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Heute in den Feuilletons

Plündernde hyrkanische Tiger

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.05.2008. Die NZZ erzählt, wie Nikita Michalkow einmal vor Putin den Ton verlor und dieser sich als gnädig erwies. Die FAZ sieht den Londoner Bürgermeisterwechsel als Übergang von Puzo zu Perikles. Die SZ will nicht ausschließen, das Heinz Budes Begriff der "Exklusion" nicht zutrifft. Die taz sieht die Zukunft des Pop als seniorengerechte Mototherapie. Die Welt liest K-Bücher von E-Literaten. Im Tagesspiegel erzählt Ha Jin, wie Zensur in China funktioniert: "streng im Inneren, aber entspannt nach außen".

NZZ, 05.05.2008

Boris Schumatsky erzählt eine wunderbare Geschichte von zwei pannenreichen Filmvorführungen: Im November 1937 riss Michail Romms Revolutionsfilm "Lenin im Oktober" 15 Mal bei der privaten Vorführung für Josef Stalin. Im November 2007 zeigte Nikita Michalkow seinen Film "12", ein Remake der "12 Geschworenen", vor Putin, dem tschetschenischen und dem inguschetischen Präsidenten: "In der zwölften Minute der Filmvorführung in Putins Residenz Nowo-Ogarjowo fiel der Ton aus. Der Film lief stumm weiter, dann hörten alle Michalkows Stimme: 'Was ist los, was treibt ihr da?', schrie er und lief an Putin vorbei in die letzte Reihe. Putin sah zu, wie der Regisseur mit den Schuhen auf den weißen Sessel sprang und zwei Fernbedienungen gekreuzt vor das Vorführfenster hielt. Es sah, kommentiert Kolesnikow (Korrespondent der Zeitung Kommersant), wie eine unmissverständliche Botschaft aus: 'Du bist erledigt!' Dann rannte Michalkow zum Tonpult und drehte an den Reglern. Nichts geschah. Putin sagte gnädig: 'Der Film ist absichtlich so gemacht', ohne den Ton an dieser Stelle. Der Filmemacher erwiderte nichts und kehrte auf seinen Platz zurück."

Sibylle Tönnies widerspricht dem Papst, der kürzlich die Vereinten Nationen aufgefordert hatte, sich im Falle schwerer Menschenrechtsverletzungen einzumischen. Aber gerade Indifferenz gegenüber Menschenrechtsverletzungen, meint Tönnies, sei friedensstiftend. Das hätten die Europäer im Dreißigjährigen Krieg gelernt: "Die Beteiligten erkannten, dass die moralisch begründete Parteinahme für eine drangsalierte Gruppe die größte Kriegsgefahr bedeutet. Sie grenzten sich deshalb als souveräne Staaten voneinander ab, die weder verpflichtet noch berechtigt sind, sich gegenseitig in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen. Dass es sich bei den inneren Angelegenheiten, denen gegenüber man in Zukunft indifferent bleiben wollte, auch um Massenmord handeln konnte, war in dem vorliegenden Zusammenhang klar." (Hier die Rede des Papstes im Print, hier ein Mitschnitt bei youtube.)

Weitere Artikel: Paul Jandl beschreibt die Reaktionen der europäischen Presse auf den Fall Amstätter: "Wenn die Gewissheit, dass Amstetten überall sein kann, zu drückend wird, dann helfen vielleicht ethnografische Erklärungen. Dass die Mozartperücke vielleicht nur eine besonders perfide Tarnung des bösen österreichischen Kopfes ist, scheint in den internationalen Medien dieser Tage Allgemeingut zu sein." Aldo Keel schickt einen Brief aus dem widersprüchlichen Norwegen.

Besprochen werden eine Aufführung von Beethovens "Fidelio" mit Claudio Abbado im Festspielhaus Baden-Baden, Wagners "Lohengrin" in Genf und ein Gedichtband von Sepp Mall (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 05.05.2008

Kirsten Riesselmann erlebt beim Berliner Auftritt von DJ Bobo eine mögliche Zukunft der Popmusik. "Was DJ Bobo da machte, hatte nicht viel mit einem klassischen Popkonzert zu tun. Vielmehr bot er eine Mischung aus Musical-Dekoration, Freizeitpark-Show-Elementen, Hit-Medley, Club-Animation, Sesamstraßen-Didaktik, Stand-up-Comedy und seniorengerechter Mototherapie: 'So, Leute, ihr nehmt jetzt den linken Arm hoch, dann den rechten, und wenn der Rhythmus einsetzt, klatscht ihr alle im Takt die Hände zusammen! Genau so, toll!' Bevor es aber losging, flimmerte ein Werbeblock über den noch geschlossenen Bühnenvorhang: Tourismuswerbung für die Schweiz, Spendenwerbung für das Welternährungsprogramm, Werbung für DJ Bobos Halloween-Show im Europapark Rust."

Weiteres: Franziska Oliver hustet in Buenos Aires, wo die Bauern der Umgebung Wald für den Anbau von Soja niederbrennen. Im Medienteil feiert Knut Henkel die kubanische Bloggerin Yoani Sanchez und ihren preisgekrönten Blog "Generacion Y" als Hoffnung des unabhängigen kubanischen Journalismus.

Besprochen werden Volker Weidermanns Porträtsammlung "Buch der verbrannten Bücher" und Tony Wilsons Spurensuche "Bekenntnisse eines deutschen Soldaten" auf dem Dokumentarfilm-Festival München.

Und Tom.

Welt, 05.05.2008

Wieland Freund erkennt einen Trend, dass immer mehr "E-Literaten (soll heißen: Autoren, die sonst vornehmlich für E wie Erwachsene schreiben) K-Bücher (soll heißen: Literatur für Kinder)" schreiben. Und er findet das gut: "Nicht, dass Literaten, die ausschließlich für Kinder schreiben, Nachhilfe bräuchten. Die Sache der Kunst aber braucht im Kinderbuch den Beistand wohl. Denn statt bloßer Leseförderung wünschte man den Kindern echte Literaturförderung."

Weitere Literatur: Manuel Brug zeigt sich vorsichtig erfreut darüber, dass ein Klavierquartett in Riad vor "gemischtgeschlechtlichem Publikum" Mozart spielen konnte. Sven Felix Kellerhoff informiert darüber, dass die National Archives in London gerade 29 Dokumente aus ihrem Bestand kommentiert ins Netz gestellt haben, die sich als gefälscht erwiesen - darunter Belege für eine angebliche Mordaktion gegen Heinrich Himmler. Johannes Wetzel berichtet über das Buch, das Michel Houellebecqs Mutter Lucie Ceccaldi geschrieben hat - ihr Sohn, "das kokette kleine Arschloch", kommt darin zwar nicht gut weg, steht aber keineswegs im Zentrum. Stefan Keim berichtet von der Eröffnung der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Berthold Seewald nimmt recht unaufgeregt zur Kenntnis, dass Friedrich Schillers Schädel nicht Friedrich Schillers Schädel ist. Auf der DVD-Seite werden unter anderem eine Edition mit 156 Filmen des NVA-Armeestudios und die erste Staffel der Ricky-Gervais-Serie "Extras" empfohlen. Der Schauspieler Matthias Schweighöfer ("Der rote Baron") erzählt, was in seinem DVD-Regal steht. Im Forum zeichnet Thomas Kielinger ein ausgesprochen freundliches Porträt des neuen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Hamburger "Onkel Wanja"-Inszenierung und die Essener Uraufführung von Christian Josts Oper "Arabische Nacht".
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FR, 05.05.2008

Daland Segler war bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Alice Schwarzer. David Oels schreibt zum 100. Geburtstag des Rowohlt Verlags. Nichts als "glänzend polierte Oberfläche" sah Stefan Keim bei der Eröffnung der Ruhrfestspiele in David Mamets Stück "Speed-the-plow" und den Hauptdarstellern Kevin Spacey und Jeff Goldblum. Besprochen wird die Uraufführung von Rafael Spregelburds Theaterstück "Die Sturheit".

Tagesspiegel, 05.05.2008

Der 1956 in China geborene, seit 1985 in den USA lebende, auf Englisch schreibende und ins Chinesische nach einigem Hin und Her nicht übersetzte Schriftsteller Ha Jin schildert, teils aus eigener Erfahrung, das Unwesen der chinesischen Zensur: "Nun, da die Olympiade bevorsteht, ist die Regierung entschlossen, alle abweichenden Stimmen zu ersticken. Die Parteikader folgen dem Prinzip, das ihr Lieblingssatz nei jin wai song ausdrückt: 'streng im Inneren, aber entspannt nach außen'. Die sanfte Fassade ist reine Augenwischerei." Für Presse und Verlage ist eine eigene Abteilung des Propagandaministeriums zuständig: "Die Angestellten dort lesen Manuskripte und ordnen an, was zu streichen ist. Diese Stelle ist das Nadelöhr, durch das jeder Schriftsteller muss. Um von vornherein Ärger zu vermeiden, hält die Verwaltungsstelle ein Liste verbotener Themen bereit, so dass alle Verleger die Beschränkungen nachvollziehen und sich in 'Selbstdisziplin' üben können. Die Tabuthemen reichen vom Massaker auf dem Tiananmenplatz, Tibet, Taiwan und der Kulturrevolution bis zum Großen Vorsitzenden Mao und dem Hunger zu Anfang der 60er Jahre."

FAZ, 05.05.2008

Gina Thomas kommentiert den Machtwechsel in London als Übergang von Puzo zu Perikles - die Büste des letzteren hat nämlich der neue Bürgermeister Boris Johnson in seinem Büro stehen: "Während sein zynischer Vorgänger Ken Livingstone sich oft auf Mario Puzos 'Paten' berief, weil das Mafiaepos eine wesentlich ehrlichere Darstellung des politischen Agierens gebe als der 'Unsinn der Selbstrechtfertigung', den Biografien und Schulbücher ausspieen, greift Johnson lieber auf Vergil oder Shakespeare zurück, wie sich zeigte, als er die Journalisten am Wochenende als 'plündernde hyrkanische Tiger' beschimpfte, weil sie das Klischee vom chaotischen, frotzelnden, 'alten Boris' ritten, der von der Parteiführung gezähmt, gegängelt oder, wie manche behaupteten, gar einer Lobotomie unterzogen worden sei, damit ihm ja kein Fauxpas unterlaufe."

Weitere Artikel: Eher nicht glücklich zeigt sich Oliver Jungen über die "medial aufgeplusterte Inszenierung" der DNA-Analyse von Friedrich Schillers Nun-also-nicht-Schädel. In der Glosse ätzt Andreas Rossmann gegen den von den Ruhrfestspielen gebotenen "Import-Kaviar fürs Volk". Von einer Tagung der Völkerrechtler in Washington zum Thema "The Politics of International Law", bei der auch Berater der Bush-Regierung ihre Positionen verteidigten, berichtet Alexandra Kemmerer. In Tel Aviv hat Gustav Falke eine Konferenz zum Thema "Juden und Muslime in Deutschland" besucht, deren sehr kritisches Bild des Verhältnisses der Deutschen zu in Deutschland lebenden Türken ihn irritierte. Abgedruckt wird Harald Schmidts Laudatio auf Alice Schwarzer zur Verleihung des Börne-Preises. Dirk Schümer weiß zu berichten, dass das Ex-Pornosternchen Cicciolina alias Ilona Staller wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist. Jürgen Kaube schreibt zum Tod des Soziologen Charles Tilly. Auf der Medienseite stellt Peter Sturm den afghanischen Journalisten Rahimullah Samander vor, der eine Nachrichtenagentur gegründet hat, die Gegendarstellungen zum düsteren Afghanistan-Bild der anderen Medien bieten will.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Hamburger "Onkel Wanja"-Inszenierung, die Frankfurter Uraufführung von Rafael Spregelbunds Stück "Die Sturheit" aus seiner "Heptalogie nach Hieronymus Bosch", Chris Kraus' Baden-Badener Inszenierung des "Fidelio" (den Gerhard Rohde unters "Regieeinfallbeil" geraten sieht), die in Frankfurt erstmals gezeigte neue Choreografie "Yes, we can't" der Forsythe Company (Website), die Wiener Ausstellung "Genau und anders" zum Verhältnis von Kunst und Mathematik, Jon Favreaus Comic-Verfilmung "Iron Man" und Bücher, darunter Heere Heeresmas Erzählung "Ein Junge aus Amsterdam" und Jan Philipp Reemtsmas Studie "Vertrauen und Gewalt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 05.05.2008

Jens Bisky greift eine akademische Kontroverse zwischen den Professoren Heinz Bude und seinem Kollegen Berthold Vogel um den Begriff der "Exklusion" auf, den Bude in seinem Buch "Die Ausgeschlossenen - Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft" entfaltet. Vogel antwortete in einem Essay in der Zeitschrift Mittelweg, und Bisky scheint sich ihm anzuschließen: "Es gibt seit Jahrzehnten in den meisten Industrieländern eine hohe Zahl von Arbeitslosen, ohne dass deswegen die Gesellschaft zerfallen ist."

Weitere Artikel: Burkhard Müller berichtet von einem DNS-Test, der beweist, dass "der Schiller-Schädel der Weimarer Fürstengruft nicht der des Dichters" war und kommentiert: "Neu ist an diesem Befund allein seine Endgültigkeit. Dass, wenn vom selben verstorbenen Menschen drei verschiedene Schädel angeboten werden, mindestens zwei davon die verkehrten sein müssen (mit einem starken Akzent auf dem 'mindestens'), versteht sich." Alexander Menden, fragt nach den kulturpolitischen Auswirkungen des Bürgermeisterwechsels in London ("Es steht zu erwarten, dass von nun an weniger Tanzfeste und Open-Air-Filmvorführungen in London stattfinden werden", besonders nicht zu Ehren Lenins, wie wir vermuten). Damian Dombrowski besuchte eine große Ausstellung des Barockmalers Salvator Rosa in Neapel und findet in ihm das "vitale Zugleich des Welkenden und des Blühenden" der Stadt verkörpert. Thomas Thiemeyer verfolgte eine Stuttgarter Tagung zur Zukunft des Geschichtsfernsehens. Martin Flashar zeichnet einen Streit um die Benennung des Gerhard-Ritter-Preises nach.

Besprochen werden eine Choreografie Wayne McGregors beim Movimentos-Festival in Wolfsburg, Monique Wagemakers' "Carmen"-Inszenierung in Hannover, Tschechows "Onkel Wanja" in Andreas Kriegenburgs Regie am Hamburger Thalia Theater und Bücher, darunter Ulla Berkewicz' "Überlebnis" ("hochfahrender hat kaum eine Brünnhilde ihrem Siegfried den Grabgesang angestimmt, als es Ulla Berkewicz hier tut", schreibt Jens Malte Fischer).