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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2003. In der taz buchstabiert Gabriele Goettle: "A wie Anthrax, Mhhhm wie Milzbrand". Die FAZ meint zum Abschluss des Festivals: Mit Cannes geht's bergab. Die SZ fragt: Wo bleibt die Aura von Nachlässen im digitalen Zeitalter. Die NZZ zeigt am Fall einer deutschen Familie von Hitler-Gegnern die Unhaltbarkeit der tschechischen Benesch-Dekrete.

TAZ, 26.05.2003

Die fabelhafte Gabriele Goettle beherrscht das Feuilleton heute, mit einer Reportage über Jan van Aken, seines Zeichens Biowaffenexperte. Bei Kaffee und Kuchen hat sich Goettle lange unterhalten, herausgekommen sind wunderbare 1066 Zeilen übers Brunnenvergiften, über Hasenpest und Pockenviren. "Die Kinder laufen vorbei, und wir finden es etwas beklemmend, vor ihnen davon zu reden, doch unser Gastgeber sagt: 'Der Kleine, der letztes Jahr in die Schule gekommen ist, hat dort buchstabiert: A wie Anthrax, Mhhhm wie Milzbrand. Und er findet es supercool, dass ich jetzt UN-Waffeninspektor geworden bin. Zurück zum Thema. (...) Ich gehöre ja zu dieser ganz spezifischen Generation, die Widerstand noch gelernt hat. 1980 habe ich Abitur gemacht. 1980 war die Hochzeit der Hausbesetzerbewegung. Das war noch die Vor-Kohl-Ära. Nach 68 und vor Kohl! Jeder, der den Wehrdienst nicht verweigert hätte, jeder, der keinen Zivildienst gemacht hätte, der hätte sich furchtbar rechtfertigen müssen, damals, in unserem erzkonservativen Gymnasium. Das gehörte einfach zum Werdegang, ein autonomes Jugendzentrum, die Friedensbewegung, die Fahrt zur Startbahn West."

Außerdem berichtet Tobias Rapp von den Tricks von "Bruckheimers White House", den Medienberatern von George Bush, die auch nicht davor zurückschrecken, ihrem Schützling Socken in den Schritt zu stopfen. Auf der Tagesthemenseite bringt Ute Scheub Kunde von der Internationalen Frauenfriedenskonferenz in Zürich. Auf der womaneuvres hat sie erfahren, wie eng Militarismus, Patriarchalismus und nationaler Chauvinismus zusammenhängen, mit der Soziologin Dubravka Zarkov (zur Person) hat sie über Vergewaltigung von Männern und deren Tabuisierung in Exjugoslawien gesprochen.Kurz vorgestellt wird außerdem das Nobelpreisprojekt 1000peacewomen.org.

Auf der Medienseite berichten alle vom Treffen des Netzwerks Recherche. Steffen Grimberg informiert uns über die mit "staatsmännischer Hemdsärmligkeit" vorgetragene Kanzler-Initiative zum Erhalt der Pressevielfalt. Und "stg" klagt, dass den Chefredakteuren kein neues Erlösmodell für die schwer gebeutelten überregionalen Blätter einfallen will.

Die einzige Besprechung widmet sich Kadir Sözens emotional-sozialistischem Film "Gott ist tot".

Schließlich Tom.

SZ, 26.05.2003

Der Nachlass Thomas Strittmatters besteht aus Zeitungsausschnitten, handschriftlich korrigierten Computerausdrucken, einem Atari SM 124 und vor allem zwei bis drei Dutzend Disketten. Andreas Bernard sinniert darüber, was es heißt, wenn das Werk eines Künstlers nur noch digital vorliegt. "Noch die vermitteltste Fetischisierung eines Originals ist unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Dass literarische Tradition und kommunikationstechnischer Status Quo hier zu kollidieren drohen, zeigte in Marbach etwa der Umgang mit Strittmatters Disketten nach erfolgreicher Sicherung. In den Augen der Techniker unnötiger Abfall, waren sie fast schon auf dem Weg zur Entsorgung, als sich die Literaturwissenschaftler der Bedeutung dieses letzten Rests an Materialität bewusst wurden. Neben dem Computergehäuse selbst sind die Disketten - die nicht nur Texte enthalten, sondern auch Datenbanken, Anti-Viren-Programme und Spiele - der einzige exponierbare Teil des Nachlasses."

Matthias Politycki (Bücher) erzählt Julia Encke, wie man sich fühlt, wenn man das Netzteil seines Laptops in einer Flughafensteckdose hat stecken lassen. "Stubenhockerliteratur entsteht aus dem Manko, dass Leute jeden Tag produzieren wollen. Und der Computer sagt selbst so jemandem eben ab und zu mal: Sorge dich, lebe! Das kann auch helfen. In solchen Zerknirschungsmomenten kommen nicht die schlechtesten Gedanken."

Weitere Artikel: Holger Liebs porträtiert die Kölner Kulturreferentin Marie Hüllenkremer, die hauptsächlich dafür verantwortlich ist, wenn die Stadt bald "auf das finanzielle Niveau von Nowosibirsk zurückgeschrumpft worden ist". Marco Finetti wirft im anstehenden Verfassungsstreit über Studiengebühren sowohl den klagenden Ländern als auch der kategorischen Bundesbildungsministerin Dogmatismus vor. Volker Breidecker war dabei, als George Steiner in Frankfurt den Börne-Preis entgegengenommen hat. "jby" gibt den Startschuss für die heiße Phase der Aufarbeitung des 17. Juni 1953 und verweist auf eine exzellente Website zum Thema. Jonathan Fischer unterhält sich mit dem sehr reflektierten nigerianischen Musiker Keziah Jones (homepage) über Identität und Afrofuturismus (hier was zum Hören). Susan Vahabzadeh berichtet aus Cannes, diesmal über Filme von Peter Greenaway, Alexander Sokurov und Bertrand Blier. Gemeldet wird, dass ein Teil der verloren geglaubten irakischen Kunstschätze wieder aufgetaucht ist.

Auf der Medienseite stellen Hans-Jürgen Jakobs und Klaus Ott den Plan B der Kirch-Media vor, wenn Investor Saban noch länger zögern sollte. Claudia Tischky hat den Bundeskanzler beim Treffen des Netzwerks Recherche gesehen und gehört. Oliver Fuchs findet den Grand Prix immer noch "schmierig, schmalzig, seicht und würdelos", aber nicht mehr ohne Hoffnung. Und Titus Arnu macht uns in der Reihe Große Journalisten mit der klugen, mutigen, wegen ihres nationalsozialistischen Schmusekurses aber umstrittenen Margret Boveri bekannt.

Besprochen werden Leander Haußmanns Inszenierung von Hofmannsthals "Elektra" am Berliner Ensemble, Kirsten Harms Version von Rossinis "Semiramide" an der Deutschen Oper Berlin, Michael Thalheimer und seine mühsame Adaption des Fassbinder-Films "Warum läuft Herr R. Amok" für das Theater in Frankfurt, eine Ausstellung der großartigen Minaturen des letzten großen französischen Buchmalers Jean Fouquet in der Pariser Bibliothek Nationale, ein Konzertabend mit Beethovens Cello-Sonaten, gespielt von Miklos Perenyi und Andras Schiff in München, und natürlich Bücher, darunter Michael Koschorrecks und Frank Suppanzs durchaus ernst gemeintes Handbuch "Geisteswissenschaften studieren mit dem Computer", Toms Segevs israelisches Gesellschaftsporträt "Elvis in Jerusalem" sowie Ulla Ackermanns enttäuschende Reportagensammlung "Mitten in Afrika - zu Hause zwischen Paradies und Hölle" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 26.05.2003

Das ist eine Kaufempfehlung, stellt Tobi Müller schon zu Beginn seiner Hymne fest, und empfiehlt uns wärmstens, doch mal in Zürich bei Stefan Pucher im Schauspielhaus vorbeizuschauen. Dort inszeniert er Rene Polleschs "Bei Banküberfällen wird mit wahrer Liebe gehandelt", und Müller hat's gefallen. "Die Irren spielen Theater und parodieren das Korsett der festen Rollenzuschreibung, Sebastian Rudolph trägt gar eine Zwangsjacke. Raus, weg. Wohin? In die nächste Rolle, in eine durchgedrehte Stunde mit durchgedrehtem Text, viel Ironie, ätzender Kritik und fünf Minuten Pathos, getragen von liebesdurchzuckter Discosound-Ästhetik und einem Videoeinsatz, der endlich mal mehr sein will als Batik und Wandteppich (Robert Lehniger/Chris Kondek). So einfach, so druckvoll, so klug ver- und gespielt."

Weitere Artikel: Sandra Danicke erinnert sich gerne an ihre Reisen zur anderen modernen deutschen Kunst im Frankfurter Portikus. "Offenbar war da noch mehr als das deutsche Vorzeigetriumvirat, das im dandyhaften Partnerlook (kurz geschorenes Haupthaar, Bart und Siegelring) Selbstbewusstsein demonstrierte." In Times mager hat Matthias Dell nicht viel übrig für den FC Bayern und Michael Rumenigge, dessen Manager-Vokabular "vermutlich nicht nur außerhalb von betrieblichen Leitungsebenen ziemlich hohl klingt". Gerhard Midding schreibt zum Tod des Schauspielers Jean Yanne. Gemeldet wird, dass manche der als gestohlen geglaubten irakischen Kunstwerke jetzt wieder aus ihren Kriegsverstecken aufgetaucht sind.

Auf der Medienseite verkündet Karsten Plog, dass Kanzler Schröder auf dem Jahrestreffen des Netzwerks Recherche eine Initiative zum Erhalt der Pressevielfalt angekündigt hat. Dort hat Markus Jantzner auch erfahren, wie sehr seine Kollegen von Politkern und PR-Profis beeinflusst werden. Reinhard Lüke weiß, dass der WDR jetzt einen Ausländerbeauftragten hat.

Besprochen wird einzig und allein Michael Thalheimers dramaturgische Umsetzung von Rainer Werner Fassbinders "Warum läuft Herr R. Amok" in Frankfurt.
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NZZ, 26.05.2003

In der NZZ sinniert Stephan Templ darüber, ob die Benes-Dekrete im Falle eines EU Beitritts so noch zu halten sind. Mit ihnen war 1945 die Vertreibung und Enteignung der deutschen und der ungarischen Minderheit in Tschechien legitimiert worden. Anhand des Falles Schwarzenberg, einer seit dem 17. Jahrhundert in Böhmen ansässigen Adelsfamilie, wird dargestellt, dass dabei auch tschechisches Recht verletzt wurde. Denn Schwarzenberg war wegen seiner offen antifaschistischen Einstellung - so ließ er zum Beispiel am Tage des Einmarsches Adolf Hitlers in Österreich an seinem Palais in Wien Trauerflaggen hissen - von den Nazis enteignet worden. Die Tschechen verschleppen den Fall jetzt seit Jahrzehnten. Für die Geschädigten bestehe jedoch Hoffnung, so Templ. "Die bevorstehende EU-Erweiterung sowie die Erkenntnis, dass nun auch alle Tschechen europäische Staatsbürger sind, könnte Prag am Ende in den völkerrechtswidrigen Punkten der Restitutionsgesetzgebung doch noch zum Einlenken zwingen, so etwa in der diskriminierenden Einschränkung, dass jeder Rückstellungsbewerber tschechischer Staatsbürger zu sein hat." (Mehr zum Fall Schwarzenberg hier.)

Weitere Artikel: Andreas Maurer zieht eine enttäuschte Bilanz der Filmfestspiele von Cannes: "Kaum Aufregendes, jedenfalls nicht im positiven Sinne. Werke etwa, die versuchen, sich den weltpolitischen Zäsuren der letzten zwei Jahre anzunähern: Man erwartet sie hier in Cannes, im Mekka des Kinos. Doch viele Regiestars werden ihre jüngsten Arbeiten erst im Spätsommer in Venedig enthüllen. Pech beim Timing allein erklärt diese 'selection maudite' aber nicht. Denn große Namen waren durchaus vertreten. Bloß wurden sie scheinbar blind gebucht. Gut vertreten war die Kategorie 'kultivierte Langweiler'." Werner Thiede gibt eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob es bei dem ökumenischen Kirchentag in Berlin ein gemeinsames Abendmahl geben soll: Nein!

Besprochen werden der Auftritt Stefan Puchers und Rene Polleschs in der Schiffbaubox in Zürich, die Einrichtung einer "Denkzone" über das kulturelle Selbstverständnis Europas und den staatlichen Eigensinn bei den Wiener Festwochen, der Abschluss der Festspiele von Cannes, eine Ausstellung der Enfants terribles der Kunst Jake & Dinos Chapman im Modern Art in Oxford sowie die erste Ausgabe der Monatszeitschrift "Goethe Merkur", welche vom Goetheinstitut und dem Merkur herausgegeben wird (was Claudia Schwartz als "fragwürdige Form staatlicher Presseförderung erscheint").



FAZ, 26.05.2003

Mit Cannes geht's bergab, merkt Andreas Kilb in seinem Festivalresümee an (das auf die Preise noch nicht eingehen kann). Und "Venedig dürfte den Glanz abschöpfen, den Cannes in diesem Jahr nicht bot. Diese Verschiebung ist nicht bloß einer jener produktionstechnischen Zufälle, wie sie sich im Wettstreit der großen Filmfestivals untereinander immer wieder ereignen. Sie ist das Zeichen eines Wandels, der die Vormachtstellung von Cannes nachhaltig bedroht." Die Amerikaner werden unter anderem wegen der arroganten Autorenpolitik der Festivalleitung von Cannes, immer öfter andere Festivals bevorzugen, meint Kilb: "Zudem sind die Hotelsuiten in Berlin oder Toronto billiger, die Presseberichte aber ebenso zahlreich wie in Cannes."

Ausgehend von der Feststellung, dass "bei dem Straftatbestand 'Vergewaltigung und sexuelle Nötigung' nichtdeutsche Täter mit einem Anteil von dreißig Prozent überproportional vertreten (sind) - der Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung lag im Jahr 2000 bei knapp neun Prozent -", fragt Lorenz Jäger in der Leitglosse: "Darf man also, ohne Näheres über die Täter und ihre Motive zu wissen, von einem verdeckten ethnischen Bürgerkrieg in unseren Städten sprechen?" Zwar fehlt zur Beantwortung das statistische Material, so Jäger weiter. Aber: "Als Normalfall eines 'hate crime' gilt fast ausschließlich der Angriff auf Angehörige einer Minderheit. Diese Norm aber widerspricht aller Erfahrung."

Weitere Artikel: Christian Geyer berichtet von der Verleihung des Börne-Preises an George Steiner und von Joschka Fischers Laudatio auf den Autor. Dieter Bartetzko lobt noch einmal "Berlins schönstes Ausstellungshaus", nämlich das Deutsche Historische Museum mit dem neuen Erweiterungsbau von I. M. Pei. Andreas Kilb schreibt zum Tod des Schauspielers Jean Yanne. Jordan Mejias berichtet in einer amerikanischen Zeitschriftenschau von Reaktionen auf den Fall des Journalisten Jayson Blair, der jahrelang in der New York Times seine Artikel fälschte. Mark Siemons liefert Eindrücke vom Tag der offenen Tür, den die SPD zu ihrem 140. Geburtstag im Berliner Willy-Brandt-Haus veranstaltete. Kerstin Holm resümiert das Moskauer Musikfestival.

Auf der letzten Seite weiß ein betrübter Arnold Bartetzky immer mehr städtebauliche Sünden in ostdeutschen Städten aufzuzählen, die nach der Wende noch in behutsamer Städtesanierung gewetteifert hatten und nun vor den letzten Investoren in die Knie gehen. Jüngstes Beispiel ist der drohende Abriss der ehemaligen Provinzial-Irrenanstalt Nietleben in Halle. Hier soll nun ein "Technologie- und Gründerzentrum" entstehen, das Ostdeutschland gewiss aus seiner Lethargie reißen wird. Patrick Bahners hat Ralf Dahrendorf bei einer Rede über Europa im Deutschen Historischen Institut in London zugehört. Und Peter Winter sucht nach Spuren des jüngst in einer Retrospektive gefeierten amerikanischen Malers Marsden Hartley in deutschen Museen - der vor sechzig Jahren gestorbene Maler pflegte seinerzeit enge Kontakte zur deutschen Avantgarde.

Für die Medienseite erlebte Stefan Niggemeier Diskussionen "fast ohne Hoffnungsschimmer" bei einer Tagung des "Netzwerks Recherche", bei dem aber ausschließlich Chefredakteure über ihre missliche Lage klagten und sich nicht einmal von Gerhard Schröder trösten ließen. Julia Schaaf hat sich den Grand Prix d'Eurovision angesehen. Und Michael Seewald gratuliert Horst Tappert zum Achtzigsten

Besprochen werden eine Dramatisierung von Rainer Werner Fassbinders Film "Warum läuft Herr R. Amok" im Schauspiel Frankfurt, Udo Zimmermanns Abschied von der Deutschen Oper Berlin mit Rossinis Oper "Semiramide", Leander Haußmanns Inszenierung von Hofmannsthals "Elektra" am Berliner Ensemble, eine Ausstellung mit Bilderbriefen von Schriftstellern im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, die Choreografie "Screensaver" von Rami Be'er beim BerlinBallett der Komischen Oper und Sachbücher, darunter Paolo Prodis "Geschichte der Gerechtigkeit" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).