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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2007. Najem Wali beklagt in der NZZ, dass die Hinrichtung Saddam Husseins eine wirkliche Abrechung mit dessen Kultur des willkürlichen Mordens und Niedermetzelns verhindert hat. Die FR hofft, dass das Snuff-Video von der Hinrichtung endlich auch den letzten Befürworter der Todesstrafe in einen Gegner verwandelt. Die Welt berichtet von einem neuen Geschäftsmodell für Filmfirmen: dem Privatfilm. In der FAZ sieht Hans-Christoph Buch bereits die internationale Gemeinschaft den Verkehr in Haiti regeln. Die SZ sucht vergeblich nach einem Zusammenhang zwischen Architektur und Moral.

NZZ, 03.01.2007

In einem sehr instruktiven Artikel erklärt der irakische, in Berlin lebende Autor Najem Wali ("Die Reise nach Tell al-Lahm"), warum die Hinrichtung Saddam Husseins ein schwerer Fehler war: "All diejenigen, die drei Jahre zuvor die Nachricht von der Festnahme des Diktators freudig aufgenommen hatten, erhofften von seinem Prozess die Chance, eine Epoche der irakischen Geschichte zu bewältigen und mit einer Kultur des willkürlichen Mordens und Niedermetzelns abzurechnen. Doch sie ahnten nicht, dass dieses Verfahren sich in einen grotesken Schauprozess verkehren und dass der Schlächter schließlich unter derart fragwürdigen Umständen hingerichtet werden würde. (...) Mit diesem Prozess wurde die einmalige Chance zur Versöhnung aller Iraker untereinander verspielt."

Weitere Artikel: Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken Peter Paul Rubens und Jan Brueghel des Älteren in Den Haag und Walter Laqueurs bisher nur auf englisch erschienener Essay "The Changing Face of Anti-Semitism - From Ancient Times to the Present Day".

Welt, 03.01.2007

Peter Stein spricht im Interview von seinem "Wallenstein"-Projekt - "Was meine Inszenierung angeht, so ist noch nichts entschieden. Es gibt finanzielle und juristische Probleme. Wir arbeiten daran. Wenn das nicht bald durch ist, schmeiß ich's hin" - und das deutsche Regietheater, das "Leute wie dieser Herr Stadelmaier" zu verantworten hätten. "Mittlerweile glauben die Regisseure, sie seien die eigentlichen Autoren. Sie nutzen das Material von den wirklichen Autoren nur noch als Steinbruch. Das kann man machen. Ich halte das für Schwachsinn und interessiere mich nicht für die Gedankenfürze von diesen relativ dummen Leuten, die sich zurzeit Regisseure nennen. Bekanntlich sind Theaterleute - das ist das Entsetzliche - nicht fürchterlich intelligent. Das brauchen sie auch gar nicht zu sein. Denn sie sollen ja lediglich die Texte von anderen Leuten zum Leben erwecken."

Am 22. Januar hat in Berlin ein Film Premiere, den nur 700 Eingeladene sehen dürfen - alles Manager von Bertelsmann, berichtet Hanns-Georg Rodek. Es soll ein Dokudrama über Reinhard Mohn sein, mit Sebastian Koch in der Hauptrolle, "dem zuverlässigsten Verkörperer deutscher Anführer, von Albert Speer über Rudolf Höß bis Graf Stauffenberg. Der Film ist eine Produktion der Firma teamworx, die von 'Dresden' über die 'Luftbrücke' bis 'Helmut Kohl' momentan die gesamte jüngere deutsche Geschichte zu kinematografieren scheint und außerdem - aber das ist reiner Zufall - eine Tochter der Bertelsmann AG ist. Möglicherweise hat teamworx hiermit auch ein völlig neues Geschäftsfeld entdeckt: den Privatfilm. Denn das Mohn-Porträt ist nicht wirklich für die Öffentlichkeit gedacht, sondern eher bescheidenes Präsent: Der heutige Bertelsmann-Chef Thielen und sein fünfköpfiger Vorstand haben den Film Reinhard Mohn zu dessen 85. Geburtstag im vergangenen Sommer geschenkt."

Weiteres: Nachdem Hugendubel und Weltbild im vergangenen Sommer zusammengegangen sind, kündigt nun die Buchhandelskette Thalia ihre Fusion mit der Gruppe Buch & Kunst an. Das Kartellamt muss noch zustimmen. Tut es das, so Uwe Wittstock, wird dies unerfreuliche Folgen für die Verlage haben: "Wenn Thalia und Weltbild demnächst mit den Verlage über höhere Rabatte verhandeln, muss sich jeder Verleger klar darüber sein, dass seine Gegenüber zusammen nahezu ein Viertel des Marktes beherrschen." Dankwart Guratzsch berichtet über eine Hamburger Arbeitskonferenz zur verfallenden Nachkriegsarchitektur in Osteuropa.

Besprochen werden die von Klaus Biesenbach kuratierte Ausstellung "Into me / Out of me" in den Berliner Kunstwerken, die Doppel-CD "Elegy of the Uprooting" von Eleni Karaindrou, eine Aufführung von Beethovens Neunter, mit der sich Marek Janowski vom RSB verabschiedet, eine "Ariadne auf Naxos" in Zürich und Angelina Maccarones Film "Verfolgt": die Geschichte eines sadomasochistischen Liebesverhältnisses zwischen einer Bewährungshelferin und ihrem Schützling ist für Matthias Heine "großes Kino".

FR, 03.01.2007

Daniel Kothenschulte kommentiert die Bilder von der Hinrichtung Saddam Husseins, insbesondere das nun im Internet kursierende Snuff-Video seines Sterbens. Auch unter dem Eindruck der Augenzeugenberichte vom qualvollen Sterben eines Todeskandidaten in Florida kurz vor Weihnachten schreibt er: "Angesichts dieser unfasslichen Eindrücke könnte sich das Blatt endlich wenden. Beide nun zu Medienereignissen gewordenen Hinrichtungen, die in Florida und die in Bagdad, haben in den USA die Kritik an der Todesstrafe endlich zu einer Mehrheitsmeinung gemacht. Es ist kein vermessener Wunsch für 2007, dass sie sich endlich auch politisch durchsetzt."

Weitere Artikel: Die in Frankfurt lebende Lyrikerin Olga Martynova denkt über harmlose und weniger harmlose Vorurteile nach. In Times mager räsoniert Harry Nutt über prestigeträchtige Neujahrsvorsätze und altmodische Vornamen für Neugeborene. Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten des Künstlerehepaars Anna und Bernhard Blume im Dortmunder Museum am Ostwall, eine Ausstellung japanischer Plakate der Gegenwart im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst, zwei außergewöhnliche CD-Projekte der NDR- und der HR-Bigband und Bücher, darunter die Studie über soziale Ausgrenzung "Das Problem der Exklusion" von Heinz Bude und Andreas Willisch sowie der Band "Krieg der Welt - Was ging schief im 20. Jahrhundert?" des "Elite-Historikers" Niall Ferguson (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Berliner Zeitung, 03.01.2007

Olivia Schoeller besucht in Petersburgh, Kentucky, das erste Kreationisten-Museum der USA, eingerichtet vom tief gläubigen Prediger Mark Looy: "Im Spotlight erstrahlt eine Gruppe von lebensgroßen Figuren. Ein Menschenkind im Leinenkleid spielt im kniehohen Gras zwischen Dinosauriern. Im Hintergrund hebt ein Tyrannosaurus sein markantes Gebiss in die Höhe. Wenn Mark Looy einen anderen Knopf drückt, wippt der Tyrannosaurus seinen Kopf freundlich hin und her und beginnt zu grasen. Tyrranosaurus - ein Vegetarier?"
Stichwörter: Dinosaurier, Vegetarier

TAZ, 03.01.2007

Alexander Camman stellt die jüngste Ausgabe der Zeitschriften Marbacher Magazin und Der Titan vor. Erstere kommt diesmal als Begleitband zur derzeit laufenden Ausstellung "In der Geisterfalle - Ein deutsches Pantheon", einer Auswahl aus dem Bestand von 60.000 Porträtfotografien des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Laut seinem Herausgeber Ulrich Raulff, Leiter des Archivs, erzählt das Heft vom zähen Kampf "um das Bild des dichterischen Geistes, der mit den Mitteln der Fotografie zur Erscheinung gebracht werden soll". Das viermal jährlich in edler bibliophiler Ausstattung erscheinende Heft Der Titan widmet sich dagegen nun einem einzigen "Wortgroßmeister": dem Dichter, Essayisten, Kritiker und Übersetzer Rudolf Borchardt. Hortense Pisano stellt eine Veranstaltungsreihe im Frankfurter Kunstverein vor, in deren Rahmen das "Tranzit"-Netzwerk unter dem Titel "Speaking Of Others" 37 Arbeiten der osteuropäischen Filmavantgarde und Performanceszene aus vier unabhängigen Kunstinitiativen aus vier Städten zeigt.

Sehr lesenswert: eine Reportage von Adrienne Woltersdorf und Georg Blume über Produktpiraterie auf der Tagesthemen-Seite.

Besprochen werden neue Romane und Erzählungen aus Japan von Hitomi Kanehara, Ryu Murakami, Hitonari Tsuji und Haruki Murakami. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und hier Tom.

FAZ, 03.01.2007

Hans-Christoph Buch besuchte mal wieder die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince, die trotz der Anwesenheit lateinamerikanischer Blauhelmsoldaten kaum aus dem Chaos herauskommt, und zitiert zur Illustration ein örtliches Medium: "'Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt gleicht dem Leidensweg Christi', schreibt die Zeitung Le Nouvelliste und fragt sich, ob Haiti eine, mehrere oder gar keine Regierung hat und demnächst die internationale Gemeinschaft bitten muss, den Verkehr zu regeln."

Chaos auch im Baskenland. Nach dem neuen Attentat der ETA mit zwei Toten sieht Paul Ingendaay die Friedensverhandlungern der Regierung Zapatero als gescheitert an: "Die Hauptforderung der Terroristen, das Selbstbestimmungsrecht der Basken unter Einschluss der Region Navarra sowie des französischen Baskenlandes, ist aus vielerlei Gründen nicht zu erfüllen. Erstens, weil die spanische Verfassung von 1978 es nicht zulässt, zweitens, weil die Mehrheit der Basken es nicht will, und drittens, weil es nicht mit demokratischen Mitteln, sondern mit Gewalt angestrebt wird. Zu schweigen davon, dass Frankreich nicht im Traum daran denkt, den spanischen Basken politische oder territoriale Zugeständnisse zu machen."

Weitere Artikel: Mark Siemons porträtiert im Aufmacher den chinesischen Visagisten und Friseur Li Dongtian, der durch seine Fotos und Inszenierungen ein neues Schönheitsideal in China prägte und den Chinesinnen Mut zu individuellem Ausdruck machen will. Dieter Bartetzko gesteht in der Leitglosse, dass ihm die Brille der Kanzlerin bei ihrer Neuhjahrsansprache nicht gefiel. Eberhard Rathgeb verfolgte zu Weihnachten demografische Katastrophen auf dem Hühnerhof einer benachbarten Bäuerin. Philipp Demandt freut sich über einen Neuzugang im Berliner Bode-Museum, eine Figurengruppe Tilman Riemenschneiders, und er schildert die verschlungenen Wege, auf denen die Gruppe schließlich hierhin gelangte. Henning Ritter gratuliert dem Philosophen Gernot Böhme zum Siebzigsten. Der Jurist, Politologe (und SPD-Politiker) Hartmut Jäckel findet die Verfassung des Landes Berlin zu kompliziert. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Sängers Werner Hollweg.

Auf der Medienseite führt Norbert Schneider in die neue Staffel der Serie "24" ein. Michael Hanfeld zeichnet personelle Verschiebungen im WAZ-Konzern nach. Jürg Altwegg meldet, dass der Springer-Konzern in Frankreich eine Bild-Zeitung gründen will.

Für die letzte Seite hat Frank-Rutger Hausmann ein neues Terrain für die sprachpolitischen Ambitionen der FAZ gefunden, die ja seit gestern fehlerfrei in neuer Rechtschreibung erscheint, nämlich einen Streit um die Rechtschreibung des Plattdeutschen. Beate Tröger stellt die Website pynchonwiki.com vor, die mit alphabetischen Indizes und weiteren Instrumenten Wege aus den Labyrinthen des Autors sucht. Und Gerhard Rohde spekuliert über die Frage, ob Franz Welser-Möst zum Operndirektor in Wien gekürt werden könnte.

Bsprochen werden eine Ausstellung über das Werk des Architekten Adolf Loos in Rom und Camille Saint-Saens' Oper "Samson und Dalilla" in Prag.

SZ, 03.01.2007

Um Architektur und Moral geht es in einem Artikel von Alexander Hosch, der über die Stars der internationalen Architekturszene schreibt, die in Sankt Petersburg, Peking oder Dubai bereitwillig Großprojekte für "Tyrannen und Autokraten" bauen. Beigestellt ist ein Interview mit Wolf Prix, Mitgründer des Büros "Coop Himmelb(l)au". Auf die Frage, ob europäische Architekten einem Regime, das keine Pressefreiheit kennt, den Neubau fürs Staatsfernsehen liefern dürften, antwortet er: "Es wäre absurd, Rem Koolhaas wegen des CCTV-Turms (Central Chinese Television) einen Vorwurf zu machen. Brunelleschi hat auch für eine damals autoritäre Kirche die Kuppel auf den Florentiner Dom gesetzt. Ein Architekt darf sich nur nicht zum Sprachrohr machen lassen." (Wir haben selten so gelacht.)

In einer Abrechnung mit dem zeitgenössischen Theater vergleicht Thomas Steinfeld eine Schallplatte von Eric Clapton und J.J. Cale mit einer programmatischen Erklärung des Chefs der Berliner Volksbühne im Prater, Rene Pollesch anlässlich der bevorstehenden Aufführung des Stücks "Tod eines Praktikanten". Das Theater, so Steinfeld, kenne, im Gegensatz zu den zwei alternden Musikern, keine Selbstverständlichkeit mehr. "Weil es zwar noch Schauspieler, aber kaum noch Rollen besitzt, ist es auf den Gedanken gekommen, ihre Schwäche im Repräsentativen schlechthin zu erkennen. So verrät das Theater die eigene Form. So gibt es sich hin - an den Irrglauben, ein schreiender Laie sei wahrer als ein schauspielernder Schauspieler."

Weiteres: Sonja Zekri berichtet über die umstrittene Primaballerina des britischen Nationalballetts, die Mitglied in der rechtsextremen British National Party ist. Alexander Kissler informiert über einen Streit um die Liturgiereform in Italien, Polen und Deutschland. Zu lesen ist schließlich auch ein Nachruf auf die Theatervisionärin, Kunsthistorikerin und Publizistin Eva Heldrich.

Besprochen werden der Film "Das Spiel der Macht" von Steven Zaillian, ergänzt um ein Interview mit Hauptdarsteller Sean Penn, die Ausstellung "Gegen Kandinsky" in der Münchner Villa Stuck, der Liederabend "Vatertag" von Franz Wittenbrink im Hamburger Thalia-Theater und Bücher, darunter Jürgen Beckers Prosaband "Die folgenden Seiten" und Teil 3 des Lektüreberichts über den neuen Roman von Thomas Pynchon (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).