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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2002. Die FAZ macht sich Sorgen um das angebliche geklonte Kind: "Man muss das Treiben dieser Leute äußerst ernst nehmen". In der NZZ veröffentlicht Jürgen Habermas eine Hommage auf den Maler Sean Scully. In der taz erklärt der Filmproduzent Thomas Schühly, warum in Italien zuerst die Augen da sind. In der FR zeigt sich die Yale-Politologin Seyla Benhabib erstaunt, dass die Europäer die Türken nicht als die ihren betrachten. In der SZ empfiehlt Nicholson Baker das Schreiben in fremden Zungen.

NZZ, 28.12.2002

Allzu viele Texte über Kunst gibt es von Jürgen Habermas sicher nicht. Die NZZ veröffentlicht in Literatur und Kunst seine Hommage auf den Maler Sean Scully (Bilder). Anlass ist ein Ausstellungsbesuch, bei dem Habermas den Wunsch verspürte, "gerne einen Scully zu haben". Hier seine Charakterisierung des Malers: "Scully malt einfach so, als hätte die längst verunsicherte Moderne noch festen Boden unter den Füssen. Es gelingt ihm, eine zur Tradition gewordene Moderne ohne Rückfall fortzusetzen. Er versucht nicht, die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzuheben, sondern hält am klassischen Tafelbild fest. Er lehnt es ab, das von der Malerei erschlossene Feld des Ikonischen zu entgrenzen. Und er hasst die Beliebigkeit, möchte sich im Prozess des Malens einer beinahe romantischen Nötigung überlassen. Diese dreifache Abwehr macht ihn zu einem Traditionalisten eigener Art."

Ebenfalls in Literatur und Kunst untersucht der Soziologe Karl Otto Hondrich den deutschen Reformstau und sieht den Grund in der Wiederverinigung, die fällige Reformen unter Helmut Kohl verzögerte: "Tatsache ist, dass die Regierung an ihrem größten Erfolg scheiterte: der deutschen Vereinigung. Diese bescherte ihr eine Aufgabe des sozialen Ausgleichs zwischen Ost und West von ungeahntem Ausmaß. So viel soziale Ungerechtigkeit auf einen Schlag war nie. Noch mehr soziale Ungerechtigkeit durch eine konsequente Liberalisierungspolitik auch im Westen - das hätte wohl keine Regierung fertiggebracht."

Ferner in Literatur und Kunst: Milo Rau stellt die Neuausgabe der Werke von Patricia Highsmith vor. Wolfgang Lange bespricht David Wagners Erzählband "Was alles fehlt" (mehr hier). Außerdem wird das Inhaltsverzeichnis aller Literatur und Kunst-Ausgaben des Jahres 2002 präsentiert.

Im Feuilleton dominieren die Besprechnungen. Es geht um eine Ausstellung (und eine neue bisher nur auf englisch erschienene Biografie) über Lord Byron in London, um eine Borgia-Ausstellung in Rom, um Peter Brooks Theaterabend "Krishnas Tod" in Paris, um eine Design-Ausstellung im Musee d'Art Moderne von Saint-Etienne, um eine Ausstellung des Fotokünstlers Thomas Demand im Münchner Lenbachhaus und um einige Bücher, darunter die zum Abschluss gebrachte Carver-Ausgabe im Berlin-Verlag (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr). Ferner schreibt Ludger Lütkehaus zum Tod des Arztes Boris Luban-Plozza.

FAZ, 28.12.2002

Thema in der FAZ ist natürlich die angebliche Geburt des Klonbabys "Eva" durch den raelianischen Sekten-Konzern Clonaid. Christian Schwägerl hat die Sektierer und ihren Guru, den Franzosen Claude Vorilhon bereits vor einem Jahr in ihrem kanadischen Hauptquartier in Quebec besucht. "Rael erklärte in langen Monologen, warum nur genetische Verbesserung und Klonen die menschliche Kultur auf eine höhere Stufe führen könnten. Er sagte, er habe weltweit 55 000 Anhänger und wolle 'die Spiritualität der Menschheit der technologischen Revolution anpassen'. So wurde deutlich, dass der Mann seine Marktlücke erkannt hat und auszunutzen weiß. Der Eindruck eines halb harmlosen, halb geschäftstüchtigen Zynikers drängte sich auf. Seine 'Bischöfin' Boisselier wiederum nahm die Kundenwerbung sehr ernst: 'Wenn Sie uns eines Ihrer Haare hierlassen wollen, könnten wir Sie für eine spätere Klonierung vorsehen', sagte sie zum Abschied. Wir stiegen mit zwei Gedanken ins Auto, der erste: 'Wir haben uns die vergangenen drei Stunden gemeinsam eingebildet', der zweite: 'Man muss das Treiben dieser Leute äußerst ernst nehmen.'"

Und Joachim Müller-Jung nimmt in seinem Kommentar die seriösen Vertreter der Biowissenschaft in die Verantwortung: "Natürlich können sie anders als die Klonkonsorten der Raelianer ehrenwerte, zuvörderst medizinische Motive für ihr Tun anführen, und selbstverständlich verurteilen sie geschlossen solche halbseidenen und allen berufsethischen Maßstäben zuwiderlaufenden Experimente. Und dennoch dürfte es den Biowissenschaftlern kaum gelingen, das lässt sich nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre leicht erkennen, sich weit genug von dem Wildwuchs an Klonexperimenten zu distanzieren, um sich letztlich von jeder Schuld freizusprechen."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg registriert, dass in der Schweiz immer mehr Französisch gespochen wird (im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl derjenigen, die es als Hauptsprache benutzen, um gut zwölf Prozent gestiegen). Eleonore Büning beklagt das Ende des Meistersaals, des letzten Konzerthauses in Berlins historischem Musikerviertel. Dietmar Polaczek begutachtet Mario Bottas Neubau für das Museo di arte moderna e contemporanea in Rovereto.

Freddy Langer schreibt einen Nachruf auf den Starfotografen Herb Ritts (mehr zum Beispiel hier). Michael Jeismann gratuliert Hermann Schäfer, dem Direktor des Bonner Haus der Geschichte, zum Sechzigsten.Michael Althen studiert Cate Blanchetts Gesicht in der "Liebe der Charlotte Gray". Der Politikwissenschaftler Iring Fetscher beschreibt - zum Teil aus eigener Erfahrung -, wie sich nach Stalingrad das Russlandbild der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg verbesserte. Auf der Medien-Seite porträtiert Sandra Kegel den Dramatiker Felix Mitterer, den "Chomeini von Tirol".

Außerdem gibt es heute viel Lyrik. Abgedruckt werden acht Gedichte aus Raoul Schrotts neuem Gedichtzyklus "Trionfi". Und in der Frankfurter Anthologie liest Marleen Stoessel Christian Morgenstern Gedicht "Die Probe".

Besprochen werden neue Stücke vom Broadway zum 11. September und anderen Katastrophen, Benno Bessons Inszenierung der "Liebe zu den drei Orangen" im Düsseldorfer Opernhaus, eine Magnus-Zeller-Ausstellung im Berliner Ephraimpalais, eine Schau mit Architekturfotografien von Lucien Herve in den Hamburger Deichtorhallen. Schallplatten und Phono widmen sich heute einer Satie-Aufnahme von Jean-Yves Thibaudet sowie dem Country-Sänger Hank Williams.

Und Bücher, darunter Prousts "In Swanns Welt" als Hörbuch, Durs Grünbeins Gedichtband "Una Storia Vera" und Amos Oz' Roman "Allein das Meer" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 28.12.2002

Tilman Baumgärtel hat sich mit der neuesten Version des Computerspiels Grand Theft Auto zum Verbrecher ausbilden lassen. Außerdem weiß er jetzt, dass GTA nicht nur umstritten und erfolgreich ist, sondern auch einen Meilenstein in der Geschichte der virtuellen Spielewelt darstellt. "Die unerschöpflich erscheinenden Missionen und Spielszenarios suggerieren unbegrenzte Freiheit. Während man bei anderen Spielen eine Mission nach der anderen abarbeiten muss, hat man bei GTA die Selbstständigkeit, sich nichtlinear durch Liberty City zu bewegen. Es gibt zwar noch Spielregeln, aber man kann sie auch missachten und stundenlang durch das digitale Paralleluniversum flanieren. (...) "Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins hat das Spiel sogar mit einem der großen amerikanischen Stummfilmklassiker verglichen: 'Ich denke darüber genauso wie über den Film Birth of a Nation (mehr hier) - es ist ein Werk, das zwar eine Menge unappetitliche Aspekte hat, aber ich respektiere oder bewundere es sogar als einen großen Schritt in der Entwicklung von Computerspielen als Medium.'"

Außerdem: Marion Löhndorf hat sich das mit einigem Aufwand neu gestaltete Magazin Tate der gleichnamigen englischen Museen angesehen und ist nicht allzu beeindruckt: "Nichts hat Bedeutung, außer der Bedeutung, die man ihm gibt." Brigitte Werneburg schreibt schließlich zum Tod des Mode- und Prominentenfotografen Herb Ritts (ein paar Bilder), der am Donnerstag im Alter von 50 Jahren gestorben ist.

Auf der Medienseite zeichnet Ekaterina Baliaeva die erregte Debatte nach, die Barbara Lehmanns im Sommer in der Zeit abgedruckten Impressionen einer Russlandreise unter den Lesern ausgelöst haben.

Eine einsame Besprechung widmet sich dem Science-Fiction-Roman "Perdido Street Station" des britischen Schriftstellers China Mieville.

Im tazmag unterhält sich Nike Breyer gut und lang mit dem Filmproduzenten Thomas Schühly (Porträt) über seine Pläne mit Umberto Ecos Baudolino, den Neid auf Francis Ford Coppola und die besondere Beziehung der Deutschen zum Wort. "Ich fahre ja viel in der Weltgeschichte rum und schau mir Kunst an, Architektur. Aber letztlich ist es das Wort. Ich lese viel. Ich werd nie Italiener sein. Die Italiener sind Augenmenschen. Meine Frau ist Italienerin. Die besten Kameraleute sind Italiener, die besten Maler. Das hat mit dem Wetter zu tun und diesem und jenem. Hierzulande ist, sagen wir mal, eher der Kopf da, die Reise im Hirn."

Weiteres: Henning Kober hat Niyi begleitet, der mit seiner Gauche-Chic-Bewegung (mehr hier) versucht, eine Party in London zu etablieren und sich damit einen Namen in der hartumkämpften Kunstszene der englischen Metropole zu machen. Die Filmemacherin und Feministin Helke Sander deckt auf, dass in der angeblich so frauenspezifischen Frauen- und Familienpolitik der rot-grünen Regierung doch wieder nur die alte Männerperspektive dominiert. Cornelia Kurth beschreibt die Schwierigkeiten, sich eine Schweinsblase mit Harnröhrenfortsatz für das traditionelle Rummelpottlaufen zu besorgen.
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FR, 28.12.2002

Seyla Benhabib (mehr hier), Professorin für Politische Wissenschaften und Philosophie an der Yale University, zeigt sich konsterniert von der Entscheidung der EU, den Beitritt der Türkei auf absehbare Zeit zu verschieben. Die Türkei befinde sich an einem Scheideweg, mahnt sie, und die Ablehnung werde ein Land von Europa trennen, das eigentlich schon immer dazugehört hat. "Ich denke hier an meine Vorfahren, sephardische Juden aus Spanien, denen das Osmanische Reich Zuflucht bot, als sie nach 1492 von der katholischen Inquisition verfolgt wurden. Die Osmanen, die 1453 Konstantinopel erobert hatten, luden die spanischen Juden in ihr Reich ein. Und sie kamen; über fünfhundert Jahre lang lebten sie nach ihren eigenen Traditionen und ihrem eigenen Glauben und fungierten als Mittler zwischen Europa und dem Osmanischen Reich. Mein Großvater, Untertan dieses Reiches und ein Seidenhändler, der zwischen Frankreich und der Türkei und mittels seiner Cousins auch mit Manchester Handel trieb, wäre sehr überrascht gewesen über die Entscheidung der EU, Europa am Bosporus enden zu lassen."

Weiteres: Ursula März erinnert sich an ihre Kinderbücher, an Astrid Lindgren und Karlsson vom Dach, den sie auf seine agitatorischen Fähigkeiten abklopft. Renee Zucker schildert in der Zimt-Kolumne seine Verdauungsprobleme angesichts des festtäglichen Fernsehprogramms. Ulf Erdmann Ziegler verabschiedet den Fotografen Herb Ritts (ein paar Bilder), den "Liebhaber des gestählten Körpers", der mit 50 Jahren gestorben ist. Christian Schlüter kommentiert die Geburt des angeblich ersten geklonten Menschen am zweiten Weihnachtsfeiertag. Gemeldet wird der Tod des Blues-Musikers "Big Lucky" Carter und die Eröffnung eines modernen Konzertzentrums in Moskau.

Auf der Literaturseite kündigt Christian Wiese die im Frühjahr erscheinenden Memoiren des bisher vor allem als Philosophen bekannten Hans Jonas an, der aber auch die Juden zum "bellum judaicum" gegen die Nationalsozialisten aufrief.

Auf der Medienseite wettert Jürgen Roth als erklärter Bierliebhaber gegen das unsägliche Magazin biercult, das ihm so "überflüssig wie ein Bierkropf" erscheint.

Besprochen werden die Ausstellung über das Wesen des Unfalls von Paul Virilio in Paris und Bücher, darunter Gerhard Henschels Doku-Briefroman "Die Liebenden", Navid Kermanis Ode "Das Buch der von Neil Young Getöteten" und Hartwin Brandts Untersuchung über das Alter in der Antike (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).

Im Magazin: Petra Mies und Ulla Schickling haben sich mit dem hundertjährigen Künstler Woldemar Winkler am Kamin unterhalten, über die vergangenen hundert Jahre zum Beispiel. Und die goldenen Zwanziger, den Blauen Reiter, Kokoschka und Schwitters. "So golden waren die Zeiten nie. Paul Klee hatte in Dresden bei dem bekannten Fotografen und Galeristen Erfurt seine erste Ausstellung. Ein briefbogengroßes Aquarell war besonders schön, ich hätte es gern gekauft. 50 Mark hätte ich zahlen müssen. Leider war es mir nicht möglich. Die wenigen Mark, die ich hatte, langten in den wirtschaftlichen Notjahren schon nicht, um mich satt zu essen. Die goldenen 20er Jahre hatten nur für Wucherer ihren Glanz."

Ansonsten: Wolfram Görlach Montembaul hat eine Skulptur erschaffen und erzählt von seiner Reise quer durch Deutschland, diese an den Mann respektive die Gallerie zu bringen. Volker Schmidt hat die angeblich so klammen Rentner beim Prassen und Schlemmen beobachtet. Ole Helmhausen stellt uns den kanadischen Indianer Matthew Owl vor, der Manitoulin Island und sein Volk mit sanftem Tourismus aus Dritte-Welt-Verhältnissen befreien will. Ariane Bertsch berichtet schließlich von der iranischen Stör-Mafia und dem voraussehbaren Aussterben des großen Fisches und dem Ende einer Delikatesse.

SZ, 28.12.2002

Der Volkswirtschaftler Gert C. Wagner beruhigt all jene, die in Deutschland einen kalten Thatcherismus aufziehen sehen. Anstelle des radikalen Abbaus von Sozialleistungen redet er einem sozialgebundenen Wettbewerb das Wort, mit dem der hohe Standard des deutschen Gesundheitssystems auch in Zukunft gehalten werden kann. "Zwar ist es richtig, dass der Wunsch, sich heilen zu lassen, im Prinzip uferlose Kosten verursachen kann. Aber davon sind wir noch weit entfernt. 15 oder auch 20 Prozent des Sozialprodukts, die für das Gesundheitswesen ausgegeben werden, sind volkswirtschaftlich tragbar. Es ist auch durchaus möglich, dass neuartige Medikamente die Kosten der Medizin für lange Zeit drastisch senken werden. Vorerst brauchen wir uns über Rationierung keine Sorgen zu machen, sondern sollten dafür sorgen, dass im Rahmen des bestehenden Gesundheitssystems weniger Mittel verschwendet werden, indem wir zielgerichtet auf mehr Wettbewerb setzen."

Weiteres: Jürgen Berger hat sich mit dem äußerst produktiven Theaterregisseur Armin Petras über die neue Ernsthaftigkeit sowie seine Vorliebe für die DDR-Jugend unterhalten. Bernd Feuchtner kann sich nach der Walküre beim Opernfestival im brasilianischen Manaus auch gut den Ring am Amazonas vorstellen. Jeanne Rubner verabschiedet Hessen als Experimentierfeld linksliberaler Bildungspoltik. "ijo" sieht in dem von der Rael-Sekte angekündigten ersten Klon-Baby eine Herausforderung für Amerikas Lehrpläne. Holger Liebs gratuliert der Neuen Pinakothek der Moderne überschwenglich zu ihren glänzenden Besucherzahlen. Fritz Göttler sagt dem verstorbenen Fotografen Herb Ritts Lebewohl, dessen Fotos (Beispiele) "reine Artistik" sind. Andrian Kreye ist guten Mutes, dass der Politologe Ashutosh Varshney in seiner groß angelegten Studie den Ursachen der ethnischen Gewalt ein gutes Stück näher gekommen ist. Dieter Wulf beschreibt den Wandel des Aspen Instituts (hier der deutsche Ableger) vom traditionsreich behäbigen Debattierclub zur "glitzernden Event-Agentur". Florian Coulmas schildert die ehrgeizige Vermittlungsarbeit des neuen Staatlichen Museums für entstehende Wissenschaft und Innovation in Tokio. Ingo Petz berichtet vom neuen musikalischen Selbstbewusstsein der Neuseeländer, das dem internationalen Erfolg einheimischer Bands wie "The Haven" entspringt. Gemeldet wird die Schließung von 3300 Internet-Cafes in China.

Auf der Medienseite erzählt Bernd Gäbler, wie der Ereignissender Vox von einem Modell für ein besseres Fernsehen zum Programmkarussell wurde.

Besprochen werden Juan Jose Campanellas argentinische Kinokrisenkomödie "Der Sohn der Braut", Thomas Bernhards Drama "Ein Fest für Boris" am Berliner Ensemble, Shakespeares von Christian Tschirner und Christian Weise inszenierten Spätwerk "Der Sturm" am Schauspiel Köln, und Bücher, darunter Oliver Beers Bildband des Architekturfotografen Lucien Herve, Erich Hackls Erzählung "Die Hochzeit von Auschwitz" und Christian August Vulpius' neu aufgelegtes "Glossarium für das Achtzehnte Jahrhundert" (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).

In der SZ am Wochenende grübelt Robin Detje, ob 2003 wirklich das Jahr des Bösen wird. Nachdem er Baudelaire gelesen hat, mahnt er zu einem vorsichtigerem Umgang mit dem Etikett Böse. "Die Mystifizierung der Realpolitik erzeugt nichts als Dummheit, zum Beispiel den saublöden deutschen Antiamerikanismus. Zum Abschluss unser großer Test. Haben Sie auch alles richtig verstanden? Dann los: Wo findet sich das Böse? a) im Kino; b) in Bagdad und Washington; c) in Ihnen selbst, und das ist auch gut so. Auflösung in der nächsten Woche."

Nicholson Baker (mehr hier) kann nur jedem empfehlen, wie er Sätze von anderen abzuschreiben. "Es gibt viel Gutes zu gewinnen, wenn man die Handschrift eines anderen Kopfes kopiert, wenn man in Zungen kritzelt. Eine Reihe von längst vergessenen Schreibimpulsen mit dem eigenen, ganz und gar zeitgenössischen Stift nachzuzeichnen, beruhigt und befriedet, wenn es im richtigen Geist getan wird, mehr aus dem Bedürfnis heraus, diese vergnügliche Gegenwart zu erhalten, als aus dem Bewusstsein autodidaktischer Pflicht - und die Technik wirkt, selbst wenn man nur zögerlich beginnt, voller Zweifel, ja geplagt von Sorgen angesichts der vielen drängenden akademischen Buchprojekte."

Außerdem: Klaus Podak hat uns ein philosophisches Patchwork genäht, mit dem wir das neue Jahr überstehen sollten. Stefan Meyr spürt der Entstehungsgeschichte des legendären Silvestersketches "Dinner for One" nach. Und Jürgen Neffe plaudert mit Christo und Jeanne-Claude (Homepage der beiden) über das Reisen.