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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.04.2007. Suhrkamp ist doch immer für einen kleinen Journalistenstreit gut! Die Stanford-Universität will bei dem Verlag einsteigen, berichtete am Samstag die FAZ. Das Dementi der SZ folgte auf dem Fuße. Nun hält die FAZ dagegen: Zumindest mit dem Gedanken wurde gespielt. Die Welt meint: So oder so - ein solcher Einstieg wäre keine gute Idee. Die NZZ macht sich Sorgen um den wissenschaftlichen Nachwuchs. Welt und FAZ fürchten die schottische Unabhängigkeit. In der SZ erklärt der estnische Künstler Hanno Soans die emotionale Bedeutung des sowjetischen Kriegerdenkmals in Tallinn.

FAZ, 30.04.2007

FAZ und SZ in edlem Ringen um die Wahrheit: Am Samstag erteilte diese Zeitung dem angeblich geplanten Einstieg der Stanford-Universität bei Suhrkamp den Segen, da eilte noch am gleichen Tag die SZ Online mit der letzten Ölung herbei: "Eine amerikanische Universität als Gesellschafterin eines deutschen Belletristikverlags? - Es ist kein Wunder, dass die Geschichte so unglaubwürdig klingt: Sie ist falsch." Und nun hält die FAZ mit der Wiederauferstehung dagegen und zitiert den Stanford-Professor (und Schirrmacher-Doktorvater) Hans Ulrich Gumbrecht: "Natürlich drehten sich die Gedankenspiele um eine finanzielle Beteiligung."

Schrumpft Groß- zu Kleinbritannien? Trennen sich die Schotten demnächst von den Engländern? Gina Thomas nutzt die Koinzidenz von dreihundertstem Jahrestag der schottisch-englischen Union und schottischen Wahlen am Donnerstag, in denen die Separatisten gewinnen könnten, zu einer Rückschau auf das recht zickige Verhältnis der beiden Entitäten: "In den letzten vierzig Jahren hat sich .. auf beiden Seiten des Tweed ein dramatischer Wandel vollzogen, der bei Sportanlässen besonders augenfällig wird. Bei der Fußballweltmeisterschaft von 1966 trat die englische Mannschaft mit dem aus der Überlagerung der Schutzpatronskreuze Englands, Schottlands und Irlands geborenen 'Union Jack' an. Unterdessen weht bei jedem Englandspiel nur noch die Fahne mit dem roten Georgskreuz, während die Schotten mit weißen Andreaskreuz auf blauem Hintergrund aufs Feld ziehen. Nichts wirkt symbolischer als diese, die zunehmende Fragmentierung des Nationalbewusstseins spiegelnde Zerstückelung dieses Emblems der Einheit."

Weitere Artikel: Christian Geyer antwortet noch einmal auf die Attacke des linken Antifeministen Feridun Zaimoglu gegen säkulare Musliminnen und schlägt vor, dass künftig die religiösen Würdenträger die von Zaimoglu geforderten frommen Musliminnen in die Islamkonferenz schicken. Manfred Lindinger schreibt zum Tod von Carl Friedrich von Weizsäcker. Auch der Physiker Thomas Görnitz erinnert sich an den Atomphysiker, der sich nach dem Krieg für den Frieden einsetzte. Eine Seite ist dem Preis der Frankfurter Anthologie gewidmet, den Hans-Ulrich Treichel entgegennahm, nachdem er von Felicitas von Lovenberg gewürdigt wurde. Niklas Maak fragt noch einmal: "Wie soll der Berliner Schlossplatz bis zum Schlossbau genutzt werden?" Patrick Bahners gratuliert dem Historiker Jörg Fisch zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite erklärt Ulrich Wickert im Interview mit Nils Minkmar, warum er seine Büchersendung im Ersten aufgibt. Auf der letzten Seite berichtet Heinrich Wefing über Ärger über die Kür Hermann Parzingers zum künftigen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und Wolfgang Sandner porträtiert die junge südkoreanische Dirigentin Shi-Yeon Sung, die im Gustav-Mahler-Wettbewerb der Bamberger Symphoniker reüssierte.

Besprochen werden Frederick Ashtons "Sylvia"-Choreografie in Berlin, Giovanni Legrenzis Barockoper "Il Giustino" bei den Schwetzinger Festspielen, Karin Beiers "Maß für Maß"-Inszenierung am Burgtheater und Sachbücher, darunter Gari Kasparows "Strategie und die Kunst zu leben" und Christina von Brauns und Bettina Mathes' Verteidigung des islamischen Kopftuchs "Verschleierte Wirklichkeit".

Welt, 30.04.2007

Uwe Wittstock ist es egal, wie viel nun an den Gerüchten um den Einstieg der Universität Standford bei Suhrkamp dran ist, er hält solche Pläne generell für keine gute Idee. "Ein Verlag, der seinen Lesern die wichtigsten neuen und zukunftsträchtigen Forschungsergebnisse anbieten will, kann sich nicht nur auf Veröffentlichungen einer einzelnen Forschungsinstitution konzentrieren. Er muss die ganze Wissenschaftslandschaft unbeeinflusst von den nicht selten sehr eitlen Publikationswünschen einzelner Professoren und Hochschulen prüfen können."

Mit Entsetzen verfolgt Hannes Stein Schottlands Streben nach Autonomie und erinnert daran, dass Schottlands Blüte, die große Zeit der Aufklärung, ihren Anfang nahm, als Schottland seine Unabhängigkeit verlor. "Jeder echte Freund der Schotten wird innerlich bei der Ankündigung zusammenzucken, dass Schottland nun womöglich Ernst macht und nach 300 Jahren seine Ehe mit England wieder löst. Denn damit würde die Richtung des Pfeils umgekehrt: Seit jenem 1. Mai 1707 hat er immer nur nach außen gezeigt - hinaus ins Offene, in die Geschichte, in die Philosophie. Wenn Schottland sich jetzt entschlösse, zur langweiligen europäischen Latifundie zu werden wäre das eine Rückkehr nach Krähwinkel, eine Regression. Es wäre Verrat am schottischen Geist - eigentlich an allem, was dieses kleine Land so groß gemacht hat."

Weiteres: Holger Kreitling schmäht den neuen und dritten "Spider-Man" als motivationslos und will dem "grundsympathischen Tobey Maguire auch das "Ekelpaket" einfach nicht abnehmen. Wieland Freund attestiert Friedbert Stohner und Monika Osberghaus, mit ihrem Manifest gegen die verrflachende Kinderbuchlandschaft (in den Schweizer Monatsheften) gar nicht so falsch zu liegen. Uwe Wittstock konstatiert nach zwei Veranstaltungen zum Streit um Geist und Gehirn eine Annäherung zwischen Philosophen und Neurobiologen. Besprochen werden das Album "M wie Mord" der Berliner Band Mathilda und Frederick Ashtons Ballett "Sylvia" am Berliner Staatsballett.

FR, 30.04.2007

Antje Hildebrandt unterhält sich mit Dunja Hayali (mehr), künftige Komoderatorin von Steffen Seibert bei "heute" im ZDF. Arno Widmann schreibt den Nachruf auf Carl Friedrich von Weizsäcker. Johannes Wendland stellt die beiden Vorschläge zur Zwischennutzung des Berliner Schlossplatzes vor. Die WAZ-Gruppe wird sich selbst einen Ehrenkodex geben, in dem unter anderem festgestellt wird, dass die Redaktion "nicht käuflich" ist, wie Ralf Siepmann zufrieden feststellt. Christian Schlüter sagt in einer "Times mager" mit den wunderbar trockenen Worten von Berlins Innensenator Ehrhart Körting, was sich am 1. Mai in Kreuzberg geändert hat. "Es gibt mittlerweile eher das Problem, dass ein ALG-II-Empfänger, dessen Auto Autonome anzünden wollen, zur Selbstverteidigung greift."

Eine Besprechung widmet sich Karin Beiers Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" am Wiener Burgtheater.
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TAZ, 30.04.2007

Das Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin musste eine Konferenz in Sofia absagen, berichtet der Kulturanthropologe Ivaylo Ditchev. Es sollte um das Massaker von Batak 1876 gehen, das zum bulgarischen Erinnerungsmythos wurde. Ottomanische Truppen hatten dort bei der Niederschlagung des April-Aufstands rund 30.000 Menschen ermordet. "Fernsehen und Zeitung (insbesondere der größte Sender des Landes, der in den Händen von Rupert Murdoch ist, und die größte Zeitung, die der deutschen WAZ-Gruppe gehört), nationalistische Historiker und hohe Offizielle von staatlicher Seite haben sich zusammengetan und behauptet, das Projekt verleugne die Opfer. Der Akademie der Wissenschaften wurde untersagt, die Konferenz zu beherbergen. Militante Mitglieder der Nationalistischen Partei und Einwohner von Batak drohten öffentlich, die Besucher der Konferenz zusammenzuschlagen, sollte sie denn stattfinden."

Im Gespräch mit Cigdem Akyol und Jan Feddersen hat Necla Kelek schon einen Ersatz für Feridun Zaimoglus verwaisten Sitz bei der zweiten Islamkonferenz am Mittwoch parat: "Emine Sevgi Özdamar, eine Einwanderin der ersten Generation, die mit 'Das Leben ist eine Karawanserei' den wohl besten Roman zur Migration von Türkinnen geschrieben hat. Dann hätten wir eine wirkliche Schriftstellerin in der Konferenz, die zudem weiß, wovon sie spricht."

Und auf der Meinungsseite liefert Michael Kiefer Hintergründiges zum neu gegründeten islamischen Koordinierungsrat und den darin zusammengeschlossenen Organisationen: "Tatsächlich besteht der Islamrat hauptsächlich aus der türkischen Milli-Görüs-Bewegung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Der Zentralrat (der Muslime) wiederum zählt Mitglieder, die der ägyptischen Muslimbruderschaft nahe stehen sollen. Der VIKZ vertritt einen sehr strengen Islam und stand schon mehrfach wegen angeblich illegal betriebener Schülerwohnheime in der Kritik. Und schließlich ist da noch die mit Abstand größte Organisation, Ditib. Sie vertritt den türkischen Staatsislam und wird faktisch aus Ankara gelenkt."

Besprochen werden Romane von Pawel Sanajew, Wojciech Kuczok und Erwin Mortier sowie Sam Raimis Comic-Verfilmung "Spider-Man 3".

Und Tom.

NZZ, 30.04.2007

Abgedruckt ist ein Vortrag von Franz Mauelshagen, Historiker und Präsident der Vereinigung Akademischer Mittelbau der Universität Zürich (VAUZ), über die deprimierende Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses, die nur noch im Zusammenhang mit "Exzellenz" und "Wettbewerb" diskutiert wird. "Wissenschaftliche Kreativität braucht Freiheit, und Freiheit braucht Zeit. Ein Universitätssystem, das diese Ressourcen im Namen der Effizienz einschränkt oder verknappt, erreicht das Gegenteil dessen, was es erreichen will. Immanuel Kant war siebenundfünfzig Jahre alt, als er seine 'Kritik der reinen Vernunft' veröffentlichte und die Publikation seines kritischen Gesamtwerkes begann. Hätte dieses Werk im wissenschaftlichen Umfeld der heutigen Universität eine Chance gehabt?"

Weitere Artikel: Michael Hampe schreibt zum Tod des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker. Alexandra Stäheli berichtet vom Internationalen Dokumentarfilmfestival Visions du Reel in Nyon. Joachim Güntner hält fest, dass die Stanford University nicht beim Suhrkamp Verlag einsteigen wird, wie die FAZ am Samstag spekuliert hatte.

Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung von "Maß für Maß" am Wiener Burgtheater ("blödelnd dahinplätscherndes Kabarett", ärgert sich Barbara Villiger-Heilig) und Giovanni Legrenzis Oper "Il Giustino" bei den Schwetzinger Festspielen.

SZ, 30.04.2007

Der estnische Künstler Hanno Soans erklärt Matthias Kolb im Interview die emotionale Bedeutung des Soldatendenkmals in Tallinn, dessen Demontage heftige Krawalle der sowjetischen Minderheit ausgelöst hatte. Schon seine Performance 1998 stieß nicht auf ungeteilte Begeisterung. "Ich habe mich an die Rückseite des Denkmals gestellt, es sollte aussehen wie ein Spiegelbild. Mein nackter Körper war pink angestrichen und vor mir lag ein Haufen Bananen - als Anspielung an das ewige Feuer, das während der Sowjetzeit dort loderte. Ich nannte die Aktion 'Noch ein unbekannter Soldat', denn damals wurde kaum über die Gräber unter dem Denkmal geredet. Einige Passanten staunten, andere schimpften. Nach zehn Minuten fuhr ich weg, ein Freund filmte alles. Dann passierte etwas, womit ich nie gerechnet hätte: Die Leute grabschten nach den Bananen, die ich als Opfergabe niedergelegt hatte."

Weiteres: Wie schon in der Online-Ausgabe dementieren Volker Breidecker und Jörg Häntzschel die Meldung der FAZ, die Universität Stanford erwäge einen Einstieg bei Suhrkamp. Klaus Podak schreibt den Nachruf auf Carl Friedrich von Weizsäcker. Besonders auf kulturellem Gebiet gewinnen die Städte gegenüber Ländern und Bund zmindest an ideeller Bedeutung, beobachtet Gerhard Matzig. Die Inszenierung von Romanen sollte das Theater dem Kino überlassen, empfiehlt Lothar Müller nicht nur Oliver Reese, der sich am Deutschen Theater Berlin an Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" wagt.

Im Medienteil fragen sich Christopher Keil und Hans-Jürgen Jakobs, ob der neue Chef der Filmproduktionsgesellschaft Bavaria, Achim Rohnke, nicht auch in den Schleichwerbungsskandal vor zwei Jahren verwickelt war. Auf der Literaturseite findet sich Karl Heinz Bohrers Dankesrede für den Heinrich Mann-Preis abgedruckt, es geht um Manns "Die Jugend des Heinrich Quatre".

Besprochen werden die Retrospektive zu Serge Poliakoff in der Hypokunsthalle München, eine Aufführung von Brahms "Deutschem Requiem" mit den Münchner Philharmonikern unter Christian Thielemann im Münchner Gasteig, Roger Vontobels Inszenierung von Heinrich von Kleists "Familie Schroffenstein" an den Münchner Kammerspielen, Sam Raimis Film "Spider-Man 3" sowie D. A. Pennebakers großartiger Film "Bob Dylan - Don't Look Back" auf DVD.