Efeu - Die Kulturrundschau

Eine Sprache der Verschleierung

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08.12.2022. Annie Ernaux hat ihre Nobelpreisrede gehalten und der Tagesspiegel staunt, wen sie alles repräsentieren will. Im Interview mit der nachtkritik erklärt die iranische Dramatikerin Mahin Sadri den Unterschied zwischen Deutsch und Farsi. Die nmz hört sich in Frankfurt mit Tschaikowskis Oper "Die Zauberin" an die Grenzen der Tonalität. Die FAZ lernt in einer Tudor-Ausstellung, wie Heinrich der VIII. mit dem Heiland kommunizierte. Die Zeit beobachtet, wie Chimamanda Ngozi Adichie und Ayad Akhtar der Cancel-Culture die Zähne ziehen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2022 finden Sie hier

Literatur



Annie Ernaux hat in Stockholm ihre Literaturnobelpreisrede gehalten (hier die Übersicht mit zahlreichen Übersetzungen). "Ich schreibe, um meine Rasse zu rächen" - um diesen vor 60 Jahren in ihr Tagebuch geschriebenen Satz drehte sich die Ansprache. Es ging um die Demütigungen der Unterschicht, der Ernaux entspringt - und um ihren Bildungsaufstieg. "Sie vergleicht ihr Schicksal in puncto Sprache mit dem von Migranten egal woher, weil auch diese nicht mehr die Sprache ihrer Eltern sprechen würden", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "'Spiegelt das aufständische Schreiben mit seiner Gewalt und seinem Hohn nicht die Haltung der Beherrschten wider?', fragt Ernaux" und Bartels ist "verblüfft darüber, wen Ernaux alles glaubt, mit ihren Büchern zu repräsentieren - obwohl sie da vorbaut: Literatur und direkte politische Positionen als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen würden von ihr keineswegs verwechselt. Mit einem leicht kunstreligiösen Hauch beendet Ernaux ihre Rede schließlich: mit einem Hoch auf die Literatur, die sie nach wie vor als 'einen Raum der Emanzipation' versteht."

Moment Mal, Rasse? Damit "meint Ernaux - und natürlich der Dichter Arthur Rimbaud, auf den sie sich damals bezog - nicht die anthropologische Kategorie, keine Klassifizierung von Menschen nach Hautfarbe oder Aussehen", erklärt Martina Meister in der Welt. "Rasse steht bei Ernaux für ihre soziale Klasse, für ihr Geschlecht, für ihre Sippschaft. Sie wollte schreiben, um im Frankreich der Nachkriegszeit die Konditionen einer jungen Frau der Unterschicht zu rächen. Aber es war eine Rache auch für die Mutter, für die Großmütter und Urgroßmütter. ... Nein, Bücher können kein Unrecht wiedergutmachen. Und doch ist es Ernaux gelungen, ihr Versprechen einzulösen und aus einer leisen Literatur, aus Innerlichkeit, weiblicher Sexualität, sozialer Benachteiligung und dem unbedeutenden Leben einer Provinzfranzösin etwas Universelles und Allgemeingültiges zu machen."

Auf ihre umstrittene Haltung zum Nahostkonflikt ging sie zwar nicht in ihrer Rede, aber auf Nachfragen in der Pressekonferenz ein. Sie antwortete, "es sei kein Verbrechen, BDS-Petitionen unterschrieben zu haben", berichtet Alex Rühle in der SZ. "Sie mache einen fundamentalen Unterschied zwischen der israelischen Regierung und Israel. Zu dem Zeitpunkt, als sie die Petitionen unterschrieben habe, sei Benjamin Netanjahu an der Macht gewesen, sie habe ein Zeichen setzen wollen gegen dessen 'ungerechte Politik'. Danke. Ende der Konferenz."

Themenwechsel: In der Zeit horcht Ijoma Mangold auf, wenn mit Chimamanda Ngozi Adichie und Ayad Akhtar gleich zwei Schriftsteller in kurzem Abstand eindringlich vor einer Einschränkung der Redefreiheit in den westlichen Demokratien warnen - nicht von oben durch Zensur, sondern von unten durch eine auf Konformismus abzielende Debattenkultur. Adichie (unser Resümee) und Ayad Akhtar (unser Resümee) "haben sich mitten hineinbegeben in die Niederungen dessen, was man zumindest in den USA Kulturkrieg nennt. Man könnte nun - im Sinne von: Da habt ihr den Salat! - sagen: Die dunkle Seite der Macht wird beide Schriftsteller zu Kronzeugen erklären und instrumentalisieren - na toll! Aber ein Schriftsteller, der Applaus von der falschen Seite fürchtet, schreibt mit angezogener Handbremse oder, noch schlimmer, mit verknoteter Zunge. Viel wahrscheinlicher ist es - denn es gibt ja durchaus immer wieder zivilisatorischen Fortschritt -, dass das Beispiel dieser beiden ehrenwerten Schriftsteller breit in die Gesellschaft hineinwirken wird und am Ende vielleicht sogar der Cancel-Culture die Zähne zieht. Schon heute kann man beobachten, dass sich die identitätspolitische Orthodoxie zu Tode gesiegt hat.

Weitere Artikel: In der NZZ spricht der Schriftsteller Peter Bichsel über sein Leben und den Tod. Sergei Gerasimow schreibt in der NZZ weiter Kriegstagebuch aus Charkiw. Die russische Schriftstellerin Maria Stepanova erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, meldet unter anderem die SZ.

Besprochen werden unter anderem Kai Sinas "TransAtlantik. Hans Magnus Enzensberger, Gaston Salvatore und ihre Zeitschrift für das westliche Deutschland" (ZeitOnline), Marilynne Robinsons "Jack" (Welt), Tom Lins Krimi "Die tausend Verbrechen des Ming Tsu" (TA) und Patti Smiths "Buch der Tage" (FAZ).
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Bühne

Esther Slevogt unterhält sich für die nachtkritik mit der iranischen Dramatikerin Mahin Sadri über die Proteste im Iran, den Feminismus ("Die Welt, in der wir heute leben, ist das Ergebnis männlicher Herrschaft. Sie ist völlig korrupt und funktioniert nicht mehr. Es ist an der Zeit, dass die Frauen die Welt regieren") und die Eigenarten von Farsi, der Sprache der Iraner: "Ich glaube, dass die Iraner ein Volk sind, das mehr in seinen Vorstellungen lebt als in der Realität, weil es in einer Sprache denkt und spricht, die fast immer zweideutig und sarkastisch ist, in einer Sprache, die stets den Weg für viele Interpretationen offen hält. Deshalb ist Farsi eher eine Sprache der Poesie als der Philosophie, der Politik oder der Wissenschaft. ... Auch kennt unsere Sprache kein Geschlecht und wenn wir über jemanden sprechen, wissen wir nicht, ob diese Person männlich oder weiblich ist, bis wir ihren Namen nennen. Gott hat im Persischen ebenfalls kein Geschlecht. Dann steht das Verb stets am Ende des Satzes, so dass wir das Hauptereignis im Persischen erst am Ende des Satzes erfahren. Außerdem sprechen wir mit einer Grammatik und lesen mit einer anderen. Im Gegensatz zur deutschen Sprache, die aufgeklärter ist und daher sehr gut zur Formulierung philosophischer Diskurse verwendet werden kann, ist die persische Sprache vor allem eine Sprache der Verschleierung."

Asmik Grigorian (Nastasja) in Tschaikowskis "Zauberin". Foto: Barbara Aumüller

Tschaikowskis "Zauberin" erzählt von einer Familien- und Liebestragödie unter Fürsten. Vasily Barkhatov hat sie an der Oper Frankfurt inszeniert, mit Asmik Grigorian in der Titelrolle, Valentin Uryupin hat dirigiert. Das Ergebnis war phänomenal, schwärmt in der nmz Roland H. Dippel. Was auch an Tschaikowski lag: "Die meisten im Publikum wissen noch nicht, dass Tschaikowski mit dem Niedergang in die unerbittliche Tragödie die Grundfesten der von ihm bekannten musikalischen Welt einreißen wird. In einer geschlossene Formen und Harmonien defragmentierenden Collage wird er mehrfach an die Grenzen der Tonalität gelangen. ... In keinem anderen Werk war Tschaikowski mutiger, konsequenter und offener. Gleichzeitig finden sich immer wieder phänomenale Kantilenen und Ariosi. Sie haben fast Puccini-haft verkürzten Zuschnitt und taugen deshalb nicht zum Wunschkonzert wie die großen Melodien-Hits aus 'Eugen Onegin' und 'Pique Dame'. Ohne Zweifel: 'Die Zauberin' ist Tschaikowskis Vorstoß zu einem Musikdrama eigener Intensität."

Besprochen werden außerdem Sophia Aurichs "Der Fall Medea" am Staatstheater Wiesbaden ("Es gibt nicht den Hauch einer Perspektive. Stumm" zieht FR-Kritikerin Judith von Sternburg "von dannen"), Katie Mitchells Inszenierung des "Kirschgarten" am Schauspielhaus Hamburg (taz), Sara Ostertags Adaption von Alja Rachmanowas Stück "Die Milchfrau" am Kosmos Theater Wien (nachtkritik), Felix Mendelssohn Bartholdys Oper "Elias" am Staatstheater Oldenburg (nmz), Barrie Koskys Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" an der Amsterdamer Dutch National Opera (Welt), Armin Petras' Inszenierung von Hebbels "Nibelungen" am Staatstheater Nürnberg (SZ) und Wagners "Meistersinger" an der Wiener Staatsoper (mit Philippe Jordan am Pult, der einen "wahren Blumenregen" erntete, so Reinhard Kager in der FAZ) .
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Film

Dass der laut Kritikerumfrage von Sight & Sound beste Film aller Zeiten (oder zumindest: bis zur nächsten Abstimmung in zehn Jahren) mit Chantal Akermans "Jeanne Dielman" nun von einer Frau kommt, beschäftigt die Filmkritik noch weiter. Die Cinephilie kommt allmählich in der Gegenwart an, findet Andreas Busche im Tagesspiegel. "Ein Kanon ist kein Monolith, sondern lebendig und Neubetrachtungen unterworfen. Und: Je mehr Personen befragt werden, desto heterogener bildet er ein gegenwärtiges Gesamtbild der Meinungen und Geschmäcker ab. Die Kunstwelt ist da schon weiter als das Kino." NZZ-Kritiker Patrick Straumann trauert nicht nur um wohlverdiente Recken der Filmgeschichte, die nun aus der Liste gepurzelt sind, sondern ist sich auch uneins, ob ein dreineinhalbstündiger, nur Insidern bekannter und ziemlich spröder Film an der Spitzenposition wirklich gut aufgehoben ist: "Der stilistische Minimalismus, der 'Jeanne Dielman' seine hypnotische Kraft verleiht, stellt sich gegen die historischen Kontinuitäten, denen die Liste ihre Raison d'être verdankt. Allerdings ist die Inkompatibilität wohl ohnehin gegenseitig: Avantgarden haben weder die Funktion noch die Berufung, solche Aufzählungen anzuführen."

Berlinale-Leiter Carlo Chatrian hingegen freut sich in einem Essay für die Welt sehr über diese Auszeichnung für eine sperrigere Konzeption von Kino. Seine erste Begegnung mit dem Film in den Neunzigern rüttelte sein Verständnis von Kino gehörig auf, schreibt er. Akermans "Einstellungen sind Zeit-Blöcke. Das Gedächtnis muss die Dauer erfassen, zum Beispiel die Zeit, die jemand braucht, um ein Schnitzel zu panieren. ... Akermans Filme ordnen den Raum dem Konzept der Dauer unter, als würde erst die Dauer erweisen, was einen Raum ausmacht. Zum filmischen Raum wird ein Raum erst, wenn er der Zeit standhält, die durch ihn hindurchfließt. Indem sie durch einen Raum fließt, bewirkt die Zeit, dass dieser mehr wird als ein bloßer Raum."

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben: "An einem schönen Morgen"

Herzzerreißend schön findet Perlentaucher Jochen Werner Mia Hansen-Løves "An einem schönen Morgen". Darin verabschiedet sich Sandra (Lea Seydoux) einerseits von ihrem Vater in die Pflege und beginnt andererseits eine Affäre mit einem unglücklich verheirateten Mann. "Es ist ein Film über das Abschiednehmen, einerseits. Über die Solidarität, die sich angesichts der Krankheit eines geliebten Menschen in nur scheinbar selbstverständlichem Handeln ausdrückt, aber auch, andererseits, darüber, dass es notwendig sein kann loszulassen." Und andererseits "einer der allerschönsten und allerehrlichsten Filme über Affären, über neue Lieben in der Mitte des Lebens, über die schwierigen Entscheidungen, die man zu treffen hat, und über den Preis, den man mitunter zahlen muss für eine vage Wette auf ein neues Glück." Weitere Besprechungen im Freitag, Tagesspiegel und Filmdienst. Für die taz hat Thomas Abeltshauser mit der Regisseurin gesprochen.

Weitere Artikel: Nach Untersuchungen zu seinem umstrittenen Film "Sparta" muss Ulrich Seidl keine Fördermittel zurückzahlen, meldet Dominik Kamalzadeh im Standard. Der Standard plaudert mit dem Schauspieler Nicholas Ofczarek über seine Rolle im neuen (in der SZ besprochenen) "Räuber Hotzenplotz"-Film. Nun wird Georg Stefan Troller schon 101 Jahre alt (unser Resümee zum 100. Geburtstag) - Marc Ortmann hat ihn für die taz in Paris besucht.

Besprochen werden João Pedro Rodrigues' "Irrlicht" (SZ, Perlentaucher), Maria Schraders "She Said" über die Aufdeckung von Weinsteins Übergriffen (FAZ, FR, TA, ZeitOnline), Emily Atefs Krankheitsdrama "Mehr denn je" mit Vicky Kriep (Tsp) und Noah Baumbachs DeLillo-Verfilmung "Weißes Rauschen" (FR). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
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Musik

In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker in dieser Woche hier über Laila Arafah und Alex Ketzer dort über Mary Howe. Edo Reents schreibt in der FAZ zum Tod des Stax-Records-Gründers Jim Stewart. Bei Stax erschienen ist auch dieser großartige Popsong von Otis Redding:



Besprochen werden ein Konzert des Belcea Quartets in Berlin (Tsp) und ein Konzert von Dakhabrakha (taz).
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Kunst

Marcus Gheeraerts the Younger Flemish, Elizabeth I ("The Ditchley Portrait") ca. 1592. Metropolitan Museum of Art

"The Tudors - Art and Majesty in Renaissance England" heißt eine Ausstellung im Metropolitan Museum in New York. Teppiche, Geschirr, Grabmalentwürfe, Rüstungen, Neujahrsgeschenke, astrologische Bücher, Kleidung und Stammbäume: "Kunst diente den Tudors massiv zu Propagandazwecken, was besonders für Heinrich VIII. gilt", lernt FAZ-Kritiker Benjamin Paul. "Doch für das Selbstverständnis von Heinrich VIII. mindestens ebenso offenbarend ist das Titelblatt der sogenannten 'Großen Bibel', der ersten offiziellen englischen Bibelübersetzung von 1540, auf dem Heinrich im Gewand König Davids von Gott bestätigt wird, auserwählt zu sein. Heinrich kommuniziert also direkt mit dem Heiland und ist damit niemandem, auch nicht dem Papst, Rechenschaft schuldig. ... Ungeachtet dieses Sanktifizierungsbestrebens hat Heinrich VIII. in England die Klöster aufgelöst und sich deren Besitztümer einverleibt. Die damit einhergehende Vernichtung von Kunst behandelt die Ausstellung leider kaum".

Weitere Artikel: Den diesjährigen Turner-Preis gewinnt Veronica Ryan, meldet Nadia Khomami im Guardian: "Die 66-jährige Ryan ist damit die älteste Künstlerin, die den Preis erhält. Nominiert war sie für die Windrush-Skulptur, die letztes Jahr in Hackney, London, enthüllt wurde, und für ihre Einzelausstellung 'Along a Spectrum' in der Spike Island Galerie in Bristol."  Sibylle Hoiman wird neue Direktorin des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Museen zu Berlin, berichtet der Tagesspiegel.

Besprochen werden die Lucian-Freud-Ausstellung in der National Gallery in London (NZZ), die Ausstellung "Roads not taken" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (BlZ, Zeit, Tsp), die Ausstellung "Klassenfragen" in der Berlinischen Galerie (BlZ), die Ausstellung "Still Alive" in der PSM Galerie in Berlin (taz) und eine Ausstellung über die ukrainische Moderne im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid (Tsp).
Archiv: Kunst