Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2001.

NZZ, 23.08.2001

Roman Bucheli greift Marcel Reich-Ranickis Kritikerschelte aus dem Literarischen Quartett von letztem Freitag auf und fragt: "Ist Thomas Hürlimanns Novelle 'Fräulein Stark' untergründig antisemitisch, und hat die Literaturkritik versagt, weil sie nichts gemerkt hat?" Bucheli, einer der gescholtenen Kritiker, findet zwar, dass die jüdische Herkunft von Hürlimanns Protagonisten der "funktionalen Opportunität" entbehrt, will sich aber auf Reich-Ranickis Argumentation nicht einlassen: "Hat, wer dieser Genealogie weniger Gewicht beimisst und dabei eher an das in Hürlimanns Werk durchgehend wiederkehrende Katzenmotiv denkt, doch auch dies im gegebenen Kontext für nicht überaus belangvoll hält und also in seiner Rezension weder dies noch jenes erwähnt, in literaturkritischer Hinsicht versagt? Wir meinen, manches Buch habe mehr als nur eine Facette, und zumal dieses ist so verschlungen und vertrackt, dass es die Einbildungskraft der Leser nicht mit Eindeutigkeit erdrückt. Marcel Reich-Ranickis Betroffenheit in Ehren; aber das letzte Maß der Literaturkritik kann sie nicht sein." Wir haben zum Thema vorgestern einen Link des Tages gebracht, den wir heute in aktualisiert haben.

Thomas Hahn bereitet uns auf die Berner Tanztage vor und stellt fest, dass der HipHop sich zumal im französischen Tanztheater inzwischen fest etabliert hat: "HipHop ist weit mehr als Mode oder Protestkultur. Selbst Kritiker, die vor Jahren noch die Nase rümpften, sind inzwischen von der kreativen Qualität der Choreographen und Kompanien der ersten Generation (Black Blanc Beur), der dritten (Accrorap) und sogar der zweiten (Käfig) überzeugt. Und trotzdem: Noch ist es nicht so weit, dass der Kritiker eine Kompanie ohne das Attribut HipHop besprechen kann. Dabei gehören einige aus der Szene inzwischen zu den talentiertesten Bühnenregisseuren des Landes, alle Genres übergreifend."

Besprochen werden neben dem Stück "Der Fall der Götter" nach Luchino Visconti in Hallein CDs der Mundartrocker Züri West und von John Eliot Gardiner einige Bücher, darunter Peter Stamms Roman "Ungefähre Landschaft", Slavoj Zizeks Opus magnum "Die Tücke des Subjekts" und Erzählungen von Elke Heidenreich. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 23.08.2001

Andreas Bernard hat sich für uns am Telefon umgehört und eine interessante Entdeckung gemacht: Kein Mensch buchstabiert mehr fernmündlich, jedenfalls nicht korrekt: "Dass diese Hilfsvorrichtung langsam zum Anachronismus wird, zeigt am deutlichsten die Tatsache, dass sie so gut wie niemand mehr beherrscht. Wie versiert buchstabierte noch die Mutter in Telefonaten mit Behörden unsere Adresse: 'L wie Ludwig, I wie Ida, N wie Nordpol, D wie Dora, E wie Emil. ..'" Allerdings greife, so Bernard, wer immer heute noch seinen Namen auf offizielle Weise buchstabiere, fast ausnahmslos auf die von den Nazis korrigierte Buchstabierweise zurück und nicht auf die gültige Version von 1903 bis 1934 beziehungsweise von 1948 bis heute: "Man darf nicht vergessen ... dass es seit mehr als fünfzig Jahren wieder 'S wie Samuel' und 'Z wie Zacharias' heißen müsste." Statt Siegfried und Zeppelin.

Peter Richter freut sich auf ein Ende der Ära der großen Architekturprojekte in Berlin: "Von jetzt an zählt indes womöglich wieder mehr, was nicht passiert. Eben weil der wirkliche Bedarf gedeckt ist, droht sich das wildwütige Weiterbauen in seiner eigenen Symbolik festzufressen ? um schließlich als das dazustehen, was es immer schon war: das städtebauliche Einprügeln auf den vorherigen Zustand, besonders im Ostteil der Stadt." Es leben also die verbliebenen Voids, die Fehlstellen, das Widersprüchliche, Zerrissene, Offene!

Außerdem: Sonja Zekri besucht den einstigen Uranbergbau-Ort Schlema, der so gern ein Kurort wär. Und Fritz Göttler unternimmt einen Rückblick auf den ersten "Planet der Affen" ? eine Woche vor dem Start des großen Remakes und ? fleißig, fleißig ? präsentiert uns Adorno als überraschend gelassenen Kino-Theoretiker. In "50 Jahren Minima Moralia" Folge 8.

Kritisch gesehen und gehört werden: der SF-Zeichenfilm "Final Fantasy", ein eher lahmer "Lammbock" des Regiedebütanten Christian Zübert, Peter Jan Marthes Bruckner-Dirigat auf der Gaistal-Alm, Viscontis Film-Melodram "Der Fall der Götter" als Theaterstück in Salzburg und das "White Oak Dance Project" und Michail Baryschnikow mit "Pastforward" in Berlin.

Schließlich Bücher: John Symons' Darstellung der Philosophie Daniel Dennetts ("On Dennett") sowie Essays und Glossen von Jürgen Dahl: "Bitteres Lachen im grünen Bereich" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 23.08.2001

Martina Meister streift in einem Parforceritt alle Themen in deutschen Feuilletons, die eine Konjunktur von Ethik, Benimm und Anstand nahe legen - von Severino Antinoris geplanten "bambini perfetti" über Michel Houellebecq zu deutschen Ethikkommissionen und landet bei der "Begleitmusik" zu bioethischen Debatte: den Ratgebern zum richtigen Verhalten - von Ariane Sommers "Benimm-Buch" zu Dietrich Schwanitz' "Bildung", deren Markt boome. "Allesamt und auf ganz unterschiedliche Art sind sie Ausdruck der Abrechnung mit der 68er-Generation, die in diese Umbruchsphase ungeahnter Herausforderungen durch die Gentechnik fällt, was übrigens einzig in Houellebecqs "Elementarteilchen" explizit miteinander verquickt wird: die Abrechnung mit der Revolution und die Hoffnung auf die (technische) Evolution der Gattung. Vergessen ist jetzt die verdienstvolle Infragestellung überkommener Regeln. Übrig bleibt von der Revolte gegen die Täter-Väter aus heutiger Sicht nur noch die Tatsache, dass ein Trümmerhaufen gesellschaftlicher Regeln hinterlassen wurde, aus dessen Scherben nun wieder das Gefäß der Moral zusammengeleimt werden soll."

Marcia Pally antwortet auf die Kritik Jacob Heilbrunns in der SZ an den amerikanischen Medien, die angeblich zu viel Politik in die amerikanische Sphäre gebracht hätten und so Politiker daran hindern würden, in aller Ruhe ihren Job zu machen. "Heiliger Unsinn!" ruft Pally. "Wenn die Medien an allem Schuld sind, warum verbieten wir sie eigentlich nicht? Allerdings müssten wir uns dann auch fragen, wie so vorzügliche und scharfsinnige Denker wie Jacob Heilbrunn - immerhin ist er Herausgeber und Kolumnist der Los Angeles Times - ihr Geld verdienen sollen. Ob er sich nur ein bisschen zu wichtig nimmt?"

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass das Zürcher Schauspielhaus unter Intendant Christoph Marthaler von Kritikern der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gekürt wurde. Sandra Danicke stellt Frankfurts neue Messehalle 3, entworfen von Nicholas Grimshaw & Partners, vor.

Besprochen werden Tommy O'Havers Film "Ran an die Braut", eine "geschmackvolle, intelligente, mal sehr unterhaltsame, mal poetische Liebesgeschichte", die man sich nicht so vorstellen sollte wie ihren "albernen deutschen Titel", schreibt Rüdiger Suchsland. Eine Ausstellung mit Dichter-Memorabilia im Schiller-Nationalmuseum Marbach, darunter Nietzsches Totenmaske und Locken von Lessing und Goethe. Die Theateraufführung "Der Fall der Götter" nach Viscontis Film "Die Verdammten", gespielt von der niederländischen Theatergruppe Hollandia bei den Salzburger Festspielen und das Festival "Tanz im August" in Berlin.
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TAZ, 23.08.2001

Ulf Erdmann Ziegler verreißt den Science-Fiction Film "Final Fantasy", der erstmals mit ausschließlich computergenerierten, fotorealistischen Figuren arbeitet, die nach Ziegler nicht besonders gelungen sind: "Sie befinden sich immer in Raumfahrtanzügen, nie ist mehr zu sehen als Kopf, Hals und Hände. Die Bewegungen und Volumen der Körper sind offensichtlich leichter zu choreoprogrammieren als die Mimik, von einer Aura mal ganz zu schweigen. Größte Schwachstelle bleiben die etwas zu murmelhaft glänzenden Augen, die den Eindruck erwecken, alle Darsteller stammten aus derselben Familie halb erblindeter Pekinesen."

Weitere Artikel: Rudolf Walther berichtet über die jüngste Ausgabe der französischen Zeitschrift "Maniere de voir", dies sich der französischen Kolonialgeschichte widmet. Besprochen werden Sharon Maguires Filmkomödie "Bridget Jones", Dieter Zimmermanns Dokumentarfilm "Was geht - Die Fantastischen Vier" und ein Sammelband über die "unternehmerische Stadt": "Bignes?" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

FAZ, 23.08.2001

Die Internetseiten der FAZ haben heute morgen nicht funktioniert. Daher die FAZ heute ohne Links.

Verena Lueken berichtet, dass fünf der sieben Hollywood-Filmstudios sich entschlossen haben, ihre Filme selbst im Netz zu verbreiten. Geplant ist ein "weitgefächertes Netz von Videos auf Bestellung", die man auch herunterladen können soll. "Vorgesehen ist, dass ein Film, für dessen Herunterladen man zwanzig bis vierzig Minuten einplanen muss, sich vierundzwanzig Stunden nach der ersten Ansicht selbst löscht. Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres sollen die ersten hundert Filme, zum teil aktuelle Produktionen, zum Teil Klassiker, im Internet vertreten sein."

Michael Gassmann macht eine Ähnlichkeit Joschka Fischers mit Richard von Weizsäcker an den Mundwinkeln fest: "Streng sind sie, aber nicht griesgrämig. Ein wenig weise Bitterkeit scheinen sie zu verströmen, als wisse ihr Besitzer um die Irrungen der gemeinene Welt. Sie vermitteln Distanz des Wissenden zum gewöhnlichen Mann". Von der Distanz geht es zu Fischers Doppelstrategie von Führung und Distanz, die er schon als Straßenkämpfer beherrscht habe und dann landen wir plötzlich im Nahen Osten. Bei der Vermittlung zwischen Arafat und Scharon werde diese Taktik nicht verfangen, warnt Gassmann: Man könne nicht "in einem lebensbedrohlichen Konflikt vermitteln wollen und gleichzeitig darum bitten, nicht wichtig genommen zu werden."

Weitere Artikel: Martin Kämpchen berichtet über die Forderung indischer Dalit-Gruppen (niederste Kaste in Indien), die Kastendiskriminierung in Indien auf der Weltkonferenz gegen Rassismus Ende August im südafrikanischen Durban zu verhandeln. Hubert Spiegel kündigt den Vorabdruck der Briefe Gottfried Benns an seine 40 Jahre jüngere Geliebte Ursula Ziebarth in der FAZ an, die demnächst im Wallstein Verlag veröffentlicht werden. Andreas Platthaus erzählt am Beispiel der sinkenden Telekom-Aktien, wie aus dem Shareholder der Dumme wird. Dirk Schümer schreibt in seiner Kolumne aus Venedig über das Strandleben am Lido. In der Bioethikdebatte widerspricht der Philosoph Thomas Sören Hoffmann Hubert Markls These, dass dem Menschen die Würde durch die Kultur zugeschrieben werde. Nach Hoffmann verbürgt nur absolute Würde die Freiheit. J.A. berichtet, dass sich die Schweizer "Bewegung zur moralischen Aufrüstung" bei ihrem diesjährigen Treffen in "Initiative of change" umbenannt hat. Bat. berichtet von einem norwegischen Künstler, der Leonardos Brücke für den türkischen Sultan Bajazet II. en miniature nachgebaut hat. Jürgen Kaube gratuliert dem Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Arrow zum Achtzigsten. Werner Jacob beschreibt Freiburgs neuen Bahnhof. Achim Bahnen behauptet, dass eine gewisse Naturkonstante gar keine Konstante sei: Sie habe sich in Jahrmilliarden von 1/137,037 auf 1/137,036 verändert. Wow!

Besprochen werden der Film "Final Fantasy", eine Porzellan-Ausstellung im Charlottenburger Schloss, die Aufführung von Viscontis "Fall der Götter" bei den Salzburger Festspielen, eine Ausstellung mit Werken von Hartwig Ebersbach im Städtischen Museum Zwickau und Christian Züberts Filmdebüt "Lammbock".

Auf der Bücher- und Themenseite schreibt Jörg Magenau über Fred Wander und seinen Kampf gegen Sabine Zurmühls Biografie seiner Frau Maxie Wander "Das Leben, dieser Augenblick".

Zeit, 23.08.2001

Kultur im TV, das ist wie Bachs Badinerie auf dem Handy, meint Matthias Altenburg und bläst im Zeit-Feuilleton zum Generalangriff auf Ranicki & Co, Aspekte, Kulturzeit und all die andern: "Der Glaube, man könne über dieses Medium dem Volk Literatur, Bildung, Musik oder gar einen besseren Geschmack vermitteln, erweist sich mit jedem neuen Versuch als trügerisch." Was man geboten bekomme, faucht Altenburg, sei selten mehr als Futter für die Trottel mit Abitur. Die ohne hat Altenburg erst gar nicht auf dem Zettel.

Joachim Braun indessen hat weniger an der Kultur selbst als an ihrer Finanzierung etwas auszusetzen. Sein Plädoyer gegen einen dogmatischen Föderalismus und für eine vom Bund geförderte Hauptstadtkultur verweist auf die besonderen historischen Bedingungen Berlins, das ohne rückenstärkendes Bundesland auskommen muss, "denn Preußen gibt es nicht mehr". Der Bund, so Braun, müsse in seiner Hauptstadt die gleiche Rolle übernehmen, die etwa das Land Bayern in München spiele: Weg mit den Mischfinanzierungen, den Kompensationsgeschäften, dem Feilschen um Prozente, notfalls durch Änderung des Grundgesetzes! Klare, wahre Worte sind das.

Weitere Artikel: Thomas Kapielski auf Zechtour durchs sommerlich-bewölkte Berlin. Jörg Lau sieht das berüchtigte Gestammel des US-Präsidenten als willkommene Würze des neuen Antiamerikanismus'. Hanno Rauterberg besucht das Urban Entertainment Center in Wien und fragt: Ist das die Stadt der Zukunft? Hans von Trotha widmet sich auf einer ganzen Seite dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich, das neuerdings zum Weltkulturerbe zählt. Und Claudia Herstatt unternimmt einen Streifzug durch Spezialauktionshäuser.

Besprochen werden der Kino- und Video-Crossover-Film "Final Fantasy", Tony Craggs Plastiken in einer Schau der Chemnitzer Kunstsammlungen, eine "skandalnudelige 'Fledermaus' und eine verpoppte 'Ariadne auf Naxos'" bei den Salzburger Festspielen und Marc von Hennings Borges-Dramatisierung "The Invisible College" am gleichen Ort.

Im Literaturteil antwortet Oliver Pretzel auf die Vorwürfe gegen seinen Vater Sebastian Haffner. Er fange lansam an zu verstehen, was die Kritiker an der "Geschichte eines Deutschen" so ärgert: "Es ist ein Augenzeugenbericht, der greifbar nahe darstellt, wie es dazu kam, dass die Nazis an die Macht kamen. Es führt die allgemeine Feigheit der liberalen und linken Führer vor Augen und zeigt insbesondere die Vorkriegs-SPD in einem sehr kritischen Licht. Es macht dabei klar, dass, wer damals nichts sah, nichts sehen wollte, eine Einsicht, die noch heute manch einem unangenehm sein dürfte. Die Entstehungszeit des Buchs ist, scheint mir, hauptsächlich aus diesem letzten Grund wichtig, nicht wegen irgendwelcher hellseherischen Vorhersagen. Wenn es erst nach dem Krieg entstanden wäre, würde das diese Aussage entkräften."

Weiter gibt es einen Beitrag von Katharina Döbler über Literatur und Mode, ferner Theo Sommers Besprechung von Henry Kissingers "Does America Need a Foreign Policy?" und eine Hymne auf Ulla Hahns großen Kindheitsroman "Das verborgene Wort" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).