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Heute in den Feuilletons

Die Lüge, das Gift, das Schiefe

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.04.2008. In der FR weist Hans-Christoph Buch auf die Verbrechen des ruandischen Präsidenten Paul Kagame hin, der heute von Bundespräsident Horst Köhler empfangen wird. "Wir waren verrückt", schreibt Paul Auster zu 1968 in der New York Times. Die Welt erinnert an den Skandalkünstler Michelangelo, der für seine Malerei Leichen sezierte. In der NZZ meint Robert Schindel: Der Antisemitismus war in 68 inkludiert, ist den 68ern aber nicht aufgefallen. In der Zeit kommt Dominik Graf ein schrecklicher Verdacht über den deutschen Film.

FR, 24.04.2008

Der Schriftsteller Hans-Christoph Buch schreibt einen offenen Brief an Bundespräsident Horst Köhler, der in diesen Tagen den ruandischen Staatschef Paul Kagame empfängt. Er fordert ihn auf, die von Kagame begangenen Verbrechen dabei zur Sprache zu bringen: "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Ruandas Regierungsarmee, will sagen: die von Paul Kagame kommandierte Ex-Befreiungsfront, das Feuer auf 80 000 wehrlose Zivilisten eröffnete...Vor einer Woche hat Paul Kagame ... die Einrichtung von Umerziehungslagern für Kinder angekündigt, die dem negativen Einfluss ihrer Hutu-Eltern entzogen und zu guten Bürgern gedrillt werden sollen. Wenn das stimmt, hätte Ruanda, das mehr deutsche Entwicklungshilfe als andere afrikanische Länder erhält, den Übergang vom autoritären zum totalitären Staat bereits vollzogen."

Weitere Artikel: Christian Schlüter befasst sich in einer Times Mager mit dem "Lafontainisten" Jürgen Rüttgers und außerdem mit dem Nationalen Ethikrat. Christian Thomas gratuliert dem Architekturkritiker Manfred Sack zum Achtzigsten. Auf der Medienseite informiert Tilmann P. Gangloff über Pläne, den Jugendschutz bei Gewaltdarstellungen zu verschärfen - im Effekt käme das neue Gesetz, warnt er, "einer Zensur gleich".

Besprochen werden eine große Jan-Fabre-Ausstellung im Louvre, die Künstlerbuch-Ausstellung "Blood on Paper" im Victoria and Albert Museum in London, ein Konzert in der "Happy New Ears"-Reihe des Ensemble Moderne, ein Frankfurter Johnossi-Konzert, Andy Tennants Film "Ein Schatz zum Verlieben", Tamara Jenkins' Film "Die Geschwister Savage", der Dokumentarfilm "Football under cover" und der vierte Band von Henri-Louis Granges voluminöser Gustav-Mahler-Biografie - bisher nur in englischer Sprache erschienen.

Weitere Medien, 24.04.2008

Wir waren verrückt damals, schreibt Paul Auster in der New York Times über das Jahr 1968, als er an der Columbia University in New York studierte. Er erinnert sich an eine Protestversammlung: "Speech followed tempestuous speech, the enraged crowd roared with approval, and then someone suggested that we all go to the construction site and tear down the chain-link fence that had been erected to keep out trespassers. The crowd thought that was an excellent idea, and so off it went, a throng of crazy, shouting students charging off the Columbia campus toward Morningside Park."

Spiegel Online, 24.04.2008

Amnesty International protestiert mit einem Video gegen die von der CIA praktizierte und von George Bush ausdrücklich gebilligte Folterpraxis des "Waterboarding", berichtet Spiegel Online: "Ab dem kommenden Monat wird der anderthalb Minuten lange Spot in 50 Kinos zu sehen sein, kündigte Kate Allen, Chefin der britischen Sektion von Amnesty International, am heutigen Mittwoch in der britischen Zeitung Independent an. 'Unser Film zeigt genau das, was die CIA gerne geheim halten möchte - den grausamen Anblick eines fast ertränkten Menschen.'"
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Welt, 24.04.2008

Als qualitätsjournalistische Bilderstrecke empfehlen wir heute "333 Fakten über Sex - Wie lang, wie oft, wo und mit wem?" Bitte klicken Sie 333mal.

Im Forum legt der Autor Chaim Noll einen Essay über die Verfolgung der Christen im Nahen und Mittleren Osten vor, die er als eine direkte Folge des Judenhasses sieht, weil die Verfolger wie einst Hitler das Christentum als jüdische Sekte sähen. Im palästinensischen Autonomiegebiet sind bereits 60.000 Christen geflohen, im Irak 400.000: "Man kann sich nur darüber wundern, warum diese Entwicklung viele europäische Christen bisher gleichgültig ließ, warum ihr ganzer Protest der Anwesenheit jüdischer Siedler galt, warum das Christentum so wenig innere Solidarität zeigte. Nach dem Schicksal der letzten Christen in Gaza - wo die Evakuierung der Juden inzwischen vollzogen wurde - fragt lieber niemand mehr."

Aus Anlass der Debatte um Gregor Schneider, der einen Sterbenden ausstellen will, erinnert Uta Baier im Feuilleton an einen anderen Skandalkünstler: Michelangelo, der nachts heimlich Leichen sezierte: "Ein Kunstskandal sondergleichen, an den das Ausstellen eines freiwilligen Toten nicht heran reicht. Doch niemand wendet sich heute angeekelt und empört von Michelangelos 'David' oder der Sixtinischen Kapelle ab, obwohl die Perfektion dieser Kunstwerke auf eben diesem Tabubruch des Sezierens und Kennenlernens des menschlichen Körpers beruht."

Weitere Artikel: Peter Dittmar weist auf einer ganzen Seite nach, dass China seinen Anspruch, "Reich der Mitte" zu sein, und sich dabei dauerhaft Taiwan und Tibet anzueignen, kaum je erfüllen konnte. Hendrik Werner hat sich ein Hörbuch mit Radioessays von Adorno und Horkheimer angehört und fand sie reichlich lächerlich. Hendrik Werner fragt sich, ob die Universität von Bari je nach Aldo Moro benannt wird, der dort lehrt - bisher heißt sie tatsächlich immer noch nach Mussolini.

Besprochen werden eine Ausstellung über Oskar Schindlers Leben nach 1945 in Frankfurt und neue Filme, darunter der Film "Geschwister Savage" (mehr hier) mit Seymour Hoffman und Laura Linney und der deutsche Film "Neandertal" (mehr hier) über die gesellschaftlichen Ursachen der Neurodermitiserkrankung. Außerdem stellt Hanns-Georg Rodek das Programm von Cannes vor.

Auf der Magazinseite portärtiert Thomas Kielinger die beiden Londoner Exzentriker Ken Livingston und Boris Johnson, die sich um das Amt des Bürgermeiters der Stat bwerben.

TAZ, 24.04.2008

Brigitte Werneburg weist darauf hin, dass der Künstler Gregor Schneider, der in seinem "Geltungsdrang" einen Sterbenden als Kunstwerk ausstellen wolle, im selben Ort geboren wurde wie Joseph Goebbels. Martin Heidelberger porträtiert das Fotografenkollektiv Activestills aus Tel Aviv, das mit seinen dokumentarischen Aufnahmen aus dem israelisch-palästinensischen Konfliktalltag politischen "Fotoaktivismus" betreibt. Christiane Rösinger war dabei, als Folksänger Adam Green im Berliner Huxleys - durch "betrunkene Körpersprache", "politoxikomanen Gesichtsausdruck" und "vollends hysterisch-affektiertes Lachen" immer mehr wie ein "degenerierter Höfling aus einer Büchner-Komödie" wirkend - bei seinen Fans den letzten Kredit verspielte.

Besprochen werden die Arbeit "Commune" der chinesischen Künstlerin Yin Xiuzhen über den Untergang einer lokalen Textilregion im Rahmen des Projekts TransAktion - Skulpturen des Übergangs in der Bürgerhalle des Moritzhofs in Chemnitz, der Dokumentarfilm "Football Under Cover" von David Assmann und Ayat Najafi über junge Fußballerinnen aus Berlin-Kreuzberg, die zum Freundschaftsspiel gegen die Iranerinnen nach Teheran reisen, der Porträtfilm "Musica e Perfume" über die brasilianische Sängerin Maria Bethania von Georges Gachot und eine Doppel-DVD der englischen TV-Serie "Extras".

Und hier Tom.

NZZ, 24.04.2008

Der Schriftsteller Robert Schindel, einer der 68er-Vorkämpfer in Österreich gibt Götz Alys Streitschrift "Unser Kampf" in einem Punkt recht: "Wahr ist aber, dass der Antiamerikanismus von den Eltern auf die Kinder übergegangen ist. Für die Eltern waren es die sogenannte Negerkultur und das verjudete Amerika der Ostküste, und bei den Söhnen und Töchtern war es der amerikanische Imperialismus mit Israel als Kettenhund. Der Antisemitismus war da gewissermassen inkludiert, aber das ist den 68ern nicht aufgefallen."

Außerdem: Der Schriftsteller Georges Anglade schildert die Hungersnot in Haiti, deren Dramatik ablesbar ist an der schnelles Geld und langfristig noch größeren Hunger bedeutenden Abholzung "des haitianischen Wunderbaums, des Mangobaumes, der den Menschen auf der Insel heiliger ist als den Indern ihre Kühe". Auf den politischen Seiten findet sich ein Artikel über den zusehends aggressiver werden Antisemitismus in Ungarn, in dem festgestellt wird: "Im Feuilleton etlicher Blätter gehört die genüssliche, despektierliche Anspielung auf diesen oder jenen Juden oder das Judentum schon fast zum guten Ton."

Besprochen werden eine Stefan-Zweig-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, Anton Corbijns Film "Control", der italienische Film "Caos Calmo" mit Nanni Moretti und Bücher, nämlich Ludger Lütkehaus' Band "Das nie erreichte Ende der Welt" und Andreas Höfeles Erzählung "Abweg" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 24.04.2008

Dominik Graf kommt vor der diesjährigen Verleihung des Deutschen Filmpreises ein schrecklicher Verdacht: Ist der deutsche Film vielleicht gar nicht auf Wahrhaftigkeit und seriöse Erzählkunst hin ausgelegt, sondern auf Trivialität, Falschheit und hemmungslose Exotik? Nicht auf den Autorenfilm, sondern auf den "Tiger von Eschnapur": "Was wäre, wenn die Lüge, das Gift, das Schiefe, selbst die Lächerlichkeit unsere eigentliche Domäne wären? Die bonbongrellen Farben der Fünfziger, die überlauten Töne der WG-Komödien der Neunziger, die immerwährende Tendenz der Schauspieler zu Künstlichkeit, auch - oder gerade dann - wenn ihr Spiel authentisch wirken soll. In all der Falschheit liegt vielleicht die Wahrheit verborgen. In der Schräglage des Trashs, im Übertriebenen, Gespenstisches ist der deutsche Film bei sich selbst, ganz echt - und am liebenswertesten."

Auch auf den deutschen Bühnen sieht es schlecht aus um die Wahrhaftigkeit, wie Peter Kümmel feststellt, der nirgends mehr Identität und Augenblick erlebt hat, sondern nur noch Nacherzählung: "Vielleicht erfüllt sich auf den Bühnen Agambens große Theorie, das 'Lager' sei die Chiffre, der 'Nomos der Moderne', und der nackte Lagerinsasse, dem Geschichte und Pass geraubt wurden, sei ihre bestimmende Figur. Denn im Theater sehen wir Körper, die Identität nicht mehr theaterhaft behaupten, sondern nur noch fahl umkreisen."

Weiteres: Zur Frage, ob Berlusconis Wahlsieg vom Aufziehen der "Postdemokratie" kündet, liefern sich der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch und sein Aachener Kollege Emanuel Richter ein Pro und Contra. In der Randspalte widmet sich Thomas Assheuer positiven und tragischen Weltvisionen. Tobias Timm berichtet, dass sich das Auktionshaus Grisebach weigert, mit den Erben des geraubten Liebermann-Bildes "Kohlfeld im Wannseegarten nach Westen" zu kooperieren.

Besprochen werden die Brüsseler Europa-Schau "C'est notre histoire!", eine Adrian-Paci-Ausstellung im Kunstverein Hannover, die Uraufführung von Harrison Birtwistles Oper "The Minotaur" in London.

Für den Literaturteil besucht Georg Diez das Wunderkind Michael Chabon im kalifornischen Berkeley.

FAZ, 24.04.2008

Die FAZ diskutiert über Jutta Limbachs Buch "Hat Deutsch eine Zukunft?" und zwar, äh, naja... im Reading Room. Im Feuilleton-Aufmacher präsentiert Limbach einige ihrer Thesen, etwa zum Umgang mit Migranten-Muttersprachen oder zum Verschwinden des Deutschen als Verkehrssprache in Brüssel. In der Glosse mokiert sich Oliver Jungen über Wegwerf-Wissen und Wegwerf-DVDs. Swantje Karich informiert über neue Forschungen und Forderungen im Rückgabestreit zwischen Museen in Sachsen und dem Haus Wettin. Annika Müller berichtet vom Hamburger Festival für Neue Musik "Blurred Edges". Beim Blick in amerikanische Zeitschriften hat Jordan Mejias unter anderem Hymnisches über George Clooney und Kulturpessimistisches über die Hollywood-Hits von heute gelesen.

Weitere Artikel: Rainer Hermann erzählt, wie aus dem ersten Kraftwerk Istanbuls nun ein Museum wird. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter, die heute den mit 200.000 Euro dotierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis erhält, wird von Lotte Thaler porträtiert. Joseph Croitoru schüttelt den Kopf darüber, mit welcher Insistenz die Hamas inzwischen vom "Holocaust" im Gaza-Streifen spricht. Oliver Jungen gratuliert dem Kölner Mediävisten Odilo Engels, Wolfgang Sandner dem Jazz-Tenorsaxophonisten Johnny Griffin zum Achtzigsten. Auf der Kinoseite ist zu lesen, was Leonie Wild beim Dokumentarfilmfestival "Visions du reel" in Nyon zu sehen bekam. Auf der Medienseite erklärt Jordan Mejias, dass Rupert Murdoch das Wall Street Journal, dessen Chefredakteur jetzt die Waffen gestreckt hat, zum Konkurrenten der New York Times aufbauen will.

Besprochen werden Tamara Jenkins Film "Die Geschwister Savage", ein Breeders-Konzert in Köln und Bücher, darunter Aliza Olmerts Roman "Ein Stück vom Meer" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 24.04.2008

Heute spielt der FC Bayern gegen Zenit St. Petersburg. Katja Petrowskaja erzählt den Bayern was sie erwartet: Schostakowitschs Lieblingsmannschaft. "Als seine Frau verreist war, lud Schostakowitsch einmal die Mannschaft von Zenit zum festlichen Abendessen zu sich nach Hause ein. Er bewirtete die Spieler, und nach dem Essen spielte er für sie seine Musik am Klavier. 'Nun also haben wir die Helden der Fußball-Dramen kennen gelernt, die wir bisher nur aus großer Entfernung gesehen haben, aus der Höhe der Stadiontribünen', sagte er zu einem Freund, der den Abend miterlebte."

Weitere Artikel: Anne Sophie Mutter, die als erste Frau den Siemens-Musikpreis erhält, wie die SZ verkündet, spricht im Interview über Interpretation. Eye. berichtet von einer Studie, wonach viele Jugendliche, die 1993 oder später geboren wurden, kaum mit Suchmaschinen umgehen können. Christine Dössel resümiert die 22. Bozner Filmtage. Eine kurze Meldung informiert uns, dass die Politik, die Evangelische Kirche und der Bundesverband Deutscher Bestatter nahezu einstimmig empört sind über Gregor Schneiders Plan, einen Sterbenden auszustellen. Der Filmstart von Tom Cruises Film "Valkyrie" wurde zum zweiten Mal verschoben. Dies löste "eine Welle von Vorverurteilungen" aus, behauptet Tobias Kniebe, und zitiert zum Beweis defamer.com, Roger Friedmans Hollywood-Blog für Fox News und die Bild-Zeitung. (Ist das schon eine "Welle"?)

Besprochen werden die Ausstellung "Gründerzeit. 1848-1871" im Deutschen Historischen Museum Berlin, Tamara Jenkins' Film "Die Geschwister Savage" mit Philip Seymour Hoffman und Laura Linney, Maria Speths Mutterfilm "Madonnen" mit Sandra Hüller, Ayat Najafis und David Assmanns Film "Football under cover" in Teheran, der Film "Khadak" über die Mongolei, die neue CD von Notwist ("klingen wie nichts zuvor", schreibt Paul-Philipp Hanske) und Bücher, nämlich Benjamin Barbers kapitalismuskritisches Buch "Consumed. Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt" und Russell H. Greenans phantastischer Roman "In Boston?" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).