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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2006. Die FAZ erinnert an einen revolutionären Akt der Kunstgeschichte, der ein Selbstakt war. Die SZ findet den umstrittenen Expertenbericht zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit eigentlich ganz passabel, die taz auch. Die Welt berichtet über eine explosionsartige Verbreitung von Kaczynski-Witzen in Polen. In der Berliner Zeitung schreibt der weißrussische Autor Artur Klinau über das Land der Angst.

TAZ, 12.05.2006

Am kommenden Montag stellt eine Expertenkommission ihre Empfehlungen zur Aufarbeitung der DDR-Historie vor. Sie rät, mehr über den Alltag der DDR-Bevölkerung zu forschen, statt sich nur auf Stasi und Regierungsapparat zu konzentrieren. Christian Semler hat das Papier studiert und findet die Empfehlung einleuchtend. "Von Zentralisierungsbestrebungen keine Spur." Der in der Welt von Hubertus Knabe "geäußerte Verdacht, hier werde nach Art der DDR an einem zentralen Aufarbeitungskombinat gebastelt, ist somit der üblichen Verleumdungsstrategie zuzurechnen. Diese 'Empfehlungen' stellen in ihrer umsichtigen Vorgehensweise vielmehr einen Versuch dar, die DDR auch einer Generation zu erschließen, die über keine persönlichen Erfahrungen mehr mit ihr verfügt."

Der Historiker Lutz Niethammer empfiehlt im Interview, DDR-Geschichte nicht nur als Geschichte staatlicher Repression, sondern auch als "Kulturkonflikt" zu verstehen. "Es war auch ein Generations- und Typkonflikt: hier die Alternativen - dort der Typus angepasste, halb militarisierte DDR-Existenz, die sich für das normale, anständige Leben hielt. Diesen Kern muss man freilegen - dann kann man sehen, wie der Repressionsapparat diesen Konflikt, den es so ähnlich auch im Westen gab, gewalttätig löst. Auch im Westen waren in den 80er Jahren ja viele Bürger unglücklich über die alternative Jugend. Kurzum: Es geht nicht darum, die Stasi schönzureden, sondern sie in ihrem Kontext begreifbar zu machen. Es ist falsch und zu simpel, in den Stasileuten nur Marionetten des Regimes zu sehen."

Heute wäre Joseph Beuys 85 Jahre alt geworden. Kümmert mal wieder kein Schwein, klagt Peter Schiering im Kulturteil, genauso wenig wie sein 20. Todestag im Februar. Und die Museen haben einiges dazu beigetragen: "Kultiviertes Unverständnis im Umgang mit Beuys, so könnte man das nennen, was Generationen von Kuratoren in den letzten zwanzig Jahren auf diese Weise erzeugt haben."

Weiteres: Rene Hamann fällt bei "Werte" nur Hedonismus ein. Besprochen werden das "grandios heruntergerotzte" Antikriegsalbum "Living With War" von Neil Young und das neue Album der Red Hot Chili Peppers.

Schließlich Tom.

NZZ, 12.05.2006

Die USA sind in ihrer Einwanderungspolitik auch deshalb so erfolgreich, weil sie Immigranten von Anfang an die Staatsbürgerschaft in Aussicht stellen, argumentiert Jeffrey Gedmin, Leiter des Aspen Institute Berlin. Ob Hammelhoden, gestopfte Haselmaus oder Menü mit Aftershave: der Fernsehkoch Stefan Gates alias Gastronaut brutzelt sich in die Herzen der Briten, weiß Susanne Ostwald. Peter Hagmann führt in die Geschichte der Münchener Biennale für neues Musiktheater ein und lobt Aurelianos Cattaneos "raffinierte" Arbeit "La Philosophie dans le labyrinthe". Felix Philipp Ingold schreibt zum Tod des russischen Schriftstellers Alexander Sinowjew, der 20 Jahre im deutschen Exil verbracht hatte.

Besprochen werden Patrice Chereaus Paardrama "Gabrielle", Daniel Schweizers Dokumentarfilm "White Terror" über die amerikanische "White Power" Bewegung, Lu Chuans Spielfilm "Kekexili - Mountain Patrol" sowie eine Ausstellung zu Wolfgang Koeppen in der Staatsbibliothek München.

Auf der Medien- und Informatikseite trägt H.Sf. einige Beispiele zusammen, wie deutsche Medien über islamistisch motivierte Vorfälle berichten. Der zu Disney gehörende Fernsehkanal ABC will seine Serien bald kostenlos im Internet anbieten, schreibt "fk". Manfred Weise porträtiert Frederick Schlink, der vor achtzig Jahren den ersten Warentest für und von Konsumenten anregte. "set" berichtet von der Videospielmesse E3 in Los Angeles, wo Sony, Microsoft und Nintendo ihre Pläne vorstellten. Michael Marek informiert über die einzig deutschsprachige Zeitung Afrikas, die seit 1916 in Namibia erscheint.

Berliner Zeitung, 12.05.2006

Der weißrussische Schriftsteller Artur Klinau (mehr hier) erzählt, wie Alexander Lukaschenko es schafft, das Land in seinem Bann zu halten: "Die weißrussische Gesellschaft ist aufgespalten in die, die im Land der Angst leben, und jene, die sich davon zu befreien suchen, in die, die einem Trugbild hinterherlaufen, und jene, die in die Normalität zurückkehren möchten. Man kann nicht sagen, dass diese Spaltung der weißrussischen Gesellschaft gerade erst vor kurzem geschehen wäre. Sie existierte von dem Moment an, da Lukaschenko an die Macht gekommen war. Mehr noch, die Spaltung war überhaupt der Grund dafür gewesen, dass Lukaschenko Präsident hatte werden können, denn ihn hatte jener Teil Weißrusslands gewählt, der noch ganz im Bann vom Gespenst des Imperiums war und in das Land des Glücks zurückkehren wollte."

Christian Bommarius reagiert auf Brigitte Zypries' angebliche Bemerkung, das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen gehe ihr am Arsch vorbei mit einer elaborierten Reflexion über Sprachmoden: "Ja, gut, ich sag' mal: Die Sprache ist das Haus des Seins. Und in so 'nem Haus gibt's natürlich viele Bewohner, so 'ne und so 'ne, alte und junge, sag' ich mal, und die mit Vornehmtuerei und die mit ohne." Und den Rest muss man schon selber lesen.
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Welt, 12.05.2006

Gerhard Gnauck resümiert die Reaktionen polnischer Intellektueller auf die neugebildete nationalkonservative Regierung. Dazu gehört die "explosionsartige Verbreitung" von Kaczynski-Witzen. "Heute kommt der Spott nicht nur in Form des erzählten Witzes daher, sondern ebenso als übers Internet verbreitete Fotomontage oder sogar als Element der Werbung. Große schwarze Plakate zieren Warschaus Straßen, darauf die Warnung: 'Die IV. Republik naht.' Darunter jeweils ein Appell: 'Ärzte! Bleibt in Deutschland!' oder 'Klempner! Bleibt in Frankreich!' oder aber 'Soldaten! Kommt zurück aus dem Irak!'".

Weiteres: Eine Posse nennt Sven F. Kellerhoff den Streit um die "Kurze Geschichte der Demokratie" des italienischen Historikers Luciano Canfora und sein Buch "reine Zeitverschwendung". Im Gespräch wünscht sich Filmakademie-Vorstand Stefan Arndt mehr kommerzielle deutsche Filme, die nicht mehr am Subventionstropf aufgepäppelt werden. Zum jeweils Siebzigsten gratuliert Gerhard Charles Rump dem Maler und Minimalisten Frank Stella und Josef Engels dem Jazzmusiker Klaus Doldinger. Andreas Puff-Trojan plaudert mit dem Kunstbuchverleger Lothar Schirmer über das Katholische in Joseph Beuys' Kunst-Inszenierungen.

Besprochen werden eine "Don-Giovanni"-Inszenierung in Zürich, eine Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien, die den Operndichter Lorenzo Da Ponte aus dem Schatten Mozarts holt, und das neue Album von The Raconteurs.

Tagesspiegel, 12.05.2006

Christiane Peitz und Jan Schulz-Ojala unterhalten sich mit den Filmemachern Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der Anderen"), Hans-Christian Schmid ("Requiem") und Andreas Dresen ("Sommer vorm Balkon"), die alle drei heute Abend auf den deutschen Filmpreis hoffen können. Auf die Frage, welche Rolle sie gern bei der Fußball-WM spielen würden antworten sie:
"Schmid: Egal, wie ich Fußball spiele? Da will man doch Stürmer sein.

Donnersmarck: Dann bin ich Torwart. Alles, was er macht, ist wichtig - selbst wenn er schlecht ist. Er kann sich nie herauszureden oder die Schuld auf andere schieben.

Dresen: Ich würde lieber im Stadion Bier verkaufen und zugucken. Mein Produzent Peter Rommel, ein großer Fußballfan, hat mir gesagt: Andi, wenn du den Ball fünf Meter vorm Tor auf dem Fuß hast, spielst du vor lauter Angst wieder zurück."

FAZ, 12.05.2006

Rainer Stamm, Chef des Paula-Modersohn-Becker-Museums in Bremen, erinnert an einen revolutionären Akt in der Kunstgeschichte, genauer: den ersten weiblichen Selbstakt, den Paula Modersohn-Becker vor genau hundert Jahren malte: "Forsch und doch fragend blickt sie aus ihrem Selbstbildnis den Betrachter an. Das - für sie seltene - Format der Leinwand von einem Meter Höhe zeigt, dass sie sich nicht mit einer Studie begnügen will. Der Hintergrund des Bildes stellt keinen Raum vor, sondern strahlt in einer zitronigen Farbigkeit, die von grünen Tupfen aufgelockert wird. Die Hände umrahmen den Unterbauch. Oft ist diese Haltung als Verweis auf eine Schwangerschaft gedeutet worden, doch eher verweisen die Hände metaphorisch auf die doppelte, elementare Schaffenskraft von Frau und Künstlerin. Sie allein ist imstande, zu gebären und im künstlerischen Sinne schöpferisch zu sein."

Weitere Artikel: Joseph Hanimann stellt im Aufmacher den neuen, vorerst nur auf französisch erschienen Roman "Partir" des marokkanischen Autors Tahar Ben Jelloun vor, der in Tanger spielt und das Milieu illegaler Spanien-Einwanderer schildert. Christian Geyer kommentiert in der Leitglosse die Idee der Schuluniformen. Mark Siemons berichtet über das Verhältnis der staatsoffiziellen katholischen Kirche und der Untergrundkirche in China. Julia Bähr berichtet von den Vorbereitungen der Stadt Königstein auf die Anwesenheit der brasilianischen Fußballmannschaft während der WM. Andreas Kilb hörte einem Berliner Vortrag der amerikanischen Historikerin Claudia Koonz zum Kopftuchstreit zu, die sogar für eine Tolerierung der Burka in der Schule plädierte. Gemeldet wird, dass die London Book Fair mit einer überraschenden Volte auf den Plan der Frankfurter Buchmesse, auch in London eine Messe abzuhalten, reagiert hat: Man mietet die selben Hallen zur selben Zeit. Heinrich Wefing gratuliert dem Architekten Daniel Libeskind zum Sechzigsten. Niklas Maak gratuliert dem Maler Frank Stella zum Siebzigsten. Kerstin Holm schreibt zum Tod des Schriftstellers Alexander Sinowjew.

Auf der Medienseite begutachtet Michael Hanfeld neueste Erlöszahlen der Sender Premiere und Pro 7 Sat 1. Und Jordan Mejias schreibt zum Tod des ehemaligen New-York-Times-Chefredakteurs A.M. Rosenthal. Für die letzte Seite interviewt Jonathan Fischer den Dancehall-Star Matisyahu, der koschere Reggaemusik macht. Wiebke Huester stellt den Choreografen Royston Maldoom vor, der mit Berliner Kindern im Rahmen des Jugendprogramms der Philharmoniker Carl Orffs "Carmina burana" einstudiert. Und Gisa Funck porträtiert den Sänger Pete Doherty, der als Hoffnung der Punkmusik gilt, die meisten seiner Konzerte aber platzen lässt.

Besprochen werden Noah Baumbachs Film "Der Tintenfisch und der Wal", Nikolaus Lehnhoffs Inszenierung von Jake Heggies Oper "Dead Man Walking" in Dresden und erste Inszenierungen der Ruhrfestspiele.

FR, 12.05.2006

Wie Frank Hoffmann Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" auf den Ruhrfestspielen als "Bühnencomic" inszeniert, kann Stefan Keim durch die visuellen Extras zumindest in der ersten Hälfte unterhalten. "Zwischendurch gleitet die Aufführung ganz ins Surreale, eine Witwe mit Wischmoppwauwau schlufft über die Bühne, manchmal friert die Szene kurz ein für einen Fotoklick. Wenn Petruchio (souverän Siemen Rühaak) die Widerspenstige erobert, rutscht die Szene in einen Zeitlupen-Showdown wie im Gangsterfilm. Im Gegensatz zur komplett grottigen Minna von Barnhelm im vergangenen Jahr hat Hoffmann diesmal ein tragfähiges Konzept."

Weitere Artikel: Karl Grobe schreibt den Nachruf auf den russischen Schriftsteller Alexander Sinowjew. Martina Meister kann dem "Propagandisten" Peter Handke in der französischen Diskussion um seine Haltung zu Slobodan Milosevic nicht recht geben, auch wenn sie dem "Sprachzauberer" gerne den Gefallen tun würde. Peter Michalzik sinniert in Times mager über das religiöse Potenzial des Fußballs.

Besprechungen widmen sich der Schau "Ägyptens versunkene Schätze" mit Fundstücken des Unterwasserarchäologen Franck Goddio im Berliner Gropius-Bau und einer Ausstellung über Klezmermusik im Jüdischen Museum Frankfurt.

SZ, 12.05.2006

Franziska Augstein stellt den noch nicht veröffentlichten, aber bereits von Hubertus Knabe heftig attackierten Bericht der Expertenkommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vor. Sie findet die Vorschläge darin eigentlich ganz sinnvoll, etwa neben den bisherigen Museen und Gedenkstätten in Stasi-Gefängnissen und an der Mauer in der Berliner Mitte ein Museum in der "Herrschaft, Gesellschaft, Widerstand" zu errichten: "Eine Erinnerungslandschaft hingegen, die Millionen ehemaligen DDR-Bürgern zeigen wollte, dass sie 40 Jahre quasi im Antichambre von Einzelhaft- und Folterzellen verbracht hätten, würde ihr Publikum nicht finden. Hohenschönhausen ist nicht der einzige Ort, der darauf abzielt. Deshalb moniert die Kommission aus gutem Grund: 'Die spannungshafte Wechselbeziehung von Herrschaft und Gesellschaft zwischen Akzeptanz und Auflehnung, Begeisterung und Verachtung, missmutiger Loyalität und Nischenglück' komme in der DDR-Erinnerung bisher zu kurz."

Weiteres: Susan Vahabzadeh bringt uns in Stimmung für die heutige Verleihung des Deutschen Filmpreises. Jörg Königsdorf sieht in den von Simon Rattle vorgestellten Schwerpunkten für die nächste Spielzeit eine programmatische Rolle rückwärts. Sonja Zekri erzählt, dass Choreograf Royston Maldoom nach "Rhythm is it" nun mit Berliner Schülern die "Carmina Burana" einstudiert. Gottfried Knapp verteidigt die Pläne zur Neugestaltung der Madrider Kunstmeile um den Prado gegen den Widerstand der Baronin Thyssen-Bornemisza. Christopher Schmidt bringt uns in der französischen Auseinandersetzung um Peter Handke auf den neuesten Stand. Zum Siebzigsten gratuliert Holger Liebs dem amerikanischen Künstler Frank Stella und Werner Burkhardt dem Jazzmusiker und Komponisten Klaus Doldinger. Reinhard Schulz berichtet von den Wittener Tagen für neue Kammermusik.

Besprochen werden die etwas enigmatische Ausstellung zur Architektur von Herzog und de Meuron im Münchner Haus der Kunst ("Manchmal steht man vor dem Objekt und fragt sich, was es wohl sei: ein Modell für ein Hochhaus? Oder für eine Treppe?", bekennt Gottfried Knapp), eine Schau von Hans Bellmers Puppenmonstern im Pariser Centre Pompidou und Bücher, darunter Manfred Geiers Humorgeschichte "Worüber kluge Menschen lachen" und Ludwig Harigs Sprachspiele "Familienähnlichkeiten (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).