Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Tiramisu aus Jean-Michel-Jarre

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21.11.2022. NZZ und Tages-Anzeiger freuen sich über den Schweizer Buchpreis für Kim de l'Horizon. Beim Gedanken, dass Annie Ernaux und nicht Salman Rushdie in diesem Jahr den Nobelpreis erhält, könnte Maxim Biller in der Zeit glatt seinen Glauben an die Gerechtigkeit in der Literatur verlieren. Die Berliner Zeitung heult über Yael Ronens Boulevardkomödie "Blood Moon Blues" mit den Wölfen in Brandenburg. Die FAZ feiert im neu eröffneten Diözesanmuseum Freising eine Kunstmesse. FAZ und SZ trauern um Jean-Marie Straub, den großen Kämpfer der Kino-Resistance.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2022 finden Sie hier

Literatur

Kim de l'Horizon hat nach dem Deutschen Buchpreis (unsere Resümees hier und dort) nun "verdient" auch den Schweizer Buchpreis gewonnen, findet Nora Zukker im Tages-Anzeiger. "Selten war die Vergabe des Schweizer Buchpreises so wenig überraschend, so voraussehbar", schreibt Roman Bucheli in der NZZ. Preiswürdig findet der l'Horizons Roman "Blutbuch" aber auf jeden Fall: Er "kommt aus einer anderen Vorstellungswelt, aus einer, für die uns die Begriffe und die Sprache fehlen", er "ist ein genaues Abbild eines Menschen, der fremd im Leben steht und nach Fassung ringt - im Wissen freilich, dass es diese Fassung nie geben kann, weil dieses geschlechtsfluide Ich gerade im Zeichen der Unverfügbarkeit steht. Diese existenzielle Zerrissenheit nimmt in der Erzählweise des Romans die Form des Suchens, des Tastens an: Auch der Roman muss erst noch seine Sprache finden für eine Vorstellungswelt jenseits herkömmlicher Begrifflichkeit."

Salman Rushdie ist "wieder genauso gut gelaunt wie vorher", erfahren wir in der Zeit-Kolumne von Maxim Biller, der dies wiederum bei einem Gespräch mit Daniel Kehlmann erfahren hat, der Rushdie besucht hatte. Beide sind sich einig, dass Rushdie in diesem Jahr den Literaturnobelpreis unbedingt verdient hätte - und zumindest Biller findet, dass der Anschlag auf Rushdie "routiniert und kalt" in den Feuilletons abgehandelt worden sei und der Autor danach im Nu "wieder vergessen" worden sei. Für ihn "war 2022 kein gutes Jahr für jeden, der beim Lesen etwas darüber erfahren will, wie kompliziert, schön und sinnlos das Leben ist, und der echte Literatur von der sturen Klassenkampf-Prosa einer Annie Ernaux unterscheiden kann. ... Wenn Annie Ernaux wirklich an Gerechtigkeit glaubte, in der Welt und in der Literatur, würde sie am 10. Dezember bei ihrer Rede in Stockholm den Nobelpreis doch noch ablehnen und ihn an den berühmtesten Überlebenden der Literaturgeschichte weitergeben."

Weitere Artikel: Sergei Gerasimow setzt hier und dort in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Chris Schinke berichtet in der taz vom Literaturfestival München, wo auch zahlreiche Autoren aus der Ukraine auftraten. Der Standard spricht mit dem Schriftsteller und Landwirt Reinhard Kaiser-Mühlecker unter anderem über dessen neuen Roman "Wilderer". Manfred Rebhandl berichtet im Standard von seinem literarischen Wellness-Urlaub im Lesehotel bei Bad Goisern.

Besprochen werden unter anderem Carole Angiers "W. G. Sebald. Nach der Stille" (Zeit), Cherie Jones' Krimi "Wie die einarmige Schwester das Haus fegt" (online nachgereicht von der FAZ) und neue Hörbücher, darunter "Vertreibung des Geistes. 35 Stimmen aus dem Exil von Hannah Arendt bis Ernst Toch" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Thomas Rosenlöchers "Die Verlängerung":

"Ich lag in meinem Garten in Kleinzschachwitz
in einem Grün von niegesehnem Ausmaß
und sah, nachdenkend über die Belange ..."
Archiv: Literatur

Bühne

Aysima Ergün in "Blood Moon Blues" Foto: Ute Langkafel ( Gorki Theater

Endlich mal ein Stück mit einer Frau über fünfzig in der Hauptrolle, frohlockt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung über Yael Ronens Boulevardkomödie "Blood Moon Blues" am Gorki-Theater. Und noch schöner: Opfer und sexuelle Objekte pflastern ihren Weg! "Elinor ist eine kluge, kreative, offenherzige, lebenshungrige, liebenswerte Frau, wenn sie nicht gerade in einer suizidal-depressiven Krise festsitzt oder in einer manischen Phase Polizeieinsätze auslöst. Sie ist eine unberühmte Schriftstellerin um die Fünfzig, lebt seit zwei Jahren in einer Beziehung mit ihrer Therapeutin Gabriella (Vidina Popov) in Berlin." Ihr größtes Opfer ist ihre Tochter, die gern mit den Wölfen in Brandenburg den Mond anheult: "Die Bilder, der Sound, der jaulende kleine Mensch - ja, kitschig, effektsicher, ein bisschen manipulativ ist das schon, aber egal, es fehlt nur ein bisschen und man möchte sich die letzte Schamschicht vom Herzen krempeln und mitheulen." In der Nachtkritik zeigt sich Christian Rakow weniger angetan. Er billigt dem Stück durchaus dramatische Finesse zu, aber weniger Konversationskunst als von Ronen gewohnt.

Beeindruckt berichtet Dorothea Marcus in der taz von zwei Kölner Inszenierungen, die den Krieg in der Ukraine zum Thema haben. Neben "Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern" (unser Resümee) hat sie auch das Stück "Putins Prozess" sehr beeindruckt, das kein Tribunal darstelle, sondern darauf blicke, was uns innerlich prägt: "'Putin-Prozess' erzählt davon, wie manipulierbar der Prozess unserer Menschwerdung ist, unsere Haltungen letztlich Zufälle sind. Am Ende bleibt das Bild der drei entrückten Surfer auf dem Meer der Meinungen zurück: Solange sie geschmeidig an der Oberfläche surfen, läuft alles glatt. Direkt darunter lauert der Untergang."

Besprochen werden außerdem Eugène Labiches "Die Affäre Rue de Lourcine" am Münchner Residenztheater (SZ, FAZ), Alexander von Zemlinskys "Der Zwerg" in Verbindung mit Strawinskys "Petruschka" an der Oper Köln (FR), Jette Steckels "Himmelszelt" und Bastian Krafts "As You Fucking Like It"am Deutschen Theater in Berlin (Tsp), das Salzburger Open Mind Festival (Nachtkritik), Tomas Schweigens Orwell-Adaption "Faarm Animaal" am Schauspielhaus Wien (Nachtkritik) und Kevin Rittbergers "Wir sind nach dem Sturm" am Staatstheater Hannover (Nachtkritik).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Ronen, Yael, Gorki Theater

Kunst

Fragen zu Mensch, Gott und Kunst begegnet Stefan Trinks im neu eröffneten Diözesanmuseum Freising, durch das ihm Lichtinstallationen von James Turrell oder Berlinde de Bruyckere den Weg weisen: "Wie Turrells Licht-Katharsis weisen alle Kunstwerke in diesem fast anachronistisch auf Transzendenz ausgelegten Haus über sich hinaus; man fühlt sich mit manch einem Werk im besten Sinn wie in der Kirche, aber freier. Es ist eine Kunstreligion, die hier gefeiert wird." In der SZ ist Reinhard Brembeck überwältigt von der vor dreißig Jahren neu aufgetauchten "Medusa" Caravaggios, die als echt bewertet wurde und das im Diözesanmuseum ebenfalls zu sehen ist.

Die internationalen Stars der Kunst und Architekturszene, die sich von Katars Scheicha Al Mayassa bint Hamad Al Thani nach Doha haben locken lassen, interessieren FAZ-Autorin Lena Bopp weniger als die unabhängigen Künstler aus dem Land selbst. Bei der Suche nach Subversivem ist sie allerdings nicht wirklich fündig geworden: Vielleicht die "Doha Fashion Fridays" - "ein Instagram-Account mit 1663 Followern, auf dem Khalid Albaih die Geschichten der Gastarbeiter erzählt, die ihre freien Freitage an der Corniche von Doha verbringen. Nicht in Bauarbeiter-Overalls oder Dienstmädchen-Uniformen. Sondern in der Mode, die sie selbst zum Ausgehen gewählt haben und die der Binse von den Kleidern, die Leute machen, Dringlichkeit verleiht."
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Archiv: Kunst

Film

Der Autorenfilmer Jean-Marie Straub ist gestorben und folgt damit seiner 2006 verstorbenen Ehefrau und Filmpartnerin Danièle Huillet nach. "Straub-Huillet", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ, "war im europäischen Kino des 20. Jahrhunderts ein meist ehrfürchtig, manchmal auch höhnisch ausgesprochenes Kürzel für einen Anspruch an künstlerisches Arbeiten, der in den subventionierten Wohlstandskinematographien Frankreichs und Deutschland am Ausgang ihrer jeweiligen Wirtschaftswunder wie Fundamentalismus wirken mochte." Als "Verfechter einer klassischen Kultur" arbeiteten die beiden "an einem Kino, das auch noch lange nach den 1945 überwundenen Faschismen im Zeichen einer unverbrüchlichen Résistance stand" und für einen "Materialismus, der marxistisch geprägt war, immer aber auch darauf beruhte, wie Licht auf die Filmemulsion traf und sich der Ton in den Mikrofonen verfing, die dem Medium Film zu seiner Leiblichkeit verhalfen. ... Straub gab dabei immer den proletarischen Intellektuellen, zur Zigarre und einem starken Getränk gab er in seinem zeitlebens stark französisch klingenden Deutsch so etwas wie einen Jean Gabin des linken Kinos."

Der Bildungskanon war für Straub-Huillet essenziell, doch ihre "Filme sind jeder gewöhnlichen Vorstellung von Literatur-'Verfilmung' konträr", schreibt Fritz Göttler in der SZ, und zwar "auf eine entschiedene, konsequente, aber durchaus spielerische Weise, durch eine Lust am Text, aus der sie entstanden, und die sie beim Zuschauen vermitteln. Sie haben Achtung vor dem Text, reagieren sorgfältig auf seine Schwingungen und Rhythmen. Sich aufmachen zu Bildern, die Bilder vor der Sprache sind, hat Frieda Grafe das beschrieben, 'keine Abbilder, sondern etwas Konzentrierteres, auch durchaus Monströses, das sich gegen die herrschende realistische Logik richtet, die mit dem bürgerlichen Denken zu eng verhandelt ist'." Entsprechend "kam die bürgerliche Filmkritik der Sechziger überhaupt nicht klar mit dieser Vorstellung vom Kino."

Außerdem: In der Welt erinnert Hanns-Georg Rodek daran, wie Hollywood-Begründer Carl Laemmle Juden aus Deutschland vor den Nazis rettete und sich dafür mit den US-Einwanderungsbehörden herumschlagen musste. Besprochen werden Christopher Roths und Jeanne Tremsals "Servus Papa, See You in Hell" über die Otto-Muehl-Kommune (FAS), Tilman Königs Dokumentarfilm "König hört auf" über seinen Vater Lothar König, der sich im Osten engagiert Neo-Nazis entgegen stellt (online nachgereicht von der FAZ), Edward Bergers auf Netflix gezeigte Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues" (NZZ) und Florian Sigls Fantasyfilm "The Magic Flute - Das Vermächtnis der Zauberflöte" (taz).
Archiv: Film

Musik

Oliver Polak erzählt in der Welt von einem Treffen mit Inga Humpe, mit der er gemeinsam über die französische Popband Phoenix klönt, die bei ihm allerlei synästhetische Freuden auslöst: "Jedes Album, wie auch ihr aktuelles 'Alpha Zulu', ein Strom aus süßem Teig, der drauf wartet, erhitzt und dann wieder abgekühlt zu werden. Ihre Musik zwischen Simon-&-Garfunkel-Gitarren und Daft-Punk-Synthesizern. Gedämpfte elektrische unverzerrte abgedämpfte, abgestoppte Nile-Rodgers-Chic-Gitarren, oft im Stakkato. Wenn ihre Musik ein Outfit wäre: gelbe Schirmmütze, Schnurrbart, Mokassins, Nadelstreifenanzughose, Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. ... Den Kuchen, den sie backen, ein Tiramisu aus Jean-Michel-Jarre- und Tony-Banks-artigen Keyboardschichten, unterlegt von elektronischem Schlagzeug. Phoenix lassen die Dinge, die Zustände, wie sie sind, ohne eingreifen zu wollen. Ohne zu dominieren, dominieren sie in ihrer Dominanzverweigerung." In einem epischen Longread-Essay für ZeitOnline geht Dirk Peitz der Frage nach, warum sich nicht nur viele, sondern auch er selbst ("die Band meines Lebens") mit dieser Band nahezu bedingungslos identifizieren.



Weitere Artikel: Michael Maier porträtiert in der Berliner Zeitung den Dirigenten René Jacobs. Für die NZZ hat Adrian Schräder den Schweizer Produzenten Ozan Yildirim alias OZ getroffen. Stefan Drees resümiert in der NMZ den TRIOGIPFEL E.T.A.200. Karl Fluch plaudert für den Standard mit Austropopper Gert Steinbäcker. Wolfgang Sandner (FAZ) und Ken Münster (Tsp) gratulieren Meredith Monk zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert von Cat Power mit ausschließlich Songs von Bob Dylan (Jungle World), das neue Album von Weyes Blood (SZ, mehr dazu bereits hier), zwei neue Alben des texanischen Hiphop-Kollektivs Brockhampton (Tsp) und Orielles' Shoegaze-Doppelalbum "Tableau": "Was für ein Wunderwerk", jubelt Oliver Tepel in der taz. Wir hören rein:

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