälde "Der Koloss" nicht mehr länger für ein Goya-Gemälde hält, sondern für ein Werk seines Mitarbeiters Asensio Julia. Katja Gelinski kommentiert die Entscheidung des obersten US-Gerichtshofs, der den Bürgern ein Grundrecht auf Waffenbesitz zugesteht. Über die gelungene Verwandlung adulter in embryonale Stammzellen berichtet, einen Aufsatz in Nature referierend, Joachim Müller-Jung. Andreas Platthaus gratuliert dem Illustrator Wolf Erlbruch zum Sechzigsten. Zum Tod der Prager Schriftstellerin Lenka Reinerova schreibt Hans-Peter Riese, zu dem des Pharmakologen Norbert Brock Rainer Flöhl.

Besprochen werden der von Nicolas Briegers inszenierte "Doktor Faustus" von Ferruccio Busoni zur Eröffnung des Münchner Opernfestivals, die Eröffnung des Rheingau Musik Festivals mit Gustav Mahlers Vierter Symphonie unter Leitung von Paavo Järvi, die Ausstellung "Pigozzi and the Paparazzi" der Helmut Newton Stiftung, die römische Ausstellung "Vom Freund gezeichnet - ein Porträtalbum deutscher Künstler in Rom", und Bücher, darunter Antonio Jose Pontes "essayistischer Roman? halbfiktionaler Essay? Autobiographie?" mit dem Titel "Der Ruinenwächter von Havanna" und zwei neue Bände über die Mona Lisa (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 30.06.2008

Nicht mit der seiner Meinung nach insgesamt dürftigen Leistung der Autoren (Siegertext inklusive), aber doch mit den rhetorischen Fähigkeiten der Jury beim Klagenfurter Wettlesen ist Helmut Böttiger mehr als zufrieden: "Erst im Lauf der Zeit stellte sich die Jury dieses Jahr auf die veränderte Situation ein, und sie agierte dabei bewundernswert souverän... So ergab es sich, dass Tilman Rammstedt den mit 25000 Euro dotieren Hauptpreis, den Ingeborg Bachmann-Preis erhielt - mit einem Text, dessen Mechanismen und Effekte haargenau dieselben waren wie bei demjenigen, mit dem er vor einigen Jahren den Berliner Nachwuchswettbewerb Open Mike gewann. Der Unterschied war nur: der Text beim Open Mike dauerte fünfzehn Minuten, der in Klagenfurt dreißig Minuten, und deswegen war der in Klagenfurt eindeutig schlechter."

Weitere Artikel: Alexander Kissler stellt des Papstes neue Kleider vor. Franziska Schwarz informiert in den "Nachrichten aus dem Netz" über falsche Musik-Originale im Internet. Dietmar Polaczek hat ein Fest in Venedig besucht, bei dem viel über die liberale Flüchtlingspolitik der Stadt zu erfahren war. In der DVD-Kolumne empfiehlt Fritz Göttler unter anderem Western von Jack Arnold. Alex Rühle gratuliert dem Kinderbuchautor und Illustrator Wolf Erlbruch zum Sechzigsten.

Auf der Literaturseite hat Rolf Michael Uwe Johnsons "Jahrestage" noch einmal gelesen, und zwar als Chronik des Jahrs 1968. Christoph Bartmann hat den Nachruf auf die Prager Autorin Lenka Reinerova verfasst.

Besprochen werden das Gesangsspitzentreffen im Schlosshof Schönbrunn mit Netrebko, Villazon und Domingo, die Münchner Inszenierung von Ferruccio Busonis "Doktor Faustus", eine Daumier-Ausstellung in Chemnitz, die Ausstellung "Ulrich Loth - Zwischen Caravaggio und Rubens" in der Alten Pinakothek und Olivier Messiaens "St. Francois d'Assise", in Amsterdam von Ingo Metzmacher dirigiert.