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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.01.2002. Hat mit dem 11. September ein neues Zeitalter begonnen? Peter Nadas stellt sich in der NZZ diese Frage, und er fragt sich auch, wie der Westen reagieren sollte. Schorsch Kamerun von den "Goldenen Zitronen" gratuliert den "Toten Hosen" in der Süddeutschen Zeitung zum zwanzigsten Geburtstag.

NZZ, 26.01.2002

Uwe Justus Wenzel schreibt zum Tod des Philosophen Robert Nozick. Marc Zitzmann fasst französische Stimmen zum Tode Bourdieus zusammen (was wir in unserem Link des Tages ja auch taten). Und sonst überwiegen die Besprechungen. Es geht um die Dresdner Ausstellungen zur Geschichte der Sexualität (mehr hier), um die offenbar sehr interessante Ausstellung "The Spanisch Civil War: Dreams and Nightmares" im Londoner Imperial War Museum, die das Engagement von Künstlern und Intellektuellen in den Vordergrund stellt, um das Bejazz-Winterfestival Bern, um eine Ausstellung über den Architekten Thomas Herzog in Frankfurt und um Bücher, darunter Doris Lessings neuen Roman "Mara und Dann" (siehe unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

In Literatur und Kunst (Inhalt) stellt Angelika Overath posthum herausgegebene Prosa und Gedichte der Kärntner Lyrikerin Christine Lavant vor. Sehr schön schildert sie die Landschaft, in der Lavant aufwuchs:Ö "Das Lavanttal ist ein Apfeltal. Auf Streuobstwiesen wachsen krüppelig, grazil oder mächtig himmelgreifend museale Baumindividuen, die es sonst kaum noch gibt. Sie tragen den gelbfleischigen Lavanttaler Bananenapfel, den Kronprinz Rudolf und den bräunlichen Lederapfel, die innen rötliche Ilzer Rose und die Schafsnase wie den Ponapfel, beides Winteräpfel, die gut bis ins späte Frühjahr halten."

Hat mit dem 11. September ein neues Zeitalter begonnen? Peter Nadas stellt sich diese Frage, und er fragt sich auch, wie der Westen reagieren sollte: "In einem ersten Schritt wäre es vielleicht am günstigsten, den Autohandel zu verbieten. Wäre ich der Diktator der Welt, ich würde es tun. Die Ölkäufe in den arabischen Staaten wären zu stoppen. Fast gleichzeitig damit würde der Autoverkehr zusammenbrechen, und so weiter. Sogleich würde sich zeigen, ob die islamische Welt mit ihrem eigenen zivilisatorischen Niveau auf sich allein gestellt Bestand hätte."

Ferner finden wir einen Essay von Urlich M. Schmid über Tschechow-Neuerscheinungen, die das Bild des Dichters erweitern, Thomas Leuchtenmüller schreibt zum 100. Geburtstag des schwarzamerikanischen Dichters Langston Hughes. Angela Schader widmet sich den Romantrilogien des somalischen Autors Nuruddin Farah. Martin Meyer denkt über Handkes "Bildverlust" nach, und Ilma Rakusa bespricht Alexander Grins "Purpursegel".

SZ, 26.01.2002

Die SZ ist heute morgen mal wieder nicht im Netz (ist das ein Fall von Samstags nie?) Darum der Inhalt des Feuilletons mal wieder nur in aller Kürze:

Sonja Zekri schreibt in einer schönen Mischung aus Neid und Bewunderung über die Finnen, die in der Pisa-Studie so gut abgeschnitten haben. Franziska Augstein porträtiert den Innenminister Otto Schily als Rüpel, der seine Mitarbeiter zusammenschreit - woher Augstein diese Information bezieht, erfährt man leider nicht. In der Debatte um die Novelle des Hochschulrahmengesetzes meldet sich nach vielfacher Kritik nur Bundesministerin Edelgard Bulmahn zu Wort.

Weitere Artikel: Gustav Seibt war bei der Lesung von Jonathan Franzen in Berlin. Christian Jostmann berichtet über ein Kolloquium zum Tod Kaisers Otto III. in München. Gottfried Knapp berichtet, dass Potsdam den Turm der gesprengten Garnisonkirche wieder aufbauen will. Schorsch Kamerun von den "Goldenen Zitronen" gratuliert den "Toten Hosen" zum zwanzigsten Geburtstag. Thomas Steinfeld gratuliert Werner Ross zum neunzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Tim Blake Nelsons Film "O", eine Ausstellung von Kara Walker im Mannheimer Kunstverein, eine Aufführung von Puccinis "Turandot" in Las Palmas mit neuem Finale, "Hoffmanns Erzählungen" an der Deutschen Oper Berlin, Johann Kresniks letzte Inszenierung für die Volkbühne und Bücher, darunter Christine Lavants "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus" (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

In der SZ am Wochenende liefert Ernst Burger eine Hommage an den "wohl besten Jazz-Pianisten aller Zeiten: Art Tatum.

FR, 26.01.2002

In der FR schildert Natan Sznaider den Alltag im Nahen Osten als verkehrte Welt: "Die Hamas hat den totalen Krieg erklärt (hatten wir vorher Ringelpietz mit Anfassen?) ... Ein ganzes Land spielt die neue Variante des 'Catch 22', wo man sich einer Selbstmordaktion nur durch Geistesgestörtheit entziehen konnte, aber zugleich klar war, dass man, wenn man sich einer Selbstmordaktion entziehen will, nicht geistesgestört sein darf." Einen Ausweg sieht Sznaider einzig in einer "massiven Intervention" von außen. "Wie bei anderen Konflikten auch kann nur noch mehr Druck und noch mehr Einmischung zu einem Prozess beitragen, der langsam auch in Zypern, Irland und sogar in Kaschmir beginnt."

Hannelore Schlaffer indessen kümmert sich um weniger Dramatisches, oder vielmehr um Dramatisches in einem sehr anderen Sinn, indem sie uns die Kleider Yves Saint Laurents als "Masken für ein Rollenspiel" entdeckt, "bei dem man dem Alltag etwas Besseres vormacht". Zum Beispiel mit einer "weit überm Knie endenden, giftgrünen Fuchsjacke mit extrem gepolsterten Schultern, zu der das Mannequin schwarze Keilschuhe mit einer knallroten Blume an der einen Fessel trug". Eine Komposition, die 1971 noch schockieren konnte "durch die Opposition des völlig vom Pelz verborgenen Frauenkörpers und die nackten Beine auf den sadistisch wirkenden Keilschuhen, durch die obszöne Kürze des Mantels und die schwermütige Sehnsucht des roten Mohns, durch die Unvereinbarkeit von Pelz, Leder und seidigen Blütenblättern".

Weiteres: Dirk Fuhrig verkündet, dass die Novelle des Urhebervertragsrechtes jetzt beschlossene Sache ist. Frank Keil dokumentiert den ersten Auftritt von Hamburgs neuer Kultursenatorin Dana Horakovas. Martina Meister moniert, dass die Berliner Topographie des Terrors nicht zur Bundessache wird.
 
Navid Kermani schreibt über die Sehnsucht nach der Totalästhetik von Kücheneinrichtungen. Michael Rutschky testet das savoir vivre in einer Pariser Bar, und Feridun Zaimoglu liefert Eindrücke aus dem ersten Jahr im 21. Jahrhundert nebst Gedanken über die Leiden des Privatiers.

Besprochen werden des weggesparten Johann Kresniks letzte Tat an der Berliner Volksbühne: "Picasso", "Hoffmanns Erzählungen" an der Deutschen Oper Berlin, Roland Schimmelpfennigs "Arabische Nacht" in Köln, die jüngste "Partnerschaften"-Schau der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin, diesmal mit Arbeiten von Jochen Klein und Wolfgang Tillmans. Sowie Lektüre, u.a. der "neue, große und anstrengende" Roman von Peter Handke (auch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

Im FR-Magazin äußert sich der amerikanische Erfolgsautor John Irving betont vorsichtig zur Politik seines Landes, um "nicht gegenüber Ausländern ein zu vehementer Kritiker der USA" zu sein, bläst dann aber doch gehörig die Backen auf: Wenn Leute dich umbringen wollen, meint Irving, töte sie zuerst. "Wenn man in Paris einen Typ an Bord eines Flugzeuges lässt, der eine Bombe im Schuh versteckt, dann, verdammt, ändert das Gesetz. Behandelt ihn nicht wie einen gewöhnlichen Verbrecher, tötet ihn."
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TAZ, 26.01.2002

Den fix kompilierten Nachrufen auf Geistesgrößen folgen die tiefergehenden Beiträge zu Person und Werk in der Regel nach einigen Tagen. So auch im Fall Pierre Bourdieus, dessen unumgehbares Dilemma zu explizieren, Armin Nassehi antritt: "Die Soziologie - das lässt sich aus Bourdieus Soziologie der Soziologie lernen - fügt sich exakt denselben Mechanismen, die sie auch bei ihrem Gegenstand aufdeckt. Der soziologischen Selbstbeschreibung der Gesellschaft bleibt dann, will sie ihre eigenen Erkenntnisse nicht gleich wieder verleugnen, nichts anderes als der autologische Rekurs auf sich selbst - und: Ernüchterung. Diese Ernüchterung dürfte in erster Linie eine Selbsternüchterung sein: Die soziologische Selbstbeschreibung erkennt - bisweilen ziemlich verkatert - an sich selbst, dass sie nichts anderes ist als dies: eine Selbstbeschreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft. Und sie kann an sich lernen, dass von Gesellschaft zu reden in erster Linie heißt, von Gesellschaft zu reden."

Weiteres: Tobi Müller erörtert die Finanz- und Publikumskrise in Marthalers Schauspielhaus Zürich, Brigitte Werneburg erklärt, wie das Kabinett bei der Gründung der Bundeskulturstiftung die Frage einer gesamtstaatlichen Kulturpolitik umgeht, und Esther Slevogt stellt fest, wie schwer es fällt, Claus Peymann ernst zu nehmen, der sich selbst für einen B. Z.-Kulturpreis nicht zu schade ist.

Die Themen des Tages haben heute viel zu bieten: Angesichts der anstehenden Entscheidung im Streit um den Import embryonaler Stammzellen fordert der Molekularbiologe Jens Reich ein Moratorium (hier das Interview), Heide Oestreich gratuliert Alice Schwarzers feministischem Boulevardmagazin "Emma" zum 25-jährigen Bestehen und kürt zugleich die taz "als linkes Spontiblatt" neben den "Männermedien" zu "Emmas" zweiter Hauptfeindin. Und, last not least, gibt es einen Vorabdruck aus dem Buch "Die verbotene Wahrheit - Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden" von Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquie, das am 30. Januar bei uns in den Handel kommt.

Im tazmag stellt Fahimeh Farsaie Filmemacherinnen aus dem Iran vor (hier), der Historiker Bernd Greiner erklärt, inwiefern New York nach dem 11. September zu sich selbst gefunden hat, und Annette Eckert erzählt von einem Besuch bei der Menschenrechtlerin und Künstlerin Kate Millett auf ihrer Farm in Poughkeepsie bei New York im vergangenen September.

Schließlich Tom.

FAZ, 26.01.2002

Das Ruhrgebiet möchte sich in letzter Zeit gern als Kulturmetropole darstellen. Andreas Rossmann, der ein Kolloquium der Kulturpolitiker aus der Gegend resümiert, rückt die Verhältnisse mit ein paar Zahlen gerade: "So brachten alle Städte des Reviers 1998 für Museen, Sammlungen und Ausstellungen mit 31,7 Millionen Euro nur gut zwei Drittel der Subventionen von Frankfurt am Main (45,7 Millionen) auf. Oder: Essen, das 608 000 Einwohner zählt, mobilisiert für sein Theater jährlich 262 000, das etwas kleinere Stuttgart aber 515 000, das deutlich kleinere Dresden sogar 700 000 Besucher. In einem Ranking, das die Kulturausgaben von hundertneunzig deutschen Kommunen erfasst, liegen die Revierstädte durchweg im Mittelfeld, wobei Leipzig mehr als doppelt soviel für kulturelle Zwecke bereitstellt als Essen..." Gerard Mortier wird's richten.

Weiteres: Peter Jochen Winters stellt in einem kleinen, pünktlich zum Holocuast-Tag präsentierten Essay die Frage nach der Herkunft eines Wandgemäldes in Auschwitz-Birkenau, das sich ausgerechnet in der Baracke einer Strafkompanie befindet. Johan Schloemann hat einer offensichtlich extrem müden Bundestagsdebatte über die deutsche Sprache zugehört und stieß beim Blättern in einem Regierungspapier auf folgenden Satz: "Die Bundesregierung ist der Auffassung, daß die deutsche Sprache im Inland weithin akzeptiert wird." Felicitas von Lovenberg hat einer Lesung des amerikanischen Autors der Saison, Jonathan Franzen, in Berlin zugehört ("Die tiefe, sonore Stimme will zunächst nicht recht zu dem zweiundvierzigjährigen Mann mit den weichen Zügen passen") ? und sie spricht in so warmen Worten von seinem Roman "The Corrections", dass man mit Ungeduld auf die deutsche Übersetzung wartet. Der Sinologe Ole Döring bringt uns auf den Stand der Stammzellforschung in China. Achim Bahnen war dabei, als sich der Nationale Ethikrat vor der kommenden Debatte des Bundestags zur Stammzellforschung erstmals der Öffentlichkeit vorstellte.

Ferner berichtet Joachim Willeitner über neue Erkenntnisse über den Ketzerkönig Echnaton, nachdem in München seinen Sarg einer Computer-Tomographie unterzog. Patrick Bahners resümiert eine weitere Vorlesung über Fußball (diesmal von Jügen Möllemann) in der großen Reihe der Uni Bochum. Rudolf Schmitz durfte in Santa Lucia dem Kolloquium über die Creolite zuhören, das zu den Vorbereitungen der nächsten Documenta gehört ? Derek Walcott war auch da. Und noch ein Kolloquium, diesmal über Alexander Kluge und Oskar Negt in der Evangelischen Akademie Loccum. Titel der Veranstaltung, der Andreas Rosenfelder zuhören durfte: "Maßverhältnisse des Politischen - Öffentlichkeit und Erfahrung an der Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert". Paul Ingendaay schildert Streitigkeiten der Erben Camilio Jose Celas ? kaum dass der spanische Nobelpreisträger begraben wurde. In Carl Zuckmayers Geheimdienstkolumne geht es heute um den Schriftsteller Arnolt Bronnen. Matthias Oppermann erklärt uns, was der Holocaust-Gedenktag für Großbritannien bedeutet, wo er zum zweiten Male begangen wurde. .

Besprochen werden eine von der Bayerischen Zugspitzbahn auf dem Zugspitzplateau veranstaltete Ausstellung des Fotografen Axel Hütte, eine Ausstellung mit frühen Zeichnungen von Hieronymus Bosch im Berliner Kupferstichkabinett, Michael Apteds Film "Enigma", ein Ballett nach den "Brüdern Karamasow" in Essen und die letzte Premiere von Johann Kresnik an der Berliner Volksbühne.

Auf dem was einmal Bilder und Zeiten war, denkt ??? über die Geschichte der Philosophiekongresse und ihrer Bedeutung nach. ??? fragt in einem launigen Essay, ob sich Frankfurt nicht doch einen anderen Ehrentitel als "City of the Euro" hätte wählen sollen. In der Frankfurter Anthologie stellt ??? ein Gedicht von Georg Heym vor ? "Spitzköpfig kommt er . . ."

Spitzköpfig kommt er über die Dächer hoch
Und schleppt seine gelben Haare nach,
Der Zauberer, der still in die Himmelszimmer steigt
In vieler Gestirne gewundenem Blumenpfad.