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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2006. Sollen Kunstwerke wie die Nofretete in ihre Ursprungsländer zurückkehren? Die SZ meint ja. Und nein. Die NZZ drückt den renitenten Filmemachern des Iran die Daumen. Außerdem erklärt der heute achtzigjährige Peter Zadek, warum er kein Filmregisseur ist. Die taz kritisiert die Novellierung des Urheberrechts, die manche Bibliotheksdienstleistung gefährdet. In der Welt annonciert Niall Ferguson eine Rückkehr des Kalten Kriegs in Form vieler kleiner kalter Kriege.

SZ, 19.05.2006

Sollen Kunstwerke wie die Nofretete in ihre Ursprungsländer zurückgeführt werden? Für Sonja Zekri spricht einiges dafür. Sie kritisiert die weltlichen Museumsleute: "Je länger sie sich dem Wunsch widersetzen, die Stücke - wie im Falle der Nofretete - zumindest leihweise an ihren Ursprungsort zurückzuschicken, wo einige überhaupt noch nie gezeigt wurden, desto stärker wird der Verdacht, dass es gar nicht um die ideale Präsentation geht, sondern um Besitzstandswahrung." Johan Schloemann ist gegen eine Rückgabe (bezieht das aber auch auf deutsche Beutekunst in Russland): "Die Vorstellung, alle Statuen, Münzen, Säulen, Vasen und Mosaiken am Orte ihrer Herkunft zu versammeln, ist .. nichts als ein großer Albtraum. Aber auf den laufen alle Rückgabeforderungen letztlich hinaus. Wir sollten damit aufhören, die Ergebnisse früherer Macht zu hinterfragen, und sie lieber in friedlicher Vielfalt, im Sinne des kulturellen Austauschs betrachten - hier und da."

Weitere Artikel: Navid Kermani kommentiert die Verhaftung des iranischen Philosophen Ramin Jahanbegloo (hier seine Website mit vielen Artikeln) als Zeichen für eine neue Repressionspolitik unter Präsident Ahmadinedschad - zugleich zirkulieren im Iran mehrere Petitionen, die Jahanbegloos Freilassung fordern. Ijoma Mangold begrüßt das Bekenntnis Außenminister Frank-Walter Steinmeiers zum Goethe-Institut, macht aber darauf aufmerksam, dass auch er, wie die Leitung des Instituts die "Umverteilung der Mittel von West nach Ost für unvermeidlich und wünschenswert hält". Jens Bisky berichtet über den Plan des Kulturstaatsministers Bernd Neumann, die Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration", die nach Bonn jetzt in Berlin läuft, zum "Herzstück einer künftigen Dauerausstellung" zu machen. Egbert Tholl unterhält sich mit David Alden, der in München Händels "Orlando" inszeniert. Tobias Kniebe hat in Cannes Lou Yes Film "Summer Palace" gesehen, der ohne die Genehmigung der chinesischen Zensoren läuft und an "politischer und erotischer Sprengkraft neue Maßstäbe im chinesischen Film" setzt. Cornelius Wüllenkemper resümiert eine Potsdamer Tagung über die Privatisierung des Krieges. Christine Dössel gratuliert Peter Zadek zum Achtzigsten.

Auf der Literaturseite gratuliert Jens Bisky dem Berliner Zentrum für Literaturforschung zum zehnten Jubiläum. Und auf der Medienseite erzählt Hans Leyendecker, wie Johannes B. Kerner der NDR-Sendung "Zapp" die Ausstrahlung eines alten Ausschnitts aus einer seiner Talkshows untersagte und sich sogar noch beschwerte, als dieser Ausschnitt verlesen wurde. Auf Seite 2 des politischen Teils schreibt Heribert Prantl kritisch über die Novellierung des Urheberrechts.

Besprochen werden ein Konzert des Rockveteranen Eric Clapton in der Londoner Royal Albert Hall, Ulrich Peters Inszenierung von Antonio Salieris Oper "Axur" in Augsburg und eine Salvador-Dali-Ausstellung in Köln.

NZZ, 19.05.2006

Blogs wie Manalaa.net und immer mehr Web-Tagebücher von Dissidenten tragen zur Entwicklung einer ägyptischen Zivilgesellschaft bei, berichtet Mona Naggar auf der Medien- und Informatikseite. "Zurzeit gibt es in Ägypten ungefähr 400 Blogger. Damit nimmt das Land am Nil zusammen mit Libanon eine Spitzenposition in der arabischen Welt ein." Der Gründer von Manalaa.net sitzt zur Zeit allerdings im Gefängnis.

Außerdem wurden heute die besten Schweizer Weblogs gewählt. Franziska Meier hat auf dem European Newspaper Congress in Wien erfahren, dass die Zeitungen mit großen Bildern, buntem Layout und kleinem Format Richtung Magazin steuern. Ein weiterer Artikel widmet sich dem Nachholbedarf der politischen Kommunikationsberater in der Schweiz.

Im Gespräch mit Thomas David erklärt der nun achtzigjährige Peter Zadek im Feuilleton, warum er kein Filmregisseur geworden ist: "Theater passiert sehr schnell, und das war's. Leute, die ihre Sachen für die Ewigkeit aufheben wollen, sollten nicht Theater machen, sondern vielleicht lieber Film. Ich habe ja selbst einige Filme gedreht, aber in irgendeiner Weise hat mich das nicht befriedigt, vermutlich, weil mein Wesen dem Zirkus so nahe ist. Ich finde es einfach toll, wenn zum Beispiel ein Schauspieler, den man vorher vielleicht gar nicht so wichtig fand, auf der Bühne irgendwas macht und für einen Augenblick das Größte und Aufregendste ist, was überhaupt gerade passieren kann."

Weiteres: In Bristol wird gerade darüber gestritten, ob man sich für den Sklavenhandel im 18. Jahrhundert entschuldigen sollte, der immerhin sechzig Prozent der Wirtschaft ausmachte, berichtet Susanne Ostwald. Roman Hollenstein bescheinigt dem Mercedes-Benz-Museum von UN-Studio in Stuttgart (mehr) einen "architektonischen Mehrwert".

Auf der Filmseite stellt Robert Richter aktuelles iranisches Kino vor und drückt den renitenten Filmmachern die Daumen. "Die in den letzten Monaten fertig gestellten Filme lassen keine Schmälerung der thematischen und formalen Vielfalt erkennen, wenngleich der Druck der konservativen Administration laut verschiedenen Quellen zugenommen hat. Zum Abschluss des diesjährigen Fajr-Filmfestivals in Teheran sprach Kulturminister Mohammed-Hossein Saffar-Harandi vom 'Aufeinanderprallen der Zivilisationen'. Inwieweit dies inhaltlich zu interpretieren ist oder ob es primär darum ging, sich von der Kulturpolitik unter Khatami und von dessen Motto 'Dialog zwischen den Zivilisationen' abzugrenzen, lässt sich nicht beantworten. Zum iranischen Film indes ergänzte der Kulturminister, er solle zu seinen Wurzeln zurückkehren. Von einer Rückkehr zu den Wurzeln, was immer dies auch heißen mag, wollen die bedeutenden Filmschaffenden nichts wissen."

Weiteres beim Film: Fred Truniger erinnert an die fruchtbaren sechziger Jahre des Kinos in der Schweiz. Eine Meldung besagt, dass die Europäer 2005 zwar seltener ins Kino gingen, aber mit knapp 800 Stück mehr Filme produziert haben als zuvor. "Der Hype war der Film", kommentiert Andreas Maurer knapp die "Sakrileg"-Verfilmung.

TAZ, 19.05.2006

Um komplizierte und dennoch entscheidende Dinge geht es bei der Novellierung des Urheberrechts, schreibt Matthias Spielkamp auf der Meinungsseite. Zum Beispiel um den E-Mail-Dienst Subito der Bibliotheken, der auf Druck der Zeitschriftenverlage unterbunden werden soll: "Im Gesetzesentwurf, der im März das Kabinett passiert hat, ist vorgesehen, dass Bibliotheken in Zukunft nur noch dann Artikel per E-Mail verschicken dürfen, wenn die Verlage die Artikel nicht selber zum elektronischen Abruf anbieten. Was wie ein fairer Kompromiss aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Farce. Denn der Preis, den ein Verlag für einen Text verlangt, spielt keine Rolle. Bei Subito kostet ein Artikel von bis zu 20 Seiten Länge derzeit fünf Euro für Studierende und Hochschulmitarbeiter, wenn er per E-Mail verschickt wird. Preise von 30 Euro pro Artikel sind bei Wissenschaftsverlagen dagegen keine Seltenheit."

Für den Kulturteil besucht Roland Pawlitschko das neue Mercedes-Museum in Stuttgart. Cristina Nord schreibt über die neuesten Wettbewerbsfilme von Cannes. Auf der Medienseite unterhält sich Steffen Grimberg mit der Direktorin des Fernsehfestivals Cologne Conference, Martina Winter, die sich nicht sehr freundlich über das gleichzeitig laufende Medienforum NRW äußert.

Tom.
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Welt, 19.05.2006

Im Meinungsteil prophezeit der Historiker Niall Ferguson (in einem Artikel, der vor vier Tagen schon in der L.A. Times erschienen ist) eine multiple Wiederauflage des Kalten Kriegs. "Wie sieht die Welt 2016 aus? Ein plausibles Szenario wären viele kleine kalte Kriege, in der sich jeweils zwei Atommächte gegenüberstehen. In Asien gibt es das bereits jetzt zwischen Indien und Pakistan. Und Japan könnte sich schnell Atomwaffen beschaffen, sollte es sich von den USA nur unzureichend vor China beschützt fühlen. Südkorea könnte das gleiche tun. Könnte ein entkoppeltes Europa angesichts der Energie-Erpressung durch Russland nicht mit dem Aufbau eines englisch-französischen Atomwaffenarsenals beginnen? Der zentrale kalte Krieg jedoch wäre der im Nahen Osten, mit Israel auf der einen, dem Iran auf der anderen Seite."

Das Feuilleton: Klaus Staeck, seit kurzem an der Spitze der Berliner Akademie der Künste, teilt Stefan Kirschner im Interview über sein neues Wirkungsfeld auch sein Motto mit: "Nichts ist erledigt." Reinhard Wengierek gratuliert dem Theaterregisseur und "naiven Streuner" Peter Zadek zum Achtzigsten. Weil die Deutschen seiner Meinung nach mehr Wert auf regionale Küche legen, attestiert Eckhard Fuhr ihnen einen "aufgeklärten kulinarischen Patriotismus" und befördert sie von Verbrauchern zu Bürgern. Sven Felix Kellerhoff berichtet, dass in Berlin jetzt zwei Ausstellungen gegen Vertreibungen zu sehen sein werden, eine vom Bund der Vertriebenen, die andere aus dem Bonner Haus der Geschichte.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Präraffaeliten Simeon Solomon in der Münchner Villa Stuck, das Theaterprojekt "Stadt der Zukunft" in Basel, mit dem sich Intendant Michael Schindhelm nach Berlin verabschiedete (Sandra Hüller "wird man arg vermissen", meint Stefan Kister, "nicht aber das einst mit Verve angetretene Direktorium") sowie Jeff Mills' Album "Blue Potential".

FR, 19.05.2006

Ulf Erdmann Ziegler war dabei, als Neo Rauch in der Hamburger Kunsthalle über sein Leben und die Kunst redete: "Er amüsiert sie, die Hamburger Kulturbürger. Natürlich kann man nicht mit Rauch Rauchs Bilder entschlüsseln. Das hat auch keiner erwartet. Die Begegnung zeigt einen gut gelaunten, jovialen Kurator, und dessen Mann der Stunde: ironisch, verletzlich, grüblerisch, salbungsvoll, verspielt. Er hätte auch anders sein können, er bliebe, als ostdeutscher Maler mit vier Millionen Dollar Umsatz jährlich, allemal ein Superstar."

Weitere Artikel: Harry Nutt berichtet über den Antrittsbesuch von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Kulturausschuss. Dieter Rulff meint zum politischen Programm der SPD: Auch "ein vorsorgender Sozialstaat kann nicht gegen jede Widrigkeit versichern." Tom Stromberg gratuliert Peter Zadek, seinem Vorgänger im Hamburger Schauspielhaus, in einem Brief zum achtzigsten Geburtstag: "Super, wie Du vorab 1976 schon mal die 'Honoratioren' verschreckt hast mit Deinem rasenden, abfärbenden Wildgruber-Othello." In Times Mager grübelt Christian Schlüter über eine "unglückliche Äußerung". Eine solche hatte Bischof Wolfgang Huber dem früheren Regierungssprechers Uwe Karsten Heye vorgeworfen, der Ausländer vor einem Aufenthalt in Brandenburg gewarnt hatte.

FAZ, 19.05.2006

Hans Magnus Enzensbergers Essay über den radikalen Verlierer, der am 7. November im Spiegel erschienen war (englische Version), ist jetzt in erweiterter Form als Suhrkamp-Bändchen unter dem Titel "Schreckens Männer" veröffentlicht worden. Henning Ritter stellt ihn vor. Kulturstaatsminister Neumann möchte im Zentrum Berlins mit einer Dauerausstellung "an die bitteren Erfahrungen der Vertreibung" erinnern, das Herzstück soll die Schau "Flucht, Vertreibung, Integration" sein: Für Heinrich Wefing "eine geschichtspolitische Entscheidung von eminentem Gewicht". In der Leitglosse bringt Gerhard Stadelmaier dem Regisseur Peter Zadek zum Achtzigsten ein Ständchen. Michael Jeismann gratuliert Dan Diner zum Sechzigsten. Klaus Ungerer berichtet vom Fall der Schauspielerin Maria K., die nach einem Streit mit ihrem Freund vor Wut eine Kita angezündet haben soll. Verena Lueken hat in Cannes Filme von Lou Ye und Ken Loach gesehen. Ellen Kohlhaas stellt die Kronberg Academy vor, die junge Musiker fördert.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, Focus-Chef Helmut Markwort verdächtige den Journalisten Wilhelm Dietl, Focus-Mitarbeiter für den BND ausspioniert zu haben. Dietl war für eine Stellungnahme "leider nicht zu erreichen". In einem zweiten Bericht geht es um bespitzelte Journalisten, die verhindern möchten, dass der Ermittlungsbericht des früheren Richters am Bundesgerichtshof, Gerhard Schäfer, veröffentlicht wird. Dem Bericht sind Protokolle des BND angehängt, die intime Details über das Privatleben der Journalisten preisgeben.

Auf der letzten Seite porträtiert Andreas Rossmann den 1918 verstorbenen Kunstsammler Alexander Schnütgen. Oliver Tolmein berichtet von einem Gerichtsentscheid, der das Einsetzen eines "Funkortungschips" in den Schuh einer an Alzheimer leidenden alten Dame für rechtens erklärte. Und der Hirnforscher Hans-Peter Thier erklärt in einem langen Interview, dass es im Kopf keinen Ort gibt, dessen Größe Fußballer zur Weltmeisterschaft führt: "Fußball ist eine Netzwerkleistung."

Besprochen werden ein Konzert von Bruce Springsteen in Frankfurt und Andreas Magdanz' Fotoband "BND - Standort Pullach".