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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2002. Die FAZ berichtet über Schadenersatzklagen gegen ehemalige Sklavenhalterfirmen in den USA. Die NZZ lässt noch einmal den Fall Wilkomirski Revue passieren. In der FR schreibt Barbara Ehrenreich über den "Krieg gegen den Terror". Die taz schildert den Skandal um Gerhard Haderers "Leben Jesu". In der SZ erklärt Richard Chaim Schneider, warum die europäischen Juden auf der Seite von Ariel Scharon stehen.

FAZ, 05.04.2002

In den USA werden jetzt Klagen gegen ehemalige Sklavenhalterfirmen eingereicht. Bei der ersten Klage geht es um Schadenersatzforderungen von anderthalb Milliarden Dollar, und es sollen weitere folgen. Heinrich Wefing gibt ihnen keine Chance: "Aber der juristische Aberwitz des Unterfangens ist nur die eine Seite. Die andere ist die gesellschaftliche Brisanz des Prozesses... Das jetzt angestrengte Verfahren, so bizarr es auch sein mag, führt umstandslos und direkt in die Abgründe des amerikanischen Traumas: zum Urübel der Sklaverei. Nichts spaltet die Vereinigten Staaten tiefer, nichts gefährdet ihre Zukunft ernster als die ungelöste Rassenfrage, mag der Konflikt dieser Tage auch mit dicken Schichten patriotischen Kleisters zugeschmiert sein. An ebendiese Wunde rührt die Klage mit kältester Berechnung. Das macht ihre Bedeutung und ihr Risiko aus."

Im Ruhrgebiet wird ernstlich über eine politische Neugliederung diskutiert, wundert sich Andreas Rossmann: "Dass sich die Stadtbauräte von Duisburg, Mülheim, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Bochum und Dortmund zusammensetzen, um ein gemeinsames Leitbild der Region zu formulieren und deren Entwicklungspotentiale zu bestimmen, ist nach Jahrzehnten einer ruinösen Konkurrenz um Arbeitsplätze, Investitionen und Lebensqualität an sich schon ein Tabubruch."

Weiteres: Peter Körte erzählt die Geschichte von Jean-Luc Godards Film "King Lear", der 14 Jahre nach seiner Entstehung in die Kinos kommt (hierzu gibt es auch ein Dossier im NouvelObs). Christian Geyer beschreibt, wie die CDU im Wahlkampf das Bild eines kantigen und naturverbundenen Stoiber gegen den künstlichen Schröder setzen will, glaubt aber nicht an den Erfolg dieser Kampagne. Eva Menasse gratuliert dem Schriftsteller Bora Cosic zum Siebzigsten. Ilona Lehnart kommentiert neueste Sparbeschlüsse des Berliner Kultursenats, die offensichtlich immer nur kleinere Einrichtungen betreffen. Von Ingolf Kern erfahren wir zugleich, dass Kultursenator Thomas Flierl das Spiel seiner Vorgänger beherrscht und offene Rechnungen für die Museumsinsel und anderes an Julian Nida-Rümelin weiterreicht, der in Wahlkampfzeiten erstaunlich mild reagiert. Siegfried Stadler berichtet über kulturelle Pläne für zwei leerstehende Kaufhäuser in Chemnitz. Uwe Ullrich berichtet Neues über die marode Villa des kurfürstlichen Hofjuweliers Johann Melchior Dinglinger in der Sächsischen Schweiz, die nun wohl renoviert werden soll. Andreas Kilb gratuliert Peter Greenaway zum Sechzigsten. Hanjakob Stehle erinnert in einem langen Hintergrundartikel an eine Reise des Theologen Marcel Reding nach Moskau im Jahr 1955, die Gerüchte über eine Koexistenzwilligkeit der katholischen Kirche aufbrachte.

Auf der Medienseite beschreibt Michael Hanfeld, wie die Medienpolitiker der SPD aus der drohenden Kirch-Insolvenz Kapital schlagen wollen. Und Jörg Bremer erzählt in einem interessanten Hintergundbericht, dass journalistische Arbeit im Nahen Osten kaum mehr möglich ist - man ist durch die Sperrung des besetzten Gebiete entweder auf Informationen der israelischen Armee oder auf palästinensische Gerüchte angewiesen, und beiden mag man kaum trauen. Besprochen wird hier der Fernsehfilm "Verlorenes Land" von Jo Baier, der heute Abend auf Arte läuft.

Auf der letzten Seite erfahren wir von Christian Geinitz, dass die Love Parade in Mexiko City ähnliche Probleme mit der Stadtveraltung hat wie in Berlin (und dass das Goethe-Institut einen großen Teil ihrer Kosten trägt!) Der japanische Architekt Arata Isozaki hat den Wettbewerb für den neuen Ausgang der Uffizien gewonnen, berichtet Achim Bahnen, und Berlusconis Staatssekretär für Kultur Vittorio Sgarbi tönt: "Was weiß denn ein japanischer Architekt schon von Florenz? Da weiß sogar ich mehr von Tibet." Und Renate Klett besucht die Theaterfestivals von Bogota und Caracas (wo ein sehr aufmerksames Publikum den "Arturo Ui" der Berliner Ensembles mit Martin Wuttke durch Standing ovations feierte).

Besprochen werden eine eine Theodore-Chasseriau-Ausstellung im Pariser Grand Palais, eine Kees van Dongen-Ausstellung in der Fondation Gianadda in Martigny und ein dem Komponisten Isang Yun gewidmetes Festival in der südkoreanischen Hafenstadt Tonyeong.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um Bearbeitungen klassischer Musik für die Gitarre, aber auch für das Xylophon, und letztere nennt Michael Gassmann Xylophon"berückend schön", um Filmmusik von Nino Rota, um den Pianisten Stefan Litwin, um die Pet Shop Boys, um die Bluesmundharmonika von Charlie Musselwhite, um den Produzenten und DJ Philipp Maiburg und um Lieder der vergessenen Komponistin Cecile Chaminade, die von Anne Sofie von Otter vorgetragen werden.

NZZ, 05.04.2002

Stefan Mächler gehört zu den Forschern, die die Lebenserinnerungen des angeblichen Binjamin Wilkomirski, die seinerzeit von Suhrkamp herausgegeben wurden, als Fälschung entlarvten. In einem kleinen Text lässt Mächler die positive Aufnahme dieser Memoiren durch die Öffentlichkeit und die Wissenschaft noch einmal Revue passieren und weist dabei auch auf folgende pikante Kleinigkeit hin: "In der Öffentlichkeit wurden Zweifel an der Echtheit der Erinnerungen erstmals im März 1998 geäußert. Sie fanden allerdings kaum Beachtung, da es sich nur um eine Besprechung auf der Website der Online-Buchhandlung Amazon handelte." Die wird halt vom Feuilleton nicht gelesen!

Hakeem Jimo berichtet von der documenta-Plattform in Lagos: "Es begann, wie so oft in der Kunst, mit einem Missverständnis. Nigerianische Maler, Bildhauer und Literaten standen schon Schlange und warteten auf ihr großes Los. Dann mussten sie erfahren, dass die Vorkonferenz der elften Documenta keine Möglichkeiten zum Präsentieren der eigenen Werke bietet. Stattdessen nahm sich die Plattform 4 eines sozialen Themas an, wie auch schon die drei vorherigen Konferenzen in Wien, Delhi und St. Lucia: 'Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte, Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos.'"

Weiteres: Andreas Breitenstein gratuliert Bora Cosic zum Siebzigsten. Matthias Wegner erzählt die Geschichte der Rettung der Hamburger Kammerspiele durch einen Hamburger Kaufmann Besprochen wird eine Le-Corbusier-Ausstellung in der Villa Langmatt, Baden.

Auf der Filmseite stellt Lutz Nitsche die Internetadresse von David Lynch vor. Ferner geht's um den Film "Je rentre a la maison" von Manoel de Oliveira, um Britney Spears im Kino und um den Film "Verhör und Tod in Winterthur" von Richard Dindo.

FR, 05.04.2002

In der FR äußert sich die US-amerikanische Sozialethnologin und Verfasserin der Studie "Arbeit poor - Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft" Barbara Ehrenreich zum "Krieg gegen den Terror" und zu ihrer Enttäuschung darüber, dass von einem "neuen Zusammengehörigkeitsgefühl" nach dem 11. September und einem neuen Bewusstsein für die Probleme sozial schwächer Gestellter wenig zu spüren ist. "Wie sich zeigt, hört diese Art der Solidarität auf, sobald es um Forderungen nach verbesserten Arbeitsbedingungen oder nach mehr Geld für die Armen geht. Der amerikanische Patriotismus hat mehr mit Sport als mit irgend etwas anderem zu tun. Es ist wie beim Super-Bowl: Bloß weil zwei für dieselbe Mannschaft pfeifen, wird der eine dem anderen nicht beim Bezahlen der Miete helfen."

Andere Artikel: Dirk Fuhrig berichtet vom Streit um eine Ausstellung über jüdische Folklore und Klischees über das Judentum in Fürth. Simone Meier erklärt uns die neueste Staatsaffäre der Schweiz (der Schweizer Botschafter in Berlin hatte womöglich eine "mystere nocturne" mit einer Brünetten), und Karin Ceballos Betancur liefert Eindrücke aus Mar del Plata, Argentinien, wo auch nicht mehr alles so ist, wie es mal war.

Besprochen werden: eine Schau mit naiver Kunst aus zwanzig Ländern in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim und Ivan Stanevs Stück "Villa dei Misteri", das zuletzt im Forum Freies Theater in Düsseldorf zu sehen war.
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TAZ, 05.04.2002

Wolfgang Paterno berichtet von einem skurrilen Buchskandal in Österreich. Es geht um den launisch gemachten Bild-Text-Band 'Das Leben des Jesus' des Linzer Zeichners Gerhard Haderer. "Jesus erscheint darin nicht als ans Kreuz genagelter Schmerzensmann mit heiliger Mission, sondern als milde bekiffter Altachtundsechziger mit fettem und strähnigem Haar, dessen Wunder sich nicht göttlicher Fügung, sondern der berauschenden Wirkung von Weihrauchschwaden verdanken. Der Gang über den See ist eine gut gelaunte Surferveranstaltung, die wundersame Fischvermehrung ein Bootsunglück, das letzte Abendmahl ein rauschendes Fest." Klingt doch ganz nett. Die katholische Kirche aber und (natürlich) die Kronenzeitung schlagen Blasphemiealarm. Stündlich, so weiß Paterno, erwarte der Autor, dass jemand vor seiner Tür "einen Haufen Mist" ablade. In Österreich ein probates Mittel, seinem Zorn Ausdruck zu geben. Bilder und mehr Infos finden Sie hier.

Ausserdem: Gerrit Bartels stellt Neil Youngs neues Album "Are You Passionate" vor. Thomas Burkhalter klärt auf über die versteckten politischen Botschaft auf dem aktuellen Cornershop-Album "Handcream For A Generation", Erhard Schütz bespricht das Buch "Der Fliegerblick" des Historikers Detlef Siegfried, das die Geschichte der Junkers Flugzeugwerke in Dessau in den 20ern erzählt (siehe unsere Bücherschau um 14 Uhr), und Arno Frank liefert Notizen von einer Audienz mit den Pet Shop Boys und findet das neue Album "Release" zumindest vom Gestus her wie gewohnt.

Zum Schluss TOM.

SZ, 05.04.2002

In einem Artikel erklärt Richard Chaim Schneider den "keineswegs selbstverständlichen" Schulterschluss europäisch-jüdischer Organisationen mit der Politik Scharons: "Da ist zunächst die tiefe Enttäuschung über Arafat, der die einmalige Chance eines endgültigen Friedens mit absurden Forderungen wie dem Rückkehranspruch der palästinensischen Flüchtlinge ins Kernland Israels sabotierte und immer offensichtlicher Terror als politisches Mittel toleriert. Da ist natürlich auch die Wut, die, ähnlich wie in Israel, eine psychologisch verständliche Reaktion des Zurückschlagens als ultima ratio herausfordert, da Verhandlungen mit den Palästinensern - so die jüdische Lesart - längst nichts mehr bringen und sinnlos geworden sind. Schließlich aber, und das ist für europäische Juden vielleicht der entscheidende Punkt, da er im eigenen Alltagsleben erfahrbar ist: die überwiegend pro-palästinensische Einstellung und auch Politik Europas. Unerwartet empfindet man sich aufgrund dieser Wahrnehmung in einem gemeinsamen Kampf mit Israel verfangen."

In der Rubrik "Noten und Notizen" holt Claus Koch aus zur Zivilisationskritik. Er erklärt die Fettsucht zum Ausdruck einer korrupten Zivilisationsform ("Die Gesellschaft zahlt ihre eigene Hilflosigkeit den befallenen Individuen heim, die sie für willensschwach und disziplinlos erklärt") und geißelt das "Welt-Hurenhaus, in dem wir Heutigen leben müssen".

Weiteres: Kirsten Einfeldt sagt, was die Honoratioren Mexico Citys an der "Loveparade" zu mäkeln haben und sieht das Gelingen des Technoevents als Prüfstein für den neuen demokratischen Geist der Stadt. Sonja Zekri beleuchtet einen Präzedenzfall: Heute entscheidet die Duma über die Rückgabe der Frankfurter Beutekunst-Fenster. Jens Bisky erzählt, wie Berlin jetzt seine drei kleinen Kunsthochschulen schröpft. Eva-Elisabeth Fischer gratuliert Anne Teresa De Keersmäker (mehr hier) zum 20-jährigen Bühnenjubiläum als Choreografin. Burcu Dogramaci dokumentiert den Boom der dokumentarischen Fotografie anhand der Becher-Schüler Andreas Gursky, Axel Hütte, Candida Höfer und Thomas Struth. Fritz Güttler schreibt zum Tod des Schauspielers Heinz Drache (mehr hier). Wolfgang Essbach verabschiedet den Soziologen Heinrich Popitz (mehr hier). Und in der Reihe zur Zukunft der Schule plädiert Albrecht Beutelspacher (mehr hier), Professor für Mathematik an der Justus-Liebig-Universität Gießen für eine Mathematik als Abenteuer.

Und besprochen werden: Jacques Perrins berauschender Dokumentarfilm "Nomaden der Lüfte", Philippe Büsmans? Shakespeare-Adaption "Das Wintermärchen" an der Nürnberger Oper und Bücher, darunter des Niederländers Rascha Pepers Roman "Das Mädchen, das vom Himmel fiel" (auch in unserer Bücherschau um 14 Uhr).