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Heute in den Feuilletons

Beatlessche Ausmaße

Wochentags ab 9 Uhr, am Sonnabend ab 10 Uhr
12.12.2007. Die NZZ findet Led Zeppelin laut, aber subtil. In der taz erklärt der chinesische Menschenrechtsaktivist Teng Biao, warum Treffen westlicher Politiker mit dem Dalai Lama gut sind. Die SZ erklärt, warum die Idee eines Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig Sprengstoff birgt. Außerdem wird über das Perlentaucher-Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt und die guten Sitten im Netz diskutiert.

NZZ, 12.12.2007

88 Millionen Fans wollten angeblich zu Led Zeppelin, berichtet Hanspeter Künzler, der das Konzert der Band in der Londoner "O2"-Arena als einer von 18 000 miterlebt und sich vergewissert hat, dass Robert Plants Combo auch noch in fortgeschrittenem Alter ganz vorne mitspielt: "Damals wie heute noch immer gehört die Gruppe eben nicht nur zu den Lautesten, sondern auch zu den Subtilsten. Wie wenige andere Rocker verstehen sie ihren Sound dynamisch zu gestalten (die Pixies und Nirvana lassen danken). Zudem ist ihr musikalischer Geist ungemein offen. Während Hunderte von Nachfolge-Bands ihren ganzen Sound von einem einzigen Zeppelin-Song abgeleitet haben, setzte Led Zeppelin selber selten zweimal auf denselben musikalischen Trick. So ist zu erklären, warum der Einfluss über die Dekaden hinweg Beatlessche Ausmaße angenommen hat."

Weiteres: Klaus Bartels lüftet das Geheimnis um die Herkunft des Schweizer Auto- und Email-Kennzeichen "CH". Dass die Liaison des Suhrkamp-Verlags mit der Stanford University "wohl doch etwas Ernstes" ist, meldet "gü.", auch eine "Stanford-Suhrkamp"-Reihe könnte es geben. Marguerite Menz beobachtet das Tauziehen um die beiden Genfer Museen Centre pour l'image contemporaine und Centre de la photographie, die "geschlossen bzw. in reduzierter Form dem Centre d'art contemporain und dem Mamco zugeschlagen werden" sollen.

Besprochen werden die Ausstellung "L'Atelier d'Alberto Giacometti" im Centre Pompidou in Paris und Bücher, darunter Wolfram Pytas Porträt "Hindenburg", der zweite Teil der Erinnerungen des Theologen Hans Küng "Umstrittene Wahrheit" und die von Richard Swartz herausgegebene Südosteuropa-Anthologie "Der andere nebenan" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 12.12.2007

Christian Esch kommentiert die gestrige Entscheidung pro Perlentaucher des Oberlandesgerichts Frankfurt: "Das Urteil ist ein großer Erfolg für den Perlentaucher, umso mehr, als der Ausgang höchst unsicher schien. Es erhöht den Spielraum von Internet-Medien, die über Print-Medien berichten. Diese mediale Verschränkung hat, wie man an der täglichen Feuilletonrundschau des Perlentauchers sieht, die Aufmerksamkeitsströme bereits neu geordnet. Sie stellt der großen Macht der Printmedien eine kleine, aber wirksame Gegenmacht gegenüber."
Stichwörter: Printmedien

TAZ, 12.12.2007

Auf der Meinungsseite erklärt der chinesische Menschenrechtsaktivist und Jurist Teng Biao, warum die sich langsam entwickelnde Zivilgesellschaft in China die Unterstützung des Westens beziehungsweise eine klare Botschaft der internationalen Gemeinschaft braucht und weshalb Treffen mit dem Dalai Lama helfen. So müsse man der "der chinesischen Regierung deutlich sagen, dass die Olympischen Spiele keine Ausrede für Menschenrechtsverletzungen sein dürfen und dass, wenn sie sich nicht an ihre eigenen Versprechen, die eigene Verfassung und die Gesetze hält, sie das Recht auf die Spiele verliert."

Susanne Lang besucht für das Feuilleton die Ausstellung "Sugar & Slavery" im neu eröffneten Museum zur Geschichte der Sklaverei in den Londoner Docklands. "Das Wort 'Sklave? bleibt bei all dem politisch korrekt vermieden. Dies wird gleich eingangs klargestellt. Die korrekte Bezeichnung laute: 'in Sklaverei gehaltene AfrikanerInnen?. Dies schreibe den Menschen nachträglich keinen Warencharakter mehr zu. Neben aller politischen Korrektheit hält die Ausstellung jedoch die Balance zwischen den verschiedenen Aspekten der britischen Sklavereigeschichte."

Weiteres: Ronald Düker stellt die von Catherine David kuratierte Veranstaltungsreihe Di/Visions im Berliner Haus der Kulturen der Welt vor, in der abgefilmte Interviews, Dokumentarfilme und Gesprächsrunden über Kultur und Politik im Nahen Osten präsentiert werden. Besprochen wird Andreas Kriegenburgs Inszenierung von "Emilia Galotti" in Magdeburg. Auf der Medienseite berichtet Klaus Raab über das Urteil im Prozess FAZ und SZ gegen Perlentaucher.

Und Tom.
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FR, 12.12.2007

Ruthard Stäblein beklagt das Urteil des OLG Frankfurt im Prozess FAZ und SZ gegen den Perlentaucher: "Das Urheberrecht der Autoren wird weiter durchlöchert. Schlimmer aber ist die Extraktmentalität, die durch ein 'Abstract' ohne eigenen 'Content' bedient wird (wie es nun auch in der Richtersprache heißt): Kurz schauen, wer den Daumen hebt und wer ihn senkt, wie viele Punkte vergeben werden. Man interessiert sich für das Prospekt und nicht für die Ware, für das Testergebnis, nicht den Test."

Weiteres: Harry Nutt fasst den 1200 Seiten starken Arbeitsbericht der vom Bundestag eingesetzten Enquetekommission vor, die seit 2003 Daten zur "Kultur in Deutschland" erhoben hat. "Die Enquete-Autoren begreifen sich eher als Rahmenbauer. Vieles von dem, was den Weg durch den Bundestag schafft, muss sich am Ende ohnehin vor dem großen EU-Totalisator behaupten." Und in Times mager stellt Harry Nutt eine bedeutende Publikation zu der in Krakau befindlichen Handschriftensammlung Berlinka vor.

Besprochen werden eine Otto-Dix-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart, Christoph Marthalers Projekt "Platz Mangel" in der Roten Fabrik, Zürich und eine Untersuchung zur Objektivität in den Naturwissenschaften (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 12.12.2007

Michael Pilz durfte der Reunion von Led Zeppelin lauschen. Eckhard Fuhr glossiert die Realpolitik Frank Walter Steinmeiers und Bernard Kouchners, die unverdrossen an ihrem Integrationssong mit Muhabbet (Video) festhalten, auch wenn diesem einige missverständliche Äußerungen über die Ermordung Theo van Goghs zugeschrieben werden. Peter Dittmar greift den Streit um die Ausstellung einiger chinesischer Terrakotta-Krieger in Hamburg auf, bei denen es sich wohl um Repliken handelt. Gisela Schütte interviewt zum gleichen Thema Wulf Köpke, den Direktor des Hamburger Völkerkundemuseums, das die Ausstellung beherbergt. Wolf Lepenies kommentiert den Vorschlag, aus der Halleschen Leopoldina eine Nationalakademie zu machen. Und Paul Badde besichtigt neu zugänglich gemachte archäologische Stätten in Rom - nämlich die prachtvoll mit Fresken ausgemalten Privaträume des Kaisers Augustus auf dem Palatin.

Besprochen werden eine "Sturm"-Choreografie am Bayerischen Staatsballett, und eine neue Produktion der Tanzgruppe DV8 in Berlin.

Im Essay auf der Forumsseite schreibt  Krisztina Koenen über die schleppende Demokratisierung einiger osteuropäischer Länder nach der Wende.

Tagesspiegel, 12.12.2007

Joachim Huber nimmt das Urteil im Perlentaucherprozess (mehr hier), das Urteil des LG Hamburg im Prozess gegen Stefan Niggemeier (mehr hier) und die Publikumsbeschimpfung von Bernd Graff in der SZ zum Anlass, das "deutsche Online-Völkchen" zu mehr Zivilität zu ermahnen: "Das Internet ist eine Technologie, sie ist neutral. Ihr Nutzwert, ihr Mehrwert erschließt sich der Nutzer selbst. Blöder werden ist jederzeit drin, schlauer werden aber auch. Und weil der Nutzer, wie in keinem zweiten Medium, im Internet selber zum Akteur werden kann, darf er, ja muss er darauf achten, womit er den Rest der Community erfreut, belehrt, unterhält.

Sonja Pohlmann berichtet über den Prozess FAZ und SZ gegen Perlentaucher.

FAZ, 12.12.2007

In den jüngsten Debatten (hier, hier) um die Qualität der im Netz geäußerten Ansichten vertritt Jürgen Kaube die Ansicht, dass die Medienkritik von Bloggern nur ernst genommen werden kann, wenn sie "die Publikumsrolle verlassen und auf die andere Seite wechseln." Und noch ein Kirchenfensterkünstler, diesmal Abteilung Leipziger Schule: Peter Richter hat die drei Fenster gesehen, die Neo Rauch im Naumburger Dom gestaltet hat, und staunt: "Nichts ist rätselhaft". Andreas R. Klose schließt sein Porträt von T.E. Lawrence im Spiegel seiner Kritiker Edward Said und Elie Kedourie mit den nicht minder denkwürdigen Worten: "Wenn die Menschen sich bewusst wären, wie wenig sie sich und die anderen verstehen, obwohl sie zu verstehen glauben, so wären sie nicht weniger verzweifelt, als Lawrence es gewesen ist." In der Glosse berichtet Dirk Schümer vom Namensstreit um den Staat Mazedonien bzw. offiziell eigentlich FYROM (für: Former Yugoslavian Republic of Macedonia). Regina Mönch freut sich, dass jetzt der in gemeinsamer Arbeit von Berliner und Krakauer Bibliothekaren erarbeitete neue Katalog der Autographen-Sammlung der sogenannten Berlinka nun fertiggestellt ist. Edo Reents muss feststellen, dass es im richtigen Leben der Landwirte ganz anders zugeht als bei "Bauer sucht Frau". Gina Thomas porträtiert Conrad Black, der als Zeitungsmogul hoch hinaus wollte und nun im Gefängnis gelandet ist. Abgedruckt wird ein Gedicht "Vom Zielen und Zittern" von Peter Rühmkorf, darin die nur zu wahre Zeile: "So scheint die Welt kein Nervenruhekissen."

Auf der Medienseite teilt die FAZ mit, dass sie den gemeinsam mit der SZ angestrengten Prozess gegen den Perlentaucher auch in der zweiten Instanz verloren hat.

Besprochen werden Christian Schullers Bremer Neuinszenierung von Engelbert Humperdincks zu Weihnachten gern gespielter Oper "Hänsel und Gretel", James Mangolds Western "Todeszug nach Yuma" und Bücher, darunter Martin Cruz-Smiths neuer Russland-Thriller "Stalins Geist" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 12.12.2007

Thomas Urban erklärt, weshalb der Vorschlag des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk, in Danzig ein "Museum des Zweiten Weltkriegs" zu errichten, auch für Polen unbequeme Fragen aufwerfe: "Zum einen hatte es Paris und London zutiefst empört, dass Polen sich wenige Monate zuvor an der Seite der Deutschen an der Zerschlagung der Tschechoslowakei beteiligt hatte. Zum anderen hatte man in beiden Hauptstädten an die polnische Führung appelliert, wegen Danzig Zugeständnisse zu machen. Die Bevölkerung der Stadt bestand zu mehr als 95 Prozent aus Deutschen, deren überwältigende Mehrheit die Abtrennung vom Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg als schreiende Ungerechtigkeit empfand und deshalb auch extrem gegen die Schutzmacht Polen eingestellt war. Deren Führung war wiederum überzeugt, eine militärische Auseinandersetzung mit den Deutschen leicht gewinnen zu können."

Weiteres: Unter der hübsch respektlosen Überschrift "Malen nach Zahlen" knöpft sich Werner Bartens in einer Polemik die politischen Reaktionen auf die Studie zum Thema Kinder, Krebs und Kernkraft vor. In zwei Beiträgen loten der palästinensische Literaturkritiker Hassan Khader und der israelische Leiter des Richard Koebner Center of German History in Jerusalem Moshe Zimmermann die Zukunft im Nahen Osten aus. Johan Schloeman resümiert das ablaufende Jahr der Geisteswissenschaften und fragt nach deren Zukunft. Stefan Koldehoff beschreibt die wundersame Vermehrung der chinesischen Terrakotta-Soldaten, von denen vermutlich einige Repliken im Hamburger Völkerkundemuseum zu sehen sind. Jürgen Busche resümiert eine Marbacher Tagung über die Editionspraxis des Werks von Hans Blumenberg. Lothar Müller schreibt über die Hoffnungen der Berliner Staatsbibliothek auf Rückgabe der im Krieg nach Krakau ausgelagerten Handschriftensammlung Berlinka, zu der jetzt in Berlin ein Katalog erstellt und präsentiert wurde. Gemeldet wird auf der Medienseite, dass SZ und FAZ mit ihrer Klage gegen den Perlentaucher gescheitert sind.

Besprochen werden die "triumphale" Rückkehr von Led Zeppelin in einem Londoner Konzert, eine Ausstellung von Olafur Eliasson im San Francisco Museum of Modern Art, die Ausstellung "Design contre Design" im Grand Palais in Paris, eine Inszenierung von Eugen d?Alberts "Tiefland" an der Deutschen Oper Berlin und Bücher, darunter der Roman "Schatten ohne Namen" von Ignacio Padilla und eine literarische Psychoanalyse von Francois Mitterrand (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).