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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.06.2004. Who the hell ist Uwe Tellkamp? Und was hat er nun geliefert, um den großen Preis im Klagenfurter Bachmann-Lesen zu bekommen? Einen "stockkonservativen Text aus der germanistischen Wundertüte" (so die FR), eine "Metro der Memoria" (FAZ), ein "alle anderen überstrahlendes Juwel" (taz), "bombastischen Rosenkavalier-Schwulst" (Berliner Zeitung)? In der taz schreibt Gabriele Goettle über den alltäglichen Skandal der Pflegeheime.

FR, 28.06.2004

Was Christoph Schröder aus Klagenfurt über den Bachmann-Preis-Sieger (der Siegertext) zu berichten weiß, klingt erst gut, dann nicht mehr so: "Der Auftritt Uwe Tellkamps auf den 28. Tagen der deutschsprachigen Literatur war mit Sicherheit einer, der im Gedächtnis bleiben wird. Weil Tellkamp seinen Text brillant vortrug, weil er eine erstklassige Performance lieferte. Weil er es verstand, die gute halbe Stunde Lesezeit tatsächlich zu füllen. Und nicht zuletzt deshalb, weil es Tellkamp gelang, mit einem stockkonservativen Text aus der germanistischen Wundertüte die neunköpfige Jury in einen beinahe einstimmigen Begeisterungstaumel zu stürzen: 'Schiere Kunstfertigkeit' (Heinrich Detering), 'sprachlicher Furor' (Iris Radisch) und so weiter." Insgesamt aber hat Schröde wenig zu mäkeln: "Gute Autoren gab es viele in diesem Jahr, zum ersten Mal seit langer Zeit mehr starke Texte als zu vergebende Preise."

Weitere Artikel: Micha Brumlik bringt es in einem Text zur Debatte um Michael Wolffsohns Folter-Äußerungen fertig, alle Beteiligten ungefähr in gleichem Maß zu kritisieren - und weist (wie Wolffsohn, der sich mit dem Argument allerdings verteidigt) darauf hin, dass einige Juristen gerade dabei sind, Spielräume für die Folter zu öffnen. Ulrich Speck informiert über eine Frankfurter Tagung zur "'Nachgeschichte' des Holocaust". Times Mager beschäftigt sich mit Berliner Trauer-Lobbyismus. Im Medienteil wird vermeldet, dass der Europarat "die Konzentration politischer, kommerzieller und medialer Macht in den Händen einer einzigen Person, des Premierministers Berlusconi" nachdrücklich und scharf gerügt hat.

In Bochum hat man Friedrich Hebbels "Judith" wieder ausgegraben. Mit zwiespältigem Ergebnis, wie Peter Iden meint, jedoch: "Zu loben ist das Wagnis." Besprochen werden weiter politische Bücher, darunter Giorgio Agambens "Ausnahmezustand" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 26.06.2004

"Die meisten Hunde in der arabischen Welt streunen herrenlos als Rudel umher, bellen die Passanten an und erhalten als Gegenleistung Fußtritte", beschreibt der libanesische Schriftsteller Selim Nassib die arabische Mentalität samt Selbstwahrnehmung. "Wie ein Hund behandelt zu werden, vollständig nackt an der Leine gehalten zu werden von einem uniformierten amerikanischen Mädchen mit jungenhaftem Gebaren, das ist für die Araber ein Albtraum. Und die Fotos, die diese Schande zeigen, sind um den Erdball gegangen. Ihre Wirkung ist umso schmerzvoller, als man in ihnen fälschlicherweise eine Wahrheit erblickt - dass dies der Ort, besser: der Nicht-Ort sein soll, der den Arabern auf der Welt zukommt. Abu Ghraib hat die Araber in ihrer paranoiden Wahrnehmung dieser Welt bestärkt. Seit Jahrzehnten sahen sie sich als die ewigen Opfer einer ungeheuerlichen, von den USA und Israel begangenen Ungerechtigkeit - die niemand wahrhaben will. Mit den Fotos ihrer Folter halten sie endlich den Beweis in den Händen, dass die Feindschaft, der sie ausgesetzt sind, nicht nur Wirklichkeit ist, sondern all ihre Vorstellungskraft übersteigt."

Weitere Artikel: "Der Sammler scheint inzwischen verstanden zu haben," kommentiert Brigitte Werneburgs Friedrich Christian Flicks Entscheidung, eine Studie über die Geschichte seiner Unternehmerfamilie während der NS-Zeit finanzieren. "Der Schritt, mit seiner Kunstsammlung in die Öffentlichkeit zu gehen, ersetzt nicht die kritische Debatte hinsichtlich des ererbten Vermögens und der damit verbundenen Unternehmensgeschichte. Im Gegenteil: Er macht sie notwendig."

Besprochen werden die Trilogie des belgischen Regisseurs Lucas Belvaux "Ein umwerfendes Paar", "Auf der Flucht" und "Nach dem Leben"; Frank Oz' Horrorfilm "Die Frauen von Stepford"; Paul Morrisons Film "Davids wundersame Welt" und Bücher, darunter medientheoretische Schriften von Rudolf Arnheim (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich TOM.

SZ, 28.06.2004

Geradezu schwärmerisch berichtet Ijoma Mangold vom diesjährigen Bachmann-Preis-Jahrgang: Die Jury war großartig, die Texte machten - ganz anders als zuletzt - klar, warum die Autoren sie geschrieben hatten, selbst da, wo sie eher nicht so toll gelangen. Und der Sieg für Uwe Tellkamp (hier was zum Lesen) geht zum einen in Ordnung und ist zum anderen ein Signal gegen den zuletzt gepflegten literarischen Catenaggio: "In keinem Autor hätte die Abkehr von der Monotonie der vergangenen Jahre glanzvoller symbolisiert sein können. Was eine Satzperiode ist, welche Musik in ihr steckt, aber auch welches Zittern und Bangen, welche Euphorie und Überdrehtheit, welcher Witz und welches Pathos, kurz, welches Leben, das hat Uwe Tellkamp, dieser Sprachberserker und Geschichtsmetaphysiker, virtuos vorgeführt."

Weitere Artikel: Der amerikanische Jurist David Golove informiert darüber, was beim diese Woche erwarteten Supreme-Court-Urteil zu Guantanamo auf dem Spiel steht: "Fehlt die richterliche Kontrollinstanz, so steht die Einhaltung nationaler und internationaler Regeln und Gesetze ganz im Belieben einer US-Exekutive, die ihre Position bereits deutlich gemacht hat." Richard Chaim Schneider kommentiert eher süffisant die Wandlung des Michael Wolffsohn "vom deutschjüdischen Patrioten zum Zionisten". Zusammengefasst wird ein Interview, das Paul Spiegel zum Thema Flick-Collection der Netzeitung gegeben hat.

In Chicago wird eine Alternative zur eigenen Stadt ausgestellt, in Form "ungebauter Architekturentwürfe". Gottfried Knapp stellt den neuen Anbau der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall vor. Rainer Gansera informiert eher kursorisch über neue deutsche Filme beim Münchner Filmfest. In Argentinien ist, nach Jahren des Zweifels, die Liebe zu Diego Maradona aufs heftigste neu ausgebrochen, berichtet Carlos Widmann. Und Tobias Kniebe hat sich in den französischen Popstar Emilie Simon verguckt.

Besprochen werden eine Aufführung des Brüsseler "Performing Arts Research and Training Studio", das Theorie in Tanz verwandelt, eine Ausstellung über den italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli im Münchner Literaturhaus, der Boxerfilm "Die Promoterin" mit Meg Ryan und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Ludwig von Ficker und ein Buch über den Zweirad-Pionier Karl Drais (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Berliner Zeitung, 28.06.2004

Sabine Vogel spießt einige "Interpretationsangebote" der Bachmann-Jury auf: "Schwanken die Jurorenhäupter bei Arno Geigers Historienverweigerung zwischen 'betulich' und 'behaglich' bis zu 'unbehaglich', dann wird im verschleppten Tempo einer Party-Katerstimmung von Andreas Münzner im Chor seine ungenaue Deutlichkeit gelobt. Die Sprache des Verdrängten sei präzise und minutiös, wo sie vorenthält, was wir gar nicht so genau wissen wollen. Aha." Und zum Preisträger schreibt sie: "Große heilige Einigkeit erzeugt dann der bombastische Rosenkavalier-Schwulst des ehemaligen NVA-Panzerkommandanten Uwe Tellkamp. Seine furios musikalische Straßenbahnraserei durch die Geschichte Dresdens samt lüstern explodierender Schokoladenfabrik versetzt die Jury in haltlos ekstatische Verzückung, nimmt sie gewissermaßen im Sturm. Das per Internet abstimmende Publikum gibt hingegen Wolfgang Herrndorfs verhaltener Balkongeschichte über zwei ungleiche Jungen den Vorzug. Ein echtes Geschmacksurteil."

NZZ, 28.06.2004

Mit größter Erleichterung nimmt Paul Jandl auf, dass der Bachmann-Wettbewerb ("seit neunundzwanzig Jahren eine Art Operation am eigenen offenen Herzen") einen würdigen Preitsträger präsentieren kann: Uwe Tellkamp. "Eine Dresdner Trambahn, die in den Schienen schlenkert, Schokoladenfabriken und grell geschminkte Russinnen; ein Vorkriegsdeutschland und eine Nachkriegs-DDR wachsen aus Tellkamps melodiöser Prosa. Die Marschallin aus Hofmannsthals 'Rosenkavalier' schlägt den Takt dazu. Und manchmal bleibt die Zeit auch stehen, irgendwann 1914. So sehr hat die Jury den Arzt aus München mit Lob beworfen, dass man für haltlose Begeisterungsfähigkeit ebenfalls Preise vergeben müsste. Man fühle sich 'wie Blumen, die endlich gegossen werden', meinte Iris Radisch, endlich sei 'ein literarisches Geheimnis' da, sagte Heinrich Detering. 'Ganz, ganz große Klasse' war's für Ursula März. Nur Neo-Juror Klaus Nüchtern sah sich von Tellkamps 'blumenschmeißender Spätromantik' überfahren."

Weiteres: Der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf greift den Zürcher Streit um die Aufhebung des Fachs "Biblische Geschichte" auf. Die Kunsthistorikerin Birgit Sonna steuert Gedanken zum "Überdauern der Kunst im öffentlichen Raum" bei.

Besprochen werden das Eröffnungskonzert der Zürcher Festspiele mit Smetana und Dvorak sowie das 10. Open-Air-Festival in Frauenfeld.

Tagesspiegel, 28.06.2004

Die eigentliche Entdeckung des Bachmann-Wettbewerbs war Wolfgang Herrndorf, findet Marius Meller. "Doch Herrndorfs Text war zu leise, um sich gegen die 10000 Watt zu behaupten, mit denen der letztlich zum Bachmann-Preisträger gekürte Uwe Tellkamp in die am Freitagnachmittag leicht ermüdeten Hirne der Jury brüllte. Zugegeben: Tellkamp, Münchner Arzt, geboren 1968 in Dresden, ehemaliger NVA-Panzerkommandant, ist eine eminente literarische Begabung. Er hat Rhythmus, Fantasie, literarische Bildung - und einen Hang zum CSU-mäßigen Outfit, das im Literaturbetrieb höchst ungewöhnlich und erfrischend ist. Aber sein Romanauszug 'Der Schlaf in den Uhren' gewann nur deshalb, weil er bei der Jury - neben dem Erfrischungseffekt - literarische Elterninstinkte auslöste ..."

FAZ, 28.06.2004

Richard Kämmerlings war bei mancher Kritik an der Jury doch recht einverstanden mit dem diesjährigen Klagenfurter Wettlesen, er lobt die Leistungen mancher Autoren und findet, dass Uwe Tellkamp den Hauptpreis zurecht bekam: "Der aus Dresden stammende, in München als Unfallchirurg arbeitende Uwe Tellkamp las einen Auszug aus seinem Roman 'Der Schlaf in den Uhren'. Darin unternahm er zu den Klängen des 'Rosenkavaliers' eine Straßenbahnfahrt durch seine Geburtsstadt, in der die Untoten der (ost-)deutschen Geschichte an jeder Haltestelle zusteigen und als Schwarzfahrer die Allegorie der Zeit selbst an Bord ist. Dass sich Tellkamps Metro der Memoria auf den Gleisen eines Claude Simon fortbewegt, wurde zu Recht nicht als Einwand, sondern als Vorzug formuliert. Wie vor drei Jahren bei Michael Lentz und vor zwei Jahren bei Peter Glaser entstand der Eindruck, dem Durchbruch einer eigenwilligen und unverwechselbaren Stimme beizuwohnen."

Gerhard Stadelmaier führte sich die Theaterbiennale Wiesbaden zu Gemüte und lobt die Letten mit dem Stück "Langes Leben" von Alvis Hermanis und dem "Jaunais Rigas Teatris" als Europameister aus. Das Stück zeigt fünf Alte, "die völlig ohne Text, aber mit unheimlicher Energie die Wände hochklettern, kochen, sich waschen, basteln, Lieder singen, Anzüge schneidern, Partys mit gepanschtem Schnaps feiern, Blumen züchten und alle Methusalem-Komplexe in winzigsten Minidramen ausleben... Hermanis, eine Art Marthaler des Baltikums, hält zu seinem Krampfadern- und Krückstock-Geschwader eine ironische Distanz der teilnahmslosen Beobachtung. Und entdeckt das Wunder an Komik, Würde und Sinn, das schon darin liegen kann, wenn einer sich in diesem sinnlosen Dasein den Strumpf anzieht oder versucht die Milchtüte leer zu schlecken."

Weitere Artikel: Zum neunzigsten Jahrestag des Attentats gegen Prinz Franz Ferdinand schickt Michael Jeismann einige historische Meditationen über den Balkan und Europa aus Sarajewo. Eleonore Büning meldet in der Leitglosse, dass Daimler Chrysler die Komische Oper Berlin nun doch wieder sponsert, und sie verteidigt mit klaren Worten Calixto Bieitos drastische Inszenierung von Mozarts "Entführung", wegen derer der Konzern sich ursprünglich zurückzog. Oliver Tolmein berichtet über den Fall einer Lehrerin mit möglicher Disposition zu einer seltenen Erbkrankheit, die den Gentest verweigerte und hier in einem Gerichtsverfahren zunächst Recht bekam. Enrico Santifaller stellt ein vom Architekten Zvonko Turkali geplantes Areal um die katholische Pfarrkirche Mariae Namen in Hanau vor. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Pianisten Leonard Stein.

Auf der Medienseite resümiert Verena Lueken eine Diskussion im Berliner Haus der Kulturen der Welt über die neuen Medien in der arabischen Welt und ihren Einfluss auf diese Gesellschaften. Michael Hanfeld stellt eine Dokumentation über den Bombenkrieg vor, deren erster Teil heute in der ARD läuft.

Auf der letzten Seite würdigt Michael Hanfeld in einer Reportage die afghanische Politikerin Nigar Khaliz, die sich für Frauenrechte einsetzt. Kerstin Holm schreibt ein Profil über Ilya Kabakow, der nach 16 Jahren erstmals nach Russland zurückkehrt, wo ihm in der Ermitage eine Retrospektive gewidmet ist. Frank Pergande knüpft an die Beobachtung, dass auf das Grab Friedrichs des Großen häufig Kartoffeln niedergelegt werden, einige hübsche Betrachtungen über die seherische Landwirtschaftspolitik des preußischen Königs.

Besprochen werden eine Ausstellung des Modefotografen Guy Bourdin (mehr hier) im neu eröffneten "Centre pour la photographie et l'image" in Paris, Helmuth Oehrings Oper "Wozzeck kehrt zurück" in Aachen, Wilfried Minks' Inszenierung von Hebbels "Judith" in Bochum und Sachbücher, darunter ein Band mit nachgelassenen Schriften von Herbert Marcuse.