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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.12.2004. In der NZZ porträtiert Sonja Margolina die Ukraine als Land der Korruption, aber auch der immer mutigeren Zivilgesellschaft. In der SZ widerspricht der ukrainische Dichter Sergij Schadan der Mär von der Teilung des Landes in Ost und West. Die FR beschreibt das Schauma-Apfel-Grün des Designers Karim Rashid. Die taz meditiert über Coming out und Outing einst und jetzt. In der Berliner Zeitung erklärt Tim Eitel seine Gemälde mit Böcklin und Friedrich. Im Tagesspiegel erklärt Ayaan Hirsi Ali, warum es nur einen Islam gibt.

NZZ, 01.12.2004

Die freie Publizistin Sonja Margolina porträtiert in einem sehr lesenswerten Artikel die Ukraine als ein Land voll Korruption, oligarchischen Clans, aber auch mit einer zunehmend selbstbewusst agierenen Bevölkerung. Vor allem die Jugendlichen haben - im Gegensatz zu ihren Altersgenossen in Russland - nur wenig Angst, sich dem Militär entgegen zu stellen. "Bei aller Korruption scheint auch die ukrainische Miliz sich von der russischen positiv zu unterscheiden. Die Hälfte der russischen Milizionäre war schon in Tschetschenien am Werk, in einer Schule der Gewalt und Willkür, die ihresgleichen sucht. Die Rückkehrer leiden am sogenannten Tschetschenien-Syndrom und haben keine Hemmungen, exzessive Gewalt an der Zivilbevölkerung anzuwenden. Damit entfällt in der Ukraine auch die weitere Angst, den brutalen Sicherheitskräften zum Opfer zu fallen, die der Apathie der russischen Jugend teilweise zugrunde liegt."

Ansonsten wird kräftig besprochen: Alexandra Stäheli hat sich "Bridget Jones - The Edge of Reason" angeschaut und findet, dass dieser sich weniger am Rande der Vernunft, vielmehr an der "Kante zur Selbstkarikatur" bewegt. Andrea Eschbach stellt eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek vor, die dem exzessiv produzierenden New Yorker Desing-Star Karim Rashid huldigt. Claudia Schwarz betrachtete Bilder aus Max Liebermanns "Altersfrühling" in der Alten Nationalgalerie Berlin und Herwig Maehler "rezensiert" einen jüngst publizierten Papyrustext mit Versen Sapphos. Weitere Besprechungen gelten einem Auftritt des Tschaikowsky-Sinfonieorchesters Moskau in Zürich, dem finsteren Roman "Franklin" von Tomas Lieske, einem Buch über Kunstwerke als historische Quellen, Mirela Ivanovas Gedichtband "Versöhnung mit der Kälte" sowie Zoe Valdes' Roman "Cafe Cuba" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 01.12.2004

Silke Hohmann porträtiert den kanadischen Designer Karim Rashid (hier seine Homepage), dem gerade in München eine Ausstellung gewidmet ist: "Seine bevorzugten Farben sind Pink und ein bestimmtes Grün, das nur Designer verwenden, die mit mittelharten Kunststoffen arbeiten. Granny-Smith-Grün, oder Schauma-Apfel-Grün. Papierkörbe wie sein Erfolgsmodell 'Garbo', der für nur 35 Dollar erhältliche Plastikstuhl 'Oh Chair', aber auch ein Geschirrständer, der einem Architekturmodell für einen Autosalon gleicht, in dem auch Raumschiffe verkauft werden, haben diese Farbe."

Und noch ein Hipper. Daniel Schreiber porträtiert den New Yorker Theatermann John Jesurun, der zur Zeit in Berlin gastiert und beispielhaft mit neuen Medien arbeitet. In einem New Yorker Off-Theater präsentierte zum Beispiel eine wöchentliche Seifenoper, "in der unter anderem die fürs Soap-Genre so wichtigen, hochdramatischen Mutter-Tochter-Gespräche via Bildschirm geführt wurden. So lange bis der entnervte Sprössling die hyperventilierende Mutter einfach abschaltete." So lassen sich doch die Vorteile beider Genres beispielhaft verbinden!

Weitere Artikel: Stefan Schickhaus führt ein Interview mit einigen Beteiligten von Gioacchino Rossinis Oper "Il Viaggio a Reims", die in Frankfurt zur Aufführung kommt. In Times mager schreibt Ulrich Herrmann eine kleine Hommage auf die Schauspielerin Cornelia Schmaus (Bild), die für einige Tage im Berliner Palast der Republik Elisabeth I. spielte. Besprochen werden einige Kulturereignisse des Frankfurter Raums.

Auf der Medienseite erhellt Martina Meister den Hintergrund zum Rücktritt von Edwy Plenel, des Chefredakteurs von Le Monde - das Blatt befindet sich mal wieder in einer existenzbedrohenden Krise. Und Harald Keller empfiehlt eine Dokumentation über Paris des großen alten Fernsehfeuilletonisten Georg Stefan Troller, die heute Abend in der ARD läuft.

Berliner Zeitung, 01.12.2004

Der auch sehr hippe Maler Tim Eitel, der gerade in Berlin ausstellt, erklärt im Interview mit Sebastian Preuss seine Bilder: "Die Jungs am Strand wirken für mich wie Stills aus Musikvideos oder das Posing einer Band. Die kunsthistorischen Bezüge sind hier natürlich nicht so direkt, dennoch darf man durchaus an klassische Landschaftsmalerei denken. Oder die Rückenfiguren in den Dünen - sie erinnern doch an die Wanderer Caspar David Friedrichs." Einige Gemälde darf man hier als pdf betrachten.
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FAZ, 01.12.2004

Dirk Schümer liefert eine Beschreibung des Gemütszustands der Italiener: Die haben ihr Wirtschaftswunder gerade hinter sich - glauben sie jedenfalls. Geblieben sind "halb aufgegebene Dörfer und Städtchen in der Toskana und Umbrien", die "höchstens am Wochenende von nordeuropäischen oder Mailänder Zweitwohnungsbesitzern belebt werden". Derweil "wächst in den Städten die Mehrheit der Sprösslinge als gestresste Einzelkinder heran - mit starker Bindung an die Großeltern, die das alte, das solidarische, das rückständige Italien noch aus eigener Erfahrung kennen." Und deshalb haben die Italiener auch Berlusconi gewählt, meint Schümer, denn der symbolisiert "nicht das brennende Problem der Zukunft ... sondern vielmehr den schmerzlichen Abschied von Italiens Vergangenheit".

Der Jurist Paul Kirchhof lehnt vehement jede Beteiligung des Staates an irgendeiner Form von Wettbewerb ab. Das gilt vor allem für die Steuern: Steuerpflichtige "wählen ihren Sitz in dem Staat, der ihnen die meisten Vergünstigungen bietet. Dadurch wird der Staat nicht zum Akteur eines Wettbewerbs, sondern zum Objekt fluchtbereiter Wirtschaftsmacht. Der Steuerpflichtige erzielt seinen Gewinn nicht mehr am Markt, sondern ... aus der Mehrbelastung anderer Steuerpflichtiger, die den durch die Steuervergünstigungen bedingten Ertragsausfall durch höhere Steuerlasten zu finanzieren haben." Und wie soll man nun umgehen mit Steuerflüchtlingen? Auch da hat Kirchhoff einen Vorschlag: "Würde nach dem Betriebsstättenprinzip jeder, der den deutschen Markt in Anspruch nimmt, auch in Deutschland Steuern zahlen müssen, wäre eine Steuerflucht nur bei Verzicht auf den deutschen Markt möglich. Damit wäre der Spuk eines 'Wettbewerbs der Steuersysteme' bald beendet."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner berichtet über die königliche Gala zur Eröffnung des Wales Millennium Centre, "sozusagen der in die Bucht hineinragende Schlussstein einer runderneuerten Hafenregion von Cardiff". Oliver Jungen war dabei, als sich die Meister-Eckhart-Gesellschaft in Köln vorstellte. Irene Bazinger resümiert die Lange Theaternacht in Cottbus. Arnold Bartetzky stellt den "ausnehmend dezenten" Neubau der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig vor, den "das junge Berliner Architekturbüro AS-IF" geplant hat. Miga. meldet die Schließung der Katholischen Hochschule für Kirchenmusik St. Gregorius in Aachen wegen Geldmangels.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über den Rücktritt von Edwy Plenel, Chefredakteur von Le Monde. Der Monde war in letzter Zeit massiv wegen "fragwürdiger Strategien" und "Beziehungskorruption" kritisiert werden, die Auflage sank drastisch. Doch Plenel und Monde-Direktor Jean-Marie Colombani reagierten auf diese Kritik "mit unglaublicher Arroganz". "Jean-Marie Colombani hat in einer ersten Stellungnahme Plenels Rücktritt als 'Trauma' bezeichnet", schreibt Altwegg. Die Redakteure erlebten jedoch seinem Bericht zufolge weniger ein Trauma als eine "Katharsis". Matthias Rüb fürchtet die Einstellung von German TV. Der öffentlichrechtliche Abonnementsender fürs Ausland hat größere Schwierigkeiten, sich zu etablieren, als erwartet. Jetzt droht ihm das Aus. Schade eigentlich, findet Rüb. Denn Deutschland ist "zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts in der welthistorisch ziemlich seltenen Lage, in vielen Teilen der Welt und zumal in geostrategisch wichtigen Regionen wie dem Nahen Osten und Asien hohes Ansehen zu genießen. Wie könnte man besser mit diesen Pfunden wuchern - und daraus unmittelbar politisches, aber mittelbar auch wirtschaftliches Kapital schlagen - als durch eine offensive auswärtige Kultur- und auch Sprachpolitik: mit zusätzlichen Goethe-Instituten, Sprach- und Studentenaustauschprogramm und auch, ja, mit German TV."

Auf der letzten Seite erinnert Susanne Klingenstein daran, wie vor 350 Jahren die ersten Juden in Neu-Amsterdam an Land gingen: "Kaum war die Gangway der Santa Catarina in Neu-Amsterdam heruntergelassen, rannte der Kapitän zum Gericht, um die dreiundzwanzig jüdischen Flüchtlinge zu verklagen. Die hatten nichts mehr außer ihren Möbeln, und die waren schwer zu verkaufen auf See. Gouverneur Peter Stuyvesant wollte die verarmten Juden natürlich auch loswerden. Aber Amsterdamer Juden hatten Kapital in der West India Company investiert, deren Angestellter Stuyvesant war, und protestierten gegen die geplante Ausweisung. Sie garantierten, daß die Flüchtlinge der Kolonie nicht zur Last fallen würden. Fünf betuchte Amsterdamer Juden überquerten den Atlantik, um sich um ihre Leute zu kümmern und die Geschäfte der Gesellschaft zu fördern. Heute ist Peter Stuyvesant eine Zigarette, die Juden sind glücklich, und die Portugiesen mähen ihnen den Rasen. Sic transit gloria mundi." Andreas Kilb widmet sich in der Porträtspalte hingebungsvoll der Schauspielerin und Mutter Julia Roberts. Und Zhou Derong meldet, dass man dieser Tage in der südchinesischen Stadt Guangzhou täglich vier- bis fünftausend Katzen konsumiert: "Ihr Fleisch soll dem 'yin', also dem Nierensystem, guttun."

Besprochen werden Beeban Kidrons Film "Bridget Jones - Am Rande des Wahnsinns" ("besitzt alles, was ein Kinoerfolg in der Winterzeit braucht: Komik, Klischees, Küsse - und mittendrin unvermutet ein bisschen Seele", verspricht Felicitas von Lovenberg), eine "beeindruckende" Ausstellung zum Untergang von Pompeji und Herculaneum in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen und Tom Kühnels Inszenierung der "Gespenster" im Theater Basel.

Tagesspiegel, 01.12.2004

Der Tagesspiegel übernimmt aus dem NRC Handelsblad ein großes Gespräch mit der niederländischen Politikerin Ayaan Hirsi Ali, die seit dem Mord an Theo van Gogh an unbekanntem Ort lebt. Auf die Frage, ob es einen europäischen Islam geben könne, antwortet sie: "Nein, meine Linie ist klar: So wie christliche oder jüdische Geistesgrößen irgendwann ihren Glauben analysierten und kritisierten, beginnen nun auch islamische Denker ihre Religion zu reflektieren. Nehmen Sie den Islamkritiker und Exiliraner Afshin Ellian. Er müsste beschreiben, warum er kein Muslim ist, so wie Bertrand Russell 'Why I'm not a Christian' geschrieben hat - aus freien Stücken. Weil er die Alternative kennen gelernt hat. Ich glaube nicht an einen europäischen Islam. Es gibt nur einen Islam, das ist der des Propheten Mohammed und des Korans."

TAZ, 01.12.2004

Im Kulturteil meditiert Cristina Nord über die schwulen Kulturtechniken des Coming-Outs und des Outings in Geschichte und Gegenwart: "Möglicherweise bedeutet die Festlegung auf eine Identität nicht Freiheit, sondern Zwang, und möglicherweise erliegt der offen schwule Politiker Wowereit diesem Zwang viel stärker als - um ein Beispiel zu nennen - der lange Zeit recht kokette und uneindeutige Guido Westerwelle."

Katrin Kruse berichtet über das Luzerner Modefestival Gwand, wo der Designer Haider Ackermann ausgezeichnet wurde. Und Helmut Höge erklärt, warum die Hardrockband Hurd aus der selbstständigen Äußeren Mongolei nicht in der chinesischen Provinz Innere Mongolei auftreten darf.

Die Tagesthemenseiten bringen zwei interessante Schwerpunkte: Dorothea Hahn berichtet über die französischer Debatte zur EU-Verfassung, die das Zustandekommen dieser Verfassung gefährdet und hier viel zu wenig wahrgenommen wird. Und Ingo Malcher stellt den öffentlichen Bericht einer chilenischen Regierungskommission über die Verbrechen des Pinochet-Regimes vor. Im Schlagloch auf der Meinungsseite entzaubert Michael Rutschky die Magie der Zahlen in unserer statistiksüchtigen Gesellschaft.

Tom.

SZ, 01.12.2004

Der ukrainische Dichter Sergij Schadan widerspricht heftig der von "Polittechnologen" erzählten Mär, dass der Osten der Ukraine hinter der Regierungsmacht stehe. "Wenn es nicht so pathetisch klingen würde, müsste man sagen, dass die Menschen auf den Plätzen der Ukraine für die Wahrheit im weitesten Sinne des Wortes stehen, sei es für die wahren Resultate der Präsidentenwahlen, sei es gegen Berichte hiesiger Journalisten, die falsche Informationen verbreiten. Politische Slogans allein können nicht diese Einheit eines Volkes herstellen, das gestern noch als schweigsam und gehorsam galt. Ein Kandidat, und sei sein Wahlprogramm noch so verführerisch, bringt nicht Hunderttausende dazu, eine Woche lang in eisiger Kälte auszuharren, um die Wahrheit zu fordern. In der Ukraine geht es den Menschen um Größeres und Wichtigeres als Politik. In der Ukraine unterstützen sie nicht allein den Oppositionskandidaten Juschtschenko, in der Ukraine unterstützt das Volk mehr als alles andere das Recht, sich 'Volk' zu nennen."

Johannes Willms berichtet von zwei Antisemitismus-Büchern, die in Frankreich für heftigen Wirbel gesorgt haben: Eine Studie des Autors Jean-Christophe Rufins, der die Täter antisemitischer Aktionen weniger aus Nordafrika als aus einer generellen Armutskultur kommen sieht und zudem hart mit dem linken Antizionismus ins Gericht geht (hier als pdf); und die Schrift "Precheur de haine" von Pierre-Andre Taguieff, der böse gegen das islamisch-palästinensische Revoluzzertum wettert, das unter Europas Intellektuellen, Halbintellektuellen und ungebildeten Diplomierten so in Mode ist.

Weiteres: Jutta Göricke stellt den Aachener Kunstsammler Wilhelm Schürmann vor. Hans Zehetmaier, frisch gekürter Vorsitzender im Rat für Rechtschreibung, erklärt Jeanne Rubner im Interview seine Agenda: Zuerst werden wir der Reform die schlimmsten Zähne ziehen." Christine Dössel erzählt, wie sich Berliner Banker von den Bildern einer nackten Eva Mattes gestört fühlten.

Auf der Plattenseite geht Jens Malte Fischer vor Frankreichs "überragender Sängerkultur" auf die Knie: "Welche Eleganz und Agilität bei den Bässen, die nie wirklich 'profondo' sind, dafür aber flexibel und klangschön. Welche Subtilität der Baritone zwischen Arthur Endreze und Gerard Souzay, und welche Raffinesse bei den Tenören. Helmut Mauro bricht eine Lanze für den Schweizer Komponisten Ernest Bloch. Reinhard J. Brembeck feiert eine sensationelle DVD, auf der die Pariser Aufführung von Jean Philippe Rameaus vielleicht "schönster Oper der Welt" "Les Boreades" zu sehen und hören ist.

Auf der Medienseite meldet Johannes Willms neue Unruhe bei den französischen Zeitungen: Der Chefredakteur von Le Monde, "den nicht nur Gegner einen Kultur-Trotzkisten nennen", verlässt das Blatt, bei Liberation steigt dagegen Edouard de Rothschild als Finanzhelfer ein, der bisher sein Geld mit "France Galop" gemacht hat.

Besprochen werden George Taboris Eigeninszenierung "Clowns" in der Box der Zürcher Schiffbauerhalle, das Bavarian Open des Bayerischen Rundfunks, ein Konzert des Pianisten Fazil Say in München und Bücher, darunter eine Geschichte der jüdischen Philosophie und der neue Duden (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).