Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2004. Im Tagesspiegel verfasst Daniel Barenboim eine Hommage auf den "Außenseiter Wilhelm Furtwängler". Die FAZ stellt richtig, dass es unter den Dirigenten viel schlimmere Nazi-Mitläufer gab als ihn. In der taz plädiert der argentinische Autor Cesar Aira für die Hochkultur.

NZZ, 30.11.2004

Etwas perplex berichtet Joachim Güntner von der Konferenz zur europäischen Kulturpolitik, zu der die Bundeskulturstiftung nach Berlin geladen hatte. Güntner wurde dort Zeuge eines kulturpolitischen Bekenntnisses von allerhöchstem Rang. In seiner Rede verwies der Präsident der EU-Kommission Jose Barroso, der offenbar noch ein schlechtes Gewissen hat, zunächst erwartungsgemäß auf die gegenwärtigen kultur- und bildungspolitischen Errungenschaften der EU, wie etwa die Programme zum internationalen Studentenaustausch. "Doch dann kam das Finale seiner Rede: In der Hierarchie der Werte seien 'die kulturellen höher zu veranschlagen als die wirtschaftlichen', pointierte Barroso. Dergleichen habe er, stellte der freudig verblüffte EU-Generaldirektor für Bildung, Nikolaus van der Pas, daraufhin fest, in seiner ganzen Karriere noch nicht gehört. Nun fragt sich, was daraus folgt. Wird man fortan die Subventionen für Landwirtschaft und Verkehr, die ein Zigfaches des Kulturetats ausmachen, zugunsten der Kultur umschichten?"

Weitere Artikel: Marc Zitzmann hat einer Werkschau des französischen Architekten Christian de Portzamparc in Lille einen Besuch abgestattet. Und Aldo Keel macht sich ganz kurz Gedanken zu Multikulti in Norwegen.

Besprochen werden Antonia S. Byatts neuer Roman "Der Turm zu Babel" (Alexandra Kedves hält das Buch, in dem das ganze Diskursuniversum der 60er Jahre durchschritten werde, für eine "kunstvolle Kartographie einer Epoche und ihres Geisteslebens"), das Finale des Piano-Festivals von Luzern mit Grigory Sokolov, Andras Schiffs Beethoven-Zyklus in Zürich und Bücher, darunter Susanne Fenglers Wahlkampfsatire "Fräulein Schröder", Henning Ahrens apokalyptischer Roman "Langsamer Walzer" und "Stadt der Küsse", ein Buch des "englischen Proteus" Jim Crace (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 30.11.2004

"Brüchige Heimat" war für Rüdiger Suchsland das zentrale Thema auf dem Filmfestival Mannheim-Heidelberg, und er hat dazu ein paar sehr schöne Filme entdeckt. Etwa das Debüt von Nuray Sahin "Folge der Feder": "Die Geschichte einer jungen Frau zwischen zwei, eigentlich drei Zugehörigkeiten. Die im deutsch-türkischen Kino oft ins Zentrum gerückte Bedrohung der Freiheit durch überholte Familientraditionen dreht die Regisseurin um, und zeigt ohne Verklärung auch die beschützende Seite der Tradition - um am Ende aber klar die Freiheit ihrer Hauptfigur gegenüber den vermeintlichen Heimaten zu verteidigen. Stärker noch zählten in diesem Fall die Bilder, die immer wieder das Gewicht der Story unter sich lassen, und atemberaubend leicht wie eine Feder durch Zeit und Raum schweben - Kino als postindustrielles Traumlabor."

Peter Michalzik ist hin und weg von Stephan Kimmigs Inszenierung der "Hedda Gabler" am Hamburger Thalia Theater: "Und das ist ihre Krankheit, die Unbeteiligtheit. Das hört sich nicht so schlimm an, das ist so nebenbei, aber es ist - wie Dr. Stephan Kimmig, zur Zeit zweifelsfrei der führende Analytiker unter Deutschlands Regisseuren, in seinem Hamburger Diagnosezentrum für zeitgenössische Paarbeziehung unmissverständlich zeigt - eine grausame Krankheit."

Weitere Artikel: Michael Braun berichtet von einem diskussionsfaulen Dichtertreffen in Tutzing, auf dem - zum Befremden des Publikums - die Poesie des 21. Jahrhunderts "begrübelt" wurde. Rudolf Walter hat Nicolas Sarkozys neues Buch "Die Republik, die Religionen, die Hoffnung" (Editions du Cerf) gelesen und denkt nun über einen Dialog zwischen Republik und Religionen nach.

Besprochen werden ein Konzert des Rai-Sängers Khaled in der Alten Oper Frankfurt, George Taboris Eigeninszenierung seines surrealen Stücks "Clowns" im Schauspielhaus Zürich, eine Ausstellung von Schätzen aus adligem Privatbesitz im Münchner Haus der Kunst und Bücher, darunter Joachim Fests Band über "Begegnungen" mit Intellektuellen und Künstlern und eine Studie über die "Weltmacht Vatikan" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Tagesspiegel, 30.11.2004

Daniel Barenboim höchstselbst verfasst im Tagesspiegel eine Hommage auf Wilhelm Furtwängler, der heute vor 50 Jahren starb. Er schildert ihn als Außenseiter: "Zeitgenossen wie Toscanini und Bruno Walter etwa - auch Klemperer - waren ästhetisch viel linientreuer. Es erscheint uns heute grotesk, aber die Emigranten unter den Dirigenten stellen künstlerisch weit weniger gebrochene Persönlichkeiten dar als Furtwängler, der Nazi- Deutschland nicht verließ."
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TAZ, 30.11.2004

In einem - in solcher Heiterkeit seltenen - Interview spricht der argentinische Schriftsteller Cesar Aira (mehr hier und hier) launig über sein Vorbild Borges und den Kulturbetrieb. Der außerordentlich erfolgreiche, bekennende Vertreter eines "Elitismus" veröffentlicht auch bei Kleinstverlagen und findet, "dass die Freiheit durch die Populärkultur bedroht wird - gewisse Dinge werden heute geradezu zwanghaft obligatorisch. Zum Beispiel das Mobiltelefon: Zunächst war es ein nützliches Utensil, dann wurde es zu einer zwanghaften Notwendigkeit, und heute ist der Besitz einfach obligatorisch. ... Die Populärkultur wird zum Symbol all dessen, was obligatorisch wird. Hingegen Johann Sebastian Bach, der ist nicht obligatorisch. Bach ist frei. Will ich Bach hören, muss ich eine Aufnahme suchen und manchmal muss ich sehr danach suchen. Und um die Musik zu verstehen, muss ich mich anstrengen. Über diese Hochkultur öffnet sich ein Weg in die Freiheit. Mein Verhältnis zur Populärkultur ist eher dialektisch. Ich beziehe mich bei meiner Arbeit ständig auf die Populärkultur. Aber dabei geht es mir um eine Transformation, die auch die Hochkultur verändert."

Weiteres: In der Rubrik "Schriften zu Zeitschriften" wirft Jan-Hendrik Wulf einen Blick in "Kaleidoskopien" und "Zwischen den Zeilen" und denkt - anlässlich von Aufsätzen von Max Bense und Hans-Jost Frey - darüber nach, ob nun der Mensch den Computer oder der Computer den Menschen verstehen soll. Besprochen wird Stephan Kimmigs Inszenierung von "Hedda Gabler" am Thalia Theater Hamburg ("Gegenwart plus Depression"). Und Ira Mazzoni erzählt die Hintergrundgeschichte einer Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne, wo nach 70 Jahren 110 Aufnahmen des aus Weißrussland stammenden Bauhaus-Fotografen Moi Wer zu sehen sind.

Schließlich Tom.

FAZ, 30.11.2004

Eleonore Büning huldigt auf derganzen ersten Seite dem "größten und innovativstenDirigenten, den das Zeitalter der Interpretation bislanghervorgebracht hat": dem vor fünfzig Jahren gestorbenenWilhelm Furtwängler (mehr). Empört zeigt sie sich über"die geballte Borniertheit, Unverfrorenheit und die Anmaßung"der Unesco, ein geplantes Furtwängler-Konzert wieder abzusagen. "Es gibt reichlich Künstler und Wissenschaftler, die sich in Hitlers Deutschland opportunistischer und zynischer verhalten haben und nie ins Rampenlicht gerieten...Zu schweigen von stalinkontaminierten Komponisten wie Prokofieff oder Schostakowitsch."

Weiteres: Jordan Mejias berichtet von der gehörigen Aufregung, die eine neue Oskar-Schindler-Biografie verbreitet. Darin zeichnet der Historiker David M. Crowe ein deutlich nüchterneres Bild von dem Judenretter als Steven Spielberg. Außerdem hat er wohl herausbekommen, dass es Schindlers Liste nicht gab, sondern insgesamt neun, von denen vier ein Mitglied des Jüdischen Ordnungsdiensts des Krakauer Ghettos erstellt haben soll. Andreas Kilb hat sich in Berlin den Blockbuster "G.O.R.A." angesehen,die türkische Version von Michael Herbigs "(T)raumschiff Surprise", undmuss feststellen: "Am Kino wird die Integration der Türkei in Europajedenfalls nicht scheitern."

Auf der letzten Seite wirft Rückentherapeut Dietrich Grönemeyer einen luziden Blick auf die Gesundheitsdiskussion: "Beenden wir ganz schnell die öffentliche Debatte um die Kostenbegrenzung im Gesundheitswesen. Sie führt zu nichts." Jürg Altwegg meldet starken Gegenwind für die radikal muslimischen Brüder Tariq und Hani Ramadan, die sich gern als tolerant und um Integration bemüht darstellen, aber dann doch auch mal die Steinigung rechtfertigen. Dieter Bartetzko bringt uns Johannes Chrysostomos näher, dessen Reliquien nun nach Istanbul zurückgebracht werden, von wo sie 1204 während des vierten Kreuzzugs geraubt worden waren.

Claus Langenbehn berichtet von einer Kant-Konferenz in Teheran. Wolfgang Sandner gratuliert dem Komponisten Klaus Huber zum achtzigsten Geburtstag. Matthias Grünzig hat Richard Neutras 1921 begonnenen Waldriedhof in Luckenwalde besucht. Auf der Medienseite berichtet Christina Demenschina, dass mehrere russische Provinzzeitungen in ihrer Finanznot unbedingte Regierungstreue angeboten haben.

Besprochen werden die neuen Inszenierungen des Pariser Theaterherbstes, ein Jazz-Konzert von Caterina Valente aus den Sechzigern und Helmut Böttigers Literaturgeschichte "Nach den Utopien" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 30.11.2004

Thomas Thiel stellt eine in Amerika jüngst gegründete Gruppierung namens "Brights" (mehr) vor, die künftig die "naturalistische Weltsicht" verbreiten und die Welt "zur Wissenschaft erwecken" will; unter ihrem Dach sollen sich "all diejenigen versammeln, deren Weltanschauung frei von übersinnlichen und metaphysischen Elementen ist." Mit den - überwiegend atheistischen - "Brights" trete "ein neuer Typus des Intellektuellen in den Fokus der Öffentlichkeit, der nicht mehr die literarisch- historische, sondern die naturwissenschaftliche Bildung als Grundlage zeitgemäßer Intellektualität" betrachte.

Weitere Artikel: Johannes Wilms fühlt sich angesichts des allgemeinen Überschwangs bei der "Krönung und Salbung" von Nicolas Sarkozy wie Napoleons Mutter, die damals dem Krönungsakt fern geblieben war und gesagt haben soll: "Mal sehen, wie lange das gut geht." Die ukrainische Journalistin und Schriftstellerin Natalka Sniadanko erzählt von der Aufbruchsstimmung und den Ängsten der Ukrainer. Zwei italienische Soziologen erklären uns, was sich aus der italienischen Universitätsreform lernen lässt: "vielleicht eine Reflexivität der Kritik". Jsl. informiert über Auswüchse von Warnhinweisen; so leitete jetzt das christlich-konservative World Magazine ein Interview mit dem Moralphilosophen Peter Singer mit den Worten ein: "Warnung für Eltern: Dieser Artikel erwähnt Kindstötungen und einige abnorme sexuelle Aktivitäten". In der "Zwischenzeit" stellt Wolfgang Schreiber den Münchner Komponisten Karl Amadeus Hartmann vor. Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Schauspieler Colin Firth ("Bridget Jones 2", "Das Mädchen mit dem Perlenohrring") und schließlich eine Gratulation an den Schweizer Komponisten Klaus Huber zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Stephan Kimmigs Inszenierung von "Hedda Gabler" am Thalia Theater Hamburg ("Ganz und gar schnurz ist Kimmig, dem Arrangeur des Abends, Ibsens Vorlage. Sie taugt ihm bloß für eine laute, laue Studie. Material. Kimmig präsentiert 'Hedda - der Fall'", schreibt C. Bernd Sucher) und Bücher, darunter "Die Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik" von Johannes Fried und Hunter S. Thompsons ins Deutsche übersetzte Roman "The Rum Diary" (siehe hierzu unsere Bücherschau ab 14 Uhr).